Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 36
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geht eine reiche Entwickelung der andern Künste Hand in Hand.
Viele Chorstühle und die in Holz geschnitzten, prachtvollen, fast
überreichen Altäre, welche Werben, Salzwedel, Seehausen und ij
Stendal, sowie die Klöser Arendsee und Dambeck besitzen, zei-
gen diesen Zweig der Skulptur in grofser Blüthe. Doch werden
diese Leistungen bei Weitem übertroffen durch die ausgezeich-
neten Glasmalereien, welche die Altmärkischen Ivirchen leider
überall nur in Bruchstücken und immer mehr dem Untergange
entgegen eilend, noch enthalten. Die reichsten Schätze bewahren
Stendal im Dom und St. Jakob, dann Salzwedel in St. Katharina
(daselbst von der höchsten Farbenpracht) und St. Maria, St. Jo-
hannes zuWerben, sowie in bemerkenswerth alten Formen Kloster
Neuendorf. Als Stifter dieser Glasmalereien erscheinen inWappen
und Inschriften und sonst auch beglaubigt die Hohenzollerschen
Fürsten, besonders Kurfürst Friedrich II. Von bronzenen Kunst-
werken ist mancherlei vorhänden, doch nichts von so hervor-
ragender Bedeutung, wie das leider verschwundene mächtige Tauf-
becken des Domes zu Stendal gewesen zu sein scheint.

Mit dem Jahre 1480 schliefst der grofsartige Aufschwung
des Backsteinbaues in der Altmark, nachdem derselbe nicht nur
die angegebenen Bauwerke innerhalb seines Gebietes geschaffen,
sondern anch nach Aufsen hin bis Magdeburg, Zerbst und Leip-
zig einen sichtbaren Einflufs geübt hatte. Die wenigen ßauwerke,
welche im Anfange des XVI. Jahrh. noch erbaut wurden, zeigen,
wie dies auch in der Stadt Brandenburg der Fall ist, eben so
sehr die handwerksmäfsige Sicherheit in der Struktur, wie Ver-
nachlässigung in der Ausbildung der' Kunstformen. Endhch er-
geben die darauf folgenden Jahrhunderte in den langen Jahren
der Verwirrung und Bedrängnifs eine sehr erhebliche Reihe
von zerstörten Baüwerken, deren Fehlen die 'sichere und un-
zweifelhafte Erkenntnifs der Baugeschichte der Altmark nicht
wenig erschwert. Die wichtigsten nöch vorhandenen Monu-
mente haben in dem durch Treue der Darsfellung wie künst-
lerische Vollendung gleich ausgezeichneten Werke von H. Strack
und A. Meyerheim: Architektonische Denkmäler der Altmark
Brandenburg, eine gediegene und mustergültige Darstellung ge-
funden. ')

I. Klosterkirche zu Jerichow.

Historisches.

Das eine Stunde südöstlich von Tangermünde auf dem rechten
Elbufer belegene Kloster Jerichow, durch strenge Plan-Konception
und Schönheit der Verhältnisse ebenso ausgezeichnet wie. durch
die vollendete Technik ist eines 'der besterhaltenen Bauwerke
des XIL Jahrhunderts. Aber diese • sämmtlichen Eigenschaften

• . il

würden nicht das Recht verleihen, der Kirche dieses Klosters i
einen so hervorragenden Platz in der Geschichte der mittelal-
terlichen Baukunst Deutschlands anzuweisen, wenn nicht die
Thatsache hinzukäme, dafs Jerichow der Ausgangspunkt für die
Entwickelung des Backsteinbaues in den baltischen Ländern ge-
wesen ist. Mit Rüeksicht auf diese seltene kunst- wie kultur-
historisch wichtige Stellung Jerichows zu dem grofsen Länderge-
biete, welches von der Elbe bis zur Düna und von der Xord-
spitze Jütlands bis zu den Karpathen reicht, ist eine genaue-hi-
storische Darlegung, welche die Einführung des Backsfeinbaues
in die Marken behandelt, unabweisliches Erfordernifs. Es ist
hierbei nothwendig, riicht nur die kirchliche wie politische Lage
der Mai’k zur Zeit der Stiftung v.on Jerichow, sondern auch die
eigenthümliche Stellung, die Bedeutung und den Einflufs der
Personen, welche bei der Stiftung des Klosters betheiligt waren,
näher ins Auge zu fassen.

Die Stiftung des Klosters Jerichow erfolgte im Jahre 1144
durch die freigebige Frömmigkeit einer edlen Frau Richardis,
welche aus Magdeburg stammend, dem Grafen der Xordmark
Rudolf von Stade vermählt gewesen war. Ihr christlicher zur

J) Der Text dieses Werkes ist eine unbedeutencle Arbeit von F. Xiugler.

jj Wohlthätigkeit geneigter Sinn hatte sich schon bei dem Tode
ihres Gemahls i. J. 1123 bethätigt, wo sie die eben begonnene
ll Stiftung des Klosters Gerode im Eichsfelde durch Schenkungen
so bereicherte, dafs der Bau der Kirche 1137 beendet werden
konnte l). Der jähe Tod ihres ältesten Sohnes Udo, welcher
am 13. März 1130 bei Aschersleben von den Mannen Albrechts
des Bären erschlagen wurde, bot sodann neue Veranlassung um
mittelst frommer Stiftungen zum Seelenheile ihres Sohnes b.eizu-
tragen. Von ihrer Seite wurde deshalb das Kloster St. Georg
bei Stade gegründet und 1132 mit Prämonstratenser-Mönchen,
welche aus dem Kloster Gottesgnade bei Halle kamen, besetzt 2).
Andere Schenkungen wurden dem Kloster Neuwei’k bei Halle
und dem 1134 gestifteten Kloster Xeumünster in Holstein, so
wie den erzbischöflichen Kirchen zu Mainz und Magdeburg zu
Theil 3). Aber noch schwerer wurde Frau Richardis geprüft,
da am 13. März 1144 ihr zweiter Solin Rudolf auf einem Zuge
gegen die Dithmai’schen getödtet wurde, und mit ihmjede Aus-
sicht auf Fortpflanzung des altberühmten Grafenhauses erlosch,
da der dritte, noch lebende Sohn dem geistlichen Stande sicli
gewidmet hatte. Auch weigerte sich dieser, der früher Domherr
zu Magdeburg und eben damals Propst der Metropolitankirche
zu Bremen geworden war, seinem geistlichen Berufe zu entsagen
und so wurden die noch imrner bedeutenden Allodial-Besitzun-
gen von Xeuem zu kirchlichen Stiftungen verwendet ocler älteren
Stiftern geschenkt. Im Laufe des Jahres 1144 wurden daher
von Frau Richardis und ihrem Sohne diejenigen Besitzungen,
welche auf dem rechten. Ufer der Elbe zwischen Havelberg und
Genthin belegen waren, dem Bischofe Anselm von Havelberg
mit dem Auftrage übergeben, zum Seelenheile cles getödteten
Grafen Rudolf eine klösterliche Stiftuns; des' Prämonstratenser-
Ordens zu gründen 4). Anselm, weleher als treuer.Freund und
Schüler des berühmten Stifters des Prämonstratenser - Ordens
Norbert, diesem nach Magdeburg gefolgt war und 1130 von
ihm die bischöfliche Weihe empfangen hatte, ergriff die darge-
botene Gelegenheit zur Ausbreitung des strengen aber hochver-
ehrten Ordens in seiner Diöcese helfen zu können, mit Freude ’)•
Auch gelang es seinem Eifer die neue Stiftung noch bis zuin
Schlusse des Jahres 1144 bei dem Orte Jerichow, dessen schon
bestehende Pfarrkirche vorläufig als Klosterkirche dienen mufste,
einzurichten. Der neue Konvent wurde von Mönchen gebildet,
die dem durch Norbert 1129 reformirten KIosteralU. L. Frauen
- zu Magdeburg entnommen wurden.

Die Ansiedelung und erste Einrichtung des neuen Stiftes
war mit Gefahr verbunden, denn die Gebiete jenseits der Elbe
zwischen Havelberg und Brandenburg waren noch immer von
feindlichen Einfällen bedroht. Anselm selbst hatte es bereits er-
fahren, dafs die Wirksamkeit, welche er unter dem Schutze des
Iiönigs Lothar nach der Eroberung von Havelberg im J. 1131
daselbst zu entfalten begonnen hatte, vernichtet worden war, als
im J. 1136 die Söhne des slavischen Fürsten Wirikind während
seiner Abwesenheit Havelberg erobert und die so eben erbaute
christliche Ivirche zerstört hatten 6). Obgleich Albrecht der Bär
dureh energische Streifzüge die empörten Slaven demüthigte und
Havelberg schon 1137 zurückeroberte 7), ja im J. 1142 durch
die Besitzergreifung Brändenburgs einen neuen Stützpunkt zur
Christianisirung des Landes gewann, so blieben die kirchlichen
Verhältnisse doch noch so unsicher, dafs Anselm sich mehrere
Jahre hindurch in Italien oder in Deutschland theils als Ge-
saridter, theils als Gesellschafter des Königs aufhielt und erst
im J. 1144 in seine Diöces zurücldcehrte. Die nächste Sorge,

Ratimer, Reg. ?89 n. 912. Die Klosterkirche zu Gerode ist im Bauernkriegö
1525 zerstort und nach vielen Schicksalen kurz vor 1800 neu erbaut worden.

2) XJrk. d. Erzb. Adälbero von Brcmen, bei Raumer, Reg. 913.

3) Raumer, Reg. 870 u. 876.

4) . Riedel, Cod. dipl. III, 79.

“) Vergl. iiber Anselm v. Havelberg, die ti'effliche Abhandlung von Riedel i' 1
v. Ledeburs N. Archiv VIII, S. 97 ff. u. Spieker, Leben u. Wirken des Bischofs An-
selm von Havelberg. :

6) Annalistci Saxo in Pertz, Monum. VI, 543.

7) Riedel, in v. Ledebur’s N. Archiv VIII. S. 133 Note 54.
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