Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 64
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gebündelten Wanddiensten getragen werden J), bedecken den
Chorraum, welcher von sieben breiten, theils drei-, theils vier-
theiligen Fenstern erleuchtet wird. Ueber den Fenstern ist der
gekreuzte Stabfries, welcher am Ohore von St. Maria verwendet
ist, angeordnet * 2) und dies, ist der einzige Schmuck des in sehr
mittelmäfsiger Technik erbauten Chores.

Kunstwerke.

Nennenswerth ist die in Holz geschnitzte, bemalte und ver-
goldete Schranke mit dem Heilandskreuze darüber, welche Chor
und Langhaus' trennt und in der Behandlung wie in allen Kunst-
formen mit der Chorschranke von St. Marien verwandt, aber
wohl noch später, ca. 1480, angefertigt ist. — Viel werth-
voller sind ferner die in fünf Chorfenstern erhaltenen Hlasge-
mälde, an denen die grofsen Hestalten von St. Barbara, St. Paul
und von beiden St. Jakob besonders schön in Farben wie Zeich-

nung erscheinen. Ohne
Zweifel stammen diese Glas-
gemälde aus der Bauzeit
des Chores ca. 1469 und
erhalten durch dieses si-
chere Datum ein besönde-
res Interesse.— Das werth-
vollste Kleinkunstwerk ist
ein kleiner, aber in reich
romanischen Formen ge-
gossener Erzleuchter, des-
sen seltene Erhaltung und
hohes Alterthum (XII. Jh.)
Veranlassung gegeben hat,
ihn im Holzschnitte darzu-
stellen 3 4).

Resultat.

Der Thurm und einzelne Langhaustheile sind Fragmente des
Baues von ca. 1150 — 60, das Langhaus selbst mit Pfeilern, Ge-
wölben und Fenstern entspricht der Bauthätigkeit von 1281—1311
und der Chor ist sicher von 1460 — 69 erbaut worden.

V. Klosterkirche St. Katharina.

Historisches.

Kurfürst. Friedrich II., der Stifter des Schwanenordens, grün-
dete im J. 1456 mit Zustimmung des Raths und der Gemeinde
zu Stendal ein Benediktiner Nonnenkloster, welchem als Gottes-
haus die schon bestehende Kapelle des heiligen Geistes überge-
ben wurde /J). Die Einrichtung des Konvents scheint mit Schwie-
rigkeiten verbunden gewesen zu sein, da Bischof Wedego von
Havelberg die schon 1456 erlassene päpstliche Bestätigungsbulle
erst 1461 publizirte 5). Noch später rnufste eine Veränderung
der Ordensregel voi’genommen werden, da sich keine Jungfrauen
zur Annahme der Benenediktiner Regel gefunden zu haben schei-
nen. Durch einen vom Kl. Marienberg bei Helmstedt herbeigezo-
genen Filial-Konvent wurde die Augustiner-Regel eingeführt und
die wahrscheinlich eben neu erbaute Kirche 1469 der heiligen Drei-
faltigkeit und St. Katharina geweiht fi). Der 1470 erfolgte Rück-
tritt des Kurfürsten von der Regiei’ung mufs eine thatki’äftige
Vollendung der Stiftung verhindert haben, denn 1472 findet
sich ein päpstlicher Ablafsbi’ief für St. Katharinen-Kloster, worin
die Gläubigen zum Besuche und zu thätlicher Hilfsleistung drin-

J) Diese Strukturformen stimmen besonders mit denen des Klosters Allerheiligen zu
Tangermünde überein. Vergl. Bl. XLII, Fig. 1.

2) Vergl. Bl. XLI, Fig. 1.

3) Die Nachweisung dieses seltenen, den bisherigen Forschern entgangenen Iiunst-
werkes wird der gütigen Theilnahme des Herrn Weye, Pastors an St. Marien zu Stendal,
verdankt.

4) Riedel a. a. O. XV. 281.

5) Riedel a. a. O. XV. 292.

6) Vergl. den Stiftungsbrief des Kurfürsten in Riedel a. a. 0. XV. 309.

gend ermahnt werden 1). Einige Altäre wurden 1499, 1516
etc. gestiftet, doch gelangte das Kloster nie zu grofser Bedeu-
tung. Eine Feuersbrunst vom J. 1687 beschädigte Kirche und
Kloster, doch sind die wesentlichen Bautheile des noch jetzt be-
stehenden protestantischen Stiftes wohl erhalten.

Baubeschreibung.

Die auf Bl. XLI. mitgetheilte Klostei’kirche ist eine zwai’
kleine, aber einheitliche Bauanlage von guten Verhältnissen, wel-
che mit ihren Klostergebäuden und dem nahe gelegenen Tan-
germünder Thore eine malerische Gebäudegruppe bildet 2). Dei’
Grundrifs Fig. 8 zeigt eine einschiffige, im Osten polygon ge-
schlossene Kirche, welche mit Kreuzgewölben überwölbt ist und
von hoch gestellten Fenstern erleuchtet wird. Längs der Süd-
seite sind unterhalb der Fenster schmale Seitenkapellen zwi-
schen den Strebepfeilei’n angebaut, welche am Chore und auf
der Nordseite fehlen, weil dort die anstofsenden Klostergebäude
und der Kreuzgang eine solche Anlage nicht verstatteten 3). Diese
Kapellen haben breite, spitzbogige und viertheiligeFenster, rundbo-
gige Arkadenöffnungen und sind bereits mit böhmischen Kappen-
gewölben bedeckt. Am Chore und an der Nordseite sind rund-
bogige Wandblenden angeordnet, welche das System der Kapellen-
anlage nischenartig wiederholen. Die hochbusigen Schiffsgewölbe
besitzen dicke birnenförmige Rippen und sandsteinerne, mit Ro-
sen etc. geschmückte Schlufssteine. Die Rippen ruhen auf
schmucklosen Kämpfern, welche. drei gebündelte Wanddienste,
die von dem Gurtgesimse unter den Fenstern emporsteigen, be-
krönen. Die Oberfenster sind stumpf spitzbogig geschlossen, in
spätgothischen Formen, wie Fig. 9 zeigt, profilirt und im Chore
mit drei-, im Schiffe mit viertheiligem Maafswerke ausgesetzt-
Das Aeufsere ist nicht minder einfach behandelt wie das Innere;
dennoch macht die Ostfa^ade durch kräftige Gfiederung der Stre-
bepfeiler und gute Verhältnisse Bl. XLI, Fig. 3 einen günstigen
Eindruck. Die an den Untermauern des Chores beabsichtigte |
reichere Ausstattung mit Sandsteinreliefs (ähnlich der Anordnung
am Domchore) ist nie zur Ausführung gekommen. Die Westfront
ist ganz schmucklos, und von gleicher Einfachheit sind die Stifts-
gebäude und die Kreuzgangsflügel, welche auf Gewölbe zwai’
angelegt sind, aber dieselben nie empfangen haben. Die an dei’
Strafse belegene Klostermauer ist mit Musterwerk (ähnlich dem
am Dome zu Brandenburg Bl. VII, Fig. 1 u. 2 mitgetheilten) von
glasirten Steinen verziert.

Technisches.

Die technische Ausfühi’ung läfst viel zu wünschen übrig
und ist mit der vom Dome nicht zu vergleichen. Das Stein-
format beträgt 10|—11 Zoll Länge, 5\ Zoll Bi’eite und 3| ZoH
Höhe. Das Hauptgesims ist genau wie das der Seitenschiffe dei’
St. Johanneskirche zu Brandenburg (vgl. S. 28 den Holzschnitt)
mittelst des Plinthenfoi’msteines hergestellt. Von den kleinen meist
runden Ziegelstempeln, die der Holzschnitt darstellt, kehrt niü’

^ er a Hezeichnete an den

Dompfeilern wieder.

Kunstwerke.

An dem südlichen Chorstrebepfeiler ist daS
durch den Holzschnitt hier wiedergegebene Me'
morienkreuz eingelassen, welches am obersteü
Kreuzarme des sehr roh gearbeiteten KrucifixeS
die Inschrift hat: wefne (?) wiUekin deme gO^
gnedig a. d. 1441. Vermuthlich hat sich diescS
Memorienkreuz an der alten heil. Geist-KapeU 6
befunden und ist bei dem Neubau von St. K ä'
tharina erhalten worden.

’) Riedel a. a. 0. XV. 325.

2) Vergl. die sehr treue Abbildung in Strack und Meyerheim Bl. 23.

3) Das Motiv und die Detaildurchbildung dieser Nebenkapellenanlage stimmt vöH 1®
mit den entsprechenden am Dome und an St. Maria überein, nur dafs hier die Kapoll 011
mit Dachziegeln und nicht mit Mauersteinen abgedeckt sind.
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