Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 89
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Schüfe abo-erissen wurde. Jetzt ist nur noch der 1792 vonNeuem



geweihte Chor erhalten.

Baubeschreibung.

Nach der ziemlich dunklen Beschreibung derjenigen Bericht-
^tatter, welche den Bau noch wohl erhalten gesehen haben,
.fstand dieElosterkirche „aus einem in Centralform erbauten und

11 K ''

^ crwölbten Schiffe und dem gleichfalls gewölbten (noch vör-
aedenen) Chore. Die Umfassungsmauern des polygonen Schiffes
^ürden aufserhalb von 18 starken Strebepfeilern gestützt, zwi-
® chen denen bedachte, nur nach Aufsen geöffnete kapellenartige
sbauten vorhanden waren. Im Innern waren die Umfassungs-
aUern mit 21 runden, in die Mauer eingebundenen Säulen
' anddiensten) besetzt, auf denen das grofse und weite Ge-
^blbe ruhte. In der Mitte des Polygons standen sechs starke
't Diensten gegliederte) Pfeilei), welche oberhalb des dazwischen
Scspannten Kreuzgewölbes einen achteckigen hölzernen Glocken-
Ul'm trugen, dessen Spitze mit eichenen Schindeln gedeckt war,
Jhrend Hohlzieg el die Dächer des Umgangs bedeckten” :). Lei-
. 1 hberli'efert keine Zeichnung diese für die Mark Brandenburg
eiUzig dastehende Bauanlage, welche ein um so gröfseres Inter-
Sse ei‘M reckt, als jene merkwürdige, äufsere Kapellenanlage zwi-
chen den Strebepfeilern — der Tradition zufolge — mit dem
yffechte ausgestattet gewesen sein soll.

Der noch erhaltene, einschiffige polygon (in fünf Seiten des
ab ^ nec^ s^ g eschIossene Chor ist in guten Verhältnissen erbaut,
0l' sparsam mit Kunstformen ausgestattet. Die einfachen, mit
^iufssteinen geschmückten Ki’euzgewölbe werden von Rippen
deren Kämpfei’ansätze mit Masken geschmückt sind.
Die dreitheiligen, mit geschleiften Spitzbogen geschlos-
senen Fenster sind tief gelaibt und ihre einfachen, (an
Stendal’sche Voi’bilder ei’innei’nde) Profile im Spitzbo-
gen nicht herumgeführt, sondern wie der Holzschnitt
zeigt, untei’halb des Kämpfers beendigt. Im Innern sind
die Umfassungsmauei’n unterhalb der Fenster mit nie-
di-igen Flachbogenblenden ausgestattet. Der einheitliche
Bau gehört in die Mitte des XV. Jahrh, und wird zwi-
C en 1450—1460 erbaut woi’den sein.

Klosterkirche St. Anna und Pfarrkirche St. Nikolaus.

ueb

Das im J. 1384 von einer Wittwe Elis. Stoteroggen aus Lü-

)Urg dicht neben dem Kloster St. Spii’itus auf dem Perwer

llchtete Jungfi’auenkloster St. Anna, welches 1397 nxit Hülfe

les den Bau leitenden Kanonikus Heni’icus Pistoris zu Stande
§ ekn

q ftimen war, bestand kaum 100 Jahre auf der Stiftungsstelle.
^ffentlich ei'regtes Aergexmifs, entstanden durch das zu nahe
y eueinandei’wohnen von Mönchen und Nonnen, veranlafste die
pj' 1 legung des Klosters 1487 in die Stadt. Xach hei’gestelltem
£ Cubaue des Klosters wurde dem Konvente die schon seit alter
Clt bestehende Pfarrkirche St. Nikolaus zum Gottesdienste übex’-
P en? und von demselben im J. 1519 ein neuer Chor daran ge

Als lxiit denx Eintritte der Refornxation das Kloster in em
pital verwandelt wurde, blieb die aus Backsteinen in Kreu-

llos

i'm ex’baute Kirche, über deren Vierung sich ein achtecki-
-thurm ei’hob, noch wohl ei’halten uxxd wurde erst inFoIge ei-
ge^urch Oi’kan hex-beigefühi’ten Beschädigung im J. 1797 abgetx-a-
J' Ueber die Bauzeit der St. Nikolai-Kirche läfst sich nichts
eres eixtscheiden, doch nxufs bemerkt werden, dafs die Er-

"’ 0lche ^ er® 1‘ ® ec^ mann a. a. 0. Sp. 86 und Pohlmann a. a. O. S. 241. Danneil,
01hnb * ln selner Kirchengeschichte S. 106 diese Beschreibuug auf den Chor bezieht, irrt
Uhoin 1' ^ er Cllor nocl 1 wohlerhalten steht. Die am Schlusse des vorigen Jahrh. von
' Velehe ^ U^ enzeu8 en, dem Prediger Dunker in Salzwedel, verfafsten Abhandlungen, in
fftssor Clne nescllreil)ung der merkwürdigen Bauanlage enthalten sein soll, hat der Ver-
^ mehrfacher Bemühungen ungeachtet, bisher nicht erlangen können.

9.. a q Verg], Beckmann a. a. 0. Sp. 57 ff., Pohlmann S. 259 und besonders Danneil
und 230. Der in Merian’s Topographie S. 95 dargestellte Prospekt ist in
b Ullf St. Nikolaus unzuverlässig, denn die Kreuzform der Kirche ist nicht angegeben.

bauung eines massiven Vierungstliurmes mehr zu den Struktur-
eigenthümlichkeiten des XIII. Jahrh. als späterer Jahi’hunderte
gehöi’t.

VII. Kleine kirchliche Bauwerke.

Nach dem im J. 1790 bewirkten Abbruche der auf der Bui’g
Salzwedel seit ältester Zeit vorhanden gewesenen Kapelle St.
Anna und nach der erst vor wenigen Jahren erfolgten Beseiti-
gung der 1427 erbauten Hospitalskapelle St. Elisabeth sind
jetzt nur noch zwei kleinere kirchliche Bauwerke vorhanden.

Die Stiftungszeit der in der westhchen Vorstadt — dem Bock-
horn — belegenen, zu der Pilgerherberge St. Gertrud gehörigen
Kapelle ist nicht bekannt, doch war das Hospital im J. 1429
sicher schon vorhanden. Das Kirchlein bildet einen gewölbten
dreijochigen Bau von 65 Fufs Länge zu 35 Fufs Breite mit halb-
achteckigem Gliore, Strebepfeilern und einem massiven Gloeken-
thürmchen auf der schmucklosen Westfront. Zu dem Gurtge-
simse, welches unter den gedrückten spitzbogigen zweitheiligen
Fenstern entlang läuft, sind glasirte Steine verwendet worden,
welche auch an den flau profilirten Portalen auftreten. Der
kleine, aber gut und tüchtig konstruirte und mit einer gewissen
einfachen Eleganz behandelte Bau ist dem Ghorbaue der St.
Marien-Kirche nahe verwandt und wird höchst wahrscheinlich
1460 errichtet sein.

Die Kapelle St. Georg, zu denx Aussätzigen-Hause (Jo-
nms leprosormn) gehörig und in der östJicben Vorstadt — denx
Pei’wer — belegen, wird im J. 1297 als bestehend genannt *).
Der mit einem einfachen Dachreiter ausgestattete, 45 Fufs lange
und 25 Fufs breite Bau besteht aus einem oblongen, mit Stre-
bepfeilern besetzten Langliause und der unmittelbar sich anschlie-
fsenden halbkreisförmigen Apsis. Das Langhaus hat die beab-
sichtigten Kreuzgewölbe nie empfangen, wohl aber die Apsis,
deren halbkuppelför miges Kreuzgewölbe von Rippen
auf Konsolen getragen wird. Der Holzschnitt giebt
von der kräftig einfachen Formation dieser De-
tails eine Darstellung. Der trefflich gemauerte
Bau ist nxit gröfster Sparsamkeit durchgeführt, die
glatte Westfront nur im Giebel mit Spitzbogen-
blenden verziert. Die schmalen Fenster sind spitzbogig geschlos-

sen und mit einfach abgestuften
Profilen, deren Kanten gehrochen
oder abgerundet sind, ausgestat-
tet. Ihre Formation an der Apsis
theilt der Holzschnitt mit. Im In-
nern besitzen die Untei’mauern
flachbogige, zweimal abgestufte Wandblenden, in welche später
viereckige Fenster eingebrochen sind. Das Steinformat beträgt
10.1 Zoll, 4| Zoll und 3.| Zoll. Der kleine Bau stanxmt unzwei-
felhaft aus dem XIIL Jahi'h. ca. 1280 und ist besonders deshalb
interessant, weil er das späte Vorkommen einer ronxanischen
Strukturform (der Apsis) neben dem ganz entwickelten gothi-
schen Struktursysteme (Rippengewölbe und Strebepfeiler) be-
zeugt.

VIII. Thore.

Jede der beiden Städte — Alt- wie Neustadt — war inx
Mittelalter durch eine thurnxbesetzte Ringmauer, Wall und theil-
weis doppelten nassen Graben sehr stark befestigt. Die Mauern
der Altstadt werden urkundlich schon 1298 genannt, die der 1247
gegi-ündeten Neustadt 1315 als im Neubau begriffen erwähnt.
Von den vier Thoren der Altstadt (im vorigen Jahrh. noch wohl
erhalten) ist jetzt nur noch der zur Deckung des inneren Alt-

') Beckmann a. a. O. Sp. 88.

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