Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

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XII. Klosterkirche zu Hillersleben.

Der nur theilweis erhaltene Bau dieser bis in das X. Jahrh.
. lnaufreichenden klösterlichen Stiftung des Benediktiner-Ordens
ln der Altmark zeigt nirgends die Anwendung von Backsteinen,
^aher er jn (3jeser Sammlung keine Vertretung finden konnte.
le in der Zeitschr. für christl. Archäologie und Kunst II. 20
urch von Quast gewonnenen kunsthistorischen Resultate er-
§ eben, dafs der in Ruinen liegende östliche Theil ca. 1170-—90,
as dreischiffige Langhaus aber nach 1260 erbaut worden ist 1).

XIII. Klosterkirche zu Wolmirstädt.

Auch diese durch von Quast in der genannten Zeitschrift
( -1 S. 263 besprochene Klosterkirche für Cistercienser-Nonnen
S ehört wegen ihres Materials nicht in eine Sammlung von Back-
^einbauwerken. Der Kern des in höchst einfachen romanischen
°nmen errichteten Bauwerks gehört ohne Zweifel in die Stif-
tungszeit von 1228.

Die Städte der Altmark.

A. Die Stadt Stendal.

Unter den Städten der Altmark nimmt Stendal, was die Zahl

den Werth seiner Baudenkmale betrifft, den ersten Platz ein.
T .

r'otz grofser Lücken, namentlich für die älteren Epochen des

'ltelalters, ist eine Reihenfolge zum Theil höchst umfangreicher

8 l'°fsartiger und hervorragender Bauwerke vorhanden, die mehr

uts Urkunden oder geschichtliche Ueberlieferung es vermögen,

r ° n der einstmaligen Gröfse, der politischen Bedeutung und dem

ünstsinne der mittelalterlichen Stadt laut und vernehmlich re-

en ünd bis zu dieser Stunde den Charakter der heutigen Stadt

ausschliefslich bestimmen. Die Stadt Stendal besitzt noch jetzt

atl kirchlichen Bauwerken: die Domkirche St. Nikolaus, drei

ari'kirchen, St. Maria, St. Peter und St. Jakob, zwei Jungfrauen-

°sterkirchen, St. Katharina und St. Anna, den Rest eines Fran-

Zlskaner-Klosters, die Hospitalkirche St. Gertrud, und an Profan-

S ebäuden: das Rathhaus und die beiden Praclitthore, das Ueng-

lnger und Tangermünder Thor.

Die Grenzen dieses Werkes gestatten nur, aus der grofsen

11 dieser Bauwerke die kunsthistorisch und technisch wichtiü’-

o-j. o

11 genauer darzustellen und zu besprechen.

I. Dom St. Nikolaus.

Historisches 2).

Graf Heinrich von Gardelegen, ein Bruder des Markgrafen
10 II, dem zur Abfindung seines Anrechts auf die Markgraf-
aft Besitzungen in der Altmark, darunter Stendal, Tanger-
^ 11(Ie und Gardelegen überlassen waren, gründete im J. 1188
^ 1 ^tendal ein Domstift St. Nikolaus, welches er mit zwölf Dom-
eri* en besetzte. Durch päpstliche Erlasse in den J. 1188 und
. wurde das neue Stift in den unmittelbaren Schutz des
P ksthchen Stuhls aufgenommen und mit seltenen Privilegien
egnbt 3). yon den Markgrafen und altmärkischen Edlen em-
ng das Domstift bedeutende Güterschenkungen und Rechts-
Alt ei^ UnS en5 so (I aI s es bald unter den geistlichen Stiftern der
lnark den ersten Rang einnahm. Doch am wohlthätigsten er-
, s Slch, so lange er lebte, der Stifter Heinrich von Gardele-

gen n<ia von Qnast’schen Annahmen kann ich nicht überall beipflichten, besonders we-
öiitg ) ,® cll'ff spfeiler mit ihren alterthiimlichen Kämpfern (in Holzschnitten a. a. 0. S. 21
lracht * ’ aie lcl1 als Thml® des vom Abte Irminhard um 1136 ausgeführten Baues be-
1>0gen Un<1 U’ e ^ acllri cll,; von einem Abbruch und Erneuerung um 1260 auf die Arkaden-
^nnd Obermauern des Langhauses beziehe.

' v° riti v ^ Crg1' den trefflichen Aufsatz in den Märkischen Forschungen Bd. III. S. 132,

6<!tl fest ^ uas(; zuerst die Baugeschiclite des Doms näher gepriift und in den Hauptumris-
gestellt hat.

Rieilel a. a. O. V. 21 — 24.

gen *), so dafs ihm, nachdem er in der Mitte der Domherren ein
fast kanonisches Leben geführt hatte, bei seinem Tode 1192 ein
besonders feierliches Begräbnifs in seiner Stiftung zu Theil wurde.
Auch in späteren Jahrhunderten fanden besondere Woldthäter
gleichfalls ihre Ruhestätte im Dome, so Lambert, der letzte Edle
von Roretz 1242 und Markgraf Conrad 1283 -).

In der Mitte des XIII. Jahrh. empfing der Stiftungsbau eine
wesentliche Erweiterung und Yervollständigung durch den An-
bau der noch jetzt erhaltenen gröfsartigen Westfront mit zwei
Thürrnen. Diese Thatsache überliefert ein Ablafsbrief des Bi-
schofs Volrad von Halberstadt vom J. 1257 3), worin es heifst:
„Cum ßdeles Christi, decorem domus domini diligentes, ecclesiam
beati Nicolai piissimi confessoris in civitate Stendale ampliari
coeperint opere sumptuoso et ad perfectionem ipsius pro-
prie sibi non suppelant facultates, universitatem vestram monemus,
rogamus etc.“ Es ergiebt sich aus dieser Urkunde, dafs der vor
einiger Zeit begonnene Erweiterungsbau nicht geringe Mit-
tel erforderte. Leider ist keine Angabe über den Schlufs dieser
Bauthätigkeit iiberliefert, während von reichen Schenkungen, die
das Stift in den folgenden Jahrhunderten empfing, vielfache ur-
kundliche Nachrichten vorhanden sind. Solche Schenkungen er-
folgten 1314, 1315 und 1319 vom Markgrafen Waldemar, dem
letzten Anhaltiner, 1324, 1338 und 1345 von den Markgrafen
des bairischen Hauses, andere vom Herzoge Otto von Braun-
schweig und seiner Gemahlin Agnes, so dafs hierdurch so wie
durch Memorienst.iftungen, Vermächtnisse, Tausch- und Kaufver-
träge die Mittel und Einkünfte des Stifts zu einer aufserordent-
lichen Höhe stiegen 4). Wegen Baufälligkeit der alten Domkir-
che, wohl auch wegen ihrer Kleinheit bei erweiterten Bedürf-
nissen des Gottesdienstes scheint das Domkapitel in den zwan-
ziger Jahren des XV. Jahrh. einen Neubau vorbereitet und be-
gonnen zu haben, zu welchen Zwecken ein auf zehn Jahre gül-
tiger Ablafsbrief vom Papst Martin V. 1424 erwirkt wurde 5), in
welchem es heifst: „Cupientes ut eccl. S. Nicol. Stend. — quam
sicut accepimus propter — ruinam, qua vetustate nimia subici pros-
cipiebatur, dilecti filii Decanus et Capitulum ipsius Eccl. denovo
construere ceperunt, opere non modicum sumptuoso, con-
gruis honoribus frequentelur ac etiam construatur et perficia-
tur etc.“ Wie aus dieser Urkunde hervorgeht, war der umfang-
reiche und sehr kostbare Neubau des Domes vor nicht lano-er

Ö

Zeit begonnen worden, nachdem das alte Gotteshaus wegen zu
hohen Alterthums baufällig geworden war. Ueber den eigentli-
chen Urheber des Werkes und den Beginn der Bauthätigkeit
wird nichts gesagt; ebensowenig erfahren wir aus anderen Nach-
richten den Abschlufs des grofsen Unternehmens. Gleichwohl
ist bei der seltenen künstlerischen Bedeutung des Domes eine
genaue Kenntnifs über Beginn und Vollendung desselben von
nicht geringer Wichtigkeit für die Baugeschichte der Mark Bran-
denburg. Obwohl direkte chronistische Angaben gänzlich feh-
len, so sind doch Anknüpfungspunkte vorhanden, welche geeig-
net sind, über Anfang, Fortgang und Abschlufs des Baues ge-
nügendes Licht zu verbreiten.

Dafs der Beginn der Bauthätigkeit nicht lange vor jenem
päpstlichen Ablafsbriefe von 1424 anzunehmen ist, darf nach der
allgemein verbreiteten Praxis jener Zeit angenommen werden,
wonach in der Regel gleich nach Eröffnung des Baubetriebes
die Kirchenvorsteher sich beeilten, solche, die Opferfreudigkeit
der Gläubigen in Anspruch nehmende Empfehlungs- und Ver-
heifsungsbriefe zu erwerben. Dafs aber dieser päpstliche Ablafs-
brief der erste war, mufs aus dem Umstande geschlossen wer-
den, dafs das Domstift zu Stendal direkt dem päpstlichen Stuhle
unterworfen war, also auch dem Oberhaupte der Kirche eher
als benachbarten anderen Bischöfen seine Wünsche in dieser Be-

') Iiiedel a. a. 0. V. 27.

2) Lenz, Cln-onik von Stendal S. 15.

3) Riedel a. a. 0. V. 37.

') Riedel a. a. O. zu den genannten J'ahren.

’) Riedel a. a. 0. V. 188.
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