Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 21
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Teclinisches.

Das Fundament des Bauwerks besteht an allen Theilen bis
ZUl Pünthe aus gutem Granitmauerwerk, welches wahrscheinlich
er älteren Kirche entstammend, bei dem Neubau eine zweck-
U|äfsige Verwendung fand.

Auch das gesammte übrige Mauerwerk, incl. der Bogen und
ölbungen, ist in technischer Beziehung mit Sorgfalt herge-
stellt worden, wenn auch zugegeben werden mufs, dafs die alten |
]°manischen und frühgothischen Bauten in Brandenburg eine j
"och gröfsere Vollendung zeigen. Das verwendete Material der
feOwöhnlichen Backsteine wie der scharf profilirten und gut gla-
^u ten Form- und Maafswerksteine, ist von besonderer Güte und
Zeigt ungeachtet der Witterungseinflüsse von 4 Jahrhunderten
^och eine treffliche Erhaltung. Das durchschnittlich ermittelte
oi’mat der gewöhnlichen rothen Backsteine ist 11 Zoll Länge,

'A Breite und 3' Zoll Stärke. Die gelben Backsteine des neu
aüfgeführten Thurmes sind beträchtlich kleiner, nämlich 9 Zoll,
Zoll und 3 Zoll. —

Für die Gestalt des Grundrisses ist die Anordnung der nach
lr>nen gelegten Strebepfeiler als besonders zweckmäfsig hervor-
Zuheben, weil dadurch im Innern brauchbare Umgänge, die zu
aUen Fenstern führen, hergestellt und die Strebepfeiler selbst
c^ er Zerstörung durch Witterungseinflüsse entzogen werden.

In Hinsicht der Fapadenstructur giebt die Kirche ein be-
N°nders bemerkenswerthes Beispiel, bis zu welchem Grade tech-
lnscher Fertigkeit sowohl in der Fabrication') wie Verwendung i|
*I es Backsteins man gelangt war. Fortgesetzte Uebung und die
au den verschiedensten Bauwerken erlangten Erfahrungs-Resul-
tate führten zuletzt zu dem Versuche, die reich gegliederten Fa-
Vadensysteme des gothischen Styles, welche der IJaustein ge-
Sehaffen und ermöglicht hatte, auch im Backstein wiederzugeben.

’I® rnehr man sich des Materials und seiner Herstellung halber
aüf ein Minimum von wiederkehrenden Kunstformen beschrän-
^en mufste 2 ) und ie verschiedener der Maafsstab derartiger

pr. . ’ J ö

mrrkirchen von dem der grofsen Kathedralen war, um so hö-

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| er ist das wirklich erlangte Resultat anzuschlagen. Nament-
Hch gflt dies von der kühnen und wahrhaft bewundernswürdi-
S en Structur der nur aus Formsteinen bestehenden Giebelwände, ||
W(dche der Verwitterung und aller Zerstörungen ungeachtet
u°ch heute trefflich erhalten sind. Das Fehlen vieler Kunst- j
f JJ'men, namentlich der freien Endigungen, mufs der bedeuten-
d ßn Erschütterung, welche der Einsturz des grofsen Thurmes
dervorrief und die sich sicher durch das Bauwerk fortpflanzte,
2ugeschrieben werden

Andrerseits darf nicht verhehlt werden, dafs man mit dem
^üfbau so frei durchbrochener Wände auch an der Grenze des
U'aktisch Zulässigen angekommen war. Ein Beispiel statt vie-
^ er möge hierfür genügen. Die kleinen Ziergiebel oberhalb der
I’iguren-Nischen an allen Strebepfeilern sind so angeordnet, dafs
dieselben mit zwei schwachen Fugen auf weit; herausgestreck-
Un Kämpfersteinen stehen. Um nun oben der Spitze noch einen
flalt zu geben, hat man diese Formsteine mittelst langer Draht-
stücke in der Vollmauer befestigt; aber diese ganz unsolide
f J°nstruction hat nicht verhindern können, dafs fast 1 dieser
zahlreichen Formsteine herabgestürzt oder wankend sind und
"'ner Erneuerung bedürfen.

Auffallend vernachlässigt, sowohl in der Zeichnung wie
Structur erscheint das Stabwerk der grofsen Schiffsfenster, be-
s°nders im Gegensatz zu dem decorativen Reichthum der Stre-
bepfeiler und Giebel. Dafs die Strebepfeiler in ihrer äufseren
lu'scheinung nicht gleichzeitig aufgemauert, sondern später in

’) Massive, trefflich gebrannte Formstcine von fast 1 Cubikfufs Inhalt kommen an
lfi! Katharinen-Kirche, besonders an Thürprofilen mehrfach voi. .. r

2) Aus rein praktischen Gründen erklärt sich die Thatsache, wefshalb m dem Maafs-
" e*'k so überwiegend viel Voll- oder Halbkreise und fast gar keine Spit/.bogen angeordnet
Slnd- Die letzteren sind minder solid und erfordern mehr Formsteinsorten im Bogen, ats

(lie ersteren.

^ Wenigstens beweisen mehrfache Spuren, dafs schon gleich nach der Reformations-
seln 1' eiiavaturen vorgenommen sind, zu denen unter andern die auf Bl. XII mitgetheilten
>ohen Fialen-Endigungen in glasirten Steinen gehoren.

das Mauerwerk eingebuuden worden sind, beweisen mehrfache
Verzahnungen oberhalb der Süd- und Nord-Kapelle. Sicherlich
geschah diese nachträgliche Herstellung nur, um die Formsteine
gegen Beschädigungen während des ßaues zu sichern.

Resultat.

Die Kirche ist wegen der hohen Stufe, welche dieselbe in
technischer, wie künstlerischer Beziehung eirmimmt, wegen
des inschriftlich gesicherten Datums, wodurch es möglich wird,
andere nahe verwandte Backsteinbauwerke chronologisch einzu-
reihen, hier möglichst eingehend erläutert worden.

Die specielle Bau - Geschichte des Monuments läfst sich
auf Grund der vorangestellten Ermittelungen folgendennaafsen
ordnen:

Vor 1285 Südwest-Ecke in Granitbau.

Von 1381—1401. Bau des Schiffes und der Frolmleich-
namskapelle durch Meister Heinrich Brunsberg v. Stettin ').

1410. Bau der Südkapelle.

1407—1411. Chorbau.

1583—1585. Thurm der Westfront.

IX —XI. Thorthürme der Alt- und Neustadt Brandenburg.

Jede der beiden Städte war durch Wall und Graben und eine
mit Thürmen besetzte Ringmauer, sowohl nach aufsen hin als
gegeneinander wohl befestigt. Fünf Thore führten durch diese
Befestigungen in die Altstadt und ursprünglich drei, später vier
Thore in die Neustadt 2). Von diesen am Sehlusse des Mittel-
alters bis zum Jahre 1730 :i) vorhanden gewesenen Befestigungs-
einrichtungen sind nur noch vier der neben den Thoren erbau-
ten Befestigungsthürme ebenso wie der gröfste Theil der Ring-
mauer wohl erhalten, dagegen sind Wälle und Gräben in öffent-
liche Promenaden verwandelt und fünf Thorthürme, darunter
drei erst zu Anfang dieses Jahrhunderts abgebrochen 'worden. —
Der eine dieser let-ztgenannten Thürme, der des Altstädter Mi'ihlen-
thores ist durch das schon bei der Baubesclireibune; der St. Marien-

Kirche erwähnte Oelgemälde vom
Jahre 1586 (welches in St.. Go-
dehard hängt) abbildlich erhal-
ten und wird hier in verkleiner-
tem Maafsstabe durch den Holz-
schnitt wiedergegeben. — Er ge-
hörte zu den Rundthürmen und
besafs oben ein etwas vorgekrag-
tes Stockwerk, welches mit vier
Giebeln geschmückt und mit ei-
ner kegelförmigen massiven Spitze
abgeschlossen war. Der den Ein-
tritt verstattende grofse Thorbo-
gen lag zur Seite und war oben
mit doppelten Zinnen besetzt, zwi-
schen denen man zum Thurme ge-
langte. Eine gleiche Einrichtung
läfst sich bei den andern Thor-
thürmen nach vorhandenen An-
satzspuren der Thorbogen voraussetzen.

*) Meister Heinrich Brunsberg soll nach Fabers Kunstlexicon (daraus Otte, Handb.
S. 171.) auch zu Danzig und Prenzlow thätig gewesen sein, doch entbehrcn diese Anga-
ben bis jetzt jeder Begründung. Was Prenzlow betrifft, so ist der Bau der St. Marien-
Kirehe (die nur in Frage kommen kann) entschicden älter und strenger gebildet, nament-
lich der Ostgiebel, als irgend ein Bautheil an der St. Katharinen-Kirche. Auch ist nirgend-
wo der Name des ausgezeichneten Baumeisters dieser Kirche überliefert. In Danzig baut
allerdings ein Meister Henrieus an der Enveiterung des Ratlihauses von 1379—1384, aber
die Theile des Gebäudes, welche dieser Zeit zugeschrieben werden können, liaben nichts
Verwandtes mit St. Katharina. Dazu kommt, dafs die decorative Fa^adenbildüng des Back-
steinbaues besonders mit Venvendung glasirter Steine von Tangermiinde bis Königsberg in
der Neumark und Stargard in Pommern reicht, und ein grofser Thsil der in Rede stehen-
den Bauwerke fast gleiehzeitig, nämlich am Schlusse des XIV. Jahrh. crbaut worden ist.

2) Wie dies aus den Wappen beider Städte und der Bezeichnung der Thorstrafsen
hervorgeht.

3) Wie aus Gottschling’s, a. a. 0. S. 1 dargesteilter kleiner aber werthvoller
Vogelperspective von Brandenburg ersichtlicli ist.

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