Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 90
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Perwer-Thores bestimmte Rundthurm vorhanden. Dieser back-
steinerne, mit Zinnenkranz und Kegelspitze ausgestattet gewesene
Thurm (ähnlicli dem Steinthorthurme zu Brandenburg und dem
Burgthorthurme zu Tangermünde), ist mit Blenden geschmückt,
welche gemeifselte Wappenschilde der Stadt Salzwedel und der
sieben Kurfürsten enthalten. Aeufsere und innere Einrichtungen
des einfach gestalteten Thurmes entsprechen denen der mitge-
theilten Thorthürme von Stendal, Tangermünde und Werben.
Seine Bauzeit fällt wahrscheinlich in das Jahr 1460.

Von den Thoren der Neustadt ist das Liichower Thor vor
wenigen Jahren abgetragen worden l). Es bestand wie das noch
bestehende Neu-Perwer-Thor aus einem oblongen Thorhause,
dessen mit Spitzbogenblenden gegliederte Wände ein Satteldach
trugen, welches von zwei Giebeln seitlich eingefafst wurde.

Von der zwischen 1530—46 bewirkten stärkeren Befesti-
gung der Neustadt, welche der Gebraueh der Feuerwaffen er-
fordeidich machte, rührt das Steinthor her. Dasselbe ist eben-
falls in Form eines Thorhauses in sehr verdorbenen spätgothi-
schen Formen erbaut. Die Mauerflächen der Stadtseite sind mit
flaehbogigen Blenden, welche von gedrückten Kielbogen umrahmt
werden, geschmückt und der obere Giebel mit dem reichsten
verschlungenen Reliefmaafswerk in höchst barocker Weise ver-
ziert 2). Da an der Feldseite zu diesen Formen noch die stete
Verwendung tauförmiger Rundstäbe um alle Oeffnungen, Blen-
den etc. sich gesellt, der Thorbogen selbst im Rundbogen ge-
schlossen ist, so sind geniigende Kennzeichen vorhanden, um
dieses Thor als.emen Schlufsbäu des Mittelalters zu betrachten
und seine Bauzeit auf ca. 1530 anzunehmen.

IX. Rathhäuser.

Das im J. 1330 erwähnte Altstädter Rathhaus besteht aus
zwei rechtwinklig zusammentretenden Gebäuden von je zwei Ge-
schossen. Der von Norden nach Süden gerichtete Flügel besitzt
flachbogige Thür- und Fenster-Oeffnungen mi't WappenbJenden an
den Zwischenpfeilern und ist oberhalb mit später aufgesetzten
Dachgiebeln in Renaissanceformen etwas reicher ausgebildet. Der
aus zwei unmittelbar mit einander verbundenen Gebäuden beste-
hende Ost-West-Flügel, welcher wie in Stendal und Tanger-
münde unten mit breiten spitzbogigen Oeffnungen (als Laube) ge-
öffnet war, besitzt oberhalb zwei hart an einander stofsende Stu-
fengiebe], deren Bildung durch Fig. 5 auf Bl. L nebst den dazu
gehörigen Profilen Fig.il auf Bl. NLIX veranschaulicht wird.
Die konsequente Benutzung des tauförmigen Rundstabes um Fen-
ster, Spitzbogen- und Wappen-Blenden etc. ist für diese Bau-
theile höchst charakteristisch und läfst auf eine spätgothische
Bauzeit schliefsen, welche durch die an der Ostthür vorhandehe
Inschrift: A. Dni. 1509 completum est Iwc praetorium, bestätigt
wird. Das Steinfonnat beträgt 10’ Zoll, 4j Zoll und 3j Zoll. Ein
kleines achteckiges Glockenthürmchen vervollständigt die wohl-
erhaltene, aber weder in technischer noch ästhetischer Beziehung
hervorragende Bauanlage.

Das 1370 genannte Neustädter Rathhaus ist ein stattlicher
dreigeschossiger, mit Giebeln in Renaissanceformen durchgeführ-
ter Bau, welcher später erneuert und 1618 voflendet worden ist.
Der dazu gehörige isolirt stehende Rathhausthurm mit umlaufender
Gallerie ist gleichfalls in Renaissanceformen 1585 erbaut worden.

X. Propstei und Burg.

Die geringen Reste der uralten Burg, welche aus einem run-
den mit 12 Fufs starken Mauern versehenen Granit-Thurme be-

J) Abgebildet noeh in Strack a. a. O. Bl. 13, rechts neben der St. Katharinen-Kirche..

. 2) Aelinliche Dckorativbildungen finden sicli in Mühlberg, Torgau, Perleberg nnd Star-
gard in Pommern ans derselben Zeit.

stehen, sind nur als ein Fragment aus der ältesten Zeit der Stadt
erwähnenswerth. Interessanter ist das Propsteigebäude süd-
lich von der St. Marien-Kirche. Dieses oblonge, dreigeschossig e
Gebäude, vor dessen Langfront ein runder Treppenthurm stehfl
ist der daran befindlichen Inschrift zufolge: Johannes Verdemann
praepositus erexit hanc domurn anno MCCCCLXXIY im J. 1474
erbaut worden ’). Die einfache aber gefällige architektonische
Gestaltung ist leider durch einen am Schlusse des XVI. Jahrfl-
vorgenommenen Umbau wesentlich verändert worden, indesseü
erkennt man noch deutlich, dafs das Bauwerk ein reich durch-
geführter, in den beiden oberen Geschossen mit trefflicher SchniU-
arbeit gezierter Fachwerksbau gewesen ist.

H. Die Stadt Gardelegen.

Das schon im XI. Jahrh. erwähnte Dorf Gardelegen 2) er-
wuchs unter dem Schutze einer daneben belegenen Burn wahr-
scheinlich gegen das Ende des XII. Jahrh. zu einer Stadt. Ah
solche hat sie in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters n e'
ben den anderen Städten der Altmark ihren Platz behauptet, ohn e
aber eine so hervorragende Stellung wie Stendal, Tangermünds
oder Salzwedel einzunehmen. Die Zahl der alten Baüdenkmälei’
ist durch Brand und Kriegsnoth, so wie durch spätere Vernach-
lässigung sehr zusammengeschmolzen. Auch sind die wenig erl
noch vorhandenen Bauwerke durch die mannigfachsten Um- und
Anbauten so entstellt, dafs sie keinen künstlerisch befriedigendeü
Eindruck hervorrufen. Nur weil dieselben schätzbare ältere Bruch-
stücke bewahren, und daraus Elemente zur besseren Begründun^
der Baugeschichte der Altmark entnommen werden können, ve’’"
dienen sie eine kurze Erwähnung.

I. Pfarrkirche St. Maria.

Vermuthlich ist Markgraf Heinrich, ein jüngerer Sohn Otto L
welcher nach der ihm zumWohnsitze dienenden Burs, Heinrich
von Gardelegen genannt wurde, der Begründer der Stadt u» ct
Erbauer der ältesten Pfarrkirche St. Maria gewesen. Diese A»'
nahme wird sowohl durcli die historisch gesicherte Thatsach e?
dafs die werkthätige Frömmigkeit dieses Markgrafen auch di e
Begründung des Domstiftes von Stendal und die Erbauung dei’
Pfarrkirche St. Stephan zu TaUgermünde veranlafst hat, als auch
durch die ältesten Bauformen der Kirche genügend unterstützt-
Urkundlich wird die Kirche erst 1238 genannt 3) und mit Altar'

■ stiftungen, Schenkungen etc. 1341 und 1345 begabt.' Nach chi'O-
nistischen Mittheilungen soll der hohe Chor von einem Geisth-
clien, Magister Petrus, und der Glbckenthurm nach einem Brand e
von 1470 im J. 1496 erbaut worden sein 4). Eine heftige Feuei’S'
brunst, welche die Kirche im J. 1509 schwer beschädigte, vei’'
anlafste eine Restauration, welche 1513 beendigt wurde. Nach-
dem sodann in der Mitte des XVI. Jahrh. einige Anbauten h» 1'
zugefügt worden waren, erfolgte nach einem abermaligen Brand e
1593, im J. 1658 durch den Einsturz des grofsen Westthurin eS
eine so schwere Verwüstung der ganzen Kirche, dafs der Thui'” 1
von 1659-—1660, die Gewölbe aber erst 1698 erneuert werde”
konnten 5).

Die Kirche ist von mittlerer Gröfse und besteht aus eine” 1
fünfschiffigen Langhause von vier Jochen, in welches der q” a"

J) Die kunstbefördernde vielleicht selbstkünstlerische Thätigkeit dieses Geistlichen > st
schon bei der Klosterkirehe zu Dambeck, ferner bei St. Maria zu Salzwedel hervorgehob 01’
worderi. Vergl. die betreffenden Bauwerke S. 53 u. 86.

2) Unter dem Namen Gardeleve wird es in dem Güterverzeichnifs des Abtes S« rJl'
cho von Corvey genannt. J. F. Falke Cod. Tradit. Corveiens. p. 41. 42.

3) Biedel Mark Brandenburg I, 168 ff.

4) Die ciironistische Ueberlieferung theilt auch die interessante Thatsache mit,

der Baumeister Petrus in Gestalt eines Mefspriesters auf einem Glasgemälde des Cl |0'.
fea bis zum Jahre 1558 abgebildet gewesen sei.

ä) S. die betr. Nachriehten in Chr. Schultze. Auf- und Abnahme der St. G«^ e*

: legen. 1668. S. 11 ff. und Beekmann a. a. O. Th. V. B. I. Ivap. IV. Sp. 9 ff.
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