Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 85
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S°thischen Fenstern zu erkennen '). Nicht minder eigenthüm-
Cn ist die an den Aufsenfapaden des Chores bewirkte Wand-
S^ederung mit Spitzbogenarkaden, welche Fig. 2 und 3 darstellt,
ZuOial da die an der Nordseite des Chores völlig intakt erhalte-
llCtl Wandpfeiler lehren, dafs dieselben ursprünglich in balber Höhe
| lQch ein Mal durch doppelte Rundstäbe gegürtet waren. End-
ist die schmuckreiche Giebelbehandlung mit kreisförmigen
^ andblenden, steigenden Bogenfriesen und einer Stromschieht,
3 und 6, sowie ihre sinnige Verbindung mit den Chorlang-
. ?aden, Fig. 2 und 7, als eine der phantasiereichsten und wir-
^ügsvollsten Schöpfungen des Bachsteinbaues hervorzuheben,
^dche nur bedauern läfst, dafs dieselbe keine weitere Entwicke-
j. in den Marken erfahren hat ’). Das Innere hatte ursprüng-
lch eine nicht minder glänzende Ausstattung empfangen wie
s Aeufsere, denn nicht nur zeigen die wichtigsten Struktur-
ei*e jene Verwendung von schwarz glasirten Gesimssteinen,
^ er den Wechsel rother und schwarz glasirter Forrnsteine, son-
111 auch die im slavischen Verbande aufgemauerten Wände be-
Sai"sen eine gleiche schmuckreiclie Behandlung durch die Glasi-
Fllllg aller Strecker. Das Steinformat beträgt 10| Zoll, 5 Zoll
^üd 3| 2oll. Merkwürdig ist die Thatsache, dafs die, wie oben
j lachgewiesen, später erneuerten Gewölbe des Chores und Schif-
s m einem den alten Theilen angenäherten Charakter und eben-
s mit besonderer Vorliebe für die Verwendung glasirter Form-
s^ eine hergestellt worden sind.

•Der Verlust einzelner wichtiger Bautheile, wie der Seiten-
ab UD<^ ^ 6S wes^ ic^ en Dlockenhauses ist bei diesem kleinen
er künstlerisch und würdig durchgebildeten Bauwerke aufs
eüfserste zu beklagen, zumal ältere Beschreibungen und Äb-
11 düngen darüber keine Auskunft geben.

E e s u I t a t.

Aus den oben entwickelten, auf eine umfassende Betrach-
n§ der altmärkischen Bauwerke basirenden Gründen mufs das
anghaus von St. Lorenz um 1220, das Westhaus und der Chor
; 1230 erbaüt und die Erneuerung der Gewölbe ca. 1450 be-
^ lrkt worden sein.

II. Pfarrkirche St. Maria.

Ilistorisches.

p Ghe erste historisch gesicherte Erwähnung dieser ältesten
j ari'kirche der Altstadt fällt in Folge desVerlustes älterer Ur-
^ücten erst in d. J. 1285, worauf dann unmittelbar eine seltene
Je von Nachrichten sich anschliefst, aus denen aber bauge-
jjj. lch.tlich werthvolle Notizen nicht entnommen werden können.
w e g rofse Anzahl von Altarstiftungen ward am Schlusse des
r • Jahrh. vorgenommen, doch sind derartige Frömmigkeits-
e,1güisse auch aus den späteren Jahrhunderten in nicht gerin-
j 1 ^ahl überliefert 3). Eine besonders reich dotirte Mefsstif-
^ 11S hü J. 1464, zu welcher der Rath und die Bürgerschaft be-
^tend. beisteuerten, und eine daran geknüpfte Ablafsertheilung

eiüt unmittelbar nach Vollendung des neuen Chores stattge-

^üden zu haben. In demselben Jahre wird die (noch vorhan-
Clle) Kapelle über der Gervekammer (Sakristei), und andere

^ * n den Backsteinbauten der Altmark allmälig stattgefundene Umbildung der
^Psisf 1 daher an folgenden Beispielen höchst anschaulich nachweisen; 1) die

Ogtfj enster von Jerichow (ca. 1210), 2) die Westfenster von Diesdorf (ca. 1225), 3) die
j) ster von St. Lorenz (ca. 1230), 4) die Ostfenster von Neuendorf (ea. 1245), Vergl.
^ otzschnitte S. 39 und S. 51, mit den Abbildungen auf BI. XXX, Fig. 3 und Bl. XLT,

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>st : , nas wichtigste Beispiel für die Entwickelung des Uebergangsstyls in den Marken
ren g nflills die St. Marienkirche auf dem Harlungor Berge bei Brandenburg gewesen, de-
i®t sich unmittelbar an St. Lorenz angeschlossen zu liaben scheinen. Dagegen

Gb C vlenllurg noeh jetzt sehr reich an derartigen schmuckvollen Backsteinbauwerken des
von denen hier nur die heilige Blutskapelle bei Dobberan, das Schiff der
Orev lrche zu Dargun, die Dorfkirchen von Alt-Kalden, Scliorentin, Lage, Dassow
l(irc]le Stri' llllen etc. und einzelne Bautheile an St. Nikolaus zu Rostock so wie, an den Stifts-
'° n Bützow und Güstrow hervorgehoben sein mögen.

) Verg],

Danneil a. a. O. S. 30 ff.

Kapellen, deren Lage in und an der Kirche ungewifs ist, in der
zweiten Hälfte des XV. Jahrh. erwähnt. Nur die 1520 genannte
„neue“ Kapelle St. Anna ist noch an der Südwestseite der Kir-
che sicher nachweisbar. — Den seltenen Reichthum von Altä-
ren und geistlichen Lehnen beweist der Visitationsrecefs vom J.
1541, denn es waren beim Eintritte der Reformation 28 Neben-
altäre und 81 geistliche Stiftungen an der Pfarrkirche vorhan-
den *).

B a u b e s c h r e i b u n g.

Die Form und Gröfse dieser geräumigen Pfarrkirche geht
aus dem auf Bl. XLIX, Fig. 12 mitgetheilten Grundrisse hervor.
Dieselbe besteht aus dem fünfschiffigen Langhause, welches, nach
Westen hin kapellenartig erweitert, den runden Glockenthurm
umschliefst, während jenseits des Querschifles der einschiffige
polygon geschlossene Chor die Bauanlage im Osten vollendet.
Abgesehen von späteren Kapellenanbauten auf der Nord- wie
Südseite des Langhauses, lassen sich durch analytische Unter-
suchung fünf Bauzeiten nachweisen, welche der Pfarrkirche ihre
jetzige Erscheinung gegeben haben.

Der älteste Rest ist der in Granitquadern hergestellte Un-
tertheil eines kolossaien Rundthurmes, welcher durch Gröfse und
Baumaterial auf die Gestalt und Bauweise der ältesten Pfarrkir-
che, welcher er als westlicher Glockenthurm angehörte, schlie-
fsen läfst 2). Indessen ist von diesem hochalterthümlichen Baue,
dessen Entstehung mit Rücksicht auf die Thatsache, dafs Salz-
wedel schon 1112 als wohl befestigter Ort in der Geschichte
erscheint, in den Anfang des XII. Jahrh. gesetzt werden kann,
nur der Unterbau mit einer rundbogigen Thür und schmalen
Fensterschlitzen bis auf eine .Höhe von 10 Fufs erhalten.

Unmittelbar darüber setzen die Umfassungsmauern ab, und
der achteckig gebildeteThurm steigt, in Backsteinen erbaut und mit
einer hohen achteckigen Spitze abgeschlossen, bis zu einer Höhe
von 245 Fufs empor. Der gröfsere Theil dieses achteckigen, mit
Lissenen, Bogen- und Stabfriesen ausgestatteten Thurmes gehört
in die zweite Bauepoche der Kirche, aus welcher noch die Mit-
telschiflspfeiler, die Querschiffsmauern und die westlichen Theile
der Chorwände erhalten sind. Nach diesen Bruchstücken zu ur-
theilen, war die ca. 1223—1235 in Backsteinen neu erbaute Kir-
che in Form einer dreischiffigen, gewölbten Basilika mit Quer-
schiflf und platt geschlossenem Chore hergestellt und in der Plan-
bildung an St. Lorenz, in der Detailgliederung dagegen mehr an
Arendsee und Jerichow angescldossen worden. Besonders über-
einstimmend mit St. Lorenz erscheint der Wechsel an Stützen-
formen im Mittelschiffe, wo zwei reich gegliederte, mit Halb-
säulen besetzte Hauptpfeiler mit einfach runden oder achtecki-
gen Pfeilern wechselri. Leider sind die Basen und Kapitelle die-
ser Stützen untergegangen, dagegen finden sich die Kämpfer der
Vierung und der südlichen Arkadenreihe am Thurme noch wohl
erhalten. Vergl. Bl. XLIX, Fig. 1. Die Fa^adenbildung aus je-
ner Bauzeit ist an den Umfassungsmauern des Chores (soweit
im Grundrisse die dunkle Schraffirung reicht) und auch an den
Ostmauern des Querschiffes noch erhalten, wiewohl in spätgo-
thischer Zeit' durch den Umbau des Chores wesentlich verändert
worden. Wie aus Bl. L, Fig. 8 hervorgeht, waren .Chor- und
Querschiffsmauern durch Eck- und Mittellissenen gegliedert und
mit einein doppelten, durchschlungenen Rundbogenfriese nebst
mehreren Stromschichten geschmückt worden, so dafs man mit
Berücksichtigung der schlanken aber mäfsig hohen Spitzbogenfen-
ster eine gesicherte Vorstellung der ganzen Bauausführung ge-
winnen ' kann. Im Allgemeinen war die äufsere Fapadengestal-
tung der Frontenbildung von Jerichow und Stendal enger ver-

’) Danneil, Urkundenbuch S. 88 ff.

) Aehnliche, in Granit erbaute alterthümliche Anlagen, bestehend aus quadratem
Chorc, oblongem Schiffe und westlichem Rundtburme finden sich in Holstein an ein-
zelnen Orten noch wohl erhalten, z. B. in Neuenkirchen und Eattekau bei Plön, heide vor
1160 erbaut;. noch eigenthümlicher ist der Granitcentralbau von Schlammersdorf, der mit
romanischen Anlagen in Dnnemark wie Bjevnede (um 1180) verwandt ist.

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