Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 61
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^ enden SeitensclirfTe werden yon Rundpfeilern gestützt, welche
diePfeiierbiJdnng der Klosterkirche Allerheiligen zu Tangermünde
v°llstündig wiederholen, indem sie nämlich an den vier Seiten,
^icht wie im Dome mit birnenförmig gestalteten, sondern mit
■^ündstab-Diensten besetzt und mit spiralförmig geordneten gla-
sh'ten Steinen reich verziert sind. Vergl. das Ohorsystem der
•^losterkirche Allerheiligen auf Bl. XLII, Fig. 4. Nach aufsen
hhi sind niedrige Seitenkapellen zwischen den Strebepfeilern an-
§ ehaut und mit hochkantigen Backsteinen abgedeckt, doch ist
stets nur ein breites viertheiliges Oberfenster und ein kleines,
ehenfalls viertheiliges Unterfenster in jeder Wandseite angeord-
11 et- Unter dem Iiauptgesimse ist ein aus gekreuzten Stäben ge-
hildeter Fries vorhanden und darüber erhebt sich eine hohe mit
^pitzbogenblenden und Rundstäben reich durchgebildete Zin-
üeriwand, die der breit und massig gehaltenen Fa^ade einen sehr
aUsdrucksvollen, aber schon etwas profanen Charakter leiht. Da
^iose Ostfacade der interessanteste Bautheil von St. Maria ist und
has darin aufgestellte System in anderen Bauten kleineren Maafs-
stabes zu Stendal, Tangermünde, Werben etc. mehrfach wieder-
h°lt worden ist, so ist auf Bl. XLI, Fig. 1 eine T otalansicht ge-
§ eben worden. Die wichtigsten dazu gehörenden Details, näm-
i°b die Gliederung der Zinnenwand sind durch Fig. 2 u. 6,
hio Proliliruno'

öen der Ober- wie Unterfenster durch Fig. 5 u. 7
und die gedrückte attische Plinthe durch den Holz-
schnitt dargestellt worden. Die Südseite befolgt im
gSil Wesentlichen das Fapadensystem des Cliors mit gleich
_ niedrigen Seitenkapellen und breiten Ober- und Unter-
fenstern: doch sind die Kapellenmauern durch grofse
1>eisblenden (wie solche auch an der Nikolai-Kirche zu Berlin
eischeinen) noch etwas reicher dekorirt worden. Die 10 Schiffs-
bhhler sind den Chorpfeilern entsprechend gegliedert, nur sind
hie an den Rundpfeilern aufsteigenden Dienste aus sehr gehäuf-
^ 11 kleinen Rundstäben zusammengesetzt. Dadurch entsteht ein
. eildicher, spielender Charakter, der gegen die kräftigere Be-
aüdlung der Dompfeiler unvortheilhaft absticht. Die auf bir-
| leöförmig profilirten Rippen ruhenden Gewölbe sind gleichmäfsig
°üstruirt, sehr dünn und hochbusig gewölbt und mit verzierten
^‘hlufssteinen geschmückt. Der gehäuften Gliederung der Wand-
euste entsprechen die reich, aber theilweis sehr nüchtern ge-
1 ueten Fenster- und Thürprofile, wodurch bei allem Formen-
leichthuin der Charakter der spätgothischen Bauepoche mehr
!lllh niehr hervortritt. Nichtsdestoweniger macht das Innere der
eb enfalls nie mit Putz überzogenen Kirche durch die Klarheit der
ailanlage und die hochräumigen schönenVerliältnisse einen sehr
^°blthuenden Eindruck.


An der Nordostseite ist in späterer Zeit eine zweigeschossige
^'jochige Kapelle angebaut, deren Obergeschofs mittelst einer
leppe zugänglich, in grofsen Arkaden sich nach dem Chorum-
bail§ e hin öffnet. Unzweifelhaft darf in dieser in den märki-
leü Kirchen so oft wiederkehrenden Bauanlage die i. J. 1487
^ 05'V urkundlich erwähnte Liebfrauen-Kapelle erkannt werden.
^ le Icchnik dieses kleinen Baues ist mittelmäfsig und die vor-
^ aUdenen Bauformen noch flauer und abgeschwächter als die
S Airchenschiffs. Aus vleichfalls späterer Bauzeit stammt die
g . uer büdwestseite der Kirche belegene und ebenfalls mit dem
eitenschiffe direkt zusammenhängende zweijochige Kapelle der
^ Jlgen drei Könige, deren Gewölbe eine völlige Wiederholung
p'! Seltenen und komplicirten Gewölbekonstruction an der St.
^^nitatis - Kapelle der St. Godehard’s-Kirche zu Brandenburg ')
und darin den Einflnfs mittelmärkischer Bauthätigkeit be-

T e c h n i s c h e s.

de ^Anierkenswerth ist die Thatsache, dafs der älteste Theil
j. . 1111 XV. Jahrh. geführten Neubaues, nämlich die Nordmauer,
Ule ^iegelstempel besitzt, welche aber an allen übrigen Bau-
ei1 im Chore, den Schiffspfeilern, Thürmen und den nach-

) Vergl.

Bl. XVllI, Fig. 2 u. 10.

träglich zwischen den Strebepfeilern der Nordmauer angebauten
Seitenkapellen auftreten. Man darf mit Rücksicht auf diese am
Dome gleichfalls beobachtete Thatsache behaupten, dafs der Neu-
bau der Marien-Kirche mit der Nordmauer ca. 1435 begonnen

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Aik

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hat. Von den sehr zahl-

Oreichen Ziegelstempeln
giebt derHolzschnitteine
a i c d e Darstellung, und zwar

erscheint der Stempel a an den Oberfenstern der Südmauer, b
und c an den Schiffspfeilern und Fenstern, d in der Liebfrauen-
Kapelle und e in den Schalllöchern der Thürme.

Kunstwerke.

Der Hauptschatz besteht in der vollständig erhaltenen, ge-
schnitzten und bemalten Schrankeneinrichtung zwischen den
Ohorpfeilern, deren westliche Schranke ganz durchbrochen gehal-
ten und mit dem grofsen Heilandskreuze nebst vielen Apostel-
figuren, Architekturformen und Ornamenten überreich geschmückt
ist. Mitten in diesem vollständig abgeschlossenen Chore erhebt
sicli der grofsartige, aufs Reichste ausgestattete Hochaltar, des-
sen geschnitzte und gemalte Darstellungen J) sich auf das Le-
ben der Maria beziehen und worin die Mitpatroninnen der Kir-
che, St. Barbara und St. Katharina einen besonderen Ehrenplatz
behaupten. Trotz der kostbaren Ausstattung gehört dieser wohl-
erhaltene Hochaltar nicht zu den besten dieser Gattung und wird
wahrscheinlich erst gegen das Ende des XV. Jalirh. ca. 1470 bis
1480 angefertigt sein. In eine nocli spätere Zeit geliört das
umfangreiche, für die Vikarien und Kirchenvorsteher bestimmte
Chorgestühl, welches der erhaltenen Inschrift zufolge von Mei-
ster Hans Ostwalt im J. 1501 hergestellt wmrden ist. — Das ver-
goldete bronzene Taufbecken ruht auf den vier Evangelistenge-
stalten, deren Köpfe aber höchst unschöner Weise durch die der
vier Evangelistenthiere ersetzt sind. Der Rand des Kessels ist
mit weiblichen und männliehen Iieiligengestalten, in Relief gear-
beitet, besetzt und hat die Inschrift: An. Dn. MCCCCLXIV Ite
et babtizate in nomine Patris, filii et Spiritus Sancti Amen.

Ein sandsteinernes Bildwerk oberhalb des westlichen Süd-
portals, den Gekreuzigten zwischen Maria und Johannes nebst
Sonne und Mond darstellend, beansprucht weniger durch künst-
lerischen Werth als durch die seltene Gröfse einiges Interesse.

Von den an den Fatyaden eingemauerten sandsteinernen Me-
morienkreuzen ist das des Hans Boldekin aus dem Anfange de-
XIV. Jahrh. das älteste. Demnächst folgt ein kleines, leider in-
schriftloses nur in eingravirten Umrissen dargestelltes Krucifix
an einem südöstlichen Chorstrebepfeiler, welches der strengen
ITaltung zufolge jedenfalls vom Ende des XIV.
Jahrh. herrührt und wegen seiner künstlerischen
Behandlung und naiven Aufstellung am Strebe-
pfeiler liier im ITolzschnitt wiedergegebcn wird.
Die gröfsteGedächtnifstafel befindet sich amnord-
östlichen Chorstrebepfeiler. Auf derselben zeigt
sich in schwachem Relief die Kreuzigung des
Heilandes mit Maria und Johannes, unterhalb
derselben ein Bürger knieend mit dem Spruch-
bande: Sancta maria ora pro me. Die schwer leserliche Um-
schrift besagt, dafs diese Tafel dem im Jahre 1427 erschlage-
nen Bürger Albrecht Querstedt gesetzt worden ist.

Resultat.

Der Unterbau der Thürme ist ca. 1350, das Schiff der
Kirche von 1435—1447, die Liebfrauenkapelle ca. 1462 und die
heilige Drei-Königskapelle ca. 1470 erbaut.

III. Pfarrkirche St. Peter.

Historisches.

Ueber die Gründung dieser ursprünglich aufserhalb der
Stadtmauern belegenen Kirche ist nichts Gewisses bekannt. Die

') Vergl. die Beschreibung desselben in Biisching a. a. O. S. 95 ff.

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