Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 82
DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/adler1862bd1/0092
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
selb.e ausgezeichnete Technik besitzen. Diese Mauerreste sind of-
fenbar als Theile der Süd- und Nordmauer des zum ursprüngli-
chen Baue gehörigen Querschiffs aufzufassen und man gewinnt
hieraus, sowie aus deutlich erhaltenen Ansatzspuren an der west-
lichen Thurmanlage das Resultat, dafs der erste Bau eine geräu-
mige, mit Querschiff versehene Granitbasilika gewesen ist, deren
Form und Gröfse durch St. Nikolaus zu Osterburg am besten be-
urtheilt werden kann. Von besonderem Interesse sind die erhal-

tenen innern Gramtpfeiler, an'
welche später einerseits abge-
stufte, andrerseits starke Rund-
pfeiler aus Backsteinen ange-
lehnt worden sind. Der Holz-
schnitt giebt von dieser Ge-
sammtgliederung der beiden
Pfeiler eine Vorstellung und
zeigt namentlich die seltene
aus glatt behauenen Granit-
quadern hergestellte Vorkra-
gung mit abgekehltem Käm-
pfer, auf welcher der 25 Fufs
weit gespannte Triumphbogen
ruht. Die genaueUebereinstim-
mung dieser Kämpfer mit de-
nen der Osterburger St. Nikolaus-Kirche erweist die nahe Ver-
wandtschaft dieser beiden, auch in der Technik so völlig einan-
der entsprechenden Kir'chen. Aus diesem Grunde darf man mit
Sicherheit die erwähnten Granitbaureste in das XII. Jahrh. setzen.
Dadurch wird aber die bemerkenswerthe Thatsache gewonnen,
dafs der nach Verlegung der Stadt erforderlich gewesene Bau
der zweiten Pfarrkirche in Granitquadern errichtet wurde,
während die jetzt verschwundene erste Pfarrkirche St. Jakob
um das J. 1151 ganz aus Backsteinen erbaut worden war *).

Der in Granit hergestellte Stiftungsbau hat durch die Hin-
zufügung einer stattlichenj auf zwei Thürme berechneten back-
steinernen Westfront in der ersten Hälfte' des XIII. Jahrh. eine
wesentliche Erweiterung erfahren. Diese mit Eck- und Wand-
lissenen, Stabfriesen - und Stromschichten ausgestattete Fa-
$ade entspricht in der Plananlage wie in den Kunstformen den
gleichzeitigen und eng verwandten Westfronten von Jerichow
und Stendal, übertrifft dieselben aber durch den seltenen Schmuck
eines reich gegliederten Idauptportals, von welchem BI. XLVII,
Fig. 1 eine Darstellung giebt. Dieses kraftvoll profilirte, aber
dabei in ebenso reichen, wie eleganten romanischen Formen ent-
wickelte Hauptportal ist das glänzendste Beispiel derartiger Por-
talanlagen in den Marken und darf ein um so gröfseres. Inter-
esse beanspruchen, als es, wie.die Darstellung zeigt, aus derhöchst
sinnreichen und wirkungsvollen,. gemeinschaftlichen Verwendung
von Backstein- und Sandstein-Material hergestellt worden ist.
Hinter dem Hauptportale liegt die mit einem scharfgratigen ob-
longen Kreuzgewölbe bede.ckte Vorhalle, welche sich mittelst ei-
nes breiten Rundbogens auf abgekehlten Kämpfern nach dem
Mittelschiffe hin öffnet. Mehrere Ansatzspuren an der Innenseite
der Thürme lassen sodann die ehemalige Grundrifsbildung und
Höhenerhebung der alten Basilika so genau erkennen, dafs es
möglich wäre, deren Querschnitt in allen Maafsen genau zu ver-
zeichnen, wobei nur die Frage, ob die Seitenschiffe mit Tonnen-
gewölben überdeckt. gewesen sind (wie zu Krewese), nicht mit
völliger Sicherheit entschieden werden kann. Da an der gan-
zen Westfront Formen des Uebergangsstyles sehr sparsam auf-
treten, — wohin der spitzbogige Schildbogen des oblongen Kreuz-
gewölbes in der Vorhalle, sowie me.hrere in ca. 60 Fufs Höhe

’) Da die Pfarrkirchen zn Osterbnrg, St. Martin und St. Nikolaus, einen übereinstim-
menden W'echsel in der Bautechnik zeigen, wie St. Jakob und St. Peter zu Seehausen, so
ergiebt sich hieraus das fiir die altere' Kolonisationsgeschichte der Altmark höchst wich-
tige R.esultat, dafs wcnige Jahre nach der am Rän'de der Wische erfolgten Ansiedlung
der Niederländer ein frischer Zuzug von Kolonisten aus dem inneren Deutschland (Sachsem
und Westphalen) stattgefunden haben mufs, durch welchen die Werksteintechnik bei der Her-
stellung von. Kirchen auf’s Neuo in den Vordcrgvund trat umh die niederländische Backstcin-
technik eine Zeitlang verdrängte.

auftretende, ganz einfache profillose Spitzbogenfenster gehören,—'
so darf man den Bau der Westfront auf ca. 1220 — 30 annehmen-
Sehr viel später ist der Neubau des Langhauses erfolgt, wel-
ches im Innern das Pfeiler- und Gewölbesystem des Domes von
Stendal in einfachen reducirten Formen wiederholt hat und in
seiner Fapadenbildung mit dem westlichen Theile des Langhau-
ses der Ordenskirche zu Werben auf das Engste zusammenhängt'
Das Innere ist frei und geräumig gestaltet, aber mäfsig hoch.
Drei dienstlose Rundpfeilerpaare mit Ringkämpfern und attischen
Phnthen tragen die kleinlicli und nüchtern profilirten Längsgurte,
gegen welche die hochbusigen, 5 Zoll starken, auf Birnenrippen
ruhenden Kreuzgewölbe gespannt sind. Obgleich die Ueberwöh
bung der Seitenschiffe mit fünfkappigen Kreuzgewölben auf das
Struktursystem von Stendal zurückweist, auch die Rundpfeilei’
mit Kämpfern und Basen an jenes Bauwerk erinnern, so ent-
behrt doch das Innere eben so sehr der edlen Gesammtverhält'
nisse, wie der trefflichen Profilirungen, welche den Dom zu Sten-
dal so sehr auszeichnen. Im Gegentheile gesellt sich zu dei’
schwächlichen Profilirung aller Kunstformen eine mittelmäfsig e
Technik u,nd die unkünstlerische Anordnung, die Pfeileraxen so
zu ordnen, dafs die drei Schiffe im Westen mit halben Kreuzge-
wölben gegen die Thurmfront gelehnt werden mufsten, beraubt
das Innere jedes klaren und reinen künstlerischen Eindruckes-
Di'e bis auf 9 Fufs Höhe in mittelmäfsig gemauertem Granit-
mauerwerk hergestellten Aufsenfinjaden besitzen fast sämmtlich
das an der Ordenskirche von Werben Bl. XLIV, Fiff.-l mitge-
theilte Motiv, die Strebepfeiler wie die Wandflächen mittelst
durchbrochener Gitterfriese reich zu schmiicken. Nur die Obei’-
mauer, welche auf dem Granitbaureste des alten Nordkreuzflü'
gels ruht, entbehrt dieses Fa^adenmotives und zeigt in ihreü

paarweis gestellten Fenstern rnit
einer Spitzbogenblende dazwi'

schen und einer Rose darübei’
einen mit. reducirten Kunstfor-
men bewirkten, engen Anschlufs
an die Nordkreuzfront des Do'
mes zu Stendal. Andrerseits si»A
das Hauptgesims (o), die Feö'
ster- (5) und Portalprofile (»)
auf der Süd- wie Nord-Seite>
von denen die Holzschnitte
eine Darstellung geben, mehf
den in Salzwedel vorkommendeü
Profilen genähert. Die StirnseiteO
der Strebepfeiler sind an den Kaü'
ten mit abwechselnd rothen un (i
schwarz glasirten Steinen eingefafsh
— ein dekorativer Schmuck, welch 61’
auch die in Gitterfriesen hergestefl'
ten Umrahmungen um jedes Fenstci’
begleitet. Eine besonders gefällig 0
Ausbildung mit Reliefmaafswerk h !lt
der nördliche Theil der Westmaudl
welcher über die Thurmfront etwa g
hinaustritt, empfangen. Der HolZ'
schnitt giebt von dieser einfach
schönen und wirkungsvollen Gliede'
rung, welche vermuthlich zum älte'
sten Theile cles erweiterten LanghauS'
baues gehört, eine Vorstellung. Afl e
diese hier in Kürze charakterisirteU
Kunst- wie Strukturformen lasseü
mit Sicherheit die Bauzeit des Lang'
hauses auf ca. 1440—1450 datire»*
Die einheitliche und geräU'
mige, aber in sehr niedrigen u» 0
gedrückten Verhältnissen erbaut»
Choranlage hat sich in nicht afl'
loading ...