Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

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'öehrfache Kriege und Ueberschwemmungen hatten gegen den
cWufs des Jahrhunderts den Reichthum des Stifts so beein-

k !gt, dafs statt 80 nur noch 20 Nonnen verpflegt werden
° rinten, worüber eine Urkunde des Pabstes UrbanVI. vom Jahre
handelt, die zugleich das Patronat der Pfarrkirche zu Oster-
Urg an das Stift überträgt 1). Einzelne Schenkungen begü-
terter Geschlechter finden sich noch im XV. Jahrhundert; unter
^nderen die Schenkung von 40 Mark Lübisch zur Stiftung einer
eefenmesse, welche Heinrich v. d. Schulenburg vereignet.

Uie weiteren Schicksale des Klosters sind unbekannt; nur
ar kurz vor Eintritt der Reformation eine Reparatur des Kir-
l'hengebäudes stattgefuriden, wovon eine durch Beckmann auf-
eWahrte Inschrift an der Tluirmwand Zeugnifs gab. Dieselbe
laritete:

Renovata haec Aedes Temp. Pap. 1527 post Temp. Refor-
mat. 1591. Tert. Anno 1707.

Die Wetterfahne des Thurmes enthält die Buchstaben F. B.M.
Uu<t die Jahreszahl 1598. — Das Kloster wurde 1540 eingezo-
e<u> die Klostergebäude verfielen und sind im Laufe dieses Jahr-
nderts abgebrochen worden. Die Klosterkirche ist aber nocb
® ut erhalten.

pj . ^ le auf Bl.XXV dargestellte, in den Abmessungen auffallend
^eine romanische Klosterkirche ist in Form einer dreischiffigen

asfiika, deren Mittelschiffs-Arkaden ursprünglich den Wechsel
°ri Pfeper

mit Säulen zeigten, erbaut. Ein Querhaus ist äufser-
Ulcht charakterisirt, im Innern aber durch das Aufhören der

^ echselnden Stützenstellung, sowie durch die ürsprüngliche Ab-
eririring der Seitenschiffe von der östlichen Verlängerung an-
p 6 eritet. Das Mittelschiff tritt chorartig über die Seitenschiffe
jyriaus rind ist mit einer halbkreisförmigen Absis geschlossen.

lrien gleichen Abschlufs besafsen, sicheren Spuren des Funda-
det^ S Zul,olS eJ die verlängerten Seitenschiffe 2). Eine ausgebil-
e dhurmanlage im Westen war nie vorhanden; vermuthlich
b eri die Glocken zwischen starken Wandpfeilern der hoch hin-
bj p erührten Giebelmauer, eine Anordnung, welche mehrfach bei
eineren Dorfkirchen der Altmark vorkommt. Der jetzige Fach-
.. ) vSfhurm ist wahrscheinlich nach 1591 erbaut und 1707 re-
üei Worden. Die Seitenschiffe waren ursprünglich mit Ton-
^jgewölben bedeckt, in welche sowohl von der Fenster- wie
]jcj| a(1en-Seite her Seitenstichkappen einschnitten. Das nörd-
6 ® eitenschiff hat diese Anordnung noch bewahrt, im südli-
® eitenschiff wurde das Tonnengewölbe, sowie zwei der
--.rifi^säulen beseitigt, als man behufs Herstellung einer Nonnen-

S. jgg rieckmann, Beschreibung der Mark Brandenburg. V. Tbeil, 1. Buch, X. Ivap.
2)

laUskn<u 11 0csammt(1‘ sP osi llon lst der Grundrifs von Krewese mit dem der St. Niko-
der q : or ® randenburg sehr verwandt. Noch schlichter und alterthümlicher erscheint
2eitsch;f dlifs der Pfeilerbasilika zu Ammensleben (1129—35). Vergl. v. Quast und Otte,
1 r' cliristl. Archäologie und Kunst II, 72 ft’.

Empore die Südmauer bis fast zur Höhe der Mittelmauer em-
porführte und dieses Seitenschiff mit Kreuzgewölben auf Rippen
überdeckte. Weder das Mittelschiff noch der Ohor waren ur-
sprünglich gewölbt, obschon die Mauerstärke und die geringe
Spannung dies erlaubt haben würde. Doch erkennt man diese
Thatsache deutlich an der Axentheilung aller Oberfenster, welche
mit der der Arkaden genau übereinstimmt. Erst in späterer Zeit
sind das Mittelschiff und Ohorquadrat mit hochbusigen Kreuz-
gewölben, deren Schildbogen noch den Rundbogen zeigen, über-
wölbt worden. Die ursprünglichen, jetzt vermauerten Eingänge
befanden sich auf der West- und Südseite.

So wenig anziehend die eben beschriebene Plananlage der
Kirche erscheint, so sehr interessirt der Bau, wenn man die
struktiven Eigenthümlichkeiten desselben näher betrachtet. Die
ganze Anlage zeigt die seltene und hochalterthümliche Verbin-
dung von Granit- mit Backsteinbau. Alle Aufsen- und In-
nenmauern, Pfeiler und Säulen sind in Granitquaderbau herge-
stellt und mit Rücksicht auf die beabsichtigte Ueberwölbung der
Seitenschiffe von bedeutender Stärke angelegt. Die einzige Kunst-
form, die im Innern erscheint, ist die abgeschrägte Platte, welche
die Kämpfer der Schiffsarkaden und des Ohor- und Absisbogens
bildet Fig. 5. Dagegen sind die Bogenformen selbst in der
schlichtesten Weise künstlerisch zu charakterisiren versucht wor-
den. Alle Bogen des Innern sind aus zwei Bogenschichten her-
gestellt, von denen die untere 5 Zoll hoch aus Backsteinen, die
obere 15 Zoll hoch aus sorgfältig behauenen Granitquadern kon-
struirt worden ist und welche beide, ursprünglich ungeputzt ne-
beneinander stehend, mit den geputzten Wandflächen dem Innern
einen sehr ernsten Charakter verliehen haben müssen.

Auch im Aeufseren, soweit der alte Bau unverletzt geblie-
ben ist, zeigt sich dasselbe Bestreben, den Granitbau mit dem
Backsteinbau zu verbinden. So erscheinen die Fenster der Ober-
mauern und der Hauptabsis mit Backsteinen eingefafst und mit
halbkreisförmigen Backsteinbogen überdeckt. Das doppeltpfor-

tige Westportal, welches der
Holzschnitt darstellt, ist wie-
der wie die inneren Arkaden-
bogen aus zwei Bogenschich-
ten konstruirt, von denen die
untere 5 Zoll hoch aus Back-
steinen, die obere 15 Zoll hoch
aus behauenen Granitquadern
besteht. GleicheStrukturzeigt
ein kreisrundes Fenster über
diesem

Eine reichere Ausstattung
hat die Hauptabsis empfangen Fig. 8. Ueber dem aus gut be-
hauenen Granitquadern aufgeführten Unterbau ruht ein einfacher
Bogenfries, dessen Bogen aber nicht aus geformten Bogensteinen,
sondern aus zugehauenen, horizontal gemauerten Mauersteinen
hergestellt sind. Die mit rohen Masken geschmückten Konsolen
der Bogen, Fig. 1 sind ebenfalls nicht geformt, sondern nach
dem Mauern aus den vorgekragten Steinen in schwachem Relief
herausgemeifselt worden. Alle diese speziell berührten so höchst
charakteristischen Eigenthümlichkeiten lassen keinen Zweifel, dafs
der alte romanische Stiftungsbau aus der Mitte des XII. Jahr-
hunderts noch im Ganzen wohl erhalten ist.

Ueber den Absisfenstern vertreten zwei Stromschichten den
fehlenden Schmuck des Hauptgesimses und unmittelbar darüber
erhebt sich das aus Backsteinen construirte halbkegelförmige Dach
der Absis. Da die Technik dieses Steindaches besser ist, als
diejenige, welche an den eben beschriebenen alten Theilen des
Bauwerkes sichtbar ist, so darf man auf eine etwas spätere Her-
stellung dieses Obertheiles der Absis schliefsen. Sehr wahr-
scheinlich ist das Steindach nach einem der Brände von 1268
oder 1282 in dieser feuersichern Construktion erbaut worden.
In gleiche Zeit dürfte das Bruchstück eines Frieses der nördli-
chen Obermauer zu setzen sein, welches Fig. 2 darstellt. Ob der

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Westportal.
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