Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 1): Die Kloster- und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau — Berlin, 1870

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als in stiller Abgeschiedenheit die erworbenen Schätze fest-
zuhalten und kommenden Zeiten getreulich zu überliefern.
So beginnt mit dem letzten Viertel des XI. Jahrhunderts der
Niedergang des Klosters; eingeleitet durch den 17jährigen
Krieg mit St. Gallen. Seine Folge war gegenseitige Er-
schöpfung, für Reichenau der Grundstein zur Verarmung.
Vergeblich suchten tüchtige Aebte den alten Wohlstand wie-
derzugewinnen, vergeblich griffen päpstliche Legaten ein, ver-
geblich suchte Kaiser Heinrich V. zu helfen. Die litterarische
Thätigkeit war so sehr in's Stocken gerathen, dafs abgesehen
von kaiserlichen Besuchen, an welche zurückgelassene Ur-
kunden dauernd erinnerten, selbst von langjährigen Regie-
rungen einzelner Aebte kaum das Notdürftigste berichtet
wurde 8').

Unter den kaiserlichen Besuchen, wie Heinrich's V. 112),
Konrad's III. 11 42, verdient der des Kaisers Friedrich Barba-
rossa im Jahre 1164 eine Hervorhebung, weil der Erklärung
des Kaisers, dafs er zum eigenen, wie der Seinen Seelenheil
die Kirche St. Peter zu Reichenau (d. h. Niederzell),
sowie ihren Propst Herrmann in seinen und des Reiches Schutz
nehme"), ein nicht unbedeutender Umbau dieser Propstei
vorangegangen zu sein scheint.

Aus der ganz erstorbenen Geschichtspflege erklärt sich
auch die Thatsache, dafs ein für das klösterliche Leben so
wichtiges Ereignifs. wie der Umbau der Münsterkirche,
am Schlüsse des XII. Jahrhunderts nicht zeitgenössisch er-
wähnt wird, obschon der noch vorhandene Bau die Richtig-
keit dieser Thatsache zweifellos bestätigt. Bruschius giebt
in seiner Chronologie der deutschen Klöster, I. Centurie83)
in der Einleitung zu Reichenau die Nachricht: „Summa ejus
loci Basilica coepta est aedificari anno Domini 1172 sub Ab-
bate Diethelmo, Barone de Krenking en"" $ während Oheim
u. A. darüber schweigen. In dieser Nachricht mufs 1173
statt 1172 stehen, weil Diethelm erst 1173 zur Abtswürde
gelangte, doch vermindert dieser Fehler nicht den Werth der
Mittheilung. Ueber die Vollendnngszeit dieses Baues sind
wir ebensowenig unterrichtet, wie über sonstigen Baubetrieb
während der Hohenstaufenzeit, von welchem doch, wie z. B.
in der Einweihung der St. Pelagius - Kirche 1242, noch
Spuren vorhanden sind 8').

In der Mitte des XIII. Jahrhunderts verwüstete eine
zweimalige Feuersbrunst im Winter, wahrscheinlich sowohl
1253 als 1254, das ganze Kloster. Die Beschädigung war so
umfangreich und bei den verminderten Einnahmen wie der
Schuldenlast so fühlbar, dafs Abt Konrad von Zimmern sich
nach Rom um Hülfe wandte85) und seinen Schmerz in einem
noch erhaltenen lateinischen Gedichte dichterisch verewigte86).
Doch scheint es, dafs diese Feuersbrünste, sowie ein 1258
stattgefundener Ueberfall der Konstanzer mehr das Kloster
als die. Kirche betroffen haben, weil im Anfange des XIV.
Jahrhunderts von einem völligen Neubau nur dieser Bautheile
berichtet wird. Abt Diethelm von Petershausen, Wiederhef-
steller der älteren Klosterzucht, erbaute von 1306 ab erst das
Refektorium, das Schlafhaus und die Hörsäle; sodann
von 1312 ab auch die kaiserliche Pfalz bei der Pelagius-
Kirche87). Bald darauf wurde eine von zwei Brüdern von
Salenstein wegen Rettung aus Lebensgefahr auf dem St. Gott-
hard gestiftete Kapelle dieses Heiligen auf der Insel
1316 geweiht88).

Doch waren dies nur kurze Lichtblicke. Das XIV. Jahr-
hundert brachte dem Stifte neue Beschädigungen. Zunächst in
den Kämpfen zwischen Ludwig dem Baiern und Friedrich von
Oesterreich, bei denen das Kloster auf habsbnrgischer Seite
stand ; sodann in den langen Streitigkeiten mit den Bürgern von
Konstanz und Ulm. Aufser einigen Altarstiftungen in der Mün-
sterkirche 8 9) und Reliquienschenkungen nach Prag90) und

81) So von den Aebten Ulrich, Fridollo und Ulrich, welche 34, 21
und 14 Jahre regierten. Oheim 124 ff.
821 Neugart Ep. Const. II, 85.
83) Bruschius Chronol. Monast. Germ. 31.
81) Neugart Ep. Const. II. G21.

8!) Bulle Innocenz IV an den Abt mit manchen Vergünstigungen.
Neugart II, 632.

*6) Jlooe Quellens. III, 139.

") Oheim 151 und Mone Quellens. I, 234. Die lateinische Bau-
inschrift Uber der Ilauptthür ist mit der Pfalz verschwunden.

,s) Oheim 35. Von dieser Kapelle ist nichts mehr erhalten.

HS) Altar Sl. Fides 1349. Schönhuth 215. — Altar d. Zwölfboten
1359. Oh ei in 155.

1") Kaiser Kurl IV erhält 1352 einen Theil des Hauptes von St. Markus.

Wien91) wird fortgesetzt nur von Verkäufen und Verpfän-
dungen berichtet. Das kirchliche Leben verfiel so sehr, dafs,
wie dem Oheim gesagt wurde, damals Tage vergangen wären,
„wo nit ein ampt in dem kor gesungen wurde". Die völlige
Verarmung des einst so reichen und blühenden Stifts bezeugt
die Thatsache, dafs Abt Werner 1385 gezwungen war, sich
zu Tisch bei einem Leutpriester in St. Peter (Niederzell) zu
verdingen. Oheim sagt von ihm92): „Er rait täglich uff
einem weifsen Röfslin da abhin, den imbis und nachtmal zu
niefsen".

Eine geringe. Besserung scheint unter späteren Aebten
erfolgt zu sein, da Kaiser Sigismund 1414 und Papst Martin V.
1428 die Insel während des Concils zu Konstanz besuchten
und gastlich empfangen wurden. Doch gelang es erst dem
Abt Friedrich von Wartenberg (1427-53), durch strenge Spar-
samkeit und umsichtige Verwaltung die Vermögenslage ebenso
zu verbessern, als durch die Wiederbelebung der wissenschaft-
lichen Studien den Ruf und das Ansehen des Klosters nach
aufsen hin zu heben. Dieser Abt veranlafste noch einmal
eine umfassende Banthätigkeit9 3), zunächst darauf gerichtet,
den durch jahrelange Vernachlässigung eingetretenen Verfall
zu beseitigen, und dann der Kirche durch einen kostbaren
Neubau neuen Glanz zu geben. So berichtet denn ein spä-
terer Nachfolger, Abt Johannes Pfuser, von Aufführung der
Klostermauer, Wiedererrichtung der herabgestürz-
ten Thurmspitze, Neubau eines Refektoriums, Umbau
des alten, Erbauung eines Sprachhauses, eines Mar-
stalles u. a.

Im Jahre 1443 begann Abt Friedrich den Neubau des
hohen Chores nebst der nördlich daran stofsenden Sa-
cristei91), zu welchem Zwecke der alte Chor, sowie die
Kapellen des heiligen Kreuzes und des h. Cosmas und
Damianus abgebrochen wurden95). Da auch 1451 die
Pfalz ummauert, die Bücherei verlegt und durch den Ankauf
einer stattlichen Handschriftensammlung vermehrt wurde, so
wurde Abt Friedrich wegen seiner langjährigen und geseg-
neten Verwaltung als ein zweiter Pirmin geehrt und geprie-
sen96). Bei seinem Tode war der neue Chorbau noch nicht
beendet; es bedurfte noch eines hohen Ablasses, den Abt
Johann Pfuser 1465 erwirkte, um ihn fertig zu stellen. An
die um 1470 erfolgte Beendigung des Neubaues schlofs sich
eine mehrjährige Renovation der Kirche an, so dafs die Ein-
weihung erst 1477 stattfinden konnte9').

Doch auch diese Wiederaufrichtung des Stifts dauerte
nicht lange; fortgesetzte Verkäufe und Verpfändungen, Schuld-
klagen und Verurteilungen erfüllen die Berichte aus den
letzten Decennien des XV. Jahrhunderts. Zwar erschienen
noch immer deutsche Kaiser auf der Insel, so Friedrich III.
1485, und Maximilian 1492; zwar wurden noch Ablässe er-
beten und ertheilt, Jahresstiftungen gegründet und neue Fest-
tage eingesetzt, selbst der Leib des heiligen Markus durch
eine päpstliche Bulle vom Papst Innocenz VIII. 1486 aner-
kannt und seine Verehrung empfohlen; — dennoch war die
völlige Auflösung der alten Verhältnisse nicht mehr aufzu-
halten. Immer mehr strebte das Konstanzer Bisthum nach
der Iricorporation des berühmten Klosters. Ein erster Ver-
such, von Bischof Hugo 1510 unternommen, schlug fehl98),
aber der nach einer fruchtlosen Reformbestrebung des Abtes
Georg von Zwiefalten unternommene zweite Angriff glückte
durch Bestechung und Verrätherei. Im Jahre 1540 wurde
das Kloster trotz des Widerstandes einzelner Mönche dem
Bistbume. einverleibt und theilte fortan die Schicksale des-
selben. Einzelne Bischöfe sorgten zwar für die nothdürftige
Erhaltung der Gebäude, andere gründeten neue und dem Geiste
der alten Stiftung wenig entsprechende Bauanlagen; so z. B.
Kardinal Andreas von Oestreich einen Bärengraben und einen
Löwenzwinger99). Abt Jakob von Fugger begann 1606 den
Neubau der jetzigen Klostergebäude und vollendete denselben

?') Erzherzog Rudolf IV erhält 1360 Partikel von St. Johannes und
Paulus. — Vierordt Bad. Gesch. 409.
Oheim 56.

93) Mone Anzeiger f. Kunde d. deutsehen Vorz. 1834. 209 ff.

94) Mone, Anzeiger III, 209.

»*) Die heilige Kreuz - Kapelle ist nach Oheim ein Rundhau, nach
der Form des heiligen Grabes, gewesen.
96) Mone Quellens. I, 235/
!") Schönhuth 264. 268. 271.
98) Schönhuth 2S0 ff,
»•) Schönhuth 31« ff.

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