Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 30
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ritus mit einer Kapelle genannt und mehrfacli beschenkt wird.
Diese Stiftung und die dazu gehörige Kapelle nebst Altar sind
noch yorhanden, aber .von untergeordnetem architektonischem
Interesse.

Baubeschreibung.

. Der Grundrifs der Kirche zeigt die klare einheitliche Plan-
anlage einer dreischiffigen gewölbtejn Hallenkirche von mittelgro-
fsen Dimensionen. An das sechsjochige Langhaus, dessefi Mit-
telschiff die für Brandenburg fast typische Breite von 30 Fufs be-
sitzt, schliefst sich der im halben Achteck geschlossene vierjochige
Chor in gleicher Breite an. An der Südseite liegt der kleine,
aber bei aller Einfachheit wirkungsvollß Kreuzgang, — der ein-
zige, welcher in Brandenburg noch wohl erhalten ist und da-
her eine besondere Berücksichtigung verdient. Da wo der Kreuz-
gang mit dem Chore zusammentrifft, erhebt sich der schlanke
viereckige Glockenthurm und bildet eine malerische Gruppe mit
der Kirche und den anstofsenden Klostergebäuden.

Im Innern der Kirche sind die Längs-Gurtbogen einfach
und gut profilirt und ruhen auf starken achteckigen Pfeilern
.■'} mit schlicbten Kapitellen und Basen. Die trefflich ge-
' mauerten Gewölbe von geringer Busenwölbung besitzen
' keine Quergurte, sondern zeigen die Quer- wie Diago-
• nal-Rippen nach gleichem birnenförmigem Profil ge-
|| bildet. Bl. XX, Fig. 6. Den Anschlufs der Gewölbe
an die Seiten- und Chorwände vermitteln einfache runde
Dienste, welche an der Xordmauer vom Fufsboden an
emporsteigen, im Chore aber in der Höhe des Gurt-
gesimses aufsetzen und überall mit frühgothischen Kapitellen ge-
schmückt sind. Die schlanken Spitzbogenfenster mit wohl er- .
haltenem, kräftig gebildetem Maafswerk aus gebranntem Thone
sind 13 Fufs über dem Fufsboden geordnet und gewähren eine
reichliche Beleuchtung. Hierdurch wie durch die strenge schmuck-
lose Behändlung erweckt das Innere der Kirche den Eindruck des
würdigsten Ernstes, welcher es doppelt bedauern läfst, dafs auch
hier die ursprüngliche Färbung des natürlichen Materials der '
weifsen Tünche hat weichen müssen. Ueberdies lassen -einge-
baute Emporen die räumliche Wii’kung der Seitenschiffe nicht
zur Geltung kommen. Weniger beeinträchtigt erscheint das
Aeufsere, welches-, in der besten Technik ausgeführt, nirgends
die Spuren von Beschädigung oder Verfall zeigt. Die gröfste
Sparsamkeit in der Verwendung von Formsteinen w-ird auch
hier sichtbar. Die nördlichen Fenster des Schiffes sind ohne
alle Formsteine, nur mit abgeschrägten' Leibungen hergestellt.
Der einzige Schmuck derselben besteht in dem trefflich'en streng "
gezeichneten Maafswerke (.wiederum dem einzigen, welches in
Brandenburg vollständig erhalten ist), -sowie in den geputzten
und mit Chablonen-Malerei bedeckten Leibungsflächen der Spitz-
bogen. ' Nicht. minder einfach sind die durchlaufenden Gui’t- j!
Plinthen und Haupt-Gesimse gezeichnet, Bl.-XX, Fig. 7, sowie •
das nördliche Hauptportal, welches üb'er dem einfach gegliedei’-
ten, auf kleinen gefältelten Kapitellen ruhenden Spitzbogen eine
kräftig gebildete, mit schlichten Krabben besetzte Wimpei’ge zeigt.

Auch die beiden Giebel auf Ost- und West-
Seite sind in einer einfacheri, aber empfeh-
lenswei’th tüchtigen Sti’uctur hergestellt wor-
den und haben sich unbeschädigt. erhalten.
jSTamentlich beweist der zwischen Schiff und
Chor belegene Ostgiebel, welcher 'in ganzer
Breite und durchgeführter Gliederung
im Dachboden sichtbar ist, .dafs’das Schiff anfäng'lich platt ge-
schlossen war und der Clior als ein späterer Anbau hinzugefügt
worden ist. Für diese Annahme spricht auch die bei gleicher
Eirxfachheit der Ausstattung l’eifere Formenbildung dieses Bau-.
theiles. Namentlich siixd die Fenstei’profile desselben mit. schon
vox’geschrittener Häufung von Gliedern hierfür anzuführen.

Der in guten Vei’hältnis'sen erbaute Kreuzgang beweist dürch
seine einfachen Structur- und Kunstfornxen, dafs er bald nach
Vollendung der Kirche und in Gemeinschaft mit dem Glockeix-
thui’me. aufgeführt wordejx ist. .An beiden Bautheilen ist die

grofse Einfachheit auf Rechnung der gewollten Sparsanxkeit zu
setzen, welche sich deutlich an. dem schlichten Maafswei-ke und
den einfachen Kreuzgewölben des ersteren (BJ. XIX, Fig. 1), und

den schlanken Blendnischen, die den viereekigen Unterbau des
letztei’eix umgeben, ausspricht. Der vorstehende Holzschnitt giebt.
eine Vorstellung von der aus dem unmittelbaren Bedürfnisse her-
vorgegajxgenyn. bauliclxen Gruppirupg ;.der Kij’che, des.Thurmes
und des Kreuzganges'nebst den Klostei'gebäuden.

Kunstweike.

Als ei’haltene Kunstwerke sind aufser einer in gebranntem
Thon hei’gestellten Bildsäule von St.-Paulus, der Rest eines alten
GJasgemäldes im Chor, (Scenen aus dem Leben St. Tliömas
von Aquino darstellend), sowie ein trefflich in Holz geschnitz-
• ter und bemalter Todtenschild des Mai’schaJls ■ Hans v. Bredow
f 1519, der leider an unwürdiger Stelle über dem Kreuzgange
hängt, hier'anzuführen.

T e clini s c.h e s.

Das Bauwei’k zeigt zwar überall die beste Ai’beit, doch.sind
die achteckigen Schiffspfeiler, das Maafs- und ’Stabwerk der
Fenster, besonders abe.r die Gewölbe hervoi’zuheben. Die Letz-
tei’en' gehören zu den vorzüglichsten dei’ax’tigen Arbeiten,
welche nxan übei’haupt sehen kann, xxnd die Betrachtung der
oberen ungeputzten Flächen ei-weckt wegen der meisterhaft ge-
nauen und" "gleichnxäfsigeix Sti’xxctur eiixe wahre Freude. Auch
die Treppen,. welche in ähnlicher .Construction wie die Spindel-
Treppe im Steinthoi’thurme ausgeführt- sind, zeigen dieselbe ge-
diegene Technik. • Benxei’keixswei’th ist endlich die Thätsache,
dafs die südliche Schiffsmauer der Strebepfeilcr entbehi’t, wo-
durch wiederum eine selxr baldige Ei’bauung dieser Nordseite
des Kreüzganges angedeutet wird.

Das Fornxat der Steine ist nicht constant, am westlich’en’
Giebel betx’ägt die Länge lOj—11 Zoll, die Brei'te 5|—5J Zoll
und die Stärke 3|-—-3f Zoll;-axn Ostgiebel zwischen Schiff und
Chor dageffen 114 — 11) Zoll, die Breite 5|-—54 Zoll und die
Stärke 3|—3| Zoll. , ‘

R e s u 11 a t.

Auf Grand der oben mitgetheilten histoi-ischen Zeugriisse
gehört der Bau des Schiffes und der Nordseite des Ki’euzganges
noch in das Ende des XIII. Jahrh., wahrscheinlich von 1287 — 92.

Der Chor ist etwas jüngei’, yielleicht 1311 —15 anzunelimen
1 und der übrige Theil des Kreuzganges und der Thurm dieser
Bauthätigkeit anzuschliefsen. Für das. Studium und Auffassung
frühgothischer strerxger Formen ist St. Pauls-Kirche ebenso
geeignet, wie die daran sichtbare zweckgemäfse Sparsamkeit der
Berücksichtigung bei modernen Bauten empfohlen werden kann.
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