Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 52
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1225 — 35 begonnen, aber langsam gefördert wurde, niemals
vollendet, sondern mit einem sehlechten Walmdache nebst Dach-
reiter nothdürftig nach oben hin abgeschlossen worden. Die
Klostergebäude waren wie diejenigen zu Arendsee in einfachen
reducirten Formen erbaut und zeigten wie der Thurmbau den
Uebergang vom romanischen zum gothischen Styl. Der inter-
essanteste Theil derselben (bei dem Abbruch erhalten), ist ein
mäfsig grofser mit 5 Spitzbogenbienden ausgestatteter Giebel,
welcher durch die Theilung der Spitzbogenblenden mittelst eines
Stabes, der ringförmige Kämpfersteine besitzt, als der vorge-
schrittenste Bautheil von Diesdorf zu beachten und mit dem
Ostgiebel des Klosters Keuendorf in engste Verbindung zu stel-
len ist.

Technisches.

Die auf Granitfundament ruhende Kirche zeigt im Allge-
meinen einen sehr tüchtigen, theilweis sogar höchst gediegenen
Backsteinbau, welcher durch gutes Material unterstützt, von den
Bauten der westlichen Altmark, namentlich denjenigen zu Salz-
wedel und Gardelegen vortheilhaft absticht. Die östlichen Theile,
besonders die Absiden, können mit ihrer meisterhaften Technik
nur mit Jerichow verglichen werden und beweisen wiederum
durch ihre treffliche Erhaltung, eben so wie jenes die fast un-
zerstörbare Dauerhaftigkeit eines sorgfältig durchgeführten Back-
steinbaues. An den Mauern ist meistentheils der wendische Ver-
band angewendet; seltener zeigt sich der gothische Verband, und
meist, wie am Thurmbau nur da, wo durch die glasirten Köpfe
aller Strecker ein farbiges Muster hergestellt werden sollte.

Die Ecken des Thurmes, welcher auf Granitfundamenten ruht,
sind schwach abgerundet, aber sehr genau lothrecht, gemauert.
Die im Innern vorhandenen drei Gewölbe sind sechskappige auf
profilirten Rippen ruhende Kreuzgewölbe. Die scharfgratigen
Kreuzgewölbe der Kirche sind 1| Stein stark, sehr hoch hinter-
mauert und waren von unten geputzt und bemalt. Ebenso war
der Theil der Obermauern zwischen den Hauptpfeilern und den
Gewölben geputzt und bemalt; die Pfeiler und unteren Wände
dagegen nur in gefugter Arbeit hergestellt. Auch haben sich
Spuren von Malerei an dem geputzten Gewölbe der Seitenabsis
gezeigt. Die sehr starken Obermauern sind nicht im Innern
durch Füllmauerwerk hergestellt, sondern zeigen durchgehenden,
sehr sorgfältigen Bacbsteinbau.

Das Format der Backsteine beträgt an der Hauptabsis lOjZoll,
4~ Zoll u. 3| Zoll; an der Westfront lOj—lOj Zoll, 4| — 4| Zoll
und 3j—3j Zoll.

Die Klostergebäude aus minder guten und etwas gröfseren
Backsteinen erbaut, waren nur verblendet und enthielten im In-
nern Füllmauerwerk.

Kunstwerke.

Das bemerkenswertheste Kunstwerk ist ein oblonger Grab-
stein, welcher in eingravirten Umrissen einen Mann mit weich
behandelter Gewandung und langer Haartracht darstellt, der ein
umwickeltes Schwert in der Rechten und ein rautenförmig qua-
drirtes Wappenschild zur Linken trägt. Die in römischen ge-
rundeten Majuskeln geschriebene Umschrift lautet: Anno Dmi
MCCLXXIV. VII non. Octobr. . . . Cotnes hiric de Luchow, worin
also ein Wohlthäter aus dem Geschlechte der Grafen von Lüchow
erkannt wird. Aufserdem ist noch das unter dem Arcus trium-
phalis aufgestellte Heilandskreuz, in Holz geschnitzt und bemalt
vorhanden, sowie unter den Steinskulpturen der oberen Nonnen-
Empore ein kleines, aber treffliches Marienbild Erwähnung ver-
dient.

Resultat.

Auf Grund der oben entwickelten Analyse kann der Osttheil
der Kirche, also Chor und Querschiff nebst den Absiden, aber
ohne Gewölbe als der Stiftungsbau von ca. 1157—61 be-
trachtet werden dessen Baumeister wahrscheinlich Iso von Je-

richow war. Das Langhaus ist sodann im Anschlufs an den
ersten Bau fortgesetzt und gegen 1188 vollendet worden. Der
Thurmbau entspricht einer Bauzeit von ca. 1225 — 35.

X. Klosterkirche zu Dambeck.

Dieses kleine, eine Meile südlich von Salzwedel belegene
Kloster, soll nach Entzelt’s Angaben im Jahre 1224 zur Zeit des
Papstes Honorius II. und des Kaiser Friedrich II. von einem
Grafen von Dannenberg gestiftet worden sein. Auch sollen die
drei Töchter dieses Grafen, Adelheid, Kunigunde imd Oda, (welche
1261 starb) die drei ersten Aebtissinnen im Kloster gewesen sein ')•
Da aufser dieser etwas auffallenden Nachricht sonstige Urkunden
über die ersten Schicksale des Klosters keine Auskunft geben
und andere fragmentarische Nachrichten vom Jahre 1261 * 2 3) das
Mifstrauen gegen die mitgetheilte Stiftungsnotiz erhöhen, so hat
man Anstand genommen, die Mittheilung des Entzelt als histo-
risch gültig anzunehmen. Die wenigen Nachrichten, welche über
den Zustand des Klosters berichten, hat Beckmann a. a. 0. V. Th-,
I. B., X. Kap. gesammelt, und diese nebst urkundlichen Belegen
aus den Archiven der Familie von der Schulenburg, bei Riedel
Cod. dipl. VI. Bd. unter Beetzendorf und Apenburg lassen hin-
reichend erkennen, dafs das Kloster niemals zu einer Bedeutung
wie Jerichow, Diesdorf und Arendsee gelangt ist, sondern stets
eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Im Jahre 1261 wird eine
Schenkung bestätigt, 1288 wird eine andere Schenkung untei'
der Bedingung für den Geber ein ewiges Licht zu stiften, über-
wiesen. Fernere Vergebungen erfolgen 1344, 1384 und 1388 :l)-
Die Letzteren sind wohlthätige Aeufserungen der Schulenburg-
schen Familie aus deren Gliedern späterhin fast immer die Pröpste
des Klosters erwählt wurden. Als die Reformation eintrat, wurde
die Propstei von Dambeck vön Joachim II. um 1540 derselben
Familie auf eine Reihe von Jahren überlassen, ohne dafs der
bestehende Jungfrauen-Convent aufgelöst worden wäre. Im Jahre
1607 wurde alsdann das Kloster nebst seinen Besitzunnen der
neu gestifteten Fürstenschule zu Joachimsthal überwiesen und
dieser Besitz im Jahre 1645, nachdem der Convent ausgestorben
war, bestätigt. Auf Grund dieser churfürstlichen Verleihungen
ist das Joachimsthal’sche Gymnasium zu Berlin im Besitze des
Klosters und der Klostergüter.

Baubeschreibung.

Die auf Blatt XXXI, Fig. 1 und 8 nur im Grundrifs darge-
stellte und durch ein Detail charakterisirte Kirche ist in Back-
steinen erbaut. Das trefflich erhaltene Bauwerk zeigt schon
durch die Kleinheit seiner Maafse und Sparsamkeit in allen Details
die geringen Mittel, über welche das Kloster bei dem Bau der
Kirche zu verfügen hatte. Es ist ein langer einschiffiger Bau
mit flacher Holzdecke, an den sich eine grofse itberwölbte Absis
in Osten anschliefst. Mit Ausnahme des an der Westfronte voi’-
handenen, später hinzugefügten Glockenthurmes ist der Bau aus
einer Zeit und zwar der durch Entzelt überlieferten Stiftungszeit
von 1224. Dies wird ein Mal dadurch erwiesen, dafs neben
älteren romanischen bereits neue gothische Kunstformen auftreten.
Die Absis zeigt noch ganz den romanischen Charakter, nämlicb
drei rundbogige Fenster, deren Zwischenwandpfeiler mit flachen
Lissenen geschmückt sind, aber die sehr schlanken Fenster sind
bereits mit abgestuften Gewänden und ziemlich dicken Rund-
stäben ausgestattet, während die Lissenen flach. und sehr breit
(l|Stein) gebildet erscheinen 4). Auch der auf der Nordseite
dicht an der Absis noch erhaltene Bogenfries, Bl. XXXI. Fig. L
stellt in seiner kleeblattartigen Bildung das Auftreten neuer Kunst-
formen dar. Die Fenster des Langhauses zeigen übereinstimmende

’) Entzelt ed. Ammersbach a. a. 0. S. 125.

2) Eiedel, Mark Brand. I. 54.

3) Beckmann a. a. 0. S. 166. ff.

4) Die Aehnlichkeit mit den Absidenfenstern zu Jerichow ist unverkennbar und wir^
hierdurch ein neuer Anhaltspunkt für die daselbst getroffene Zeitbestimmung von ca. 1210
gewonnen.
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