Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 1): Die Kloster- und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau — Berlin, 1870

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sind. Bei dem Mangel an genauen und zuverlässigen Meß-
instrumenten und bei der Schwierigkeit, passende Hilfe dauernd
zu erhalten, können die auf den beifolgenden fünf Kupfer-
tafeln möglichst eng und übersichtlich zusammengedrängten
Darstellungen eine Genauigkeit der Maafse nur bis auf gewisse
Grenzen hin beanspruchen.

Mannigfache Hindernisse, insbesondere vielfache prakti-

sche Thätigkeit des Unterzeichneten haben die längst vor-
bereitete Publikation bisher behindert. Hoffentlich kommt diese
vergleichende Untersuchung der kleinen Denkmälergruppe nicht
zu spät. Sollte sie bei erneuter Prüfung als ein bescheidener
aber dauernder Baustein für die Geschichte der mittelalter-
lichen Baukunst in Deutschland erfunden werden, so ist die
Absicht, welche die Arbeit hervorrief, erreicht.

Historisches.

Im Jahre 724 gründete Pirmin, ein fränkischer Regionar-
bischof, auf einer nach ihrem alamannischen Besitzer und
Donator Sintlaz Sintlaz-Au genannten Insel des unteren
Bodensees ein Benediktiner-Kloster zu Ehren der Jungfrau
Maria und der Apostelfürsten Peter und Paul2).

Später trat an die Stelle des alten Lokalnamens, urkund-
lich seit der Mitte des IX. Jahrhunderts der Narne Augia,
zuletzt wegen des Reichthums an Grundbesitz „Augia dives"
— reiche Au oder Reichenau3).

Die erste Entwicklung des Klosters war schwer; für den
Stifter selbst gefahrvoll und mit Entbehrungen verbunden. Denn
die Distrikte des Bodensees hatten bereits in der über hundert
Jahre älteren Stiftung des irischen Glaubensboten Gallus, in
St. Gallen eine Pflanzstätte des Christenthums erhalten, an
welcher sie wie an einem nationalen Heiligthume mit Ver-
ehrung hingen. Ueberdies war Pirmin ein Franke, wenigstens
kam er aus dem Frankenreiche und stand unter dem Schutze
Karl Martell's, des gehafsten Majordomus, dessen rücksichts-
loser Energie das alamannische Freiheitsgefühl nur mit hef-
tigem Widerstreben sich beugte.

Bei so schwierigen Verhältnissen fanden Pirmin's Bestre-
bungen nicht nur wenig Theilnahme, sondern bald offenen
Widerstand. Schon drei Jahre nach der Gründung des Klo-
sters wurde er von dem Herzoge Theodebald, dem Führer
der nationalen Partei vertrieben4). Er wandte sich, die Mis-
sionsthätigkeit wieder aufnehmend, zunächst nach dem Elsafs,
dann nach Rätien und Baiern. Auch in diesen Landschaften
gelang es seiner Willenskraft, neue Klöster zu gründen und
ihre Convente mit Reichenauer Mönchen zu besetzen. Es
waren dies Murbach im Elsafs, Pfäffers (Fabaria) in Rätien
und Altaich in Baiern5). In höherem Lebensalter kehrte
Pirmin nach dem Mittelrheinc, von wo er ausgegangen war,
zurück und stiftete zwischen 745—48 das Kloster Hornbach6).
Dort empfing er hochbetagt den Besuch des grofsen Bonifa-
cius und starb daselbst 753 ')•

Den Nachfolger Pirmin's in der Verwaltung von Rei-
chenau, Hetto oder Eto, traf das Schicksal seines Meisters
und Lehrers. Auch er wurde von Theodebald nach Uri ver-
bannt und legte, obschon durch Karl Martell bald zurückge-
führt, im Jahre 734 die Abtswürde nieder, um einem Rufe auf
den bischöflichen Stuhl von Strafsburg zu folgens). Trotz
so kurzer Wirksamkeit knüpft sich an Hetto's Name dasjenige
Ereignifs, welches Reichenau's hervorragende Stellung und
hohen Ruhm begründete. Er eröffnete 729 die Klosterschule,
welche ursprünglich nur zur Erziehung und Ausbildung von
Klerikern bestimmt, bald ihren Wirkungskreis erweiterte und
die gleiche geistige Pflege den Weltlichen, vor Allen den
Söhnen des hohen alamannischen Adels als Vorbereitung für
Staats- oder Hofämter angedeihen liefs.

Obschon in dieser Zeit die Streitigkeiten um die freie
Abtswahl mit dem so nahe belegenen Bischofssitze zu Kon-
stanz begannen und mannigfach hemmten, spricht doch für
die steigende Bedeutung des Klosters die Thatsache, dafs es
bereits dem dritten Abte Ehrenfried gelang, neben seiner
Abtswürde Bischof von Konstanz zu werden. Der fünfte Abt

2) Vita S. Pirminii bei Mono, Quellens. S. 28 ff. cap. 3 u. 6. Der
unächte Bestätigungsbrief Karl Martell's bei Oheim 11 ff.

3) Die betreffende Urkunde bei Neugart, Ep. Const. I

4) Herrm. Contractus ad a. 727 in Pertz, Script. VII. p. 98.

s) Die von Oheim 13 aufserdem genannten Klöster Schuttern, Gen-
genbach etc. sind späteren Ursprungs, aber Töchter von Reichenau.

6) Im Sprengel von Metz bei Zweibrücken gelegen, jetzt zerstört.
Vergl. Remling, Geschichte der Abteien und Klöster in Rheinbayern
I. 53 ff.

') Ueber Pirmin. Rettberg's Kirch. Gesch. Deutschi. II, 50 und
Stalin, Wirtemberg. Gesch. I, 168. Pirmins Kanonisation erfolgte 827,
doch ist seine Verehrung innerhalb der Kirche eine beschränkte geblieben.

8) Herrm. Contr. bei Pertz, VII, 98. Hetto's Wirksamkeit für den
Elsafs läfst sich auch baugeschichtlich über 40 Jahre hindurch verfolgen.

Johann vereinigte sogar die Abtswürden von St. Gallen und
Reichenau mit dem Bisthume von Konstanz 9).

Glücklicherweise wurde dieses für die selbstständige Ent-
wicklung des Klosters höchst ungünstig wirkende Band bald
gelöst und bis zum Untergange der Freiheit und Selbststän-
digkeit Reichenau's im XV. Jahrhundert nicht wieder an-
geknüpft.

Von wesentlichem Einflüsse auf das Gedeihen des Klosters
erwies sich bald darauf die Gunst des kaiserlichen Hofes,
veranlafst und gefördert durch Karl s des Grofsen erste Gemah-
lin Hildegard, welche der alten alamannischen Herzogsfamilie
entstammend, des mächtigen Königs Gunst und Fürsorge auch
für ihre Heiroath zu gewinnen wufste. Im Jahre 780 besuchte
Karl von Hildegard und deren Bruder Gerolt — seinem
tapferen Schwertträger in so vielen Feldzügen ■— begleitet,
die Insel und beschenkte das Kloster1 °). Ein Jahr später
starb Abt Johannes und wurde in St. Kilian's Kapelle
begraben 1').

Weiteren Aufschwung nahm das Kloster unter Waldo,
welcher nach Niederlegung des Abtstabes von St. Gallen in
Reichenau als Mönch eingetreten war. Durch das Vertrauen
des Convents aufs Neue zur Abtswürde 784 berufen, widmete
er dem Gedeihen des Klosters, vorzüglich der Leitung und
Ausdehnung der Klosterschule seine eifrigste Fürsorge. Er
war ein Hauptwohlthäter für die stattliche Bibliothek, deren
erhaltenes, aus dem IX. Jahrhundert stammendes Inhaltsver-
zeichnifs die beste Vorstellung von dem Sammelfleifse, wie
von der ernsten wissenschaftlichen Thätigkeit dieser älteren
Benediktiner gewährt1 2). Von Waldo wird die schmuckvolle
Herstellung eines Altars aus einem Knollen massiven Sil-
bers, welchen die Dankbarkeit eines früheren Reichenauer
Schülers, von St. Martin in Tours aus, überschickte, ge-
rühmt 13). Seine wissenschaftlichen Bestrebungen wurden
von Karl dem Grofsen durch die Berufung zur Abtswürde
von St. Denis bei Paris anerkannt14), denn diese hohe
Stellung ermöglichte eine nähere Verbindung mit der kaiser-
lichen Hofschule und einen engeren Verkehr mit den be-
deutendsten Zeitgenossen. In St. Denis starb Waldo 810 1 ').
Noch während seiner Leitung zu Reichenau wurde Gerolt, der
tapfere Schwager und Waffenbruder Karl's, welcher 799 im
Kampfe gegen die Avaren gefallen war, in der Münster-
kirche, „in dem kor zu der rechten sitten" begraben16).

In demselben Jahre sprach ein anderer Verwandter der
Königin Hildegard, Egino, welcher das Bisthum von Verona
verwaltet hatte, aber von demselben freiwillig zurückgetreten
war, im Kloster ein, blieb daselbst und gründete mit Zustim-
mung des Abtes am unteren Ende der Insel eine Kirche
St. Peter und Paul mit einer von sechs Chorherren besetz-
ten Propstei. Wenige Jahre später, 802, starb Egino und
fand in seiner Stiftung, welche, zum Theil noch jetzt erhal-
ten, den Namen Niederzell führt, sein Grab17).

9) Rettberg, Kirchengesch. II, 121.

I0) Oheim, 41 ff. Der hinzugefügte Immunitätsbrief wird als un-
ächt bezeichnet. Rettberg, II. 123.

") Die Erwähnung dieser nicht näher bekannten Kapelle bezeugt
eine schon frühe Bauthätigkeit, die erste nach Herstellung des Stiftungs-
baues, und bestätigt den auch sonst gesicherten Verkehr mit Irland.

12) Oheim 43, Neugart Ep. Const. 536 — 552 und Stalin
Wirtemberg. Gesch. I, 410.

13) Oheim 44.

14) Herrm. Contr. ad a. 806.

lä) Wattenbach, Deutschi. Geschichtsquellen II. Aufl. S. 179.

16) Oheim 44. Dieser hochgeschätzte Ehrenplatz —offenbar neben
dem Vierungsaltare rechts — wurde Gerolt, als dem besonderen Wohlthäter
des Klosters eingeräumt. Seine Ruhestätte schmückte Walafried Strabo
mit einer schönen Grabschrift.

") Neugart Ep. Const. II. 574. Ein über seinem Grabe aufge-
stellt gewesenes ehernes Götzenbild, von den älteren Chronisten für „ger-
manisch" erklärt, hat Kaiser Max 1511 nach Innsbruck mitgenommen.
Schönhuth 24.
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