Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 73
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besonderer Gi'ite, auch ist die Sparsamkeit in der Verwen-
^ Ir'S von Knnstformen auffallend. Yon der in diesem Punkte
^jobachteten Oekonomie giebt die Herstellung der flachbogigen
^ endnischen ein interessantes Beispiel. Um nämlich die von
Herstellung der Oberfenster und d'es Westportals i'ibrig ge-
e enen Formsteine zu verwerthen, hat man die erwähnten
enden angeordnet und so formirt, dafs die eine Formstein-
sorte des Westportals als Glied des Einfas-
sungsprofils, die Formsteinsorte der Oberfen-
ster als Glied des Bogenprofils benutzt wur-
den. Diese höchst naive, aher' ganz zweck-
entsprechende Struktur, welche nicht nur be-
treffende Ecksteine- vermeidet, sondern auch
verschiedene Profilsteine dreist zusammentre-
ten läfst, wird durch den Holzsclmitt veran-
schaulicht. Das Steinformat beträgt 11 Zoll,
Zoll und 3| Zoll.

Resultat.

Mit Rücksicht auf die oben citirte Urkunde mufs St. Elisa-
1 ca. 1454 begonnen, aber unbekannter Ursachen halber lang-
Sllln fortgesetzt und ca. 1460—1470 mit der Westfront zum notli-



H’ftigen Abschlusse gekonnnen sein.

V. Kleine kirchliche Bauwerke.

Die meisten der aufserhafb der Stadt belegenen ldeineren
lcblichen Anlagen, zu denen die Kapelle St. Gertrud, St. Georg
JJ Uc! St. Maria (letztere eines wunderthätigen Gnadenbildes hal-
Cl 1423 ganz erneuert und später mit Chorherren besetzt), so
■^ le die Klause bei Bölsdorf gehörten, sind leider untergegangen.
° eb bedauerlicher bleibt der Verlust der wegen ihrer Pracht
chberühmten Kapelle St. Johannes auf der Burg zu Tanger-
J^bfide, welche zwar schon 1355 urkundlich erwähnt, aber durch
^Wiser Karl IV. nach dem Muster der St. Wenzels-Kapelle zu
rag neu erbaut') und auf’s Reichste mit Bildern, Edelsteinen
kostbarem Kirchengeräthe ausgestattet worden sein soll. An
g^ eser Kapelle war das unter „Historisches“ der Pfarrkirche St.

ephan erwähnte, ebenfalls von Kaiser Karl IV. ins Leben ge-
llhene Kollegiatstift niedergesetzt worden. Kachdem aber der
bü’würdige Jobst von Mähren schon im Anfange des XV. Jahrh.
^ as St. Johannes Stift seiner kostbarsten Reliquien und Schätze
eraubt hatte * 2), ging der von allen älteren Geschichtschreibern
^ chgepriegene prachtvolle Bau der Kapelle während des 30jäh-
§ en Krieges im J. 1640 zu Grunde. Jetzt ist keine Spur des-
Jen rnehr vorhanden.

VI—VIII. Thore.

Während des Mittelalters waren Burg und Stadt Tanger-
lrUh>de, jede für sich, durch ausgedehnte und starke Befestigun-
S Cn Wohl geschützt. Die städtisclie Ringmauer mit ihren höchst
l>oSanten Mauer- und Thorthürmen ist trotz einzelner Lücken
! l0eh immer wohl erhalten und gewährt die beste Belehrung
Über die Befestigungen märkischer Städte. Zwei durch Thürme
§ edeckte Thore, das Hühnerdorfer und Neustädter Thor, führ-
J Cri in die Stadt, während das Wasserthor, auch Rofspforte (Rofs-
furt) genannt, zum Tanger- und Elb-Ufer hinabführte und die
erbindung der Stadt mit dem Strome sicherte.

V

VI. Das Hühnerdorfer Thor.

Fas in Backsteinen erbaute Thor, welches die Stadt mit

) Vergl. Entzelt, Chronik der Altmark S. 137.

Vergl. clas Verzoichnifs clerselben in ßiedel a. a. 0. XVI, 40.

der Vorstadt, dem sogenannten Hülmerdorfe verbindet, besteht
aus dem weit vorgeschobenen Aufsenthore und dem fast ganz
zerstörten Innenthore, welches von einem seitwärts stehenden,
noch wohl erhaltenen Thorthurme gedeckt wird J). Obgleich
historische Nachrichten über Anlage oder Verstärkung des Bau-
werks völlig fehlen, so lehrt doch die analytische Untersuchung
uncl eine Vergleiehung mit verwandten Bauanlagen, dafs das
Hühnerdorfer Thor zweien Bauepochen entstammt. Der breite,
spitzbogige, abgestuft profilirte Portalbogen des Aufsenthors und
der quadrate mit spitzbogigen Wandblenden verzierte Unterbau
des Thurmes am Innenthore sind Reste der alten Befestio -una:s-
änlage vom Schlusse des XIII. Jahrh., dagegen gehören der acht-
eckige Oberbau des Thurmes und der nur noch in Fragmenten
erhaltene reich profilirte Portalbogen des Innenthors in die Mitte
des XV. Jahrh. Der wichtigste Theil der Bauanläge ist der am
Innenthore stehende Deckungsthurm, dessen Aufsenfaijade und
Grundrisse auf Bl. XXXIX, Fig. 1, 5 und 6 dargestellt worden
sind. Die räumliche Gestaltung entspricht den bereits mitge-
theilten Thorthürmen der- Stadt Brandenburg. Auch hier er-
folgte der Zügahg zu dem hoch gelegten ersten Geschosse ur-
sprünglich vermittelst des Portalbogens am Innenthore. Von
clem überwölbten Gemache, welches mittelst eines breiten Spitz-
bogens nach der Stacltseite ganz geöff'net und an dessen Gra-
benseite ein massiver Abtritt angelegt wär, führten sodann mas-
sive in der Mauerdicke angelegte Treppen zu einem höher be-
legenen achteckigen Raume, der mit vier vorgekragten massi-
ven Erkern näch aufsen erweitert, zum Aufenthalte der Thurm-
wächter diente. Auf dem achteckigen Kuppelgewölbe dieses
Wachtraumes ruht die massive, mit einfaeher Zinnenfonn um-
gebene Plattform des ganzen, bis _zu einer Höhe von 80 Fufs
emp ors teigenden Thurmes.

Die Kompösition des achteckigen Obertheils zeigt eine deut-
lich hervortretende Verwancltschaft mit dem Müblthorthurme zu
Brandenburg 2), nur dafs hier clie beabsichtigte Anlage der vier
massiven Erker eine verschiedene Hölie der zweitheiligen Spitz-
bogenblenden nothwendig machte. Auch ist die Durchbildung
des Details wohl mit Rücksicht auf clie höchst einfach uncl streng
gebildeten, zum Unterbau benutzten Reste des XIII. Jahrh. we-
niger reich und zierlieh erfolgt als zu Brandenburg. Die treff-
liche Erhaltung des Bauwerks läfst eben so sehr auf gutes Ma-
terial, wie auf solicle Ausführung schliefsen.

Der Thurm ist völlig aus Backsteinen erbaut, nur die klei-
nen Erker ruhen auf grofsen sanclsteinernen Konsolen. Das
Steinformat des quaclraten Unterbaues beträgt 10^ ZoII, 5 bis
51 Zoll und 3Zoll. Am achteckigen Oberbau, so wie an den
Resten des Portalbogens vom Innenthore erscheinen, pviewohl
sparsam, Ziegelstempel, deren einen der Holzschnitt dar-
stellt. Aus der Uebereinstimmung dieser Stempel mit de-
nen vom St. Nikolaus-Tburme geht hervor, dafs die Er-
höhung des Thurmes und die Herstellung des Innenthores ca.
1460—1470 stattgefunden hat, während der Unterbau und das
Aufsenthor schon seit ca. 1300 vorhanden waren.

VII. Das Wasserthor.

Dieses ebenfalls in Backsteinen erbaute Thor, dessen Grund-
rifs uud Aufsenfapade (Wasserseite) Bl. XXXIX, Fig. 3 und 7
darstellen, besteht aus zwei unmittelbar mit einander verbunde-
nen Bautheilen, aus dem äufseren, fast quadraten Ihorthurme
uncl dem nach der Stadtseite belegenen Ihorhause 3). Das Letz-
tere ist, wie vorhandene struktive Kennzeichen lehren, später an
den Thorthurm angebaut worden, vermuthlich um mehr Raum
für eine zahlreichere Wachtmannschaft zu gewinnen. Das mit
gedrückten Kreuzgewölben überdeckte Erdgeschofs beider Bau-

') Vergl. die treue Abbild. in Strack a. a. O. Bl. 2.

2) Vergl. BI. XVI, Fig. 1—4.

3) Vergl. hierzu d. Perspektiven in Strack a. a. O. BI. 1, 11 u. 12.
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