Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 1): Die Kloster- und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau — Berlin, 1870

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als für das Kloster geeignet. Wie im Wetteifer mit Bischof Egino
von Verona, der am unteren Ende der Insel die Propstei Nie
derzeit gestiftet hatte, gründete Hatto gleich im Anfange seiner
Regierung am oberen Ende eine gleiche Propstei, welche
anfangs Hatto's Zell, später Oberzell genannt wurde.
Hierauf bezüglich sagt Oheim S. 66 von ihm: „Er hout
ouch kunstlichen mit wunderbarlicher art die zell und kilchen
in der Richenow zu sant Jörgen gepuwen und mit genüg-
samlichen gulten gestifft und fürsehen." Wahrscheinlich war
dieser theilweis noch erhaltene Bau im Jahre 890 so weil
fertig, dafs bei König Arnulfs Anwesenheit38) die Krypta
geweiht werden konnte. Das besondere Vertrauen, welches
der König in Hatto setzte'9), lassen mehrere Bestätigungs-
und Schenkungsbriefe erkennen40). Noch mehr wird dies
durch die Thatsache bestätigt, dafs er ihn 891 auf den erz-
bischöflichen Stuhl von Mainz erhob4'). Auch auf Ar-
nulfs Römerzuge begleitete Hatto den König und erwarb in
Rom als kostbarstes Geschenk von Seiten des Papstes For-
mosus das Haupt des heiligen Georg. Nach der Rückkehr
weihte er dasselbe nach seiner Stiftung Oberzell42) und
machte die Kirche dadurch zum vielbesuchten Wallfahrtsorte.
Hatto überlebte nicht nur seinen Gönner Arnulf und dessen
Sprossen Ludwig das Kind — den letzten Karolinger —,
sondern salbte auch noch den neuen auf den Thron steigen-
den Fürsten Konrad I. 911 zum deutschen Könige. Er starb
als Kanzler und Erzbischof 913. Sein Name lebt noch heut
im Munde des Volkes; er ist der Erbauer des sagenbekannten
Mäusethurmes bei Bingen.

Die unmittelbar folgenden Jahre, zu den traurigsten ge-
hörend, welche Deutschlands Geschichte kennt, haben das
weitere Gedeihen des Klosters behindert. Konrad I. regierte
unglücklich; es gelang ihm weder der innere Kampf gegen
die herzogliche Gewalt, noch die Abwehr der Ungarn, dieser
damaligen Todfeinde der deutschen Cultur. Mehrfach trafen
ihre zerstörenden Streifzüge auch Alamannien; der des Jahres
926 bedrohte St. Gallen mit sicherem Untergange. Glück-
licherweise standen den Feinden keine Schiffe zu Gebote, und
so gewährte die Insel Reichenau nicht nur ihren Einwohnern,
sondern auch den geflüchteten Büchern und Schätzen von
St. Gallen ein schützendes Asyl43).

Kurz vorher, etwa 920, mufs die jetzt nicht mehr vor-
handene, östlich vom Münster gestandene Kirche St. Pe-
lagius erbaut worden sein, von deren Ursprung schon Oheim
nichts mehr erfahren konnte 4 4). Da aber Salomo III., der
berühmte Bischof von Konstanz, den Körper des heiligen
Pelagius 917 zu Rom geschenkt erhalten hatte und für den-
selben nach seiner Rückkehr einen kostbaren, mehrfach er-
wähnten Goldsarg anfertigen liefs, so ist die Ueberlassung
eines Heiligenpartikels in jenem Jahre an das nahe belegene
Kloster und die dadurch veranlafste Stiftung einer beson-
deren Kapelle so naheliegend, dafs ich kein Bedenken
trage, das obengenannte Datum für diese Kapelle einzuschal-
ten. In demselben Jahrzehend erwarb der fromme Eifer der
Mönche eine andere, schon in Karl's des Grofsen Tagen nach
Alamannien gelangte Reliquie, nämlich ein goldenes Kreuz
mit heiligem Blute. Es kam nach mannigfachen Schicksalen
925 auf die Insel45), erlangte bald eine hohe Verehrung und
ist noch heut im Münsterschatze erhalten.

König Heinrich I. regierte einsichtiger und glücklicher
als sein Vorgänger Konrad. Mit starker Hand und kluger
Selbstbeschränkung stellte er die Ordnung im Innern und die
Sicherheit nach aufsen her. Aber auch seine Regierungszeit
war voller Mühe und Arbeit. Erst sein nicht minder that-
kräftiger Sohn Otto I. erntete die Früchte väterlicher wie
eigener Staatskunst. Unter seinem Regimente begann von
der Mitte des X. Jahrhunderts ab ein neuer Zeitraum dau-

3S) Ann. Fuld. ad a. 890 bei Pertz I, 407.

39) „Hatto, quem cor regis nominabant". Ekkehard IV Cas. S. Gallt
bei Pertz II, 83.
4U) Oheim 67 ff.
4I) Regino bei Pertz I, 603.
,2) Joh. Egon a. a. O. P. II c. 18.

43) Stalin I, 432 ff.

44) Oheim 33.

45) Histor. sanguin. Dom. bei Mono I, 68 ff. Abbild, des Kreuzes
bei Gerbert. Iter alamannic. tab. X, Erklär, d. griech. Inschr. S. 276.
Die frühe Stiftung des Klosters Schännis in der Schweiz hängt mit die-
ser Reliquie zusammen.

ernder friedlicher Entwicklung, der die deutschen Gebiete
segensreich durchdrang und die wissenschaftlichen Studien wie
die künstlerische Thätigkeit zu neuem Leben erweckte.
Auch Reichenau, von einflufsreichen Wohlthätern, wie dem
Alamannenherzog Herrmann, kräftig unterstützt4S), verspürte
diese erneuten Anregungen. Für das gute Gedeihen des
Klosters und das abermalige Aufblühen seiner Schule spre-
chen ebenso sehr die anerkennenden Aeufserungen St. Galler
Geschichtsschreiber als die damals producirten und noch er-
haltenen litterarischen Werke 4 7). Kaiser Otto's I. persönliche
Gunst und Fürsorge bezeugen mehrfache Besuche der Insel
und daran geknüpfte Vergabungen48); am meisten wohl die
Thatsache, dafs er seinen geliebten Sohn Wilhelm zur Voll-
endung seiner Studien nach Reichenau sandte und dann ihn
— bald darauf — zum Erzbischofe von Mainz erhob. Von
den bedeutenden Männern, welche damals aus Reichenau her-
vorgingen, sind Wolfgang, Bischof von Regensburg, und Otwin,
Bischof von Hildesheim zu nennen.

So gebesserte und friedliche Verhältnisse führten auch zu
erneuter Bauthätigkeit. Abt Eggehard war es, der 958 die
Pfarrkirche St. Johannes des Täufers erbaute49).
Da der im Lobe stets sparsame Herrmann der Lahme diesen
Bau: „als ein schönes Werk der Baukunst (formoso artificio)11
bezeichnet, so wäre eine nähere Kenntnifs sehr erwünscht.
Leider ist diese Pfarrkirche, welche 1054 einen Umbau er-
litten hatte, im Jahre 1812 abgebrochen worden, so dafs
wir nur von dem um 1612 hergestellten Oelgemälde, welches im
Chore der Münsterkirche hängt, über ihre äufsere Erscheinung
annähernd urtheilen können5 °). Danach war dieSt. Johannes-
kirche eine sehr einfach gegliederte, dreischiffige Basilika mit
quadratischem Glockenturme über dem wahrscheinlich platt-
geschlossenen Chore. Ihre Gröfse übertraf ein wenig die von
Oberzell.

Trotz des wohlgelungenen Baues wurde Abt Eggehard,
übler Verwaltung halber, 972 durch Kaiser Otto I. abgesetzt.
Es folgte ihm Rudimann, unter dessen Regierung wieder ein
Hauptwohlthäter, Herzog Burchard von Schwaben, in der
St. Erasmus-Kapelle beigesetzt wurde51). Bald darauf
einbrechende Fehden hatten die Güter des Klosters verwüstet
und dadurch trotz einer Schenkung Otto's II. die Einnahmen
vermindert. Erst Abt Witigowo — von 984 an — gelang
es, hierin eine Besserung herbeizuführen. Die persönliche
Neigung dieses Abtes erweckte sofort eine so rege und an-
dauernde Bauthätigkeit, wie die Insel sie bisher nie gesehen
hatte. Trotz der häufigen und vielgerügten Abwesenheit vom
Kloster hat Witigowo während seiner zwölfjährigen Regierung
neun Jahre lang gebaut. Noch ist das lateinische Gedicht
des zeitgenössischen Mönches Purchard vom Jahre 994 er-
halten, worin derselbe die rastlose Bauthätigkeit und sonstige
Kunstpflege des Abtes feiert. Dieses „Pttrchardi Carmen de
gestis Wüogowonis Abbatis" betitelte Gedicht52) giebt ein
anschauliches Bild von der ßaulust des Abtes, von der An-
erkennung, aber auch von der Opposition innerhalb seines
Convents. Das Stift wird, personificirt durch die Augia, in
Unterhaltung mit dem Dichter vorgeführt. Freimüthig beklagt
die Augia die häufige Abwesenheit des Abtes, erkennt aber
auch seine Bemühungen zur Erbauung von Kirchen auf den
Stiftsgütern an und feiert zuletzt seine Verdienste bei dem
Neubau und der Ausstattung der Klosterkirche mit allen ihren
Nebenanlagen. Der wesentliche Inhalt des Gedichts, bezüg-
lich der Bauthätigkeit auf der Insel, ist folgender: Zuerst er-
baute Witigowo 985 an der linken Seite der Münsterkirche,
d.h. der Nordseite, eine Kapelle St. Januarius mit zwei
Nebenaltären für St. Stephan und St. Lorenz53); dann folgte
ein Jahr später die Kapelle St. Pirmin (pulchre formatam
.....capellam) 5 4) nebst Ausführung des Kreuzganges und

46) Herrmann starb 948 und wurde in St. Kilians-Kapelle be-
graben. Herrm. contr. ad a. 948.

*') Aufser den oben erwähnten und bei Mone I, 61 ff. verzeichneten
Geschichtsquellen noch das Leben Abts Alawich bei Mabillon AA. SS.
V, 246—48.

4") In den Jahren 965 und 972 vergl. Stalin 457. 458.
19) Herrm. contr. ad a. 958.

50) Eine dankenswerthe Copie dieses Bildes bei Bayer Denkmale
d. Kunst etc. Tafel II.

äl) Herrm. contr. ad a. 973.

52) Bei Pertz IV, 621—32.

s3) Purchard a. a. O. 621 v. 313 ff.

54) Purchard v. 333.
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