Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 1): Die Kloster- und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau — Berlin, 1870

Seite: 1
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/adler1870bd1/0005
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Die Kloster- und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau.

Zu den ältesten und wichtigsten Ausgangspunkten der
deutschen Kulturgeschichte gehört das auf einer Insel im
Bodensee dicht bei Konstanz belegene Kloster Reichenau. Die
glückliche Lage dieses Stifts an einer Hauptverkehrsstrafse
zwischen Deutschland und Italien, die hohe Gunst, deren
sich dasselbe bei den Karolingern wie den Ottonen zu erfreuen
hatte, und die begeisterte Wirksamkeit einer ganzen Reihe
hochbegabter Lehrer an der früh gegründeten und lange blü-
henden Klosterschule verschafften Reichenau im IX., X. und
XI. Jahrhundert einen Ruf, der über Deutschlands Grenzen
hinausreichte. Denn hier in seinen Mauern traten Sachsen
und Alamannen, Baiern und Angelsachsen, Westfranken und
Lombarden, Irländer und Griechen, selbst Isländer zusam-
men1), um in klösterlicher Stille neben religiösen Uebungen
der Pflege der Wissenschaften zu leben. Hier empfingen die
Söhne des hohen Adels ihre geistige Ausbildung für die spä-
tere Verwendung in den obersten Hof- und Kirchenämtern.
Hier wurden mit ängstlicher Fürsorge die Schätze des klas-
sischen Alterthums gehütet oder durch mühsam hergestellte
Abschriften mit redlicher Begeisterung vervielfältigt und nur
dadurch dauernd gerettet. Und wie an solche Thätigkeit des
Sammeins und Forschens selbstständige Versuche auf littera-
rischem Gebiete geknüpft wurden, so fanden auch künstlerische
Bestrebungen hier einen fruchtbaren Boden. Die stets wach-
sende Verbreitung des Christenthums gab ununterbrochen Ver-
anlassung, die altüberlieferte Kunsttechnik durch praktische
Pflege zu erhalten oder durch Heranziehung neu gewonnener
Erfahrungen aus den Hauptkunstwerkstätten von Rom und
Constantinopel zu erweitern und fortzubilden.

Die Annahme, dafs bei einer für die ältere Geschichte
Deutschlands so hervorragenden Stellung und Bedeutung des
Klosters Reichenau, auch für die genauere Erkenntnifs der
deutschen Baukunst an diesem Punkte manches zu gewinnen
sei, lag nahe. Denn zeitgenössische Berichte wie spätere
Chroniken meldeten von umfangreicher Bauthätigkeit in den
verschiedensten Epochen. Eine vergleichende Untersuchung
dieser Nachrichten mit den etwa noch erhaltenen Bauresten
empfahl sich daher als eine nicht werthlose Ergänzung für
einzelne Abschnitte der mittelalterlichen Baugeschichte Deutsch-
lands. Sie erschien um so wünschenswerther, als bei näherer
Kenntnifsnahme der bisher über Reichenau gegebenen Mit-
theilungen , neben manchem schätzenswerthen auch lücken-
haftes, oberflächliches und sich widersprechendes in denselben
unverkennbar hervortrat.

Auf geschichtlichem Gebiete ist für Reichenau, zumal von
älteren Lokalforschern, schon Vieles geleistet worden. Die
Hauptquelle zur Geschichte der Insel und zur Kenntnifs der
früher darauf befindlich gewesenen Bauwerke bleibt die Chro-
nik des Gallus Oheim, welche unter Heranziehung hand-
schriftlichen Apparates Dr. Barack in den Publikationen des
litterarischen Vereins zu Stuttgart 1866 in sehr dankenswerther
Weise veröffentlicht hat. Da Oheim seine Chronik schon im
XV. Jahrhundert schrieb und in seiner Stellung als Kaplan
des Abtes Martin von Weifsenburg ungehinderten Zutritt zur
Bibliothek und zum Archive hatte, so ist seine mit schlichter

') Mone, Quellens, d. badischen Landesgesch. I, 55. Noteu. 62. Note.

Treuherzigkeit verfafste Arbeit von vielseitigem Interesse und
dauerndem Werthe. Sie ist auch das Fundament geblieben für
moderne geschichtliche Publikationen wie Schönhuth's Chro-
nik von Reichenau, Nicolai Beiträge zur Geschichte der
Insel R., Staiger die Insel R. u. A.

Die wichtigsten älteren geschichtlichen Hülfsmittel ver-
zeichnet Mone in seiner Quellensammlung zur Geschichte des
badischen Landes, Bd. I., 14 ff. Diese, sowie die entsprechen-
den Excerpte aus Pertz Monumenta Germaniae, Scriptores,
aus Mabillon Acta Sanctorum Ord. S. Bened. und Pez The-
saurus Anecdotorum nov., endlich die betreffenden Regesten
in Dümge Regesta Badensia und Urkunden in Neugart
Episcop. Constantiensis gewähren eine ausreichende Fülle von
Nachrichten zur Geschichte des Klosters und seiner Denk-
mäler.

In kunstgeschichtlichem Sinne lenkte Waagen in einem
durch das Kunstblatt Jahrg. 1848, Nr. 58 veröffentlichten Reise-
berichte zuerst die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf die
Insel. Da aber der von ihm in Gesellschaft mit Hübsch
unternommene Besuch der Insel ein sehr flüchtiger war und
ein Hauptdenkmal, eigentlich das wichtigste von allen, nicht
berührt wurde, so sind Waagen's Angaben über Reichenau
nicht nur lückenhaft, sondern in einzelnen Punkten unzu-
verlässig.

Umfassender war die gröfsere von Bayer und Fickler
bewirkte Publikation unter dem Titel: „Denkmale der Kunst
und Geschichte des Heimathlandes, herausgegeben vom Alter-
thumsvereine von Baden für 1856 und 1857 mit 4 Tafeln."
Leider sind die Abbildungen kunstgeschichtlich theilweis werth-
los, wie der in Farben gedruckte Situationsplan der Insel,
theilweis wegen des gewählten zu kleinen Maafsstabes unzu-
reichend. Sehr schätzbar ist dagegen die auf Tafel II. ge-
gebene Darstellung des in Mittelzell vorhandenen Oelgemäldes,
welches die Insel im Anfange des XVII. Jahrh. darstellt.

Zuletzt hat, — wenn ich die kleine Abbildung in Dorst's
Reiseskizzen I, 8 nur vorübergehend e/wähne, — Hübsch in
seinem Werke über die altchristliche Architektur auf BI.XLIX
von dem Hauptbau der Insel, der Münsterkirche zu Mittelzell,
Grundrifs, Westfront, Durchschnitte und Details publicirt,
welche die früheren Darstellungen weit übertreffen, und nur
in Bezug auf Genauigkeit einzelner Maafse wie in treffender
Charakteristik der mitgetheilten Details noch manches zu wün-
schen übrig lassen. Seine analytische Untersuchung des Bau-
werks und die Datirung einzelner Theile entbehrt dagegen
derjenigen kritischen Schärfe, welche bei solchen Arbeiten jetzt
unerläfslich geworden ist. Der gleiche Vorwurf trifft den
Fickler'schen Text in der obengenannten Publikation des
Badischen Alterthum-Vereins.

Die in der Augsburger Postzeitung Jahrg. 1855; Nr. 210
und Jahrg. 1857; Nr. 272 ff. enthaltenen kunstgeschichtlichen
Beiträge, welche Lötz in der Kunsttopographie Deutschlands
citirt, habe ich nicht erlangen können. Die hier erfolgende Ver-
öffentlichung ist das Resultat eines zweimaligen Aufenthaltes
auf der Insel Reichenau; zuerst im October 1859, bei welchem
die nöthigen Aufnahmen und Zeichnungen gemacht, sodann
im September 1862, bei welchem die inzwischen stattgehabten
Auftragungen theils vervollständigt, theils berichtigt worden

1
loading ...