Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 37
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^velclie ihn hier beschäftigte, war clie Förderung des Neubaues
seiner Kathedrale und die Einrichtung des Klosters Jerichow.

Den Kathedralbau hatte er sicherlich schon 1131 gleich
llach der Eroberung durch König Lothar begonnen, war dann
dlll’ch gesandschaftliche Aufträge verhindert worden ihn kräftig
Zu fördern und fand denselben 1136 zerstört. Wenn auch schon
Ho8 seinerseits Anstalten getroffen wurden, den halbzerstörten
au wieder aufzunehmen, so bedurfte es doch seiner persönli-
chen Anwesenheit um das umfangreiche Werk wieder energisch
Zu betreiben. Doch wurde die Thätigkeit, welche Anselm für
lesen Zweck entwickelte, durch die unsichere pohtische Lage
Ul'h noch mehr durch die furchtbare Entvölkerung zu welcher
^ as ^and durch die blutigen Kriege und Auswanderungen ge-
°Qrinen war, wesentlich beeinträchtigt, so dafs die vorläufige
ei‘stellung des Domes 1149, die Einrichtung eines Domkapitels
zu Stande kamen und die feierliche Einweihung erst 15 Jahre
uach seinem Tode, 1170 stattfinden konnte.

Besser gedieh das Stift Jericliow, von welchem Erzbischof

^iedrich von Magdeburg die Vogtei an den Markgrafen Al-
lecht und dessen Sohn Otto, das Recht der Investitur aber dem

Fri

b:

ls°hof Anselm übertrug. Bald nacli Erledigung der nothwen-
■^ten Diöcesan-Geschäfte verliefs Anselm seinen Sitz, um sich
ai1 das Hoflager des Königs Conrad zu begeben. Mit demselben
^ ei’Weilte er zu Ende des Jahres 1145 in verschiedenen Gegen-
eu Deutschlands, besonders aber am Niederrhein und in Hol-
ud, wahrscheinlich, um mit Wissen und Willen des Markgrafen
3l’ echt die einleitenden Schritte zur Uebersiedelung holländi-
S<dler und flämischer Kolonisten in die Mark zu thun.
q Niederländische Kolonisten, welche meistentheils in solchen
e§ enden niedergesetzt wurden, wo entweder Moor- und Bruch-
^genden kultivirt werden sollten oder wo es galt, bereits in
r genommene Landstrecken durch zweckmäfsige Wasser-

Kultu

b

aUten zu schützen, waren vor nicht langer Zeit zuerst im Erz-
Ulstbum Bremen angesiedelt worden und hatten daselbst in kurzer
die Kultur des Landes in überraschender Weise gehoben.
lese erste Ansiedelung, welche aus der Gegend von Utrecht
^ tammte, war 1106 durch den Erzbischof Friedrich zu Horn bei
lemen gegründet worden. Ihr war 1132 durch den Erzbischof
^ albert eine zweite gefolgt, welclie mit Einwilligung Albrechts
^ es Bären und der Herzogin Gertrud, Mutter Heinrichs des
°Wen, das linke' Weserufer besetzte und die marschmoorigen
^ e§ enden daselbst in Kultur nahm. Noch etwas. früher waren
I lller holländische Kolonieen von Vicelin, dem rühmlichst be-
^Unten Förderer des Christenthums in Holstein und Stifter von
(-Umünster, in der Gegend von Itzehoe, Elmshorn und anderen
Uukten angesiedelt worden, zu deren Einführung und Unter-
zung besonders Frau Richardis von Stade in Uebereinstim-
Ug mit ihrem damals noch lebenden Sohne Grafen Rudolf
erithch durch Schenkungen beigetragen hatte. Diese aller-
’Wohl nicht sehr zahlreichen Ansiedelungen hatten wahr-
eilmch zwischen 1139 und 1142 stattgefunden und waren
J gut fortgekommen. Einen ungleich gröfseren Aufschwung
Vq Ui die Kolonisationsthätigkeit, welche sodann Graf Adolf II.

11 Holstein 1142 oder 1143 vermittelte. Unter seiner Leitung
^ en nicht nur Holländer, Seeländer und Friesen, sondern auch
^alen in dem entvölkerten LandeWagrien angesiedelt. Diese
lllen bevölkerten die Landschaften, kultivirten die Felder
1Uan' DaUteu Kirchen und Häuser und hätten zur völligen Ger-
vjj. 1Sll’ Urig des Landes noch mehr beigetragen, wenn nicht der
2 lc^ e Einbruch des slavischen Fürsten Niclot 1147 den er-
^ufschwung durch völlige Vernichtung einzelner Kolonien
b6ileiumt hätte.

bj , ^ le sparsam aber diese Kolonien in den weiten Länderge-
en des nordöstlichen Deutschlands auch nocli vorhanden wa-
Uncl wie langsam ihre innere Entwickelung vor sich gehen
e) in keinem Falle konrite ihr Nutzen und Einflufs auf die

ei§t das gediegene Werk: Niederliindische Kolonien im nördlichen Teutschland

^en

Ul°chti

von

A.

v' Wersebe. S. 27, 174, 216, 289, 406, 441, 637, 884.

Kultivirung neu eroberter Länder so thätigen und staatsklugen
Männern wie Markgraf Albrecht und Anselm von Havelberg es
waren, ent.gehen. Da nun in den Gebieten Albrechts Gevenden
vorhanden waren, welche nur durch Einführung der holländi-
schen Bewirthschaftungs-Methode in Kultur genommen oder
durch zweckmäfsig angelegte Wasserbauten vor Ueberschwem-
mungen geschützt werden konnten, so richtete sich sein Haupt-
augenmerk darauf, holländische und flämische Ansiedler anzu-
werben. Die Lokale, welche zuerst ins Auge gefafst wurden,
waren an dem linken Elbufer die ausgedehnte Sumpfgegend zwi-
schen Seehausen 1) und Werben, welche seit alter Zeit den Namen
Wische führte und auf dem rechten Elbufer die Umgegend von
Jerichow. Dafs das letztere Lokal ebenfalls der neuen Wohl-
thaten der Kolonisation sich zu erfreuen hatte, darf der Ver-
mittelung eines Mitstifters des Klosters, des Iiartwig von Stade
zugeschrieben werden, welclier wie oben erwähnt seit 1144 Dom-
propst in Bremen war und den Werth der Kolonien in nächster
Nähe kennen gelernt hatte. Auch ist wohl anzunehmen, dafs
Evermodus ein Niederländer und Schüler Norberts (damals noch
Propst von U. L. Frauen-Kloster zu Magdeburg, später Bi-
sehof von Ratzeburg) die alten Familienverbindungen, welche er
zu Oambray besafs, gewifs im Interesse des geliebten Tochter-
klosters Jerichow bereitwillig zur Verfügung stellte. Kurz es
ist mehr als wahrscheinlich, dafs die beabsichtigte Kolonisation
der Altmark auf beiden Elbufern durch Albreclit den Bären an-
geregt, durch Hartwig von Stade und Evennodus vermittelt und
während des Winters von 1145 zu 1146 durch Bischof Anselm
von Havelberg während seiner Anwesenheit am Niederrhein und
in Holland eingeleitet wurde. Im Laufe d. J. 1146 kehrte An-
selm nach Magdeburg 2) zurück, und vermehrte die Besitzungen
des Klosters Jerichow dadurch, dafs er von der Ausstattung sei-
nes Bisthums das Schlofs „Marienburg“, welches auch Kobelitz
genannt wurde, dem Stifte vereignete 3). Ob nun während der
Anwesenheit Anselms in seinem Sprengel die ersten Kolonisten
nach der Altmark kamen, ist nicht mit Sicherheit zu erweisen,
darf aber angenommen werden. Gegen Ende des Jahres 1146
war Ansehn wieder an den Hof des Königs Conrad zurückge-
kelirt und hatte dort mit andern den Eindruck der überwälti-
genden, Alles mit sich fortreifsenden Persönlichkeit des heiligen
Bernhard, welcher nach Deutschland gekommen war, das Kreuz
gegen die Ungläubigen zu predigen, auch an sich erfahren. Wie
aber König Conrad den Kreuzzug in das heilige Land gelobt
hatte, so waren die sächsischen Fürsten einig geworden, einen
gleichen heiligen Krieg in die heidnischen Slavenländer zu unter-
nehmen. Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär standen an
der Spitze der beiden Heere, deren eines, von Albrecht geführt
in der Gegend von Havelberg sich sammelte. Dem Letzteren
hatten sich der Erzbischof von Magdeburg, der Abt Wibald von
Corvey, auch Bischof Anselm von Havelberg angeschlossen.
Leider entsprach der Erfolg nicht den Erwartungen, denn schon
in wenigen Wochen wurde der mit so grofsen Kräften unter-
nommene Feldzug durch den hartnäckigen Widerstand der Sla-
ven, sowie durch die Unzufriedenheit und Uneinigkeit der Deut-
schen beendigt, ohne ein anderes Resultat zu liefern, als dafs
die eingeschüchterten Feinde die äufsersten Grenzpunkte des
deutschen Reiches wie Havelberg und Brandenburg weniger be-
unruhigten. Schon im September war Ansehn nach Havelberg
zurückgekehrt, um sicli dort mehrere Jahre lang der so noth-
wendigen kirchlichen Entwickelung seiner Diöces zu widmen.
Wie ihn aber die Sorge um Befestigung des Christentliums durch
Einrichtung von Pfarreien und Anstellung von Geistlichen nach
der einen Seite hin beschäftigte, so verlor er die eingeleitete
Kolonisation zur Bevölkerung der grofsen, dem Bisthum ange-
hörigen fast ganz unbewohnten Landstrecken auf der andern
Seite nicht aus den Augen. Doch wären seine Bestrebungen

*) Vergl. die wichtige Stelle des ICörner bei ßiedel. Cod. dipl. VI, 338.

2) Eaumer, Reg. lÖ86 u. Jaffe Gesch. Conrad III. Itinerarien S. 279.

3) ßiedel, a. a. 0. III, 80.

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