Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 1): Die Kloster- und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau — Berlin, 1870

Seite: 11
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Vierungsthunn festgehalten; bebinderte dort das Terrain die
Anlage der Krypta, so ist hier die günstigere Lage für die
Anordnung dieses so wichtigen Bautheils benutzt. Nur in der
Technik so wie in dem bescheidenen Maafsstabe stimmen beide
Bauwerke überein und gewähren weitere Anhaltspunkte zur
Beurtheilung der altchristlichen Baukunst in Deutschland.

Einschiffige Kreuzkirchen in einer ähnlichen alterthiim-
lichen Auffassung und Behandlung sind jetzt selten geworden.
Doch geben für die ursprüngliche Erscheinung von Oberzell
St. Saturnin zu Fontenelle und das Oratorium von
Querqueville in der Normandie vortreffliche Analogieen.
Für Italien bedarf das Grabkirchlein der Galla Placidia zu
Ravenna nur einer flüchtigen Erwähnung, da es allgemein
bekannt ist. In Deutschland ist nach dem Abbruch von
St. Maternus zu Trier und St. Adalbert, in Reichenau
auf Niederkirchen bei Speier aus dem XI. Jahrhundert
und auf das ältere und besonders eigenthümliche Avolds-
heim im Elsafs zu verweisen,

Diesen alten Bautheilen, welche sicherlich noch Reste
des Hatto'schen Stiftungsbaus sind, ist das dreischiffige Lang-
haus in späterer, aber nicht allzuentfernter Zeit angeschlossen
worden. Das Langhaus bildet eine dreischiffige Säulenbasi-
lika mit gänzlich veränderten Fenstern und ebenso moderni-
airten Holzdecken. Fünf rundbogige Arkaden trennen die
Schiffe. Dieselben ruhen jederseits auf drei Säulen und einem
Freipfeiler. Von den Wandpfeilern sind die westlichen in
eigenthümlich antiker, aber derb naiver Weise antenförmig
mit der Westmauer verbunden. Die östlichen Arkaden hat
man bei einer späteren, sehr nachlässig durchgeführten Restau-
ration vermauert, bei welcher Gelegenheit wahrscheinlich auch
die ebenso roh und incorrect formirten Nebenapsiden erneuert
worden sind 1 1 °). Die Säulen sind aus dem leicht ver-
witterbaren Grünsandstein hergestellt und haben bereits sehr
gelitten. Ihre Kunstformen sind einfach gestaltet. Die Ba-
sen bestehen aus Plinthen mit Pfühlen darüber; die Schäfte
sind verjüngt und geschwellt (und zwar stärker geschwellt,
als dies der Stich auf Blatt V, Fig. 11 erkennen läfst). Die
Kapitelle, in der Detailhildung etwas verschieden, stimmen
darin überein, dafs sie mehr oder weniger den Typus redu-
cirter, auf die schlichteste Kernform beschränkter byzantini-
scher Kapitelle erkennen lassen. Die Abakusplatten sind
ebenfalls mehr angedeutet als fertig gemeifselt. Offenbar hat
neben eiliger Arbeit auch das schlechte Material auf die
höchst unvollkommene Leistung grofsen Einflufs gehabt. Von
ganz verwandter Bildung müssen zwei Säulen gewesen sein,
die Stützen von drei Arkaden, welche einst Mittelschiff und
Vierung trennten. Ihre noch erhaltenen Basen stecken in dem
Plattenbelage des Vierungsfufsbodens und sind deshalb auf
der obersten Stufe der zum Chore führenden Treppe in dem
Grundrisse, Fig. 3 auf Bl. III, markirt worden. Wahrschein-
lich bildeten diese erst im Anfange dieses Jahrhunderts her-
ausgebrochenen Arkaden einen lettnerartigen Abschlufs.

Der einfache aber doch sehr charakteristische Habitus der
Säulenkapitelle gestattet eine angenäherte Schätzung in der
Datirung. Solche byzantiuisirende Kapitellformen sind nämlich
am Schlüsse des X. und am Anfange des XI. Jahrhunderts
eine sehr beliebte und vielverwendete Kunstform gewesen.
Man trifft sie besonders häufig in der Lombardei, aber auch
in Burgund und in der Provence. Die echt byzantinische Ab-
kunft ist der oft eingetretenen Reduction der Formen un-
beachtet und trotz der stattgefundenen Mischung mit andern
Elementen nicht zu bezweifeln. In Burgund nenne ich zwei
ganz gesicherte Denkmäler für diese Kapitellformen: die be-
kannte Wallfahrtskirche St. Benigne zu Dijon, von Abt
Wilhelm 1003 erbaut; ferner das Schiff von St. Philibert
zu Tournu8, 1006 erneuert. In Deutschland ist das
bauinschriftlich gesicherte und trotz mancher Zuthaten wohl-
erhaltene Bergholzzell im Elsafs von 1006 anzuführen;
sowie einige Säulen aus der Krypta des Domes zu Augsburg
(von ca. 996); endlich in der Schweiz: Romain motier
und Payerne von 96'2.

11 °| Die nördliche Nebenapsis zejgt solche Ungleichheiten, Buckel
und Vorsprünge, dafs ich sie, längere Zeit für den Rest eines kreisförmigen
Treppentlnirmes gehalten habe. Die beiden Hälbkugelgewölbe sind wieder
ganz im Gegensatze zu ihren Untertheilen in tüchtiger Weise in Back-
steinen construirt worden, offenbar bei einer Restauration im Anfange
des vorigen Jahrhunderts.

Diese Analogieen gewähren schon den nöthigen Anhalt,
um den Erweiterungsbau von St. Georg zu Oberzell auf den
Schlufs des X., spätestens den Anfang des XI. Jahrhunderts
zu versetzen. Eine entscheidende Bestätigung dieses höheren
Alterthums liefert aber eine Betrachtung der Hauptapsis selbst,
insbesondere ihrer Aufsenseite mit dem Portale und den klei-
nen Doppelarkaden rechts und links oberhalb desselben. Der
Farbendruck auf Blatt I läfst diese merkwürdigen Baureste
erkennen. Leider ist nur noch die nördlich belegene Doppel-
arkade vorhanden, aber trefflich erhalten. Die südliche ist
barbarischer Weise herausgebrochen worden, um einen Zu-
gang zu der in halber Höhe der Westapsis schlecht ange-
legten und roh eingerichteten Orgelbühne zu gewinnen. Diese
schlanke Doppelarkade ruht auf einem zierlichen Mittelsäul-
chen, dessen korinthisirendes Kapitell mit mächtig ausladen-
dem Kämpfersteine mit den gleichen Stützenformen an vielen
Glockenthürmen dieser letzten Epoche der altchristlichen Bau-
kunst verwandt ist. Ihrer trefflichen Erhaltung halber — weil
sie Jahrhunderte lang völlig geschützt war — ist dieselbe
durch Fig. 14 auf Blatt V in Front und Profil mitgetheilt
worden.

Das Hauptportal, dessen selten breite Proportion von ß:7
schon auffällt, ist in antiker Weise aus der Unterschwelle,
den beiden seitlichen Einfassungssteinen und dem oberen
Decksteine construirt worden. Die Einfassungssteine wie der
Deckstein sind nicht nur sauber behauen, sondern mit einer
fast liebevoll zu nennenden Sorgfalt durch einfache aber alter-
thümliche Kunstformen geschmückt worden. An den Seiten-
einrahmungen, und zwar sowohl an der Vorder- wie Leibungs-
fläche erscheint jenes zickzackförmige, mit Parallelstreifen
belegte Mäanderschema, welches zu den ältesten und weit-
verbreitetsten Linearornamenten gehört. Wir finden es auf
griechischen wie, etruskischen Vasen, auf altchristlichen Grab-
steinen wie germanischen und wendischen Urnen verwendet.
Der Deckstein zeigt eine feine von einem Rundstabe gebildete
Umrahmung mit Eckschlingen und in der Mitte ein aufge-
stecktes Vortragekreuz von einem Ringe umschlossen. Dieser
dekorative Schmuck ist zwar nicht selten, doch gehört er fast
immer noch der altchristlichen Bauepoche an, und kommt nur
in vereinzelten Beispielen in der älteren romanischen Baukunst
vor 1 1 ]). Der Oberschwellstein wird durch einen früher geputzt
gewesenen, jetzt blofs gelegten Halbkreisbogen altertümlichster
Technik entlastet. Oberhalb desselben sind zwei abgekehlte
Consolsteine herausgestreckt, welche einen erkerartig vortre-
tenden Halbkreisbogen tragen, in dessen Nische sich ein klei-
nes Wandgemälde, die Kreuzigung darstellend, befindet. Ganz
oben folgt sodann auf der gekrümmten Apsisfläche und die
ganze Breite der Vorhalle einnehmend das Wandgemälde
des jüngsten Gerichtes, welches weiter unten zu be-
sprechen sein wird.

Obschon das Portal und die Doppelarkaden sich in der
sorgfältigen Arbeit von der flüchtigen Technik der Säulen
wesentlich unterscheiden, so mufs die Erbauung der Apsis doch
mit dem Schiffsbaue fast gleichzeitig angenommen werden.
Und zwar aus dem doppelten zwingenden Grunde, dafs erst-
lich die Vorhalle noch wieder etwas jünger als die Apsis selbst
ist, und dafs andererseits zwischen der Westmauer des Lang-
hauses und der Apsis selbst der innigste Verband in der Stein-
fügung besteht. Den späteren Anschlufs der Vorhalle kann man
durch die ungenügende, fast stumpfe und deshalb nachträglich
erfolgte Einbindung der nördlichen wie südlichen Langmauern
der Vorhalle in die Apsismauer erkennen. Ferner zeigt sich
an der Technik des Mauerwerks der Vorhalle die wesentliche
Neuerung, dafs nicht mehr Geschiebe, sondern kleine Bruch-
steine verwendet sind, in deren Fugen kleine Ziegelstücke als
Zwicker auftreten. Endlich stimmen die wenigen Kunstformen
in der Vorhalle mit entsprechenden und sicher zu datirenden
an der Münsterkirche von Oberzell so völlig überein, dafs
ihre Gleichalterigkeit aul'ser allem Zweifel steht. Es sind dies
die unten in der Südmauer sitzenden Doppelarkaden, welche
durch einen oblongen Steinpfeiler mit einfach abgeschrägtem
Kapitell und ebensolcher Basis gestützt werden 1 ' -), sowie der

1 1') Für Suddeutschland nenne ich die NordkreuztlUgelthür zu Berg-
holzzell von 1006, für Norddeutschland das Nordportal von S t. K i 1 i a n
zu Höxter um 1040. Beide Beispiele gehören zu den jüngsten, welche
ich kennen gelernt habe.

11') Vergl. den Durchschnitt der Vorhalle auf dem farbigen Blatte.
Der auf Blatt V Fig. 15 gegebene geometrische Aufrifs zeigt das Kapitell
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