Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 91
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Cl;

St,

ratfbrmige Westthurm hineintritt. Der einschiffige Chor besitzt
Vler Joche und ist polygon (in 5 Seiten des Achtecks) geschlos-
SCl1- In dem einspringenden Winkel zwischen der Nordwand des
J°res und der Ostwand des Langhauses ist eine vierjochige, mit
erngewöiben bedeckte zweigeschossige Kapelle angebaut, welche
im oberen Geschosse nach dem Chore hin öfinet. An der
"nmauer des Chores sind gleiöhfahs drei niedrige gewölbte ka-
P eflenartige Räume angelehnt. Die ganze Bauanlage ist ein aus
ei1 verschiedensten Bauzeiten herrührendes Konglomerat, des-
^ etl analytische Untersuchung zu den schwierigeren Problemen
er Haugeschichte gehört. Wegen der verhältnifsmäfsig gerin-
b'en Bedeutung der Kirche in technischer wie künstlerischer Be-
2lehung genügt es, das Resultat in allgemeinen Umrissen mit-
^Utheilen.

Von dem Gründungsbaue aus dem Ende des XII. Jahrh.

Sllld die östlichen Vierungspfeiler nebst dem Triumphbogen und
uer

gel

^ le trapezschildigen Würfelkapitelle der Halbsäulen an den
lei’Ungspfeilern, sowie die Kämpfer der Xebenapsis und ein
Ur>dbogiges Nordportal stimmen mit den entsprechenden For-
p en zu Diesdorf, Arendsee etc. überein. Auch lehren diese
agmente, dafs der erste Bau eine gewölbte, mit Querschiff
Vlsgestattete Basilika gewesen ist, deren Bauzeit mit Sicherheit
1184 —1192 anzunehmen ist.

In der Mitte des XIII. Jahrh. ist das Schiff der Kirche in
llle fünfschiffige Ifallenkirche verwandelt worden, von welcher

güdlichen Nebenapsis, sowie Untertheile der alten Kreuzflü-
erhalten. Die wenigen romanischen Kunstformen, nament-

ch,

ei gröfsere Theil der unteren Umfassungsmauern, die einfa-

eu viereckigen Schiffspfeiler, das abgestufte Südportal, sowie

^direre mit dicken Viertelstäben profilirte schmale und schlanke

Pffzbogenfenster an der Südost- und Nordseite, Fapadenstücke

^ gekreuzten Stabfriesen und Stromschichten (im Charakter

ei St. Katharinen-Kirche von Salzwedel) herrühren.

b' ^ ^ 11! 111^ 6 d es XIV. Jahrh. (nach einem grofsen Stadt-

caiule von 1306) ist der breitere und höhere Chor als eine Er-

y ^ erung der Kirche angelegt, später aber, nach der Mitte des

• Jahrh., im Innern mit anderen Gewölben und Kämpfern

w, 1 em Mal umgebaut worden, weshalb hier ältere und bessere
t’eu"-'- — .

f'este

^ dlupfern an den Rippen derselben und späterem Spitzbogen-
^werke vermischt erscheinen. Doch ist von diesen For-

eüsterprofile, kräftige Strebepfeiler, sandsteinerne Maafswerks-
I(.- 6 hochbusigen Kreuzgewölben, maskengeschmückten

■ s° wenig wie von denen des 1496 erbauten Thurmes Spe-

ziell

eres hervorzuheben.

^an

Dndlich gehören angebaute Kapellen und. Stücke der Ober-
er zu dem Restaurationsbaue von 1509—1513. Der gröfste

Jer

eH der darin auftretenden Kunstformen ist offenbar dem äl-

vorhandenen Theile treu und ängstlich nachgebildet, an-

8 clagegen, wie z. B. die tauförmigen Rippen der Sternge-

aUs 6 ^ 6r -^ or<l osfk aP eIl e5 in der spätgothischen Bildungsweise

dem Anfange des XVI. Jahrh. hergestellt worden.

, itcr in höchst mittelmäfsigen Renaissanceformen errichtete
^oerp T'u • ■ ö

rhurmtheil datirt, wie oben erwähnt, von 1659—1660,

, S^ste Theil der gedrückten auf Rippen ruhenden Kreuzge-

le des Langhauses von 1698.

II. Pfarrkirche St. Nikolaus.

hefe

d

Dit

le emzigen baugeschichtlich werthvollen Nachrichten über-
zwei gebrannte Thonplatten mit kurzen Inschriften über
b(ii ^ ^ddportale. Die ältere und gröfsere, in Majuskeln geschrie-
’h'sf ^ nscI rilf lautet: Anno Dni. MCCXXII; die jüngere in Mi-
v(dschrift: anno dni. mcccce’xxii.

rJSSe le aus dem im Holzschnitt mitgetheilten skizzirten Grund-
licp (' I (U'vorgeht, besteht die Kirche aus dem dreischiffigen west-
, n Langhause von vier Jochen, in welches der oblonge Glok-

’vemi vuu

hh'Ui hineintritt,

ferrier einem östlichen dreischiffigen Lang-

chore und dem zweijochigen, polygon (in 5 Seiten des Acht-
ecks) geschlossenen Ilochchore.

Tr.otz der Kleinheit des Baues (130 Fufs Länge) und der
ziemlich einheitlichen Gestaltung lassen sich doch fünf verschie-
dene Bauzeiten darin nachweisen. Aus der Epoche des ersten
Baues staiumt der oblonge, mit einem Satteldache abgeschlos-
sene Westthurm, dessen Gestalt und Detailformen (obere Eck-
lissenen, rundbogige Schallöffnungen und Stromschichten) denen
der mitgetheilten Glockenthürme von Melkow und Schönhausen
entsprechen. Auch der einfache rundbogige Triumphbogen zwi-
schen dem Scliiffe und dem Langchore ist aus dieser spät ro-
manischen Bauzeit, auf welche das inscbriftliche Datum von
1222 zu beziehen ist, noch erhalten.

Bald nach der Mitte des XV. Jahrh., ca. 1470, ist das drei-
| schiffige Langhaus hergestellt worden, dessen runde Pfeiler mit
vier rippenartig abgekehlten Diensten besetzt und hierin wie in
den Kämpfern und Plinthen als eine sehr mittelmäfsige Wieder-
| holung Salzwedler Pfeilerformen erscheinen ‘). Auch die drei-
theiligen Spitzbogenfenster mit schwerfälligen Profilen bestätigen
diese Auffassung.

Etwas später, gegen den Schlufs des Jahrhunderts, um 1480
bis 1490, hat die Iferstellung des einschiffigen, sehr langen Cho-
res stattgefunden, dessen Formen und Verhältnisse noch viel
roher sind und wegen der maskengeschmückten Kämpfer an
den Diensten und der schmalen lanzettförmigen, schwer profi-
lirten Fenster, der dünnen hochbusigen Kreuzgewölbe ebenfalls
auf spätgothische Formen von Salzwedel zurückweisen.

Zuletzt sind die westlichen drei Chorjoche nach Norden und
Siiden hin erweitert und zweigeschossige, mit Emporen verse-
hene Kapellen angebaut worden. Die Rundbogen, mittelst de-
ren diese Anbauten sich nach dem Langchore liin öffnen, sind
mit tauförmigen Rundstäben besetzt, und die gleiche spätgothi-
sche Kunstform erscheint an dem reich, aber nüchtern geglie-
derten Südportale, so dafs kein Zweifel obwalten kann, auf diese
im Ganzen mit gröfserer Eleganz als der Hochchor hergestell-
ten Bautheile das inschriftliche Datum von 1522 anzuwenden.

Zwei geschnitzte Flügelaltäre und die Reste der inschrift-
| lich 1478 hergestellten Ghorstühle sind noch vorhanden, aber
ohne hervorragenden künstlerischen Werth.

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III. Rathhaus und Thore.

Das aus zwei rechtwinklig zusannnenstofsenden Flügeln ge-
ii bildete Rathhaus ist nach dem Brande von 1526 neu erbaut 2),
der daran stofsende Hausmannsthurm (für den Stadtwächter)
j| erst 1552 vollendet worden. Spätere Feuersbrünste von 1658
haben die inneren Einrichtungen-und ein Neubau von 1706 den
Thurm wesentlich verändert; im Aeufseren ist aber der Back-
steinbau von 1526 — ca. 1530 noch erhalten. Dieser ziemlich
schmucklose gothische Bau erinnert in seiner Gesammterschei-
nung wie in den wenigen Kunstformen so sehr an das Altstäd-
ter Ratlihaus von Salzwedel (1503), dafs man ihn nur als eine
mittelmäfsige Kopie jener Bauanlage bezeichnen kann. Flach-
i bogige Fenster im oberen Stockwerke, Wappenblenden an den
| Fensterpfeilern und gedrückte rundbogige Pfeilerarkaden im Erd-

*) Namentlich der Pfeiler im sfidl. Seitcnscliiffe von St. Maria. Vergl. Bl. XLIX, Fig. 5.

2) Vergl. Schultze a. a. O. S. 59 ff.
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