Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 13
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Sehnitt), aus feinkörnigem Sandstein. Die ursprünglichen Eingänge
ZUr Krypta auf ihrer Nord- und Südseite zeigen einfach pro-
hlirte Rundbogen, deren mittelste Kehle mit kleinen Rosen oder
Knöpfen belegt ist.

Eine zweite Bauepoche, die des sogenannten Uebergangs-

styls macht sich sodann in den polygon geschlossenen Ostwän-

hen und Kreuzgewölben der Ki-ypta, in dem nördlich neben der-

selben belegenen kapellenartigen Raume mit seinen zwei Geschos-

Sen, sowie in der Ostseite des Kreuzo-anges bemerkbar. Die in-

UGrn Polygonecken der Krypta sind mit steinernen Dreiviertel-

mmmm. säulen spätromanischei’ Bildung besetzt, Bl. VI,

IP Fig.II, von denen sich kreisrunde sehr plumpe

Rippen erheben und sternförmig in einen

fifing zusammenlaufen. Zwischen diesen Säulexx liegen in der

^fauer die stai*k abgeschiniegten niedrigen Spitzbogenfenster, wel-

che früher aufsen noch mit Wandsäulen und darüber äufsteigen-

fiena Rundstab geschmückt waren. Ganz ähnliche wohl ei'haltene

Eliederung zeigen die Aufsenfenster der eben erwähnten bunten

Kapelle neben der Ki*ypta, von denen BL VII, Fig. 12, eine Dar-

stellung giebt. Aufserdem wölben sich 10 Zoh vor den Aufsen-

^änden hervorspringend Halbkreisbogen über die Kryptenfenstei*

fiie, die auf ziemlich einfachen Konsolen aufsetzen und, ehe die

spätern Strebepfeiler gegengelegt wurden, eine ähnliche Wand-

fiekoration darboten, wie dieselbe an den Kapellen des Magde-

biirger Domes noch jetzt sichtbar ist, und wie der Chor von

St. Marien auf dem Harlunger Berge früher besafs. Ob aufser-

fiem diese Blendarkaden mit Pfeilern oder Säulen verbunden

Waren, läfst sich wegen der davor gebauten Strebepfeiler nicht

mehr erkennen. — Das Langhaus der Krypta ist durch eine Mit-

telreihe von Sandsteinsäulen mit reichen Kapitellen der Länge

üach in zwei Schiffe getheilt. Da wo Langhaus und Polygon-

absis zusammenstofsen, erhebt sich auf zwei- Säulen mit über-

höhten Spitzbogen eine durchbrochene. Querwand, gegen welche

sich die Gewölbeschildbogen beider Theile legen. Die Kreuz-

gewölbe des Langhauses ruhen auf scharfkantigen Gurten und

fiiippen, deren Schlufssteine eine gute romanische Arbeit zeigen.

fifie Gewölbe selbst können aber nicht wohl die ursprünglichen

hes romanischen Baues sein, weil die Gurtbogen völlig roh und

ünvermittelt auf den Kämpfern der alten Wandpfeiler aufsetzen

Ur>d die Struktur der ganzen Wölbung nirgends die sorgfältige,

gewissenhafte Arbeit zeigt, welche die altromanischen Theile aus-

Zeichnet. Von besserer und fäst vorzüglicher Arbeit sind da-

§ egen die Basen und Kapitelle der Mittelsäulen, die mit phan-

fastischen Blattornamenten und symbolischen Thiergestalten ge-

Schmückt. spätestens auf die erste Hälfte des XIIL Jährhunderts

hinweisen*). Dafs diese Säulen von dem romanischen Baue der
K • y

vrypta herrühren, scheint zweifelhaft, da die reiche Skulptur-
•^i'beit einen zu bedeutenden Gegensatz gegen die Wandpfeiler
und ihre Gliederung bildet, wiewohl es immer auffallend bleibt
fiafs zwei der Mittelsäulen mit ihren Kapitellen so dicht neben
emander gestellt sind, dafs die Seitenflächen derselben niclit sicht-
ar werden, obschon sie mit Skulpturen geschmückt sind. —
'-inerkenswerth ist noch ein auf der Westseite der Krypta-
Querwand betindliches Figürchen aus gebranntem Thon, welches

dicht unter den Gewölberippen
sitzend, einen unbärtigenMann mit
langen schlichten Haaren in Laien-
tracht darstellt. .Wenn diese
Figur wirklich aus der Zeit des
Kryptenumbaues herrührt, woran
zu zweifeln kaum ein Grund vor-
liegt, so ist dies die älteste mir
bekannte Thonskulptur in den
Marken. Die nördlich neben der
Krypta belegene bunte Kapelle be-
steht aus einem oblongen Raum,

Sc] ^ Diese Kapitelle sind in Minutoli, Denkm. mittelalterl. Kunst in den brandenburgi-
ren M T. IV u. X, dargestellt. Ich mache hierbei besonders auf das mit Skulptu-

geschmückte Würfelkapitell aufmerksam, an dem jede Seite mit einem bewaffneten

zu welchem zwei rundbogige Thüren von dem Kreuzflügel füh-
ren, und dessen vier Kreuzgewölbe von einer kurzen stämmigen
Säule mit gothischem Laubkapitell gestützt werden. DieserRaum,
der früher durch eine Mittelwand in zwei besondere Abtheilungen
getheilt * gewesen sein niufs, ist wegen der reichen Malereien, mit
denen Decken, Wände und Stützen bemalt waren, von grofsem

Interesse. Die Gewölbegurte smd völlig
glatt, dieDiagonalrippenabgeschrägt, beide
nebst den Schlufssteinen mit Chablonen-
malerei auf ungeputzten Backsteinen versehen, wovon Minutoli
a. a. 0. BI. XI eine Abbildung giebt. Die Anfänger der Gurt-

bogen sind consolenartig aus Backstein
gebildet und, wie der Holzschnitt zeigt,
mit Blattwerk geschmückt. Die Dia-
gonalrippen setzen aüf steinernen Drei-
viertelsäulen auf, welche den Wand-
säulen der Kryptenabsis so ähnlich
sind, dafs die übereinstimmende Bau-
zeit gleich erkannt wird. Die Fenster
sind im Innern gedrückt rundbogig und
an den profilirten Schmiegen mit Cha-
blonenmalerei versehen, welche Minu-
toli gleichfalls bereits a. a. 0., Bl. I,
mitgetheilt hat. Die an den Wänden
vorhanden gewesenen Freskomalereien, welche heilige Begeben-
heiten dargestellt zu haben scheinen, sind leider fast völlig er-
loschen. Auch die Gewölbekappen sind in späterer Zeit mit
schlechtem gothischen Rankenwerk mehr verunstaltet als ver-
ziert worden. Dennoch und trotz alles Verfalls gewährt dieser
Raum, in welchem wahrscheinlich dieselben Nebenkapellen zu
erkennen sind, die so viele Klöster und Stiftskirchen neben dem
Altarraume besitzen, ein bestimmtes einheitliches Bild von der
schmuckreichen Dekoration aus der Epoche des Uebergangssty-
les. Nur die in der Mitte befindliche Steinsäule kann des völlig
gothisch ausgebildeten Laubkapitells halber nicht in diese Epoche
versetzt werden, sondern wird einem bald darauf erfolgten Um-
bau angehören. Dies wird inn so wahrscheinlicher, als das dar-
über befindliche Gemach eine. ähnliche Mittelsäule und in den
Ecken gänzlich verschiedene Dreiviertelsäulen romanischer Bil-

dung zeigt. Die Kreuzgurte sind dort sehr
schmal (halbsteinig); die Diagonalrippen
keiltbrmig zugeschnitten. Aehnliche For-
mationen, besonders gekuppeffer Säulen mit attischen Basen und
romanischen, symbolisirenden Kapitellen zeigt die Ostseite des
Kreuzgangs, besonders ein darin vorhandenes interessantes ITaupt-
portal mit dreimal hinter einander liegenden Säulen und darüber
empörsteigenden wenig zugespitzten Rundbogen. Die Thatsache,
dafs die Wandpfeiler der Krypta einen von den Mittel- wie Ab-
sis-Dreivientel-Säulen durchaus verschiedenen Charakter haben,
auch die Gewölbe auf den Wandpfeilern roh und unvermittelt
aufsetzen, endlich statt der halbkreisförmigen eine polygone Ab-
sis mit schwerfälligen spitzbogigen Fenstern auftritt, b.eweisen
e.inen Erneuerungsbau der Krypta. Erwägt man nun den nahen
Zusammenhang des Erzstiftes Magdeburg mit Brandenburg, die
eine Uebertrao-unp’ dort bereits angawendeter frühgothischer For-

men

sehr wahrscheinlich macht und

vergegenwärtigt sich

die

grofse Aehnlichkeit der Fa^aderibildung der Domchor-Kapellen
zu Magdeburg mit der Krypta-Fayäde im Dome zu Brandenburg,
so wird man das für die Baugeschichte der Mark höchst wich-
tige Datum von 1235 (welches die unglaublich rasche Verbrei-

Kriegor, dessen Obeflcörper in Tliierfiifscn und Fisehschwanz endigt, gefüllt ist. Bei aller
Phantastilc der Komposition sind diese Slculpturon doch mit einer strengen bis ins ldeinste
gewissenhaftcn Realität ausgefiihrt und durch Tracht, Bewaffnung und Haltung so deutlich
von einander unterschiedon, dafs die bewüfste Absicht, nicht durch symbolisclie Andeutun-
gen, sonilern reale Motivo, lcünstlCrische Idcen darzustcllen, unverkcnnbar hervortritt. Man
unterscheidet deutlich zwei in Kettenpanzer gehüllte Ritter, darunter einen besonders durch
Kronenhelm ausgezeichneten Heerführer von dem ohnc Helm und Panzer, nur mit Streit-
axt und langein spitzem Scliilde bewaffneten Gegner. Es scheint mir mit Riicksicht auf
die Trachten nicht ünwalirscheinlich zu sein, dafs in diesen verschicdenen Kriegern, die
sich feindselig gegeniibcrstehen, eine bewufste Anspielung auf die damals ebcn beendigten
blutigen Slavenlciimpfe dargestellt worclen ist.

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