Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

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27.

Den besten Eindruck und wiederum den älteren Charakter
^sthaltend, macht die leider sehr veränderte Facade der Nord-
k^pelle. Zwei daselbst nebe-n dem Portal vorhandenen Spitz-
J°genblenden (vergl. den Holzschnitt) geben diesen Typus, wel-
cher mit den Rosetten des südlichen Seitenschiffs am Dome von
Ca- 1385 und den nachträglich eingesetzten Maafswerks-Füllun-
S eü an dem Altstädter Rathhause nalie zusammenhängi

. Kunstwerke.,

Der jetzige Flügel-Hochaltar ist vom Jahre 1561 und hat
das Meisterzeichen C.H.E., worin wahrscheinlich der Vater des

^eisters' 86. TE . zu erkennen ist. — Ungleich wichtiger ist
das auf Bl. XX, Fig. 10 abgebildete bronzene Taufbecken. Das-
selbe zeigt ebenso glückliche Gesammtverhältnisse wie edel und
Ureng gezeichnete Profile und Details romanischer Bildung. Die
■ °bere Schaale ruht auf vief alterthümlich streng gebildeten. Fi-
gUren (wahrscheinlich Evangelisten), welche hinten hold gegos-
8en und dem Kerngusse des Beckens später angefügt worden
Slnd. Zwischen den langgewandeten Figuren sind oberhalb vier
Jerabgeneigte Löwenköpfe in demselben alterthümlichen Charak-
k;1' wie an einer Sima angebracht. Die oben um den Rand lau-
^ ende Inschrift in schönen, nocli rundlichen Majuskelbuchstaben
* autet:. AJbluo peccata, do coeli 'gaudia grala. Eine andere zwi-
sUhen den Fi guren befindliche räthselhafte Inschrift heifst:

Obiit Elyzabeth. X». I. R. E. Septembris.

Ebenso finden sich -am Fufse ein Paar drachenartig ver-
Schlurrgene Arabesken räthselhafter Befleutung. Das ganze treffV
lich erhaltene Kunstwerk kann des Charakters der Schrift, der
higuren und der Kunstformen halber nicht später als in die
Mitte des XIII. Jahrh. gesetzt. werden- und ist somit eins der
ehrwürdiggten und schönsten kirchlichen Monumente .in den

Marken *).

Technisches.

Die älteren Theile der Kirche zeigen überall, besonders an
den Einfassungen der Fenster, an den Bogen nnd Gewölben eine
^hr gute und tüchtige Arbeit, welche gegen die der späteren
'-apellenbauten auffallend absticht. An den ersteren beträgt das
' ucksteinformat 11 Zoll, 5} Zoli und 8‘ Zoll; an den letzteren
^ Eoll, Zoll und 3| Zoll. — Dagegen zeigen die späteren An-
aUten eine gröfsere Kiihnheit und Sicherheit in der Construc-
tl°u. Beispielsweise stützt ’sich das hochbusige Sterngewölbe in
der südwestlichen Kapelle, bei einer lichten Spannung von 19 Fufs
k egen einen Pfeiler von 2 Fufs 4 Zoll Stärke und 1 Fufs 7 Zoll
reite, wobei allerdings bemerkt werden niufs, dafs die Obei’-
U'auer des Seitenschiffs durch ihre Belastung dem Schube des
r’Wölbes entgegenwirkt. Ebenso kiihn und complicirt ist das
haneben belegene Sterngewölbe, dessen Rippen Tangenten zu
ünf grofsen Ringen bilden, welche st'att der Schlufssteine an-
V’Ordnet sind. Nicht ohne Interesse sind die an dem Südwestpor-

taki vorkommenden eingemeifselten Steinmetzzeichen. Tv

R e s u 1 t a t.

p h uf Grund der initgetheilten Untersuchungen gehört die

b ai'rkirche St. Godehard, namentlich in kunsthistorischer Bezie-
n§ zu den interessantesten Bauwerken der Mark. Die West-
° nt reicht fast bis zu der letzten heidnischen Epoche hinauf
b:; d uiufs auf 1158 — 64, der Hauptkörper des Schiffs auf 1334
s 48, und die Kapellen zwischen 1428 — 70 gestellt werden.

Kloster-Kirche St. Johannes in der Neustadt Brandenburg.

H i s t o r i s c h e s.

ttas Kloster der Franziskaner-Mönche, zü welchem diese
B. I1C e gehört, ist ursprünglich in Ziesar, dem Residenzorte der
lschöfe von Brandenburg, von einem daselbst lebenden uiid

vier 8 1>ronzene Taufhecken der St. Nicolaus - Kirche zu Spandow besitzt ebenfalls
älterr.. . _ terthümliche Figuren von gleiehem Typus, aber dies sind nur Fragmente eines

en Monuments, denn.das obere Taufbeeken ist von 1498.

1226 J) zuerst erwähnten Magister Helias vor d.em Jahre 1237
gestiftet und später, ungewifs in welchem Jahre, nach Branden-
burg verlegt worden. Dies ergiebt sich aus einer durch Gar-
caeus * 2) überlieferten Inschrift, welch.e früher im Chore der St.
Johannes-Kirche zur linken Hand befindlich gewesen ist und
wörtlich lautete:

• A. D. MCCXXXVII obiit Magister Ilelias plebanus in Zie-
sar, qui domum fratrum ibidem fundamt et consummamt
propter alia innumera beneficia, quae fratribus praestitis,
videlicet totam bibliam glos.satam, scholasticam, historiam,
sententias et summam Remundi, hic habitu fratrum indutus
fuit' prout desideravit et in ecclesia fratrum ante altare
S. Joannis Baptistae est sepultus et tandem ossa. ipsius in
recessu fratrum in Brandenborg vetus sunt deducta el ho-
hesle s’epulta 3 * 5).

Da das Jahr der Verlegung des Klosters nicht angegeben
ist, so mufs man dasselbe annähernd aus der Zeit der ersten
Erscheinung und Verbreitung des Franziskaner- Ordens in den
Marken zu ermitteln suchen. Leider fehlen aber gesicherte Ur-
kunden für eine solche Untersuchung, da der Orden, dessen
Hauptthätigkeit die Predigt und praktische Seelsorge war, auf
Abfassung oder Erhaltung von historischen Zeugnissen wenig’
Werth gelegt hät. Aus dürftigen chronikalischen Nachrichten
ergiebt sich, dafs die Franziskaner 1223 in Prenzlow, 1225 in
Bautzen, 1234 in Görlitz, 1237 in Ziesar, 1246 in Berlin, 1250
in Grossen, 1254 in Seehausen, 1260 in Stendal und 1270 in
Frankfurt a. d. O. und Gransee erscheinen. Da ferner die auf
Ansehen und Einflufs der Franziskaner s’tets eifersüchtigen und
in der Ausbreitung ihres eigenen Ordens immer Schritt haltenden
Dominikaner im Jahre 1286 auf der Neustadt Kloster und Kirche
bauen, und die Altstadt Brandenburg im XIII. Jahrh. die rei-
chere und mächtigere der beiden Städte ist, so ist man zu dem
Schlusse berechtigt, dafs die Franziskaner-Mönche’bereits damals
in der Altstadt angesiedelt waren und daher um 1250 die Ver-
legung ihres Klosters von Ziesar nach Brandenburg bewerkstel-
ligt haben. Der Bau der Kirche wird dann spätestens nach eini-
gen Jahrzehnten hergestellt worden sein, doch ist weder über
die Weihung desselben .noch über die Stiftung von Altären irgend
eine Nachricht vorhanden. Erst aus dem XV. Jahrh. sind wieder
durch Garcaeus a. a. O. S. 347 zwei wichtige Inschriften über-
liefert, welche sich aufi die Einwölbung der Kirche und Weihung
des daran stofsenden Kreuzganges beziehen. Die ältere derselben,
welche an der Abendseite der Kirche auf dem oberen Bretter-
boden geschrieben steht, lautet:

Istud aedificium hvjm ecclesiae testudinis sub tempore Jo-
hannis Guardiani completum esl. .A. D MCCCCXX in die
S. Aegidii, abbatis etc.

Die andere befand sicli an der Wand des jetzt abgebroche-
nen Kreuzganges:. ■ . . •

ff. MCCCCXL reverendus pater ac dominus, dom. Stephanus,
episcopus Brandeburgensis, lmnc ambitum consecravit et de-
dit omnibus fratribus vere poenitentibus, ipsum circumeun-
tibus cum VII Psalmis vel vigiliis quotiens totiens XL dies
indulgenliarnm ').

Die sonst noch vorhandenen Urkunden J) ergeben keine für
die Baugeschichte der Iiirche brauchbare Nachricht. Die Refor-

*) Riedel a. a. 0. A. VIII. 141.

2) Gareaeus a. a. O. S. 346.

3) Der 1206 gestiftete und 1223 vom Papste bestätigte Franziskaner-Orden verdankt
’seine aufserordentliche Verbreitung den besondoren Privilegien, welcTic ihm zu Theil.wurden..
Zu denselben gehörten: Die üffentliclie Predigt an jedem beliebigen Orte, die Einweihung
von Kirchen und Kirchhöfen,' das unbedingte Kecht, aueh während des Interdicts.-
Messe zu lesen. Aufser diesen wichtigen Vorrechten besafs der Orden die ausgedehntesten
Ablässe, so dafs z. B., wer eine Franziskaner-Kirche auch nur an einem Feste besuchte,
für 100 Tage Ablafs erhielt. Wer einen Franziskanef unterstiitzte, empfing desgleichen
180Tage; wer sich auf einem Franziskaner-Kirclihofe begraben liefs, für 40 Jalire, und
wenn es in einem Franziskaner-Kleide geschah, Ablafs aller Sün'den. Vergl. Klöden.
Marien - Verelirung in den Mark?n. S. 45 ff. . •

• ■») Beide Inscliriften bozieht Garcaeus auf die Dominikaner-Kirche St. P'aul, aber
dies ist ein Irrthum, den schon Fincke, Progr. v. 1751, S. 3, nicht mehr beging und der
durch die Thatsache \viderlegt wird, dafs die erste Inschrift noch jetzt an der inneren Seite
des Westgiebels von St. Johannes, wenn auch etwas verlöscht, vorhanden ist.

5) Riedel a. a. 0. VIII, 192, 194, IX, 82, 229, 242 etc.
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