Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 48
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auf 2 Stein breiten Gurtbogen, welche nicht vom Erdboden em-
porsteigen, sondern mittelst zweimaligen durch vorspringende
Schichten gebildeten Absatzes in 12 resp. 18 Fufs Höhe über
dem Fufsboden beginnen. (Vergl. den Längenschnitt Bl. XXVI,
Fig. 2). Es läfst sich hieraus wie aus anderen Spuren sicher
schliefsen, dafs ursprünglich nur Chor und Querschiff gewölbt
waren und dafs die Ueberwölbung des Mittelschiffs nachträg-
lich, aber spätestens in den ersten Jahren des XII. Jahrhunderts
hinzugefügt worden ist. Die viereckigen Schiffspfeiler sind ganz
einfach gebildet aber mit gut gezeichneten Kämpferkapitellen
ausgestattet. Reicher gebildet sind nur die Vierungspfeiler, vor
deren kreuzförmiger Gliederung kräftige mit Würfelkapitellen und
reichen Basen geschmückte Halbsäulen vortreten. Vergl. die
Durchschnitte auf Bl. XXVI und das Detail dieser Pfeiler Blatt
XXVIII, Fig. 1, welche gegen die entsprechenden Vierungspfeiler
der Klosterkirche zu Diesdorf Bl. XXIX, Fig. 7 u. 9 eine vorge-
schrittene Entwicklung, in den Basen sogar eine zierliche Ele-
ganz bekunden. Im südlichen Seitenschiffe befindet sich die
(jetzt restaurirte) Nonnen-Empore, derentwillen die beiden öst-
lichen Schiffsarkaden in niedrigen, gedrückten Verhältnissen ge-
bildet worden sind, wie dies der Längenschnitt, Fig. 2, zeigt.
Auch die gegenüberliegenden Schiffsarkaden der Nordseite sind
korrespondirend niedrig und gedrückt, aber in etwas abweichen-
den Detailformen hergestellt. Bl. XXVIII, Fig. 3 zeigt den be-
treffenden, kurzen, aber reich ausgestatteten Arkadenpfeiler mit
abgeschrägten Ecken, deren Auflösung nach oben hin durch zier-
liche eingemeifselte Blätter bewirkt wird.

Die sehr einheitliche Beleuchtung der Kirche wird durch
hochangeordnete, mäfsig grofse Fenster bewirkt, von denen die
der Absis im Innern sehr gedrückte Rundbogen zeigen. Die
Verhältnisse des Innern sind trotz der mäfsigen Höhenerhebung
sehr gut zu nennen und geben dem Ganzen einen freieren und
luftigeren Charakter, 1 als dies zu Diesdorf der Fall ist.

Das Aeufsere zeigt grofse Einfachheit und Schlichtheit und
ist darin dem Dome und der St. Nikolauskirche zu Brandenburg
nahe verwandt. Die Westfa^ade, Bl. XXVII, Fig. 2, welche bei
den meisten älteren Kirchen verändert oder nie vollendet wor-
den ist, findet sich hier noch erhalten und verdient deshalb eine
besondere Hervorhebung. Bemerkenswerther als die daran auf-
tretenden schon sehr schlanken Fenster in den Halbgiebeln der
Seitenschiffe, ist die durch einen kräftig hervortretenden gro-
fsen Halbkreisbogen umrahmte Fenstergruppe des Mittelschiffs.
Unter den Fenstergruppen des Backsteinbaues, deren fortschrei-
tend engere Nebeneinanderstellung und schlankere Zeichnung
Schritt für Schritt bis zu den schönen grofsen Westfenstern des

Uebergangsstyles fortführt, ist die hier dargestellte eine der älte-
sten und strengsten'). Von selten voi’kommender Bildung sind
die gekuppelten Fenster im Westgiebel, deren jedes durch eine
Backsteinsäule mit jonisirendem Kapitell in zwei schlanke Schall-
öffnungen getheilt wird. Vgl. Bl. XXVIII, Fig. 2. — Die Ost-
fa^ade, Bl. XXVII Fig. 1, ist in den herkömmlichen Formen des
romanischen Backsteinbaues gebildet und im Ganzen einfach ge-
halten. 2) Von eleganter Zeichnung ist der Bogenfries der Haupt-
absis, BlJXXVIII, Fig. 4, welcher von den bereits mitgetheilten
Friesen zu Jerichow, Brandenburg etc., nicht in der Komposi-
tion, wohl aber in den Verhältnissen erheblich abweicht. Kräf-
tiger sind die Lissenen an der Hauptabsis, welche Bl. XXVIII,
Fig. 6 u. 7 darstellt, gebildet. Die reichste Ausstattung hat die
Front des Südkreuzes, deren Giebel Blendnischen mit Kleeblatt-
bogen, Stabfriese etc. besitzt, durch die Hinzufügung eines statt-
lichen Rundbogenportals empfangen. Dieses Hauptportal Blatt
XXVIII, Fig. 8 von tüchtiger Zeichnung und wohlüberlegter Kon-
struktion ist eine Wiederholung des an gleicher Stelle befindli-
chen Portals zu Diesdorf, und wie jenes gut erhalten.

Diesen im Ganzen wohl erhaltenen Theilen des Stiftungs-
baues sind im Laufe des Mittelalters noch einige Anbauten hin-
zugefügt worden. Dazu gehört der auf der Nordseite belegene
niedrige Kreuzgang, in nüchternen Formen und nachlässiger
Technik erbaut. Die unregelmäfsig geordneten Kreuzgewölbe
—- ruhen auf dicken birnenförmigen Rippen und die zweithei-

ligen Fenster, welche den Gang erleuchten, sind ebenso roh
v gezeichnet wie mittelmäfsig gemauert. Alles spricht hier
für den Schlufs des XV. Jahrhunderts als Bauzeit. Der auf der
Südseite westlich neben dem Südkreuz belegene, mit einem Giebel
beendigte Ausbau der Nonnen-Empore in zwei Geschossen ver-
dankt ebenfalls einer späteren Zeit seine Entstehung. Eine ge-
nauere Untersuchung lehrt, dafs derselbe ursprünglich nur ein-
geschossig, in frühgothischen Formen erbaut war und erst in
spätgothischer Zeit die jetzige Herstellung in zwei Geschossen
mit dicken Strebepfeilern, sehr mittelmäfsigen Kreuzgewölben
und breiten, dreitheiligen Spitzbogenfenstern erfahren hat. Wahr-
scheinlich ist der untere Theil als die im Jahre 1283 erwähnte
St. Thomaskapelle zu betrachten, denn in jene Zeit weisen die
vermauerten spitzbogigen Blendarkaden, unteren Fenster und
Spuren des alten Hauptgesimses zurück, während Strebepfeiler,
Oberfenster und Giebelbildung entschieden dem XV. Jahrhundert
angehören. Vermuthlich ist die alte Nonnen-Empore in jener
Zeit, wo der Konvent laut Urkunde von 1481, 70 Mitglieder
zählte, erweitert worden und dann dürfte der Erweiterungsbau
derselben, sowie der Neubau des Kreuzganges mit Wahrschein-
lichkeit zwischen 1470—80 zu stellen sein. Diese Annahme
findet eine weitere Stütze in der Betrachtung des oblongen Glok-
kenthurmes, welcher mit glatten Mauerflächen emporsteigend und
mit einem einfachen Satteldache abgedeckt, an der Ostseite in
einer Wappenblende das Rad der Familie von Jagow zeigt, mit-
hin sehr wohl der Bauthätigkeit der Aebtissin Anna v. JagoW
zugeschrieben werden kann. Ueberdies ist dieser Glockenthurm
auf dem beschädigten, aber in allen Umrifslinien noch gut er-
kennbaren Grabstein des Propstes Johannes (gestorben 1475)
dargestellt. Der Thurm steht sehr verkleinert neben dem kelch-
tragenden Geistlichen und zeigt deutlich an seiner Fa^ade die
in gothisch arabischen Ziffern geschriebene Jahreszahl 1473, wo-
durch also die Bauzeit des Glockenthurmes sicher begründet
werden kann und ein weiterer Anhalt für die damit verwandten
Bautheile gewonnen wird.

Von den als malerische Ruine vorhandenen, auf der Nord-
seite der Kirche belegenen Klostergebäuden ist besonders der
Nordflügel wegen der strengen, frühgothischen Formen inter-

') Derartige Gruppen besitzen Diesdorf, Jerichow, Lehnin, St. Lorenz zu Salzwedol,
viele Kirchen in Meklenburg und mit Werkstein verbunden der Dom zu Lübeck.

2) Die südliche Nebenabsis ist, wie der Grundrifs lehrt, nicht mehr vorhanden, konnto
aber nach unzweideutigen Spuren in der Fa^ade restaurirt werden. Auch ist in der letz-
teren der auf der Nordseite belegene spätere Sakristeibau, der die nördliche Nebenabsis
theilweise verdeckt, weggelassen worden.
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