Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

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liergesteJli,

Wge mangelhafter Fundamentirung so gelitten, dafs die aus
eiTl Fothe gewichenen und mehrfach geborstenen Mauern nur
n°ch mittelst kolossaler Strebepfeiler auf der Südseite gestützt
^erden. Docli ist eine ursprünglich solide und gute Arbeit un-
verkennbar, welche sogar an einzelnen Theilen, wie z. B. an dem
iechtwerlc über dem Hauptportal, zu seltener Meisterschaft sich

erhebt. Die Abdeckung des Strebepfei-
lergesimses hat sicli sehr gut erhalten
und dürfte ebenso sehr zu empfehlen
sein, wie die Beendigung der westlichen
Eckstrebepfeiler. Nicht minder ist die
zweckmäfsige und sparsame Yerwendung
• von Formsteinen zu rühmen, wofür sich
mehrfache Beispiele anführen lassen. So
ist die Construction der beiden Fialen
des Westgiebels einfaclr und zweckmäfsig
indem die Profilsteine der Wanddienste
diagonal zusammengesetzt und das Jiieraus aufge-
mauerte Thürmchen mit schräg gestellten, einfachen
Krabbensteinen bekrönt ist. Auch die Flachnischen
des Westgiebels sind von dem Kämpfer der unter-
sten Nisclie ab in anderen Profilen als die unteren
Einfassungen, und zwar mittelst eines kehlförmigen
Formsteines hergestellt, welcher gleichzeitig als
Consolstein unter den gedoppelten Spitzbogen ver-
wendet ist. Bl. XX, Fig. 1. Desgleichen sind die
darüber befindlichen Rosetten aus den scliräg ge-
stellten Formsteinen des Flechtwerks über dem
Plauptportal zusammengesetzt, wie aucli die Wand-
dienste des Schiffes in den Ecken einfach diagonal
gestellt sind, um einen besonderen Formstein zu
sparen. Das Maafswei'k des Kreisfensters über
dem Hauptportal ist neu, aber nacli älteren Frag-
! nenten (welche Büsching nocli gesehen hat) erneuert und ein
jüteressantes Beispiel eleganten frühgothischen Maafswerks. Das
0l'mat der Backsteine ist an den älteren Westtheilen

10i—| Zoll lang, 4f—5 Zoll breit und 3~—3| Zoll hoch,
aü dem Chore

10| Zoll lang, 5| Zoll breit und 31 Zoll hoch,
an dem Seitenschiffe

llf Zoll lang, 5 Zoll breit und 3| Zoll lroch,

80 dafs lrierin ein allmäligesWachsender Steinstärken siclitbar wird.

Cer Bau würde besser erhalten sein, wenn nicht die un-
bünstige Lage auf eliemals sumpfigem Terrain und sorglose Fun-
mentirung sclron frühzeitig zu ungleichmäfsigem Setzen des
aüerwerks Yeranlassung gegeben hätte. Deimocb gewährt. der-
^elbe ein anschauliches Bild einer mit bescheidenen Mitteln er-
aüten Bettelmönclis-Kirche, welche bei aller Einfaclilreit ebenso
) nig der Würde in den Gesammtverhältnissen
^ lSsen Eleganz in den Kunstformen' entbehrt.

wie emer ge-

Resultat.

Aus den in der Baubeschreibung specieller entwickelten
ründen gehören die älteren westlichen Theile des Schiffes den
.! en Jahrzelmten des XIII. Jahrh., etwa dem Jahre 1280 an,
^Whrend der Chor von 1415 — 20, das nördliche Seitenscliiff von
ünd Thurm und Kreuzgang von 1440 anzunehmen sind.

^IV. Klosterkirche St. Panl m der Neustadt Brandenburg.

Historisches.

Die St. Paul’s-Kirche war ehemals die Klosterkirche der
Dominikaner-Mönche und ist als solche im Jahre 1286 gegrun-
det worden. Dies besagt eine im Chore unter dem Relief-I or-
traü des Kurfürsten Joachim II. befindliche deutsclre Inschnft,
^elche zwar erst im Jahre 1574 geschrieben, doch den Text
eines älteren Documents bewahrt. Der wesentliche Inhalt die-
Ser in schwülstiger Sprache v erfafsten Inscliritt ist folgendei ).

) Heffter, Brandenburg u. s. Alterth. S. 119 ff.

Mai’kgraf Otto der Lange hat 1286 seinen in der Neustadt
Brandenburg erbauten Hof den Dominikaner-Mönchen zu einem
Klost'er gesclienlct, ilmen aucli viel Geldes zum Gebäu ver-
ordnet. Nocli in demselben Jalire ist die erste'papistisclie
Messe und Einweihung der Kirche durch Biscliof Gebliard ge-
halten und zu Patronen der Apostel Andreas und Maria Ma'g-
dalena erwälilt worden. Im Jalire 1311 hat der Ratli der Neu-
stadt einen städtischen Platz zu dieser Kirche gesclienkt, damit
die Mönclie ilire Wolmungen darauf erbauen müchten. Xach
Einführung der Reformation hat die Kirche 25 Jahre öde ge-
standen, bis Kurfürst Joachim II. 1560 Kloster und Kirche mit
allen Gebäuden dem Rathe zur Wiedereinriclitung als Pfarrkir-
che und Benutzung des Klosters als Pfründenhaus gesclienkt
lrat. Xach vollendeter Restauration ist 1561 Kirchweih gehal-
ten und das Pfründenhaus 1565 seiner wohithätigen Bestimmung
iibergeben worden.

Diese sichtbar auf ältererLTeberlieferung gegründete Insclirift
enthält im Wesentlichen die Baugeschiclrte der Klosterkirche,
wobei indessen vor der directen Anwendung der mitgetheilten
Daten insofern ‘ zu warnen ist, als die vorliandene dreisclfiffige
gewölbte Kirclie niclat (wie die Insclirift besagt) in einem hal-
ben Jalire erbaut sein. kann. Man wird in diesem, wie in so
vielen anderen Fällen die ausgesprocliene Einweilrung nicht auf
die besteliende Kirche, sondern auf eine provisorisch hergestellte
ldeine Kapelle bezielien müssen. Docli ist jiiit dem eigentJichen
Kirclrenbau in diesem Falle, wo der LandesJierr die Mönche von
vorn herein mit Geld bedeutend unterstützte, gewifs nicht lange
gezögert worden. Da nun in der auf den Chorstühlen der Do-
minikaner-Klosterkirciie zu Röbel in Mecldenburg befindiichen
Inschrift das Jahr 1292 als Stiftungsjahr des Klosters zu Bran-
denburg angegeben ist *), so darf man dies Jalir walirscheinlich
als das der Vollendung und Einweihung des Kirclienbaues an-
nehmen.

Auch müssen die Mönche bei dem Rathe der Neustadt
ebenso beliebt gewesen sein, wie bei den Landesherren, denn
sclion im Jalire 1306 ertheilt der erstere den Mönchen das
wichtige Reclit, auf ilirem Grunde und Boden Häuser aufzufüh-
ren * 2). Diese Freigebigleeit des Ratlies ist 1311 wiederholt wor-
den, wo die Mönche 3) einen Platz von der gemeinen Stadt zur
KlosterkircJie erlialten, wodurch, wie Finclce richtig bemerkt
und was weiter unten erwiesen wird, eine Erweiterung der Kir-
che ermöglicht wurde.

Im Jalire 1381 verbriefen die Mönclie der Neustädter Lieb-
frauen-Gilde einen Altar, ilrre Brüderschaft und Todtenfeier der
Verstorbenen in der Klosterldrche 4). Ferner versprechen die-
selben 1494, gewisse Messen für Hans Bardeleben und seine
Frau lesen zu wollen, weil gedachtes Ehepaar ihnen 15 Rhein.
Gulden verehrt hatte, um damit notliwendige Bau-Reparaturen
auszufüliren 5). — In einer Urkmide vom Jahre 1533, worin
eine Besitzung in Treuenbrietzen veräufsert wird, nennt sich
die Brüderscliaft des Klosters „Sante Pauels Preddiger-Ordens
in der Nienstadt Brandenburg“, woraus die Thatsache hervor-
gelit, dafs zu den ursprünglichen Patronen Andreas und Maria
Magdalena ein dritter hinzugetreten und Titularheiliger gewor-
den war 6). Wahrscheinlich hat diese Veränderung der ursprüng-
lichen Bezeichnung bei der Einweiliung des an die Kirclie spä-
ter angebauten Chores stattgefunden 7 8). Die übrigen Sclficksale
der Kirche entJiäJt die Eingangs mitgetheilte Inschrift und es
ist daher sclfiiefslich nur zu bemerken, dafs neben dem Kloster
seit ältester Zeit (schon 1303) eine wolilthätige Stiftung St. Spi-

*) Lisoh. Mecklenburg. Jahrb. VII. 112.

2) Riedel a. a. 0. IX. 7.

3) Fincke a. a. O. 422.

4) Riedel a. a. 0. IX. 61. Wahrscheinlich ist hierin nur das Faktum enthalten, dafs
der Liebenfrauengilde während des Neubaues der St. Katharinen-Kirche verstattet wurde,
ihren Altar nach der Kloster-Kirche zu verlegen und an demselben ihren gewohnten Got-
tesdienst zu halten.

5) Riedel a. a. O. IX. 246-

6) Ilieraus widerlegt sich Heffter’s Annahme a. a. O. 117, welcher die Bezeichnung
St. Paul’s -Ivirche erst der Zeit nach Einführung der Reformation zuschreibt.

7) St. Paulus war Schutzpatron der ganzen Dominikaner - Provinz Sachsen, weshalb
demselben viele Kirchen dieses Ordens im nördlichen Deutscldand geweiht waren.

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