Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 41
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reihe von Säulen zweischiffig geordnet und mit scharfgratigen
Kre.uzgewölben auf rechteckigen Gurtbögen bedeckt worden.
^nter dem Hauptchor korrespondireia die.Wandsäulen, theils frei
v°i'tretend, theils eingebunden mit den Mittelsäulen. Alle diese
Säulen zeigen verjüngte Schäfte, Basen mit Eckhülsen oder Eck-
klättern und romanische Blattkapitelle von etwas schwerer Zeich-
üung aber sicherer Technik. Vergl. Bl. XXII, Fig.7. Die östlichste
^ er Mittelsäulen besitzt einen geschliffenen und trefflich polirten
gi’auen Granitschaft, welcher höchst wahrscheinlich aus Magde-

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hurp'

stammt und nebst andern dort im Provinzialarchive, sowie

B

111 den Kreuzgängen des Liebfrauen-Klosters vorhandenen Schäf-
ten von gleichem Material und ähnlichen Abmessungen zu den
ragmenten gehört, welche von dem alten Dome Otto’s des
iofsen in den 1207 begonnenen Neubau herüber gerettet aber
später doch nicht angewendet wurderi. Diese Vermuthung ist
tüu so wahrscheinlicher als die Kunstformen der Krypta zu Je-
tichow, welche zwar entschieden strenger gebildet sind als die
er Krypta des Domes zu Brandenburg von 1235, doch schwer-
°ü vor 1208, eher etwas später gearbeitet sein werden, so dafs
Gr uach 1208 verschenkte Schaft in dem Kryptenbau zu Jeri-
l0w sehr gut benutzt werden und die ausgezeichnetste Stellung
dicht an den Fenstern erhalten konnte. Von
Interesse ist die Verwendung einer mensch-
lichen Figur als Konsolträger, welche in der
südöstlichen Ecke zwischen Absis und Kryp-
tenchorraum angeordnet ist und der S. 13
mitgetheilten-aber kleineren Thonskulptur zu
Brandenburg entspricht. Uebrigens ist leicht
zu ersehen, dafs die. sonstigen Details in der
Krypta, wie z. B. die Kämpfer der südlichen
Kreuzschiffsbogen, welche der Holzschnitt
mittheilt, absichtlich in dem alterthümlichen Cha-
rakter, welcher die Schiffssäulen urid einzelne Käm-
pfer besonders zwischen den Kreuzflügeln und Sei-
tenschiffen auszeichnet, hergestellt worden sind,
11111 die Einheit des Bau-es möglichst festzuhalten.

Von den beiden Nebenchören ist der nördlich belegene mit
e'riem Tonnengewölbe bedeckt, der südliche aber mittelst einer
•uri gotliischen Kreuzffewöiben ruhenden Zwischendecke in zwei
ieiie getheilt worden. Die Kreuzgewölbe des unteren Raumes
iT ruhen auf ziemlich gut gezeichneten bh'nenförmig profilirten
VT Dippen, welche weder durch Schlufssteine noch Schlufsringe
111 der Mitte gefestigt sind, sondern mit den Rippen stumpf
risamrnenstofsen. Das obere Geschofs besitzt ebenfalls ein rundbo-
§'§ es fonnengewölbe als Decke. Die im Zwischenbau der Thürme
^§ e^ egte auf einer Säule ruhende Empore ist modernen Ursprungs,
^ eriso wie die niedrigen Schränken, welche den Chor nach der
eite cles Langhauses und der Querschiffe begrenzen.

^die äufsere Erscheinung der Klosterkh'che giebt trotz der
^ ei schiedenen Bauzeiten, welche die jetzige Gestalt herstellten,
Uild einer ernsten, einheitlichen und künstlerisch vollendeten
ge. Es ist diese Kirche eins der wenigen Bauwerke,
^ ^elchem nur das Xothwendige, aber sowold in Hinsicht auf
° lrri wie Material in gföfster Vollendung erscheint. Zu der’
^°ihandenen Harmonie der Kirche. trägt vor allem die völlig im
eiste cles alten Baues entworfene und durchgeführte Westfront
n'^ hen Thürmen bei, welche von einem sehr begabten Bau-
^ Gster herrühren mufs und das Ergebnifs eines tiefen Studiums
1 rihromanischen Backsteinbauten gewesen ist ■).

h>er wesentliche Schmuck der Fa^aden besteht in breiten,
Gchteckigen, schwach vorspringenden Ecklissenen, welche dürch
^schlungene Bogenfriese mit darüber geordneten einfachen oder
°Ppelten Sägefriesen mit einander verbunden werden. So ge-
. e^ ei'scheinen die Hauptgesimse. des Mittelschiffs, .der Kreuz-
J >e und Nebenchöre. Nur das nördliche Seitenschiff hat durch

i) E- .

derri ^ me PMspektivische, sehr treue Darstellung von Nordosten gesehen findet sicli in
haft . ' eils er«’ähnten Werke von Strack u. Meyerheim Bl. 20 und weniger gewissen-
11 Essenwein, Backsteinbau Bl. 1, Fig. 3.

Eleganz

hergestellt

Herstellung dieser

Lissenen eine wiederkehrendeWandtheilung erhalten, welche aber
wiederum der inneren Arkadenstellung nicht völlig entspricht.
Dagegen ist das Hauptgesims der Seitenschiffe Bl. XXII, Fig. 12
schlichter mit den einfachen Bogenfriesen gebildet, wobei hervor-
gehoben werden mufs, dafs die hölzernen Konsolen welche die
Deckbretter tragen, moderne Ergänzung sind. Den reichsten
Schmuck hat die Hauptabsis empfangen, welcher sich nicht nur
in den bereits oben mito-etheilten Fenstern, sondern auch in dem
Hauptgesimse Bl. XXII, Fig. 10 so wie in de.n beiden kräftigen,
an den Ecken abgeschrägten Wandlissenen, welche die Plinthe
mit dem Bogenfriese verbinden, ausspricht. Besonders eigen-
thümlich ist die Thatsache, dafs diese Lissenen kapitellartig mit
Thiermasken geschmückt sind, deren in Sand-
stein gemeifselte Arbeit völlig mit der Behand-
lung der Krypta-Kapitelle übereinstimmt. Der
Holzschnitt giebt von dieser Bildung eine Dar-
stellung. Auch erscheinen an den Konsolen des
Bogenfrieses hin und wieder, aber sehr spar-
sam die in Backstein gemeifselten menschlichen
Köpfe, welche nicht ohne
wiederum auf die spätere
Hauptabsis hinweisen.

Von ebenso klarer Durchbildung wie die übri-
gen Fa<yaden, aber in vorgeschrittneren Formen erscheint die
Westfront mit den beiden viefeckigen Thürmen Bl. XXI. Zu-
nächst macht sich ein alterthümliches Element darin geltend, dafs
der zwischen den Thürmen belegene Mittelbau vor der Flucht
derselben entschieden hervortritt, eine Anordnung, welche auch
die viel ältere, noch mit runden Thürmen gebildete Westfront
der Liebfrauenkirche zu Magdeburg darstellt '). Auch sind die
in den übrigen Fapaden auftretenden Detailformen in Ecklissenen,
durchschlungenen Bogenfriesen und Stromschichten gewifs mit
Rücksicht auf die zu erstrebende Harmonie des ganzen Bau-
werkes in den unteren Geschossen beibehalten. Erst in dem
letzten Stockwerk des Mittelbaues und in den beiden letzten Ge-
schossen der Thürme treten neue Struktur- und Kunstformen
auf, welche sich in den spitzkleeblattartigen Bogenfriesen Bl. XXII,
Fig. 11 und den gekuppelten, von einem Spitzbogen umrahmten
Fenstern aussprechen. Iiiermit völlig übereinstimmend ist auch
die grofse über dem IJauptportal befindliche spitzbogige Fenster-
gruppe so gegliedert worden, dafs das abgestufte Gewände mit
kräftigön, abwechselnd roth und schwarz glasirten Rundstäben
ausgestattet ist, welche alle drei Fenster umrahmen und den
grofsen Umschliefsungsbogen begleiten. Bei der geringen Breite
der mittleren Fensterpfeiler und bei der kräftigen Profilirung
giebt diese Gruppe ein sehr anschauliches Bild von dem Bestre-
ben des Backsteinbaues, die vorhandenen Detailformen des Ueber-
gangsstyles konstructiv nachzuahmen. Auch die trefflich ge-
zeichnete altgothische Blendrose über der Fenstergruppe liefert
für diese Anschauung ein belehrendes Beispiel, wobei bemerkt
werden mufs, dafs die reichen Rosenbildungen der spätgothischen
Kunstepoche über diese Gliedei’ung wohl im Maafsstabe, aber
nicht in der Komposition hinausgegangeü sind.

Das rundbogige Hauptportal gehört mit seiner reichen Glie-
derung und zierlichen Detailbildung nicht der alten abgebrochenen
Westfront, sondern der Bauzeit der Thurmfa^ade an und ist be-
sonders dadurch ausgezeichnet,. dafs über demselben drei kleine
Relieffiguren in Nischen sitzend nnd in glasirtem Thon herge-
stellt, angeordnet sind. Das mittlere Figürchen stellt unzweifel-
haft die Jungfrau Maria mit dem Kinde dar, während in der
einen der beiden Bischofsgestalten der Mitpatron der Kirche St.
Nikolaus erkannt werden kann. Vermuthlich ist das dritte Re-
liefbild für St. Godehard anzusprechen, welchem der Prämon-
stratenserorden eine besondere Verehrung zollte 2).

') Es ist bemerkenswerth, dafs die Westfa^ade des Domes zu Stendal diese ältere Ke-
miniscenz bereits vermieden hat.

2) Dafs nicht Erzbischof Norbert, wie man vermuthet hat, in der dritten Figur darge-
stellt worden ist, ergiebt sich aus dcr Thatsache, dafs die Kanonisation desselben erst in
das XVI. Jahrhundert fällt.

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