Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 46
DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/adler1862bd1/0056
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
46

mit einfachen Fialen geschmückte Ostgiebel etwas später aufge-
führt worden ist als das Absisdach, ist nicht mit völliger Sicher-
heit zu entscheiden, da er mehrfachen Reparaturen ausgesetzt
gewesen ist. Ursprünglich hat er wahrscheinlich die ganz schlichte
Fialenbildung, welche die beiden untern Fialen zeigen, besessen,
und ist erst später, wohl gleichzeitig mit der Ueberwölbung des
Mittelschiffs etwas reicher aber immer noch sehr einfach, aus-
gebildet worden.

Die gut gemauerten Kreuzgewölbe des Mittelschiffs, deren
birnenförmige Rippen auf einfach abgeschrägten Kämpfersteinen
aufsetzen, können sehr wohl der ersten Hälfte des XIV. Jahr-
hunderts angehören, in der das reich dotirte Kloster seine höchste
Blüthe erreichte. Einer noch späteren Bauzeit, dem Ende des
XV. oder dem Anfange des XVI. Jahrhunderts entsprechen so-
dann die oberen Theile des südlichen Seitenschiffs nebst den Ge-
wölben desselben. Die hochbusigen Kreuzgewölbe mit Schlufs-
ringen sind sehr nachlässig und eilig aufgeführt, und zeigen darin
eine sichtbare Verschiedenheit mit den Gewölben des Mittel-
schiffs. Auf der Ost- und Westseite des südlichen Seitenschiifs
befinden sich breite dreitheilige Spitzbogenfenster (Fig. 3, Quer-
durchschnitt), welche mit ihrem rohen Maafswerk ebenso wie
die kleinen einfach abgestuften flachbogigen Oberfenster der oben-
genannten Bauzeit, vielleicht sogar dem Renovationsbau von 1527
angehören. Die Verhältnisse des Innern sind breit und niedrig,
so dafs in Verbindung mit den stämmigen Pfeilern und Säulen
und wuchtigen Bogen ein merkwürdig alterthümlicher Charakter
sichtbar wird, der an die ältesten Bauten in Irland und der Bre-
tagne erinnert, namentlich aber zu den Backsteinbauwerken des-
selben Jahrzehndes in der Mark, wie Jerichow den stärksten Ge-
gensatz bildet.

Der Holzschnitt giebt von der Wirkung des Innern eine
skizzirte Darstellung.

Technisches.

Die grofsen Mauerstärken finden in der Technik des Gra-
nitbaues, sowie in der beabsichtigten Ueberwölbung der Seiten-
schiffe ihre Erklärung. Das Granitmauerwerk ist nicht überall
gleichmäfsig gut und sorgfältig behandelt. An der Absis und
den erhaltenen Theilen der Längsfa^ade findet sich das aus gleich
hohen behauenen Steinen hergestellte sogenannte Bahnen Mauer-
werk, an vielen anderen Stellen erscheint aber verzwicktes Po-
lygonmauerwerk gewöhnlicher Art. Doch zeigt sich der alte
Granitbau durchweg besser und sicherer behandelt als der Back-

steinbau. Es ist sehr wahrscheinlich, dafs dieWerkleute des ersten
Baues mit der alten Werkstein- und Bruchstein-Technik besser
vertraut waren, als mit der des Backsteinbaues, weshalb auch
der letztere nur wie ein dekorativer Schmuck verwendet und
noch ängstlich und unsicher behandelt wurde. Erst der Back-
steinbau der II. und III. Bauzeit zeigt die bessere Technik einer
späteren Zeit. Dahin gehört das gut gemauerte halbe Kegeldach
über der Hauptabsis, welches 1 Stein stark aus schräg gestellten
Schichten construirt ist. Zwar ist der Verband nicht immer
beobachtet, denn unterhalb treten hauptsächlich Strecker, und
nach obenhin hauptsächlich Läufer auf, aber die vortreffliche
Erhaltung dieses Steindaches, spricht für die solide Herstellung
am besten. 15

Von grofser Schlichtheit und doch
vollkommen genügenderWirkung er-
scheinen die kleinen Fialen des Ost-
giebels, deren eine der Holzschnitt
darstellt. Die krabbenartigen Vor-
sprünge sind aus halben Rippenstei-
nen construirt, während die Spitze
von einem umgekehrt aufgestellten
Rippenstein hergestellt ist. Die hoeh-
busigen Kreuzgewölbe des Mittel-
schiffs ruhen auf birnenförmigen Rip-
pen und besitzen einfache Schlufs-
ringe von demselben Profil.

| R e s u 11 a t.

Die Klosterkirche von Krewese zeigt im Grofsen und Gan-
zen den alten Stiftungsbau, welcher 1157 begonnen und mit
Rücksicht auf die oben citirte Bestätigungs-Urkunde Albrechts
des Bären und die Kleinheit der Kirche sehr wohl schon 1160
vollendet sein kann. Trotz der geringen Gröfse gehört aber die
Kirche zu den interessantesten Bauwerken der Mark Branden-
burg. Einmal mufs sie als der älteste Gewölbebau in der
Mark betrachtet werden, andrerseits gewährt sie ein anschauli-
ches Bild von dem Bestreben jener frühsten Zeiten, eine alt-
geübte Bauweise, — die des schweren Granitbaues, — mit einer
neu in das Land übertragenen, — der des Backsteinbaues zu
verschmelzen. Dieses Bestreben hat damals sicherlich viel An-
erkennung gefunden und ist oft wiederholt worden, so z. B. an
den Pfarrkirchen zu Osterburg und Seehausen 2), aber nirgends
|| sind so vollständige und wohlerhaltene Reste dieser besonderen
!| Technik vorhanden, wie zu Krewese. Die Brände des Jahres

|l

1 1268 und 1282, deren oben unter Historisches erwähnt wurde,

haben dem soliden alten Steinbau nur Dach und Decke rauben,
aber nichts Wesentliches zerstören können. Das Steindach der
Absis nebst dem ursprünglich einfacher gestalteten Ostgiebel
können auf eine jener beiden Jahreszahlen, die Ueberwölbung
des Mittelschiffs auf ca. 1350, und die Herstellung des südli-
chen Seitenschiffs nebst Gewölben auf das Jahr 1527 gestellt
werden.

VII. Pfarrkirche zu Kalberwisch.

Unter den Dörfern, welche die Grafen von Osterburg iu
der Xähe ihres Stammsitzes Osterburg besafsen, werden die in
der Wische belegenen Dörfer Kalberwisch und Königsmark als
diejenigen genannt, deren Kirchen 1164 vom Grafen Heinrich
von Osterburg erbaut worden seien. Entzelt, der diese Nach-
richt erhalten hat, fügt hinzu, dafs dieser Graf an ersterem Orte

') Ueberhaupt dürften derartige Steindecken bei absidenartigen Chorschlüssen um so
mehr zu empfehlen sein, als der Anschlufs an die Giebelmauer dadurch völlig dicht o>"
halten werden kann, was bekanntlieh bei Ziegel- oder Schieferdiichern grofse Schwierig'
keiten hat und fast nie genügend erreicht wird.

2) Auch die gleich nach 1170 erbaute Kirche des Dorfes Driisedau bei Osterburg
zeigt in den gekuppelten Schallöffnungen des Thurmes, am Triumphbogen des Chores etc.
ebenfalls Granit- und Backsteinbau so verbunden wie zu Krewese.
loading ...