Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 26
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hochbusigen-Kreuzgewölbe, deren Rippen uncl Quergurte glei-
ches Profil besitzen, werden von trefflich profilirten Gurtbogen
(Fig. 9) getragen und die Letzteren ruhen auf Rundpfeilern, wel-
che an 4 Seiten mit zierlichen Diensten besetzt sind. (Fig. 7 u. 8.)
Zwei der Dienste an jedem Pfeiler sind glatt, die beiden ande-
ren aber in der Form gewundener Taue chara.cterisirt und alle
mit fein gezeichneten Laubkapitellen 'und zierlichen Basen durch-
gebildet, Fig. 1. An den Seitenwän'den und im Chore, auch an
zwei Pfeilern, ruhen die Dienste auf. Blattconsolen, Fig. 3 U.--4,
von denen namenthch die Consolen im Chore einen strengeren
frühgothischen Character zeigen. Das Innere der Kirche war ur-
sprünghch ungeputzt, wie das unter der weifsen Farbe und schwa-'
chen Tünche hindurchschimmernde scharf gefugte Mauer-
werk beweist. Die veränderte Färbung des Innern mufs bald
nach Eiriführung der Reformation erfolgt sein, weil ein im Chore
häno-endes Gemälde wiederum mit der Jahreszahl 1586 -und

dem Meisterzeichen 86..OL . eine innere Perspective von St.
Godehard zeigt, in der Pfeiler, Wände und Gewölbe weifs, die
Rippen und Dienste dunkelblau gefärbt erscheinen !). Grofse
gut profilirte Spitzbogenfenster mit sehr schlichtem Stabwerk
erleuchten die Kirche, welche durch die einheitliche Plancon-
ception und die trefflichen Verhältnisse einen sehr würdigen.
feierlichen Eindruck macht, so dafs keine andere Kirche in Bran-
denburg in diesem Sinne mit jhr verglichen werden kann. Eben
so einheitlich, einfach und streng wi.e das Innere sind .die Fa-
gaden, besonders am Chore und auf der- Nordseite hergestellt.
Das Hauptgesims mit einem geputzten und chablonirt bemalten
Friese ist niclit rnehr das Ursprüngliche, dagegen an den Unter-
mauern auf der Nordostseite dasselbe schwai‘ze Ziegelmauer-
werk sichtbar, welches die Chormauern des Domes besitzen,
Bl. VII, Fig. 1. Auch ist die sorgfältige Technik an allen Stre-
bepfeilern und Fenstergewänden, besonders die Fugenarbeit mit
der Technik des gothischen Dom-Umbaues so überraschend ähn-
lich, dafs man den Einflufs desselben Werkmeisters zu erken-
nen glaubt. Indessen zeigen die sämmtlichen Kunstformen von
St. Godehard eine reichere Profilirung und einen vorgeschritte-
neren Chai’acter, als die eritsprechenden des Domes. Man mufs
deshalb diesen ganzen einheitlichen und sehr vortreffhchen Bäu
von St. Godehard in die erste Hälfte des XIV. Jahrh. setzen,
aber die völlige Beendigung desselben noch etwas später an-
, nehmen. So z. B. zeigt' das Profil eines
NordfensterS, Fig. 4, sowie das reich und
trefflich durchgeführte Südwestportal, des-
sen Profil der Holzschnitt giebt' 4), eine
nicht mehr so strenge und einfache Bil-
dung wie die älteren Bautheile’, z. ß. die.
Fenster des'Chores und der Südseite. Fig.-6.

In noch späterer Zeit sind Erweiterungen vorgenommen
worden, welche die einfach 'strenge Bildung der äufseren Faca-
den wesentlich beeinträchtigt haben. Am Chore unterhalb der
Fenster sind zwischen den Strebepfeilern kleine Kapellen aus-
gebaut worden, welche mit Kreuzgewölben bedeckt und mittelst
kleiner, theils spi'tz-, theils flaehbogiger Fenster erleuchtet wer-
den. Dasselbe ist an zwei Seiten des nördlichen
Seitenschiffes geschehen. Diese sämmtlichen Ka-
pellen zeigen in ihren Kunstformen z. B. in der
Plint-he einen spätgothischen Character und in der
Structur eine mittelmäfsige Technik. Interessan-
ter und im Maafsstabe grofsartiger sind die aufser-
dem hinzugefügten vier Käpellen, von welchen
eine auf der Nord- und drei auf; der Südseite belegen sind.

Von den drei-südlichen Kapellen ist die mittelste diejenige,
an welcher die unter dem Absch mtt „Histonsches angefühi te

)) Mevkwürdigerweise waren, wie ebenfalls das Bild beweist, in jencr Zeit noch die sechs
innern Chorpfeiler in Kämpferhöhe mittelst hölzerner Balkon mit einander verbunden. Die
eisernen Oesen, in welchen diese Spannbalken rnhten, sind noch jetzt über den Pfeilerka-
piteilen erhalten.

J) Dieses Portal ist genau ebenso gegliedert, wie das Portal des Altstädter Rathhau-
ses, Bl. X-, Fig." 4, weshalb auf ßine glciche Bauzeit geschlosijen werden kann.

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Inschrift. aus dem Jahre 1456 befiridlich gewesen ist. Dieselbe
zeigt die auffallende Eigenthümlichkeit, dyfs s’ie, um möglichst
viel Raum zu gewinnen, mit Verschiebung der Pfeileraxen nach
Westen weiter hinausgebaut ist als nach Osten. Ihre Decke’bil-
det, eines der reichsten und complicirtesten Sterngewölbe (Grund-
rifs Fig. 10 und Querschnitt Fig. 2), aber darin, sowie in den ver-
wendeten nücliternen Kunstformen an Thür und Fenstern zeigt
sich eine sehr handwerksmäfsige Behandlung, welche durchaus
der inschriftlich gesicherten Bauzeit entspricht. 'Aus der ver-
schobenen Stellung des Kapellenraumes, sowie aus. der That-
sache, dafs die östliche Wand desselben, Facadenreste '(Plinthe
und Fenster)-zeigt, ist man zu dem Schlusse berechtigt, dafs
die östlich belegene Kapelle früher erbaut sein mufs, aber we-
gen einer ähnlichen Beharidlung nicht, sehr viel älter sein kann.
Da nun die östliche Kapelle zweigeschossig war, aitch das obere
Geschofs mittelst eines grofsen Spitzbogens sich nach dem Schiffe
der Kirche hin öffnete, und diese Einrichtung allen. Liebfrauen-
kapellen des späteren Mittelalters in ’der Mark l) eigen zu sein'
pflegt, so darf man diesen Raum für die 1428 vom Rathe der
Neustadt erbaute Kapelle u. 1. Frauen annehmen. Mit dersel-
ben hängt die Nordkapelle im Material und in den Kunstformen
wiederum so eng zusammen, dafs sie ebenfalls in gleiche Zeit zu
setzen ist. Nun hat wirklich der Rath der Neustadt in demselben
Jahre einen Altar des Körpers Christi gestiftet, dotirt und vom
Bischof Stephan bestätigen lassen 2), so dafs diese Nordkapelle mit
gröfster Wahrscbeinlichkeit als Frohnleichnämskapelle der Altstadt
zu bezeichnen ist. Dazu kommt, dafs die vom Lübecker Kafloni-
cus Matthäus Prenne erbaute. Kapelle des heiligen Kreuzes, in
deren obe-rem Geschofs ausdrücklich eine Liberei (Bücherei) ge-
nannt wird 3), kein anderer Raum sein känn, als die südwestfiche
Kapelle, welche ursprünglich (wie die Fac.adenfenster beweisen)
zweigeschossig war und deren oberes Geschofs mittelst einer be-
sonderen Thür und Treppe von aufsen her benutzt werden konnte.

Aus dieser Darlegung tritt aber das interessante Faktum
zu Tage, dafs die Altstadt gegen die prächtig und reich gebaute
Pfarrkirche St. Kathai’ina mit ihre'n Kapellen nicht länger zurück-
stehexx wollte und mit bescheideneren Mitteln, aber in gleichem
Sinne ihre Pfarrkircbe St. Godehard zu erweitern und auszu-
statten suchte. — Wemi eine solche wohl vei’zeihliche Rivalisi-
rung zu neuen Bauunternehmungen trieb, so war doch der
lebendig schöpferische Sinn eines Künstlers wie der des Mei-
stei-s Heinrich Brunsberg in Bi’andenbui’g riicht mehr vox-handen.
Die sämmtlichen so eben angeführten-Kapellen zeigen dui’chaus
eine handwerksmäfsig sichere, aber künstlerisch gesunkene Be-
'haxidlung allei’ Struktur- wie Kxmstformen. Und zwar genaü
der Zeitfolge entsprechend, -so dafs die ö'stlichste Südkapelle und

die der Noi’dseite den besseren
strengeren Chai’akter, die beiden
andereix die nüchtei’ne spätgothi-
s'che Behandlungsweise deutlich
erkennen lassen. Allen gemein-
schaftlich ist die Anordnung lisse-
nenartiger Wandvoilagen an Stelle
wirklicher Strebepfeiler, sowie die
gehäufte Anwendung von Putz-
flächen und Streifen, welche un-
terhalb aller Gesixnse auftreten
und, chablonenartig bemalt, die
nachgeahnxte Wirkung glasirten
Maafs- und Flechtwerks erzeuge'n
sollten. -Die häufige Anwendung
flachbogig geschlossener und ge-
kuppelter Fenster (ähnlich den
unteren'- Choi’fenstern von St. Jo-
lxann) ist gleichfalls für diese ßau-
theile und ihre späte Bauzeit chäraktei’istisch.

') Z. B. Barlin und Cöln, Königsberg i. d. N., Frankfurf a. d. 0., Stettin u. a.

2) Riedel,. VIII, 400—401.

3) Riedel, VIII, 437. ...

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