Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 71
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Üchtete

stalt

Pha:

oblonge Westthurm ') befolgt in seiner sclilichten Ge-

’ Ung und Gliederung das System der Thürme von St. Ste-

^Urch
ten

,n- Die Ecken sind mit Lissenen eingefafst, die Stockwerke

so

Gurtgesimse bezeichnet und die Glockenstube mit gepaar-
von einer spitzbogigen Blende umrahmten Schallöffnungen

ausgestattet. Die vorkommenden
Ziegelstempel, von denen derHolz-
schnitt 2) eine Darstellung giebt,
’Wie die völlige Uebereinstimmung der Formsteine lassen mit
cnex'heit schliefsen, dafs der westliche Glockenthurm von St.
lv°iaus zwischen 1460—1470 erbaut worden sein mufs.

III. Dominikaner Klosterkirche Allerheiligen.

Historisches.

Ueber die Stiftung dieser zum gröfsten Theile nicht mehr
Voihandenen, aber in architektonischer Beziehung höchst ausge-
Zeichneten Kirche sind die urkundlichen Nachrichten sparsam
ln lückenhaft. Die wichtigste Mittheilung hat eine ehemals
U her Westwand vorhanden gewesene Inschrift überliefert, wel-
e lautete: TlAft.no 1438 hat Marhgr. Friedrich der Jünger mit
1 en und Vottword des Raths, difs Kloster Prediger Ordens,
p derti Allmäclitigen zu ewigem Lobe, der Ilochgelobten Jung-
auen Marien der Multer Gottes und allen Gotles Heiligen zu Eli-
und Würdigkeit gestiftet, und die Stätte und Plan dcizu vereh-
Welche Fundalion Papst Eugenius VI. in selbigem Jahre con-

ven

ret.

hr

U.

närel,

auch mit Privilegien und Indutten beividmet. Ferrariae
Cal. Decembr. Ao. pontißcatus sui octavo“ 3). An diese, kei-

Mls aus der Stiftungszeit herrührende, sondern wahrscheinlich

7 . ö .

■oeit nach der Reformation ca. 1550 entstammende Inschrift
leUt sich die urkundliche Nachricht, dafs Kurfürst Friedrich II.
1442 dem Kloster Prediger (d. h. Dominikaner) Ordens
»p llClle Einnahmen, welche das Geschlecht der Schulczen zu
^ügerrotlnde inne gehabt hatte, zu einer ewigen Lampe in der
llche vereignete 4). Aus dieser Mittheilung darf man den Schlufs
letl5 dafs der 1438 begonnene Stiftungsbau der Klosterkirche

ewesen ist, um zur innern Ausstat-
S ttiit Lampen etc. vorzugehen. Der Klosterkonvent hat nicht

hr

1

II cr

bestanden, schon im J. 1544 wurde das Kloster vom Kur-
^ rsten Joachim II. der Stadt zur Finrichtung eines Hospitals für
p 1Ule und Kränke übergeben. Die grofse und schöne Kirche
8tand wohlerhalten bis zum Jahre 1626, wo der dänische Ge-
viel ^ Uc^ s behufs Herstellung einer Schiffsbrücke über die Elbe
(j e ßalken des Dachverbandes herausschneiden liefs. Ein bald
eingetretener heftiger Orkan warf den Dachverband her-
s er und beschädigte die Gewölbe, welche dann, da die drang-
stat,° 611 ^ e' 1* ;en ^ es dceil' 81?)ährigen Krieges keine Reparatur ge-
.’ eten, allmälig einstürzten. Der Hauptabbruch der schönen
Ulne erfolgte im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts. j|

Baubesehreibung').

i ber Grundrifs der mittelgrofsen Klosterkirche bestand, dem
iJomirhkaner Kirchen zu Brandenburg und jNeu - Ruppin

G]^ Vergl. die Abbild. des Neustädter Thores bei Strack a. a. 0. Bl. 22, worin der
nthurin von gti Njkokiis im Hintergrunde erscheint.
tteiu ® s verdient bemerkt zu werden, dafs der vom Bathhaase zu Stendal S. 67 mitge-
ü0ttle leinpel auch hier erscheint, dafs ferner der Stempel a den an den Siidfenstern des
den .. zu ßrandenburg vorkommenden sehr ähnlich ist und dafs die Stempel b und d an
dieSer 4 ^othischen Seitensehiffsfenstern zu Jerichow vorhanden sind. Durch die Ermittelung
Cs i,e. ^ atsache wird es möglich, die Bauzeiten jener Bautheile genauer festzustellen, als
(1etn Mangel an Nachrichten sonst mögiich wäre.
il- a r, VerSl. G. G. Kiister, Tangermündische De'nkwürdigkeiten S. 47 ff., auch Riedel
65 ff.

^loSte , aikSr af Friedrich der Jüngere ist der spätere Kurfiirst Friedrich II, welcher auch das
bipe,, aul dem Marienberge bei Brandenburg und die daselbst belegene Schwanenordens-
’j erbaut hatte.

ßiedel a. a. 0. XVI, 73.

hiellte i' lue kleine aber schöne Perspektive, welehe die wenigen, noch stehenden Frag-
i'eiln ei Kirehe ncbst dcn IClostergebäuden darstellt, findet sich in Strack und Meyer-
^ 6zeich" ^ ni' iS' 11 er Titel dieser Abbild. lautet St. Gertraud’s-Kirche, und diese
UnS findet sich auch sonst angewcndet, ist aber irrig, denn die 1438, neu 'erbaute

entsprechend, aus dem dreischiffigen Langhause und dem ein-
schiffigen polygon geschlossenen Cliore. Beide Bautheile waren
mit Kreuzgewölben überdeckt, die im Ohore auf Wanddiensten,
im Langhause auf vier Paar runden Mittelpfeilern und zwei Paar
halbrunden Wandpfeilern bei ca. 34 Fufs Axenweite des Mittel-
schiffs ruhten. Breite Spitzbogenfenster erleuchteten das Innere
der mit Schiefer gedeckten Kirche, welche wahrscheinlich einen
kleinen Dachreiter statt des Glockenthürmchens besafs. An die
Südseite des Langhauses schlofs sich der Kreuzgang an, der die
ziemlich ausgedehnten Klostergebäude mit der Kirche verband.

Von diesem Gebäudekomplexe sind nur die sehr verbauten,
südlich und östlich von dem ganz zerstörten Kreuzgange bele-
genen Klostergebäude, sowie ein mit ihnen unmittelbar verbun-
denes Wandstück der Kirche erhalten. Obschon die noch ste-
henden Reste nur ein Bruchtheil der einstigen Anlage ausma-
chen, so ist man doch im Stande, auf Form, Gröfse und künst-
lerischen Werth der Kirche sicher schliefsen zu können. Der
werthvollste, noch erhaltene Theil der Kirche, auf Bl. XLII, Fig. 4
dargestellt, ist die Innenwand der südlichen Umfassungsmauer
des Ohores, an welche sich der halbe Rundpfeiler der Südarka-
den des Langhauses mit der östlichen Abschlufsmauer des süd-
lichen Seitenschiffs lehnt. Die trefflichen Verhältnisse der ein-
fachen strengen Struktur, die Reinheit und Eleganz der Details
sowie die mustergültige Technik lassen sofort einen hervorra-
genden Bau aus der ersten Hälfte des XV. Jahrh. erkennen. Im
Chore sind die Strebepfeiler als 5 Zoll Vortretende, oberhalb
durch Spitzbogen verbundene Wandlissenen charakterisirt, wel-
che in dem polygonen Theile vom Fufsboden an emporsteigen,
im Langhaustheile des Chores in ca. 9 Fufs Höhe mittelst vor-
gekragter Schichten beginnen. Die auf sehr gut profilirten Rip-
pen ruhenden Kreuzge.wölbe werden von dreifach gebündelten
Rundstabdiensten getragen, welche sich auf blattlosen Kelchkon-
solen erheben und an Stelle der Kapitelle mit einfachen acht-
eckigen Kämpfersteinen ausgestattet sind. Vergl. das im Profil,
Vorder- und Seitenansicht gegebene Detail Fig. 1. Dieselbe Struk-
tur wiederholt sich an dem erhaltenen halbrunden Wandpfeiler,
welcher an drei Seiten mit Rundstabdiensten besetzt, als beson-
deren Schmuck schwarz glasirte, spiralförmig emporsteigende
Streifen zeigt. Auch besitzt derselbe Pfeiler eine ausgebildete
Basis und an dem ringförmigen Käntipfer oberhalb
des in der Richtung der Längenaxe angeordneten
Dienstes ein reicher gestaltetes Kämpferkapitell,
dessen Form der Iiolzschnitt mittheilt. Die Glie-
derung der Längsgurte, wovon ein Bruchstück an
dem halbrunden Pfeiler noch vorhanden ist, war
reich, aber schon etwas schwächlich
profilirt. Der Holzschnitt giebt von
diesem Profile eine Darstellung. Die
Fenster waren, wie die am Chore vor-
handenen, in Fig. 4 sichtbaren Frag-
mente lehren, einfach aber kräftig mit
tiefen Laibungen profilirt und mit viertheiligem Stabwerke aus-
gesetzt.

Alle diese Details stimmen mit den entsprechenden, am
Chore und Querschiffe des Domes und-an der Nordmauer der
St. Marienkirche zu Stendal vorhandenen Kunst- und Struktur-
formen so genau überein, dafs dadurch auch ohne das gesicherte
Datum von 1438 nicht nur die völlige Gleichzeitigkeit dieser
Bauwerke erwiesen wird, sondern auch auf die Ausführung durch
denselben ßaumeister geschlossen werden darf. Für diese An-
nahme spricht aufser der Uebereinstimmung der Detailbildung
und der Gleichartigkeit der Technik besonders die wichtige That-
sache, dafs nirgends Ziegelstempel vorkommen, deren, wie an
den betreffenden Stellen liervorgehoben, auch Chor und Quer-

Dominikanerkirche hiefs stets „ Allerheiligen“ und das Kloster „Pauliner Kloster“. Da aber
in derselben Gegend dicht neben der Klosterkirche auch eine Kapelle Sr. Gertrud gestan-
den hat, so scheint sich der Name St. Gertrud bei der Klosterkirche traditionell erhalten
zu’haben.
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