Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 42
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Die jetzt vorhanclenen hohen, aber kräftig gebildeten Spitzen
sind nicht als die ursprüngliche Beendigung der Thürme zu be-
trachten, sondern gehören frühestens der Mitte des XV. Jahrh.
an, wo derartige Thurmspitzen besonders häufig angeordnet wur-
den. Die im Sinne der W estfac,ade zu denkenden Thurmbildungen
werden keine andere Gestalt besessen haben, wie die gleicher
Bauepoche angehörenden und sehr verwandten Thürme der St.
Marienkirche auf dem Harlunger Berge vor Brandenburg. Vergl.
Bl. I, Fig. 1—4.

Die Klostergebäude, im Süden der Kirche belegen und in
zwei Stockwerken die drei Flügel des Kreuzganges begleitend,
rühren zum gröfseren Theile aus dem XII. Jahrh. her, haben
aber durch eine sehr umfassende, erweiternde und verschönernde
Bauthätigkeit im Laufe der ersten Idälfte des XIII. Jahrh. wesent-
liche Veränderungen erlitten. Sie sind vor allem ausgezeichnet
durch einen seltenen Reichthum von Sandsteinarbeiten, welche
den Schmuck von mehreren Portalen, Fenstern und Säulen bilden
und theilweis zu dem Ausgezeichnetsten gehören, was deutsche
Kunst jemals in spätromanischen Kunstformen geschaffen hat.
Die vorhandenen beiden Portale mit spiralförmig umkleideten,
gebänderten oder zickzackartig belegten Säulen nebst Ranken-
kapitellen und steinernem Tympanon erinnern lebhaft an die
Portale der Kirche St. Bartholomäus zu Zerbst und St. Peter zu
Wörlitz, welche beide sicher dem Anfang des XIII. Jahrh. ange-
hören. Doch sind die Portale zu Jerichow, besonders das zur
Marien-Magdalenen-Kapehe führende im Ostflügel des Kreuzgan-
ges viel edler in der Zeichnung und gediegener in der Technik,
so dafs eine etwas spätere Bauzeit bis etwa 1230 hier angenommen
werden darf. Xoch schöner und hochvollendet erscheinen die
Kapitelle der Säulen, welche die Kreuzgewölbe des an der Süd-
seite des Kreuzganges belegenen Kapitel - Saales stützen.4) Sie
können nur mit den zwei schönsten Kapitellen in dem östlichsten
Theile der Krypta cles Domes zu Naumburg verglichen werden,
welche neben den bekannten Details zu Brauweiler wohl als der
Gipfelpunkt romanischer Detailarbeit in Deutschland betrachtet
werden müssen. Neben diesen trefflichen Sandsteinarbeiten
tritt der Backsteinbau in den Klostergebäuden völlig zurück, zu-
mal die früher [vorhanden gewesenen Rosen in den Kreuzgangs-
öffnungen erst vor etwa dreifsig Jahren zerstört worden sind 2).
Xur im Südflügel des Kreuzganges finden sich Backsteinsäulen
von ähnlichen Verhältnissen und Details wie im Langhause cler
Kirche, aber nicht mehr wie ehemals freistehend,. sondern ein-
gemauert, so clafs es schwer ist, die frühere Anordnung uncl
Beziehung zu erkennen. Endlich hat clas Encle des XV. Jahrh.
einige Spuren hinterlassen, welche sich in der Südwestecke des
Kreuzganges in einer flachbogigen Thür kundgeben, die von einem
dicken Rundstabe in der Form eines gedrehten Taues umrahmt
wircl.

Die wenigen in der Klosterkirche vorhandenen Grabsteine
und Epitaphien von 1303 und 1370 etc. haben einen mehr histo-
rischen als künstlerischen Werth.

Technisches.

Der Bau cler Klosterkirche ist überall an den älteren Theilen
in der gröfsten technischen Vollendung ausgeführt, welche der
Backsteinbau jemals erreicht hat. Schon die Westfa^ade tritt in
Bezug auf clie technische Herstellung trotz cler trefflichen Maurer-
arbeit an den Thurm-Ecken und Gesimsen entschieden gegen die
Ausführung cles Langhauses uncl Querschiffes zurück. Doch mufs
andrerseits bemerkt werden, dafs die erneuerte Hauptabsis eben-
falls auf der höchsten Stufe technischer Vollendung steht. Dieser
meisterhaften Technik und dem auf das Sorgfältigste hergestellten
Material ist die fast einzig dastehencle Erhaltung des Bauwerkes

') Ea ist auf das Aeufserstc zu bcklagen, dafs diese so vorziiglichen Kunstformen,
welche fiir die sämmtlichen baltischen Länder als Unica dastehen, vor ganz kurzer Zeit
zum grofstcn Theil mit tief schwarzer Farbe angestrichen und dadurch jeder künstlerischen
Wirlcung beraubt worden sind.

2) Minutoli, a. a. 0. S. 13.

zuzuschreiben welches nirgends wesentliche Beschädigungen oder
Zerstörung seiner Strukturformen zeigt 1).

Die älteren und wesentlichsten Theile der Kirche ruhen auf
einem Fundament von dunkelgrauem, in kleinen Stücken bruch-
steinartig verwendeten Sandstein, der aus Plötzke bei Gommern
stammt und an vielen mittelalterlichen Bauwerken zu Magdeburg,
Wollmirstädt, u. a. 0. im XII. Jahrh. zur Verwendung gekommen
ist. Die Backsteinformate sind von verschiedener Gröfse. Die
Abmessungen derselben betragen an der Hauptabsis 10| Zoll,
5i Zoll und 3 — 3| Zoll; am nördlichen Kreuzschiff 10f Zoll, 5 1 Zoll
und 3i Zoll, an der Westfa^ade ll 1—111 Zoll, 5i—5 1 Zoll und
3i Zoll. Die kleineren Steine sind besser gemischt und schärfer
gebrannt als die späteren gröfseren. Auch besitzen die älteren
Theile sehr viel kleinere Stofsfugen als die jüngeren. In den
Kreuzflügeln haben die Stofsfugen eine durchsschnittliche Stärke
von | Zoll, an der Hauptabsis erscheinen sogar mehrfach )— 1
zöllige Fugen, während die Thurmfacade mehr als | Zoll starke
Stofs- wie Lagerfugen besitzt. Mit. dieser sorgfältigen Technik
stimmt es auch, dafs der Mörtel in den älteren Bautheilen be-
deutend fester ist und die Fugen glatter und sauberer abgestri-
chen sind als dies an den jüngeren Resten wahrnehmbar ist.

Der Steinverband ist der wendische und ziemlich streng
beobachtet, nur in den Säulen ist derselbe nicht regelmäfsig fest-
gehalten. Nichtsdestoweniger mufs die Technik des Inneren noch
immer ausgezeichnet genannt werden Die Wölbungen womit
der Kreuzgang bedeckt ist, sind in guter Arbeit scharfgratig
hergestellt und ebenso wie die Gewölbe cles Kapitelsaales nicht
auf den Schwalbenschwanz sondern reihenartig parallel mit den
Schildflächen gemauert. Die iiber dem Kapitelsaale ruhenden
Kreuzgewölbe, ilber clen Säulen schlank emporsteigend, besitzen
zwar rechteekige 1 Stein starke rundbogige Gurte, doch sincl diese
ohneVerband zu halten, nur untergelegt. Die ursprünglich
gelbrothen Backsteine sind im Laufe von sieben Jahrhunderten
violettgrau geworden uncl geben dem Aeufseren eine wunderbar
schöne, ernste und kräftige Farbe.

Resultat.

Auf Gruncl der analytischeri Untersuchung und mit Bezug
auf clie historische Begritndung mufs der Kernbau der Ivloster-
kirche und ein grofser Theil der Klostergebäucle zu Jerichow
als cler von 1149 bis ca. 1159 ausgeführte Bau betrachtet werclen,
welcher als der älteste und technisch vollendetste Backstein-
bau in dem nordöstlichen Deutschlancl ein besonderes Interesse
erweckt. Von grofsem Werthe für die Architekturgeschichte
würde der Nachweis des Baumeisters gewesen sein, welcher eine
neue Technik so erfolgreich und so mustergültig auf die ihm
gestellte Aufgabe anwendete. Leider ist in keinem urkuncllichen
ocler chronistischen Zeugnifs etwas Näheres über den Bau oder
den Baumeistei' selbst mitgetheilt, doch ist es möglich, dafs ein
Geistlicher des Klosters, der spätere Propst Isfried, ein sehr
begabter und gebildeter Mann und Freund der hoehgestelltesten
Personen, der Baumeister gewesen ist und als solcher betrachtet
werden kann 2).

Mit dem Anfange des XIII. Jahrh. erscheint sodann eine
zweite, mehrjährige, erweiternde und verschönernde Bauthätigkeit,
welche die Krypta herstellt, die Hauptabsis erneuert und die
beiden Xebenchöre hinzufügt. Da diese Bauthätigkeit noch sehr
mäfsigen Gebrauch von Sandsteinarbeiten macht und die Details
cler Kunstformen noch etwas strenges, befangenes zeigen, darf
man dieselbe etwa von 1200—1210 stellen. Daran schliefst sich
sehr eng der Um- und Erweiterungsbau der Klostergebäude und
des Kreuzganges, welcher mit besonderer Vorliebe für Sandstein-
skulpturen, den Backsteinbau vernachlässigt, aber dafür die edel-
sten Kunstformen des Werksteinbaues hervorruft, die wegen ihrer

') Uebcr die stattgefundene ßestauration darf man insofern begründete Klage führen,
als dieselbe sich nicht gescheut hat, die altehrwürdige Farbe der Backsteine durch Abreiben
an viclen Stellen gewissermafsen aufzufrischen.

2) Vergl. liierzu IX. Klosterkirche zu Diesdorf, Historisches.
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