Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 54
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Baubeschreibung.

Die auf Blatt XXXI, Fig. 2—7 dargestellte Kirche entspricht
in der Gröfse, Einrichtung und Ausstattung den Cistercienser
Nonnenkirchen, welche in und nach der Mitte des XIII. Jahrh.
in grofser Anzahl und nach sehr übereinstimmendem Plane in
Deutschland erbaut worden sind. Der Grundrifs, Fig. 7, zeigt
eine einschiffige, ungewölbte, im Osten platt geschlossene Bau-
anlage. In der westhchen Hälfte des Schiffs befindet sich die
zum Aufenthalte der Klosterfrauen während des Gottesdienstes
bestimmte Empore, deren hohe Lage über dem Fufsboden zur
Anordnung zweier Fensterreihen in diesem Theile der Kirche
Veranlassung gegeben hat. Vergl. Fig. 5 u. 6. Diese Empore
ruht auf fünf Paar oblongen Kreuzgewölben, die von einer Mit-
telreihe runder Pfeiler getragen werden und nach Osten hin mit-
telst zweier Rundbogen mit dem Cliore verbunden sind. Die
mittelmäfsige Technik dieser Gewölbe, welche von sehr nüch-
tern profilirten Rippen getragen werden, läfst auf eine spätmit-
telalterliche Bauzeit schliefsen. Da aber an den Wänden die
Reste älterer spitzbogiger Schildbogen, welche in der einfach
strengen Profilirung mit den übrigen Formen der Kirche über-
einstimmen, vorhanden sind, so ist es sicher, dafs die Nonnen-
Empore in der zweiten Hälfte des XV. Jahrh. erneuert worden
ist. Derseiben Zeit dürften die beiden Südthüren, die Doppel-
pforte der Westfront, sowie die wenigen regellos vertlieilten
Strebepfeiler, welche nirgends Verband mit den Umfassungs-
mauern halten und sich damit als späterer Zusatz erweisen, ent-
stammen. Das Datum 1482 darf mit Sicherheit auf diese durch
die Aebtissin Anna von der Schulenburg bewirkte Bauthätigkeit
bezogen werden.

Alle übrigen Bautheile der Kirche gehören in die Zeit der
ersten Blüthe des Klosters und sind in der Mitte des XIII. Jahrh.,
wie der Bestätigungsbrief des Papstes Innocenz IV. andeutet, voll-
endet gewesen. Diese Annahme bestätigen die wenigen, aber
höchst streng gebildeten altgothischen Kunstformen am Ostgie-
bel und an allen Fenstern. Besonders eigenthümlich sind die
Unterfenster der Westhälfte, welche den Raum unter der Non-
nen-Empore erleuchten, gegliedert. Obschon die Profilirung nur
mittelst ganzer und halber Steinstärken abgestuft ist, so hat sie
doch dadurch eine besondere Ausbildung erhalten, dafs die Bo-
genschenkel des äufseren Spitzbogens im Schlusse nicht zusam-
mentreten, sondern von einem einschneidenden Dreiviertelkreise
getrennt werden. Die Aehnlichkeit dieser seltenen Fig. 3 dar-
gestellten Fensterform mit der Bildung des Frieses zu Dambeck
Fig. 1 ist überraschend und scheint auf einen besonderen Zu-
sammenhang dieser nah belegenen Bauwerke zu deuten. Die
westlichen Oberfenster sind etwas reicher, aber noch sehr streng
profilirt, wie das Detail Fig. 2 und die Ansicht in Fig. 3 dies
zeigen *). Mit der durch einfache Abstufung hergestellten Glie-
derung der unteren Fenster stimmen sämmtliche Chorfenster
überein. Unter denselben sind die in der Nord- und Südmauer
belegenen vier hohen und schlanken Fenster (Fig. 3) durch Schön-
heit der Verhältnisse und kraftvolle einfache Maafswerksbildung
so ausgezeichnet, dafs sie als mustergültige Vorbilder für
einfache gothische Bauwerke empfohlen werden können.

Nicht minder hervorzuheben ist die bei grofser Einfachheit
mit feinem Verständnifs für künstlerische Wirkung bewirkte Glie-
derung der Ostfront. Drei schlanke Fenster, von denen das mit-
telste, bei gröfserer Breite mit dreitheiligem Stabwerk, höher hin-
aufsteigt als die zur Seite belegenen, durchbrechen die Ostmauer.
Ihre hohe Stellung über dem Fufsboden und das Hineinragen
in den Giebel läfst den sichern Schlufs machen, dafis ursprüng-
lich nicht eine horizontale, sondern eine geneigte Balkendecke

J) Diese von ailen übrigen Fenstern abweichende reichere Profilirung, sowie die nicht
mit den Unterfenstern korrespondirende Stellung der Oberfenster lassen die Vermuthung
zu, dafs der obere Theil der Westhälfte in späterer Zeit erneuert worden ist, vielleicht
nach 1284, wo der Konvent an eine Verlegung der Klosterkirche dachte; aber da Abbruchs-
resp. Ansatzspuren nicht siehtbar sind, so ist eine sichere Entseheidung schwierig. Jeden-
falis gehört auch dieser Theil der Kirche noeh in das XIII. Jahrh.

vorhanden war, wie eine solche durch die in jüngster Zeit be-
wirkte Restauration hergestellt worden ist. Da nun durch das
Hineinragen der Fenster bis in den Giebel eine selbstständige
Ausbildung desselben wesentlich erschwert war, so ist sinniger
Weise die Giebelmauer mit der Fensterwand dadurch zu einer
künstlerischen Einheit verschmolzen worden, dafs der äufsere
rechtwinklige Absatz der Fensterprofile mittelst schmaler Stege
von halber Steinbreite mit dem spitzbogigen Giebelfriese ver-
buriden und der innere zu einer besonderen Spitzbogenblende
über jedem Fenster gestaltet wurde '). Geputzte Mauerflächen
zwischen dem Giebelfriese und den Fensterblenden, sowie ldeine
quadratische Pfeiler auf der Giebelschräge (ähnlich denen zu
Krewese) vollenden die mit den geringsten Mitteln aber völlig
befriedigend bewirkte Ausbildung dieser Ostfront 2).

Die westliche Seite der Kirche hing des bequemeren Zugan-
ges zur Empore halber direkt mit dem Kloster zusammen. Von
den Klostergebäuden, deren Bauformen sich eng an die entspre-
chenden der Kirche anschlossen, war der Südfliigel des Kreuz-
ganges besonders interessant, weil er das Auftreten schwach vor-
springender, fast lissenenartig gestalteter Strebepfeiler zeigte. Die
darin vorhandenen, trefflich gemauerten Kreuzgewölbe,
deren kräftig schönes Rippenprofil der Holzsehnitt dar-
stellt, ruhten auf einfach abgeschrägten, braun glasirten
Konsolen und stiefsen im Scheitel gegen figürliche Schlufssteine.

Der an der Westseite aufgefiihrte quadrate Thurm ist jün-
geren Ursprungs und daher in den Zeichnungen nicht berück-
sichtigt.

Technisches.

Der in gutem Backsteinmaterial von etwas grobem Korn und
hellrother Farbe hergestellte Bau ruht auf grofsquadrigem aber
nicht sorgfältig aufgeführtem Granitmauerwerk. Die Technik
in slavischem Verbande ist gut. Hervorzuheben ist die aufser-
ordentliche Sparsamkeit in der Verwendung von Formsteinen-
Beispielsweise besitzt die ganze Ostfront mit Ausnahme der Pfo-
stensteine zu dem Maafs- und Stabwerk keine Formsteine, denn
selbst die Plinthe ist aus drei Schichten gewöhnlicher Mauer-
steine, von denen die oberste und unterste schräg angehauen sind,
hergestellt. Auch in dieser Beziehung verdient das kleine aber
lehrreiche Bauwerk eine speziellere Empfehlung. Das Steinfor-
mat beträgt 10| Zoll, 5) Zoll und 3j—3‘ Zoll.

Kunstwerke.

Den werthvollsten Schatz bewahrt die Kirche in einer nicfit
geringen Anzahl von Glasgemälden, die aus verschiedenen Zeit-
epochen stammen. Die gröfsten derselben mit stehenden Figu-
ren unter Baldachinen geschmückt, daran die Namen der Stifter
Gelke van Dcissel, Lulte van Dassel und Curd van Dassel erhal-
ten sind, entstammen, wie die schüchtern auftretenden Formeu
der Renaissance lehren, dem Schlusse des Mittelalters, vermuth-
lich dem Anfange des XVI. Jahrh. Andere Fenster mit klei-
nen figürlichen Kompositionen geschmückt und sehr alterthüm-
lich behandelt, dürften dem Schlusse des XIII. Jahrh. angehören-

Resultat.

Wegen der einfachen Gesammtkomposition und nicht min-
der strengen Detailgliederung, besonders aber mit Rücksicht aid
mannigfache Reminiscenzen des Uebergangsstyles kann der BaU
der Kirche als im J. 1246 vollendet betrachtet werden und is*
daher eins der ältesten und wichtigsten Beispiele des altgotln-
schen Baustyls in den Marken.

*) Diese eigenthümliche Fenstergliederung ist für die ältesten gothischen Bauwerk e
der Marken sehr charakteristisch. Die Kloster-Kirchen Güldenstern bei Mühlberg (vergl*
Puttrich II, 2. Serie. Wittenberg. Bl. 15) und Marienthiir in der Uckermark, beide in dd'
Mitte des XIII Jahrh. vollendet, sind derartige Beispiele. Auch St. Lorenz zu Salzwedd
(vergl. Bl. XXX, Fig. 3) zeigt ähnliche, wenn aueh nocli alterthümlichere Fensterbildunge"’

2) Eine ähnliche Ostfront besafs die Klosterkirche zu Boda in Sachsen und wohl 01'
lialten findet sich eine verwandte Anordnung an der Westfront der Dominikaner Klostci'"
Kirche St. Nikolaus zu Wisby; erstere um ca. 1230, lctztere urn 1250 erbaut.
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