Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 74
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tlieile dient dem Durchgangsverkchre und öffnet sich nach der
Stadtseite mittelst eines Rnndbogens, während der auf breiten
Spit.zbogen ruhende Thorthurm nacl) der Wasserseite hin, mit- jj
telst zweier Thorflügel und eines Fallgatters geschlossen werden
konnte. Die konstruktiven Einrichtungen für das Letztere sind
für die äufsere Erscheimma; des Tliorthurmes von Wichtigkeit
gewesen. Denn die hohe Erhebung des Faflgatters führte zu-
nächst zur Herstellung einer doppelten Aufsenmauer, an welcher
aber, um Material zu sparen und nntzbare Schiefsscharten an-
zulegen, die äufsere Mauer durch einen breiten und hohen Spitz-
bogen geöffnet wurde. Mittelst schmaler Mauerschlitze und flach-
bogiger Fensteröffnungen wurden Faflgätter und Aufsenthor ver-

theidigt und durch eine gezinnte Plattform die. Wehrhaftigkeit
der Anlage beträchtlich verstärkt. Die Technik und das Mate-
rial sind gut, die ganze Bauanlage wohlerhalten. Das Steinfor-

ma't beträgt 10,—10| Zoll, 5'

Zoll .und o: ! — 3i Zoll.

0 Die vorhandenen Ziegelstempel, deren einen der Holz-
sclmitt mittheilt, stimmen mit denen am Westthurme von
St. Nikolaus und am Westportale von St. Stepban überein und
lassen auf eine gleiclizeitige Bauausführung von 1470 schliefsen.

VIII. Das Neustädtcr Thor.

H i s t o r i s c 1) e s.

Wie von den meisten städtischen Bauausfülirungen ist auch
von diesem grofsartigen, mit besonderem künstlerischen Auf-
wande hergestellten Bauwerke keine urkundliche Nachricht. vor-
handen.



B a n b e s c h r e i b u n g ').

Der itn Iiolzschnitte wiederge-

ist nur noch in Ansätzen erhalten und scheint eine gezinnte
Obermauer getragen zu haben, welche mittelst einer 18 Zoll
breiten massiven, in die Seitenmauer eingebundenen Treppe er-
stiegen werden konnte und zu einem niedrigen, nördlich bele-
nenen Deckuno;sthurme führte. An diesen nördlichen Seitenthunn
ehnte sich der jetzt planirte hohe Wall, welcher nördlich und
westlich die Stadtmauer umschlofs und, wie aus dem Stadtpro-
spekte in Küster’s Antiq. Tangenn. hervorgeht, bis 1729 wohl
erhalten war. Die nördliche Seitenmauer des Vorhofes ist durch
eingebaute Iiäuser so zerstört, dafs die ursprüngliche Form und
Einrichtung nur unvollkommen erkannt werden kann. Nach
Osten hin war der zwingerartige Vorhof durch einen ebenfafls
nicht mehr erhaltenen zweiten Portalbogen begrenzt, dessen
Thorflügel den Hof von der dahinter belegenen Brücke abschlos-
sen und zu e.inem selbstständigen Aufsenwerke gestalteten. Der
sehr breite und tiefe (jetzt fast ganz ausgefüllte) trockene
Graben * 2 * * *) wird mittelst eines kurzen, von hohen Mauern einge-

’)• Vergl. die. Perspektive bci Strae.k a. a. 0. EI. 22.

2) Die holie Lage der ganzen Stadt Tangermüude über Elbe und Tanger und der
g'anzliche Mangcl an fliefsendem oder stehcndem Wasscr auf dem Platcau verstattete nicht
die Anlage eiues nassen Grabens, welcher auf Bl. XL irrthüinlicher Weise dargestellt wor-
den ist.

fafsten Dammes und einer spitzbogig überwölbten massiven Brückc
überschritten. Die Brüstungsmauern der Brücke sind in Form
von niedrigen gezinriten Brustwehren hergestellt. Jenseits der
Briicke erhebt. sich das sehr starke Innenthor, dessen Aufsen-
front auf Bl. XL, Fig. 1 nebst zwei dazu gehörigen Grundrissen
Fig. 2 und 3 dargestellt worden ist.

Der mittlere Theil, das eigentliche innere Tlior, welches
sich nach der Stadtseite zu beträchtlich erwfeitert, konnte mit-
telst nach aufsen aufschlagender Thorflügel gesehlossen werden
und war ursprünglich mit einem auf Rippen ruhenden Kreuzge-
wölbe, jetzt mit einer stark überhöliten böhmischen Kappe über-
wölbt. Die darauf ruhende Plattform ist nach innen wie nach
aufsen mit Zinnenwänden besetzt und hat zur bessern Sicherung
des darunter belegenen Haupteingangs der Stadt eine Pechnasen-
Einrichtung (Moucharabi) empfangen. Der mittlere Zinnenpfei-
ler ist .erkerartig vorgekragt und unterhalb mit einer breiten
Ausgufsöffnung versehen, um brennende Körper, heifse Flüssig-
keiten etc. mit Leichtigkeit von der Plattform auf den andringen-
den Feind herabscbütten zu können. Von der Struktur- und For-
menbildnng dieses Erkers giebt Bl. XXXIX, Fig. 8 eine Darstel-
lung. Zwei andere, neben der Pechnase belegene, weit vorge-
streckte sandsteinerne Ausgufssteine dienten zur Ableituns d eS
Regenwassers von cler Plattform, konnten aber auch zu gleichen
Vertheidigungszwecken benutzt werden.

Der das Innenthor an der Südseite flankirende oblongn
Thurm springt vor cler Fluclit der städtischen Ringmauer
'wei.t hervor, clafs eine Seitenbestreichung derselben ermöglicht
wurde. Er besitzt zwei mit flachen Tonnengewölben überwölbte
Räume, von denen jeder durch zwei schmale, auf Pfeilsehufs-
vertheidigung eingerichtete Mauerschlitze erleuchtet wird. Dei’
Eingang, welcher die Thoröffnung direkt mit dem Erdgeschosse
verbindet, öffnet sich zugleich nach der schmalen massiven Treppe?
die in der etwas herausgebauchten innern Umfassungsmauer 1 ie-
gencT, zum obern Stocke und von dort aus zur Plattform des
Thorbogens empor führt. Vgl. Fig. 2 und 3. Dicht am Aus-
tritte dieser Treppe erweitert ’sich das obere Stockwerk mittelst
eines über clen Graben hinausgekragten Erkers, der als Abtritt
diente. Dieser oblonge, in höchst einfachen Formen mit ge-
putzten Spitzbogenblenden ausgestattete Thurm war urspriing'
lich mit einer einfach gezinnten Plattform beendigt-, ist aber durch
einen späteren Äufbau, welcher die jetzt noch erhaltenen rei-
cher ausgebildeten Zinn'en herstellte um ca. 9 Fufs erhöht woi'-
den. Da das Backsteinformat. und die einfachen Kunstformeü
des oblongen Thurmes vön denen des stumpf daran gesetzten
Thorbogens und des Rundthurmes abweichen, dagegen mit de-
nen des Voi’hofes und Äufsenthores übereinstimmen, so mufs dei'
oblonge Thurm und clas Aufsenthor als eine ältere Befestigungs-
Anlage betrachtet werden, welche allen Kennzeichen zufolg' 6
ebenso wie der Unterbau des Hühnerdorfer Thorthurmes und
das Aufsenthor daselbst vielleicht noch dem Schlusse des XIIL
walirscheinlicher aber deiD Anfange cles XIV. Jahrh. angehört')'

Der die' Nordseite des Innent.hores deckende Rundthurüi
springt ebenfalls hinreichend weit in den trocknen Graben hei’-
vor, um denselben seitwärts bestreichen zu können. Der Fufs
des Thurmes wird durch einen 50 Fufs lioch angeordneten, a’fl
Kragsteinen ruhenden massiven Umgang, der nach oben bedaclfl
und in dessen Fufsboden eine Reihe von Giefslöchern (Mach 1'
coulis) angeordnet waren, an allen Seiten vertheicligt 2 * *). Da-

') In der Aufsenfront Fig. 1 ist der spätere Aufbau genau dor Wirklichkeit entspi' 0'
chend durch hellrothe Färbung der jiingeren Baeksteinschichten charakterisirt, dagegen l' 1L
jetzt vorhandenen, aus dem XVI. Jahrh. herriihrenden Ziegeldächer iiber dem oblonfl 1’ 11
Thurme xmd dem Thorbogen fortgelassen worden.

2) Lcider ist dicser Umgang vor ca. 30 Jahren abgetragen wordcn, so dafs nur noö'

die Ivragsteine, die Verbindungsthiiren aus dem Innern des Tluirmes und die Deckgesinr' 0’

an welche sich die massive Abdeckung lehntc, vorhanden sind. Die auf Bl. XL gegebc" 1'

ßestauration beruht aber theils auf dem oben erwähnten Küster’schen Kupferstiche, tlioü^

auf einem im Königl. Museum vorhandenen Modclle, welches vor dem Abbruche angch' 1"

tigt ist. Ueberdies sind die Spuren der ehemaligen Struktur so deutlich, dafs ein Irrthn 11'

bei einer etwaigen Restauration, welche im Interesse der Stadt Tangermünde dringend

wünsehen wäre, kaum möglich ist.
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