Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 62
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älteste urkundliche Erwähnung fällt in den Schlufs des XIII.
Jahrh., wo Bischof Volrad von Halberstadt 1289 !) mehrere
kurz vorher, 1287 und 1288, erwirkte Indulgenzbriefe fremder
Bischöfe bestätigt. In jenen Urkunden wird St. Peter noch als
extra murps belegen bezeichnet, im J. 1300 aber mit dem Zu-
satze intra civitatem genannt, so dafs die zwischen 1289 und
1300 bewirkte Erweiterung der Stadt die Kirche in ihre Ring-
mauern aufnahm * 2). Im J. 1306 scheint eines Ablafsbriefes zu-
folge ein Bau beabsichtigt oder schon betrieben worden zu sein,
auf welchen dann üblicher Weise Altarstiftungen folgten, die
1320 und 1350 urkundlich genannt werden 3). Ob das Material
einer i. J. 1327 abgebrochenen Dorf-Kirche zu Keuwinke], wel-
ches Bischof Albert von Halberstadt dem Rathe unter der Bedin-
gung überlassen hatte, dafs es wieder für ein'geistliches Ge-
bäude verwendet würde 4), dem Baue von St. Peter zu Gute ge-
kommen ist, kann nicht positiv erwiesen werden, ist aber höchst
wahrscheinlich. Ein Ablafsbrief von 1357 scheint auf einen eben
vollendeten Bau, zu deuten, da er besonders die Anschaffung
von Büchern, Kelchen etc. empfiehlt, also die letzte Ausstattung
der Kirche im Auge hat. Auf urkundliche Nachrichten über
spätere Altarstiftungen von 1405 und 1477 folgen endlich die
chronistischen Mittheilungen, däfs 1523 der Thurm mit Kupfer
gedeckt, aber schon 1563 seiner schlanken Spitze durch den
Sturm beraubt sei und dieselbe erst 1582 wieder empfangen
habe.

Baubeschreibung.

Wie der Grundrifs zeigt, besteht die kleine Hallen-Kirche
aus einem dreischiffigen Langhause von vier Jochen mit einem
oblongen Westthurme und einem zweijochigen, polygon geschlos-
senen Chore. Der Thurm tritt in das Langhaus so hinein, dafs
er ein Mittelschiffsjoch ausfüllt, ist aber mittelst grofser Bogen
mit den Schiffen unmittelbar verbunden. Langhaus und Chor
werden durch eine backsteinerne, mit zwei Thüren und einer
Fensteröffnung durchbrochene Wand getrennt. Der Chor nebst
der nördlich anstofsenden Sakristei ist völlig aus behauenen Gra-
nitquadern erbaut, auch die Umfassungsmauern des Langhauses
und des Thurmes zeigen durchgehends 8 — 9 Fufs hoch Granit-
mauerwerk, dagegen sind alle Obermauern, Schiffspfeiler, Längs-
■gurte und sämmtliche Gewölbe aus Backsteinen hergestellt.

Weniger durch die Verschiedenheit des Materials als durch
technische. und ästhetische Kennzeichen werden zwei Bauperio-
den bezeichnet, welche bald aufeinandergefolgt sind. Nach ge-
nauer Erwägung aller Gesichtspunkte mufs man das Langhaus
nebst Thurm für älter halten als den Chor, ungeachtet der Letz-
tere noch ein Fragment romanischer Stylbildung bewahrt. Das
Langhaus ist niedriger als der Chor, seine Mauern und Strebe-
pfeiler besitzen stärkere Abmessungen, alle Kunstformen sind
strenger und einfacher gebildet als clie des Ostbaues, und das
Gesammtverhältnifs erinnert mehr an die gedrückten Proportio-
nen einer Hallenkirche cles Uebergangsstyls als an die hoch-
strebenden Verhältnisse einer gothischen Kirche. Die gröfste

') liieflel a. a. O. XV. 35. 38. 39.

2) Beckmann a. a. O. Sp. 86.

3) -Riedel a. a. O. XV. 53, 71 u. 137.

4) Riedel XV. 80. „dum modo lapides et instrumenta ejusdem ecclesie in edißcium sive

structuram alicujus sacri loci integraliter reponantur. “

Schmucklosigkeit ist am Langhause sicht-
bar, wie das im Holzschnitte mitgetheilte
System desselben zeigt. Die niedrigen
achteckigen Pfeiler erheben sich auf un-
profilirten runden Sockeln und besitzen
wederKapitelle nochKämpfer. DieLängs-
gurte sind . abgestuft und die Kreuzge-
wölbe ruhen auf birnenförmigen Rippen,
die der Schlufssteine und durchgebildeter

Mi.rf'nn _—Z_-J J Konsolen an den Umfassungswänden ent-

behren. Die zweitheiligenFenster besitzen
näch innen nur abgestufte Profile, nach aufsen eine strenge aber
treffliche Profilirung (ähnlich der an den westlichen Oberfen-

stern zu Neuendorf), wovon der Holz-
schnitt eine Darstellung giebt. Das Maafs-
werk der Fenster ist sehr schwerfällig
gebildet, da der in den Spitzbogen vor-
handene Kreis nicht klar gesondert, ring-
förrnig erscheint, sondernnur als eine Oeff-
nung behandelt ist. Vgl. das oben im Holz-
schnitte gegebene System des LanghauseS.
Die Strebepfeiler des Langhauses setzen oben nach drei Seiten
hin ab und neben den Fenstern erscheinen als Fa^adenschmuck
kleine Spitzbogenblenden,— alles Eigenthümlichkeiten der altgo-
thischen Bauweise. Der Hauptschmuck der Südfayade ist daS

stattliche Portal (bei c im Grundrisse),
dessen reiche, völlig an Sandsteinportal-
formen erinnernde Profilirung derHolz-
schnitt giebt. Da dieses Portal den
überall durchgehenden Granitunterbau
durchbricht, so mufs dasselbe als eine
Hinzufügung betrachtet werden, eben
so wie der kleine achteckige in Back-
steinen hergestellte Treppenthurm als
ein späterer Zusatz zu der in Granit erbauten Westfront erscheint»
Jenes Südportal wird der Vollendungszeit des Chores, nämlich der
Mitte des XIV. Jahrh. angehören, und das Treppenthürmchen
entspricht mit seinen stark vorspringenden abgekehlten Ecklei-
sten völlig der Stylbildung vom Anfange des XVI. Jahrh., wo
(1523) die Thurmspitze neu hergestellt wurde 3).

Der in schlanken Verhältnissen erbaute Chor ist in der Forin
eines halben, diagonal gestellten Achtecks geschlossen (so dafs
ein Strebepfeiler in der Mittelaxe der Kirche liegt) und mit ein-
fach geschmiegten, zwei- und dreitheiligen Spitzbogenfenstern
ausgestättet. Die Strebepfeiler steigen ohne Absatz in die Höhe
und sind unter dem hohen Hauptgesimse steil abgedeckt. Eine
Granitplinthe legt sich um die Polygonwände und Strebepfeiler,
während die Fensterschmiegen, die Abdeckungen und das Maafs-
werk in Backsteinen hergestellt sind. Die sehr feine und ele-
gante Form des Maafswerks, welches gegen die schwerfällig' e
Gliederung des entsprechenden im Langhause absticht, entschei-
det für eine spätere Bauzeit, die aber noch der Mitte des XIV-
Jahrh. angehört. Auch die einfachen, aber sehr busigen KreuZ-
gewölbe auf bii’nenförmigen Rippen entsprechen völlig dieser
Annahme. Da aber die Priesterthür an der Südseite des Cho-
res (bei a im Grundrisse) noeh rundbogig und seltenei’weise mff
einer soi’gfältig glatt behauenen Tympanonplatte in GranJ
hei’gestellt ist, auch diese Thür im besten Verbande mit deo
Mauern steht, so liegt die Vermuthung nahe, dafs für dieseü
I Chorbau die Materialien eines älteren Gebäudes voi’handen wä-
ren. Es ist daher höchst wahrscheinlich, dafs das dem Rath e
zu Stendal übei’lassene Bau-Material der 1327 abs-ebrochene 11

O

Dorfkirche zu Neuwinkel bei dem Chorbaue von St. Peter vet-
wendet worden ist 2). Hiei'durch erklärt sich das sonst auffal-

’) Wie unter Historisches mitgetheilt, ist dic Thurmspitze 1582 nochmals erneiic 1'*
uncl so hergestellt vvorden, wie dieselbe noch jetzt erscheint. Vergl. die Abbildung in ‘' cl
Zeitschr. f. Bauwesen IX, Bl. 20.

2) Diese Vermuthung findet dadurch eine besondere Bestätigung, dafs laut einer niu>'k
gräflichen Urkunde von 1281 (s. Beckmann a. a. O. Th.V. B. I Sp. 190 und Lentz, Bra 11(i'
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