Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 70
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und des Altstädter Rathhauses zu Brandenburg unmittelbar zu-
sammenhängt. Die Far,ade des nördlichen Querschitfs ist auf
Bl. XXXIX, Fig. 2 dargestellt. Obwohl dieselbe dadurch ein be-
sonderes Interesse erweckt, dafs die östlich angebauten Neben-
kapellen mit dem Querscbifi'sflügel unter ein gemeinsames Dach
gebracht sind und deshalb in der Fac;ade mit einem gemeinsa-
men Stufengiebel einheitlich verbunden werden mufsten, so ist
dennoch die hergestellte Lösung nur als ein naiver Versuch die-
ser schwierigen Aufgabe zu betrachten, da die erstrebte Einheit
nur sehr unvollkommen erreicht worden ist. Auch scheint der
erste Entwurf nicht zur Ausführung gekommen zu sein, weil
die Stufengiebel in sehr unschönen Verhältnissen erbaut sind
und nach dem Charakter der Details, Bl. XXXVII, Fig. 6, beur-
theilt, jedenfalls erst dem Schlusse des XV. Jalirh. angehören.
Auf der Südseite ist die entsprechende Lösung nicht mehr er-
halten, sondern durch die nachträgliche Hinzufügung der west-
lich belegenen Nebenkapelle ein sehr breiter Giebel in Renais-
sanceformen errichtet worden, welcher die beiden Joche gemein-
schaftlich überdeckt und in sehr nothdürftigen, halbrohen Struk-
turformen stufenartig die Front der kleinen Zwillingskapellen
bekrönt 1). Viel erfreulicher erscheint die Gestaltung der beiden
Querschitfsportale auf Süd- und Nordseite, von denen das nörd-
liche BI. XXXTX, Fig. 2 und das südliche mit dem Detailprofile
Bl. XXXVIII dargestellt worden ist. Obschon diese Portale
durch die vielfache Verwendung spätgothischer Formen, Fisch-
blasen etc., von einer gewissen Niichternheit nicht freizuspre-
chen sind, so gewährt doch die reiche, phantastische Kompo-
sition, deren elegante Details in einer meisterhaften Technik
hergestellt sind, einen höchst anziehenden, künstlerischen Ein-
druck 2).

Die Westfront ist sehr einfach gestaltet. Die Westmauer
wird unten von einem grofsen, nüchtern gebildeten Spitzbo-
genportale durchbrochen, welches später eingesetzt worden zu
sein scheint und wegen der Aehnlichkeit mit dem Portale von
St. Elisabeth aus dem Jahre 1460 stammt. Weiter oberhalb
wird die Fac,ade durch Eck- und Mittellissenen als eine zwei-
thiirmige Anlage vorbereitet, welche in allen wesentlichen Thei-
len, Spitzbogenblenden, gekreuzten Stabfriesen etc., die schöne
Front der Stendaler Marienkirche wiederholt 3). Nur der nörd-
liche Thurm hat noch das Obergeschofs bewahrt, welches aber
t-rotz des Reichthums an Reliefmaafswerk durch die steife, ge-
radlinige Komposition desselben und durch die Einführung von
tauförmigen Rundstabprofilen bei den Einfassungen die späte
Bäuzeit erkennen läfst. Wahrscheinlich ist die Westfront in ih-
ren oberen Theilen erst nach Vollendung des Ohor- und Quer-
schiffbaues einschliefslich der Giebel, also im Anfange des XVI.
Jahrh. zur Vollendung gekommen'), zu weleher Zeit auch die
west-lich am Südkreuzflügel belegene, mit einem Sterngewölbe
bedeckte, in ihren Detailformen (Masken an den Kämpfern) mit
dem Westtheile des Rathhauses eng verwandte Kapelle hinzu-
gefügt worden ist.

Technisches.

Ursprünglich zeigte das Innere der St. Stephanskirche das
Baumaterial des Backsteins in seiner natürlichen Färbung, doch
haben mehrfache Restaurationen sie dieses Vorzuges längst be-
raubt, so dafs das Innere trotz seiner freiräumigen Anlage und
sruten Verhältnisse einen nüchternen Eindruck macht. Interes-
sant ist die in den verschiedenen ßauzeiten siclitbare Bevorzu-

') Vergl. die sehr unvollkommene, aber doch charakteristische Ahbilil. inBiisching
a. a. 0. Tafel IV.

2) Die Aehnlichkeit mit dem Portale des Alttstädter ßatlihauses Bl. IX, Pig. 2 nnd
Bl. X, Fig. 4, sowic dem Sftdwestportale und den Fensterblenden an St. Godehard zu Bran-
denburg, vergl. den Holzschnitt S. 26, ist unzweifelhaft. Nicht minder venvandt ersclteinen
die Portale der Schlofskapellen zu Ziesar von 1470 und von Wollmirstädt von 1480. Vergl.
die Darstellung des letzteren in von Quast u. Ott-e, Zeitschr. I, Taf. 17.

3) Vergl. die treffiichen Darstellungen bcider Kirchen in Strack a. a. 0. Bl. 2 u, 3.

4) Diese Annalime bestätigt die in gothischen Minuskeln eingehauene Insclirift: Chri-
stian stromer 1500, welche olien am Thurme in einem Fenstersehlitze sieh befindet.

gung von Baumaterialien. Der älteste Bau war nur in Backstei-
nen errichtet, der Erweiterungsbau vom Anfange des XIV. Jahrli-
batte Sandstein zu den Plinthen- und Gurtgesimsen, so wie zum
Fenstermaafswerk verwendet, die dritte Bauperiode hielt diese
Materialverwendung fest und fügte noch zwei vollständige Dop-
pelpforten in Sandsteinarbeit hinzu, während die letzte Bauausfüh-
rung ganz ausschliefslich zu dem ursprünglichen vaterländischeu
Baumateriale, dem Backsteine, zurückkehrte und dasselbe in dei'
reichsten und zierlichsten Formgestaltung benut-zte. Die Kon-
struktion der vollen Mauern ist in slavischem Verbande herge-
stellt. Das Steinformat beträgt an dem oben genannten Reste
des Stiftungsbaues 10 Zoll, 4| Zoll und 3 ZolL an den Onter-
mauern des Langhauses 101 Zoll, 5 Zoll und 3| Zoll, am Nord-
kreuzflügel 10| Zoll, 5| Zoll und 3 1 Zoll, am Chorpolygon lOf
Zoll, 5| Zoll und 3- 1- Zoll.

Kunstwerke.

Das einzige aus dem grofsen Brande von 1617 noch erhal-
tene mit-telalt-erliche Kunstwerk ist das pokalförmige, durch ho-
rizontale Reifen mehrfach getheilte und mit Hochreliefs, der
Kreuzigung, St. Maria, St. Anna und St. Stephan, geschmückte
eherne Taufbecken, dessen eine in Mmuskeln geschriebene In-
schrift besagt, dafs Heinrich Mente dasselbe 1508 gegossen habe.
Bei weitem ausgezeichneter und der Hauptschmuck der Kirche
ist das in Eichenholz geschnitzte, in edlen und reichen Kunst-
formen der Renaissance durchgebildete Orgelgehäuse, welches
1624 von Hans Scherer aus Hamburg angefertigt worden ist.

R e s u 1 t a t.

Das auf Grnnd der eingehendsten analytischen Untersuchung
gewonnene Resultat ergiebt, dafs

1) das östlichste Wandstück der Nordmauer als Rest des
St-iftungsbaues von 1188,

2) die Nordmauer und Westmauer, sowie der Untertheil der
Südmauer von ca. 1310—1320,

3) die Schififspfeiler, Arkaden, Gewölbe und der Obertheil der
Südmauer durch Minhart von Wolderode von 1376—1398,

4) der Unterbau der Thürme von 1440—1460,

5) der Chor, das Querschiff und die östlichen Nebenkapellen
durch Bartholdus Schult-e von 1470—1485,

6) der Nordgiebel, die Obertheile der Thürme und die Frobn-
leicbnamskapelle ca. 1490—1510 erbaut worden sind.

Urkundliche Nachrichten über die Erbauungszeit der klei-
nen, am Westende der Stadt belegenen Kircbe fehlen vollstän-
dig. Die Tradition bezeichnet dieselbe als die älteste Pfarrkii'-
che der Stadt und nennt Markgraf Otto I. als ihren Stifter. Di°
bis zur jüngst-en Restauration, welche den a-lten Charakter des
Gebäudes völlig beseitigt hat, noch sichtbaren, wohl erhalteneü
Struktur- und Kunstformen bestätigen die traditionelle Nachricht
über die Gründungszeit der Kirche. Die kleine Bauanlage be-
steht aus dem oblongen Langhause mit quadratem, platt g e"
schlossenem Chore und dem oblongen Westthurme. Chor und
Schifif waren nie gewölbt, ihre Umfassungsmauern sind gröfsten-
t-heils aus unregelmäfsig behauenen Granitquadern hergestefib
nur die ursprünglichen kleinen, rundbogig geschlossenen Fen-
ster- und Thür-Oeffnungen, sowie der niedrige Triumpliboge' 1
zwischen Schifif und Chor waren mit Backsteinen eingefafs*'
und überwölbt. Diese teclmische Behandlung zeigt-e eine groJs°
Verwandtschaft mit der der Klosterkirche zu Krewese und ef'
gab mit Sicherheit für das Langhaus und Clior eine Bauzeh
des XII. Jahrh., so dafs St. Nikolaus als älteste Pfarrkirche
(der Tradition entsprechend) vom Markgrafen Otto I. zwiachd 1
1170—1184 erbaut worden sein kann. Der in Backsteinen ei'-

II. Pfarrkirche St. Nikolaus.
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