Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 58
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zu bezeichnende Anordnung wird die besondere Gestaltung der
Vierungspfeiler aufgegeben. Indem aber die Arkadenbogen des
Langhauses. sich unverändert fortsetzen, schmilzt das Langhaus
mit dem Querschiffe völlig zusammen und der Chor wird prägnan-
ter isolirt. Das Querschiff tritt in der doppelten Breite der Sei-
tenschiffe über die Flucht des Langhauses hinaus und ist nach
Osten hin durch angebaute Kapellen seitenschiffartig erweitert.
Doch sind beide Kreuzflügel in diesen Anbauten verschieden ge-
staltet. Die nicht mehr vorhandenen, mit vier Kreuzgewölben
überdeckten Kapellen am Nordfliigel waren nur ein Geschofs hoch
emporgeführt, so dafs oberhalb ihrer Pultdächer die östlichen
Fenster beginnen konnten, während im Südflügel die noch erhal-
tene Einrichtung so getroffen ist, dafs diese Nebenkapellen zAvei-
geschossig geordnet sind und das Obergescliofs mit den Quer-
schiffsjochen unmittelbar durch hohe Arkaden verbunden ist.
Dadurcli bestand im Nordflügel eine basilikenartige, im Südflii-
gel eine Flallenkirchen-Struktur, wie dies der Querschnitt Bl.
XXXIV zeigt. Der Grund zu dieser verschiedenen Querschiffs-
gestaltung is't nicht mit Sicherheit zu erkennen. Wahrschein-
lich dienten die unteren Eäume im Südkreuzflügel als Sakristeien.

Zwei Pfeilerreihen theilen das Langhaus in drei Scliiffe, de-
ren mittleres doppelt so breit als die Seitenschiffe, beträchtlich
liöher hinaufsteigt als die letzteren, so dafs ein grofser Theil
des Dachraums noch für das Mittelschiff benutzt wird '). In
Folge dieser Anordnung liegt das Hauptgesims des Langhauses
sehr viel tiefer als das des Chors und Querscliiffes, wie der Quer-
schnitt Bl. XXXIV, so wie die Nordfa^ade Bl. XXXIII, Fig. 1 nä-
her zeigen. Das Mittelschiff ist genau so überwölbt wie Chor
uncl Querschiff, aber die Seitenschiffe zeigen die Eigenthümlich-
lceit, dafs ihre Kreuzgewölbe durch die Anordnung zweier Fen-
ster in jedem Joche der Umfassungsmauer fünfkappig gestaltet
sind 2). Die überall gleichmäfsig profilirten Rippen, deren Pro-

»fil der Ilolzschnitt darstellt, werden an den Umfassungs-
xnauern, wie an den j’unden Freipfeilern von dreifach ge-
bündelten Birnenstabdiensten gestützt, die an den Pfei-
lern vom Fufsboden an emporsteigen, an den Seitenmauem aber
erst über einenx durchlaufenden Gürtungsfriese von Masken und
Blunxen (Bl. XXXIII, Fig. 4) in der Flöhe der Oberfenster auf
Konsolen beginnen. Vergl. das Systexxx des Langhauses Bl. XXXV,
Fig. 5 mit dem Querschnitte BI. XXXIV. Von der einfach kräf-
tigen Bildung der Freipfeiler nxit ihren Plinthen, ringförmigen
Kämpfern und angelehnten vier Dienstbündehx geben die Details
Bl. XXXII, Fig. 1 und Bl. XXXIII, Fig. 6 eine nähere Vorstel-
luixg 3). Die breiten Längsgurte, deren Profil und Struktur Bl.
XXXII, Fig. 3 darstellt, zeigen die bemerkenswerthe Anordnuxxg,
dafs, um eine organische Ausgleichung der iix vei-schiedener Höhe
belegenen Schildbogenscheitel der Gewölbe der Seitenschiffe und
des Mittelschiffes herbeizuführen, die Profilsteine de'r Schildbo-
gen im Mit.tel- und Seitenschiff in verschiedenen Bogenliixien enx-
poi’geführt sind und die Kappen des Mittelschiffs sogar noch
oberhalb der Schildbogeixlinie ansetzen. Von der gesetznxäfsigen
Klai’heit dieser Struktur, sowie von der Schönheit der Verhält-
nisse in den Bogenlinien giebt das Systenx des Langhauses Bl.
XXXV, Fio-, 5 eine Darstelluno-.

Die unteren Mauern der Seitenschiffe sind mittelst rundbo-
giger Oeffnungen durchbroclxen und kleine, nxit oblongen Kreuz-
gewölben überdeckte Seitenkapellen zwischen den Strebepfeilern
so lxinausgebaut' dafs die Unxfassungsnxauern der Ivapellen wie
ein Unterbau durchlaufen, über dessen Ilauptgesimse die Stre-
bepfeiler erst weiter emporsteigen. Vergl. die obere Hälfte des

■) Es ist dies offenbar neben ästhetischen lXiicksichten anch deshalb geschehen, mn
die Neigungswinkel dcr Dachflächen des Querscliiffs denen des selir viel breitercn Lang-
liauses mehr zu nähern.

2) Diese Anordnung, welche auch in Backsteinkirchen Pommcrns und Schlesiens, beson-
ders zu Breslau vorkommt, stammt offenbar aus dem Dome zu Magdeburg, dessen Langhaus
diese Construktion an den nicdrigen Seitcnschiffen schon im Anfange des XIV. Jahrh. auf-
gestcllt hatte.

3) Die Aufnahmen dieser Details von Borstell in der Zeitsclir. f. Bauwesen IX,
Bl. 25. Fig. 5 u. 6 entsprcchen nicht der Wirklichkeit.

Grundrisses BI. XXXII, Fig. 6 nxit der linken Hälfte des Quer-
schnitts Bl. XXXIV und der reclxten Seite der Nordfa^ade Bl*
XXXIII, Fig. 1. Die Struktur uixd Kxxnstfornxen dieser Seiten-
kapelleix stinxmen mit deixen des Clxors und Langbauses über-
ein, ebenso wie die ihrer Fenster mit den darüber befindlichen
gleichfalls dreitheiligen Obei’fenstex-n ideixtisch durchgebildet sind.
Voix der mit der äufseren völlig übei’einstimmenden innereix Glie-
derung der Oberfenster giebt das- Detail Bl. XXXII, Fig. 2 eine
Darstellung. Zwei Portale filhren von der Nordseite ber iix das
Schiff. Das eine derselben, in reichen gothischen Kunstfornxen
mit Fiaien, Krabben, Kreuzblunxen in Sandstein hei’gestellt, be-
findet sich inx Nordkreuzflügel xxnd wird dxxrch clie, daneben auf
Konsolen aufgestellten Figurexx der Schutzpatrone des Domes,
St. Nikolaus und St. Bartholomäus als eigentliches Hauptportal

bezeiclmet. Das zweite Portal befiixdet sich an denx zweit-west-

.

liclxeix Joche der Nordmauei’n und ist nach aufsen hixx dxxrch
eine üherwölbte mit abgestuftenx Giebel darüber geschmückte
Vorlxalle, deren Eingangsprofil Bl. XXXII, Fig. 5 mittheilt, abge-
sclilossen.

Der in Backsteinen hei’gestellte Lettnei’, welcher Chor und
Qixersclxiff sclieidet, ist, wie man leicht erselxen kann, etwas spä-
ter als der Clxor und gleich nach der Vollendung des Langhau-
ses axxfgeführt. Zwei spitzbogige Thüren führen in den Stifts-
chor (vergl. den Quersclxixitt Bl. XXXIV), während vor der mitt-
leren rundbogigen Arkade der Laiexxaltar unter einem Baldacliine
aufgestellt ist und zwei spitzbogige Wandblenden die Mauer an
dexx Seiten schmücken. Der ixn Chor vorhandene Thonplatten-
fries mit skulptirten Blattstäben bekrönt den Lettner, der niit-
telst einer schnxalen Treppe zugänglich ist, um obei’halb des
Laienaltars znm Voi’lesen des Evangeliums und zur Ausstellnng
von Reliquien einen Rauni zxx gewinnen.

Die Fa^aden des Langhauses sind wieder so einfach un<3
streng gegliedert, wie die anx Clxore, docli zeigen sie ein rei-
cheres Konstrxxktionspi’incip, welches xnit der getroffenen An-
ordnung, zwei Seitenkapellen in jedem Joche der Seitenschiffe
herzustellen und über jedem Kapellenfenster ein schlankes Ober-
fenster aufzuführen, direkt zusammenhängt. Indenx nämliclx statt
eines breiten Fensters zwei sclxlanke und schmale Fenster
gewälxlt sind, mufste für jedes Joclx ein Mittelstrebepfeiler einge-
sclxaltet werden, der mit richtigem künstlei’isclxem Takte schwä-
cher gehildet ist, wie die mit den Pfeileraxen koi’respondirenden
Hauptstrebepfeiler Q. Indem ferner die Mauern der Seitenka-
pellen als ein genxeinsamer Unterbau behandelt sind, über wel-
chem die Strebepfeiler emporwachsen, entsteht eine lxöchst ener-
gische aber klare Vertikalgliedei’ung, welclxe die wirkungsvolle
Erscheinung des Langhauses begriindet.

Den gröfsten Reichthunx in der Verwendung von Detail-
kunstformen — und nxan kann sagen den einzigen anx Donxe —'
hat der Nordkreuzflügel empfangen. Winkelreclxt gestellte Stre-
bepfeiler begleiten die schlank emporsteigende, durch das Haupt-
portal und ein grofses fünftheiliges Fenster durclxbi’ochene Baxi-
masse, welche oberhalb und zur Seite des Fensters mit Spitz-
bogen- und Kreisblenden, sowie einem nur im Putz herge-
stellten zinnenartigen Friese geschmückt ist. Das grofse Gie-
beldreieck, welches von elegant profilirten Giebelpfeilei’n’ niit
stufenartig. enxporsteigenden Zwischenwänden bekrönt wird, ist
nxit einer reich getlxeilten Rose und maafswerksartig behandcl-
ten Zwickelstücken schmuckreich und wirkungsvoll gegliedert-
Glückliche Verlxältnisse inx Ganzen, treffliclie Profilirung im Ein"
zelnen xxnd sinnreiche Vei’wendung von geputzten Grundfiäclien
vereinigen sich, um diesen Bautheil als eine der edelsten un<3
musterlxaftesten Sclxöpfungen des Backsteinhaues erscheinen z* 1
lassen. Vergl die auf Bl. XXXIII, Fig. 1 gegebene, in der oberstcü
Spitze restaui’irt gedaclite Nordfa^ade und das Detail des GiC"
bels daselbst Fig. 2 u. 5.

') Auch diese Struhturbildung ist am Dome zu Magdeburg vorgebildet und bcweisb
wie sehr der Meister von Stondal gerade jencs Monument studirt liaben mufs.
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