Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 78
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Facadensystcm, -welches sich zwar ebenfalls in der Ausbildung
der Stirnseite der Strebepfeiler an das Fayadensystem von St.
Stephan anlehnt, aber durch die vollständige Umrahmung jedes
dreitheiligen Fensters mit ganz durchbrochenem, abwechselnd
schwarz glasirtem und rothem Gitterwerk einen sehr gefälligen
und anziehenden Schmuck empfangen hat. Da auch die Einfas-
sungsprofile der Thüren und Fenster mit rothbraun glasirten Stei-
nen abwechselnd dekorirt sind, und dieser Schmuck an den ver-
tikal aufsteigenden Gitterfriesen, sowie an der Stirnseite der Stre-
bepfeiler festgehalten worden ist, hat das. Faqadensystem eine
höchst consequente, anmuthige .Durchbildüng erfahren, von de-
ren Wirkung Fig. 1 eine Vorstellung giebt. Die Profilirung sämmt-
licher Details ist mit gleicher Eleganz und Feinheit durchgeführt,
wovon die Details der Fensterprofile Fig. 3 (rechts) und desNord-
portals Bl. XLIII, Fig. 3 und 4 bemerkenswerthe Muster zeigen.
Diese reichen, aber noch immer gehaltvollen Formen maehen es
zweifellos, dafs sie dem nachrichtlich iiberlieferten Baue aus dem
Anfange des XV. Jahrh. angehören.

Die vierte und letzte Bauepoche hat die wahrscheinlich durch
den Stadtbrand von 1439 scliwer beschädigte Kirche nicht nur
restaurirt, sondern ■ auch durch die oben beschriebene Choranlage
beträchtlich erweitert. Zu dieser Bauausführung gehören daher
sämmtliche auf gleich profilirten Bippen ruhenden, hochbusigen
Kreuzgewölbe des älteren Langhauses, einschliefslich der tragen-
den Längsgurte, ferner der ganze Ohor mit Pfeilern, Gewölben
und Lmfassungsmauern. Bei der Herstellung des Chores ist
die Pfeilerbildung der ältereh Schiffspfeiler im Motive zwar fest-
gehalten, aber in der Profilirung selbst so nüchtern und geist-
]os wiedergegeben worden, dafs dai’in der spätgothische Charak-
ter unvei'kennbar hervortritt. Vergl. Bl. XLIV, Fig. 4 und 5
(links). Auf die sonstige Gestaltung des Ohores hat andrerseits
der Dom zu Stendal eingewirkt, denn es sind nicht nur die dort
voi’handenen hohen und schlanken dreitheiligen Fenster mit ih-
ren tiefen Laibungen, ferner die mit Relief blenden geschmückten
Üntermauern für das Aeufsere, sondei’n auch die auf blattlosen
Kelchkonsolen aufsetzenden Dienste, die Spitzbogenblenden an
den Untei’mauern, sowie die Ueberhölning der Schildbogen im
Mittelschiffe für das Innei’e völlig maafsgebend gewesen. Vergl.
die auf Bl. XLIII, Fig. 1 und 2 dai’gestellten Hälften des Quei'-
schnitts und der Ostfaqade. Die geringen Variationen, welche
auftreten, sind aber weder als Vei’besserungen noch als gelun-
gene Aendei’iuxgen zu bezeichnen. Dahin gehören die absatzlos
aufsteigenden, bis über das magere Hauptgesims reichenden Stre-
bepfeiler, die sehr schwerfällig erscheinen; ferner die an den
Chox’wänden oberhalb der Fenster angeordneten, kaum eine Wir-
kung ei’zeugenden Rosettenblenden. Von den letzteren, sowie
von den Fensterprofilen geben die Details Bl. XLIII, Fig. 5 und
Bl. XLIV, Fig. 3 eine Darstellung. Eine an der Südseite bele-
gene zweigeschossige Kapelle, welche sich oben mit breiten Ar-
kaden nach dem Chore hin öffnete, scheint, nach den nüchter-
nen Kunstformen zu urtheilen, dem Schlusse des XV. Jahrh. an-
zugehören.

Technisches.

Der interessanteste Theil des Chorbaues ist die reich ge-
staltete Anordnung der drei Polygonschlüsse, welche bei dem

Wunsche,' möglichst viele
und breite, zur Aufnahme
von Glasmalereien be-
stimmte Fenster anzulegen,
zu eigenthüinlichen Kon-
struktionen geführt hat.
D-iesinnreicheStruktur, wo-
mit das Hauptgesims der
Xebenchöre mit den betref-
fenden Polygonmauei’n des
Hauptchors verbunden sind,
zeigt der Holzschnitt, wo-

bei bemerkt wird, dafs der die Seitenfronten der Strebepfeile r
miteinander verbindende Flachbogen, sowie die dagegen gelegte
hochbusige Kreuzkappe es nothw rendig machten, dafs die äufser-
sten Fenster des Hauptchors nicht höher emporgefühi’t werden
konnten, als die Fenster der Nebenchöre reichten. Gleichzeitig
wui’de durch die e'etroffene Anordnuno; die Möji'lichkeit eeeeben,
den Hauptchor wie die Nebenchöre mit demselben Dachverbande
zu überdecken, wie dies die Ostfaqade Fig. 2 lehrt. Die tech-
nische Ausführung ist an der ganzen Kirche höchst gediegen zu
nennen und wird durch ein Material von grofser Dichtigkeit und
schöner Färbung trefflich unterstützt. Leider hat das Innere nui'
noch an den Pfeilern die Naturfaihe des Materials bewahi’t. Das
Steinformat beträgt am' südlichen Seitenschiffe 11—11* Zoll, h
bis 5S Zollund 3p—3f Zoll, am Chore llf—lli Zoll, 5 1 — 5| Zoll,

3!--31 Zoll.

K u n s t w e r k e.

Die Kirche ist trotz aller Verschleuderung und Vernachläs-
sigung mittelalterlicher Kunstwerke noch iminer reich daran zu
nennen. Aufser mehreren kleineren,' leider ganz vernaclilässigteu
Flügelaltären bewahrt sie in dem überaus grofsen, aufs Pracht-
vollste geschnitzten, bemalten und vergoldeten Flügel-Hochaltare
eine der bedeutendsten Leistungen auf dem Gebiete der HolZ'
schnitzkunst iri den Marken. Die an diesem ausgezeichneteü

Skulpturwerke vorhande-
nen Darstellungen bezie-
hen sich auf Leben, Tod
und Iiimmelfahrt Mariä-
Höchst wahrscheinlich is*
dieser Altar gleich nach
Vollendung der Kirche ca*

.

1470 aufgestellt worden.

Zwei gröfsere Erzgufs-
werke haben glücklicher-
weise den Sturm der Zei- j
ten iiberdauert und DatuiU
wie Meisternamen überlie'
fert. Es sind dies der gr°'
fse, vor dem Hochaltare
auf 3 Löwen ruhende fünf'
armige Leuchter, welcheu
der Holzschnitt darstellb
und das einfach gebildete
pokalförmige Taufbeckeu-
Am Fufse des Leuchtei'S
steht die Minuskelinschrih :
anno domirii MCCCCLXXXVII do maltede lierman bonstede def e
luchte, und an dem Taufbecken: anno domini MCCCCLXXXl^
hermen bonstede: help jhesus unde maria.

Ein mit eingravirten biblischen Darstellungen geschmückter,
silberner und vergoldeter Kelch aus dem Anfange des XIII. Jahi’h.
gehört zu den sparsam vorhandenen Resten der älteren Gold'
schmiedekunst in den Marken ’).

Der bei weitem wichtigste und hervorragendste Schatz dei’
Kirche besteht in den allerdings nur noch theilweis erhaltencu
Glasmalereien in den Chor- und einigen Schiffs-Fenstern. Die se
namentlich in Bezug auf die Komposition, von dem höchsteU
Adel und der reinsten Schönheit erfüllten Malereien, welche Dui 1'
stellungen des Sündenfalles, des Todes und der Krönung der Mi'
ria, sowie Engel mit Wappenschildern, Heilige etc. enthalteu,
sind, wie aus den Inschriften hervorgeht, Stiftungen des Kurfht'
sten Friedrich II. Ihre Herstellung hat 1467 stattgefunden 2)-

') Dieser Iiclch ist abgebildet nnd eingehend erörtert worden in v. Quast und Ot**'
Zeitschr. I, 69 ff.

2) Auch auf diese Fenster nach ihrem Kunstwerthe und liistorischen Bcdcutung zuc>' st
eingehend aufmerksam gemacht zu haben, ist ein Verdicnst des Herrn von Quast. VOß'
dessen Aufsatz in v. Quast und Otte Zoitsehr. II, 33 ff.
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