Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 1): Die Mark Brandenburg: 1. Die Stadt Brandenburg. 2. Die Altmark — Berlin, 1862

Seite: 92
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geschosse, sowie tauförmige Gurtgesimse begründen diese An-
nahme und bestätigen das Datum von 1526—1530.

Das einzige, noch erhaltene Salzwedler Thor besteht aus
einem ziemlich tiefen, mit Sterngewölben iiberdeckten Thorhause,
welches flachbogig nach Stadt- und Feldseite geöffnet, von zwei
sehr starken Rundthürmen flankirt wird. Alle Vertheidigungs-
Einrichtungen, Scharten, Schlitze etc. sind auf die Anwendung
von Geschützen berechnet und bestätigen die überlieferte Bau-
zeit von 1550 ').

Die anderen ühore, so wie die Kapelle St. Georg (1595)
St. Spiritus (1450, und St. Ottilia (1500) sind untergegangen.

Die Dörfer iler Aliniark.

I)ie zahlreichen und blühenden, durch soliden Wohlstand
höchst ausgezeichneten Dörfer der Altmark sind zum überwie-
gend gröfsten Theile die ursprünglichen Ansiedlungspunkte der
gemischten deutsch-slavischen Bevölkerung. Die Existenz vie-
ler Dörfer läfst sich urkundlich acht Jahrhunderte weit verfol-
gen, ja die Stelle eines derselben — Roxförde — wird schon
in dem thatenreichen Leben Karl’s des Grofsen erwähnt. Wie
aber die bäuerliche Lebens- und Wirthschaftsweise jener Völ-
ker in dem nationalen Haus- und Hofbaue noch jetzt — nach
so vielen Jahrhunderten — deutlich hervortritt, ja an der Ver-
schiedenheit des Planes der Dorfanlage sofort ersichtlich ist,
bieten auch die kirchlichen Anlagen, die Dorfkirchen, einen
nicht minder schätzbaren Beitrag zur Erkenntnifs der mittelalterli-
chen Kulturgeschichte dieser Provinz. Da aber der künstlerische
Werth dieser Bauwerke nur ein mäfsiger zu nennen ist, da fer-
ner eine sichere kunsthistorische Bestimmung derselben wegen
des Urkundenmangels wesentlich erschwert wird, da überdies der
gröfsere Theil der Dorfkirchen in Granitquadern hergestellt wor-
den ist, so genügt es, eine bleine Anzahl durch urkundliche Erwäh-
nung näher zu datirender Bauwerke namhaft zu machen.

Die ältesten backsteinernen, in romanischen Stylformen er-
bauten Dorfkirchen finden sich ausschliefslich an den bereits
mehrfach hervorgehobenen Ansiedlungslokalen der vor und nach
d. J. 1150 eingewanderten Niederländer. Die wichtigste Gruppe
derselben auf dem rechten Elbufer ist bereits S. 43 ff. aus-
führlicher charakterisirt, sowie einzelne derartige Bauwerke an
den ältesten, später zu Städten erwachsenen Ansiedlungslokalen
Werben, Osterburg und Seehausen nachgewiesen worden. Aber
nicht nur am Rande der Wische finden sich backsteinerne Dorf-
kirchen, wie z. B. Berge, sondern auch in der Mitte dieses Ter-
rains ist als ein werthvolles Monument der alten Kolonisation
die altromanische Stiftskirche von Boyster (jetzt Grofs-Beuster
genannt) wohl erhalten,

Die Stiftskirche zu Gross-Beuster.

In diesem Dorfe ist in sehr früher, urkundlich nicht mehr
nachweisbarer Zeit ein kleines Kollegiatstift St. Nikolaus ge-
gründet und mit sechs Kanonikern besetzt worden. Dasselbe
wird zuerst im J. 1246 * 2), dann aber öfters erwähnt, nament-
lich in der Mitte des XIV. Jahrh., wo dasselbe nach der Stadt
Seehausen verlegt werden sollte 3). Das Stift ist nie zu gro-
fser Bedeutung gelangt und bei dem Eintritte der Reformation
aufeehoben worden. Interessanter Weise ist die ehemalige Stifts-

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kirche als einer der ältesten romanischen Backsteinbauten der
Altmark noch wohl erhalten. Dieselbe besteht aus einem drei-
schiffigen Langhause mit höherem Mittelschiffe, dem quadra-

') Vergl. Schnltze a. a. O. S. 9.

2) Wohlbrü'ck a. a. 0. S. 332.

3) Vergl. „Historisches“ der Pfarrk. St. Peter nnd Paul zu Seehausen S. 81.

ten Chore mit Apsis und dem oblongen, in der Breite des Mit-
telschiffs angelegten Westthurme. Die Abmessungen sind mit de-
nen der Kirche zu Schönhausen übereinstimmend >). Die rund-
bogigen Arkaden werden von vier einfachen viereckigen Pfeilei'-
paaren getragen, unter welche sich an der Südseite zwei Rundpfei-
ler mischen. Das Mittelschiff ist bei einer späteren Restauration
— nach der Mitte des XIV. Jahrh. •— mit vier auf gut profiln’-
ten Birnenstabrippen ruhenden Kreuzgewölben überwölbt worden,
während die Seitenschiffe mit horizontaler Balkendecke bedeckt
blieben. Die Fa^aden sind, soweit die Restauration nicht Aen-
derungen vorgenommen hat, denen von Jerichow, Melkow etc.
ganz entsprechend, mit Lissenen, einfachen Bogenfriesen, gc-
schmiegten rundbogigen Fenstern ausgebildet. Auch die weni-
gen Kunstformen des in schweren Verhältnissen gestalteten In-
nern, z. B. die trapezschildigen Würfelkapitelle der beiden Rund-
pfeiler, der Apsiskämpfer etc., bestätigen diese Thatsache. Mh
Rücksicht auf Helmold’s Mittheilungen und sonstige (theilwe 18
bereits unter Jerichow hervorgehobene) urkundliche Nachrich-
ten mufs man die Kirche von Grofs-Beuster als einen, von den
i eingewanderten Niederländern um 1150 ausgeführten Backstein-
bau betrachten.

Die fortdauernde Festhaltung des Backsteinbaues innerhalb
der Wische bezeugen ferner die Dorfkirchen zu Lichterfelde und
Ober-Wendemark, welche in altgothischer Bauepoche zwische 11
1280—1300 entstanden sind. Die Kirche zu Ober-Wendemark
ist eine einschiffige, ungewölbte mit einfachem Ostgiebel ausg e'
stattete Bauanlage, welche in dem häufigen Auftreten von Stroiü'
schichten noch romanische Reminiscenzen bewahrt. Gleiche D e'
tailformen besitzt die Kirche zu Lichterfelde, zeigt aber dabe 1
einen gröfseren Aufwand in der Anordnung des oblongen West'
thurmes, des polygonen gewölbten Chores, der fialenbesetzten
Giebel, der gegliederten Spitzbogenportale, Strebepfeiler etc.

Andere Dorfkirchen sind sodann zwar völlig aus GranJ'
quadern erbaut, in einzelnen Details aber ähnlich wie Krewes e
schmuckreich mit Backsteinen dekorirt worden. Dahin gehöre 11
aüfser der S. 46 mitgetheilten Kirche zu Kalberwisch, die Dorf'
kirchen zu Königsmark (1164 erb., ursprünglich dreischiffig ’W ie
Krewese), Drüsedau (1170 gen.), Kläden (1186 gen.), Schönbei'g
(ca. 1200) und Hämerten an der Elbe (ebenfalls vor 1200 ei’b-
und wegen der Stellung des Thurmes im Osten unmittelbar iibe 1
dem Chore besonders interessant) J).

Der bei weitem gröfste Theil der Dorfkirchen aus roman 1'
scher wie altgothischer Bauepoche ist aus Granitquadern er"
baut worden. Die romanischen Kirchen bestehen, — wenn s lC
das vollständige Planschema erhalten und bewahrt haben, —■ a llS
dem oblongen Schiffe, dem quadraten Chore mit halbkreislb 1"
miger Apsis und dem oblongen Westthurme. So gestaltet si ll(^
das hochalte, schon 929 einmal zerstörte Walsleben, ferner B 1'
städt (1112 gen. und mit einem Tonnengewölbe aus GranitfüiM'
lingen bedeckt), Hindenburg (1208 gen.), Iden, Staffelde (l2L r’)’
Belitz (1204) und Tangeln (die letzteren drei mit dem Glocke 11'
thurme im Osten, an den sich die Apsis lehnt), sodann Häsev' 1»
(1202) und Gr.-Schwechten, — darauf ohne Apsis mit platte 111
Chorschlusse, Binde, Vielbaum, Krusemark, Wiepke und Abbe 11'
dorf (1161 gen.), letzteres mit spätgothischem Backsteinchore.

In altgothische Zeit gehören Pretsch, Neilingen, Stadtkirch e
zu Arendsee, Goldbeck, Wahrenberg, die später überwölbte K 11'
che von Nieder-Görne und v. A.

Erst in der spätgothischen Bauepoche werden einzelne T)o^'
kirchen aufserhalb der alten, ursprünglichen Backsteinlokale 1,1
gebrannten Steinen ausgeführt, zu denen Aulosen (1428 neu d’b'
und 1487 erweitert), Ost-Ingersleben (1480 geweiht), Näseü 1^
(1489 geweiht) gehören. Keine derselben verdient weder in sti'M'
tiver noch künstlerischer Beziehung eine nähere Charakterisii’ü 0»'

>) Vergl. Bl. XXVI, Fig. 4.

2) Vergl. die vortreffliche Skizze in Strack a. a. O. BI. 6.

Gedruckt bei A. W. Schade in Beki.in , Stallschroiberstr. 47.
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