Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 1): Die Kloster- und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau — Berlin, 1870

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sammenhang erwiesen, welcher neben dem wissenschaftlichen
Wetteifer auch in künstlerischer Beziehung jahrhundertelang
zwischen beiden Klöstern bestand.

Weitere Vergleichungen des Oberzeller Bildes mit roma-
nischen Wandmalereien in der Schweiz, in Baiern und der
Pfalz, welche nach glücklich erfolgter Wiederaufdeckung einer
stattlichen Reihe derselben leicht sich anstellen liefsen, mufs
ich mir hier ebenso versagen, wie die Nachweisung des Ein-
flusses, welchen der grandiose Gegenstand des jüngsten Ge-
richts auf die kirchliche Kunst des Mittelalters fortdauernd
geübt hat. '1 9)

Da das hier veröffentlichte Kunstwerk von den vorhan-
denen sicherlich eins der ältesten ist, so bedarf es kaum der
Andeutung, dafs durch die seltene Erhaltung der archi-
tektonischen Anlage mit ihrer malerischen Ausstattung die
kleine und schlichte Vorhalle von St. Georg zu Oberzell zu
einem Denkmale von hoher kunstgeschichtlicher Bedeutung
emporgestiegen ist. Für Deutschland ist sie jedenfalls ein
Unicum. Ihre würdige Wiederherstellung besonders durch
Beseitigung der Balkenlage, welche den Raum in zwei Ge-
schosse theilt, und erneute Pflege darf der badischen Staats-
regierung als eine Ehrenpflicht gegen die Kunstgeschichte
Deutschlands angelegentlichst empfohlen werden.

III. Klosterkirche St. Maria und St. Markus in Mittelzell.

Diese auf den Blättern II — V in ihrer äufseren Er-
scheinung, im Grundrisse, in Durchschnittstheilen und in den
wichtigsten Details dargestellte Klosterkirche liegt zwischen
den beiden Stiftskirchen fast in der Mitte der Insel, aber sehr
nahe dem nördlichen Uferrande. Trotz des Abbruches der
älteren Stiftsgebäude, des Kreuzganges und aller Kapellen in
der Nähe, bildet die Münsterkirche mit den südlich belegenen,
in den sehr reducirten Formen der Spätrenaissance neu er-
bauten Stiftsgebäuden eine ausgedehnte und malerische Ge-
bäudegruppe.

Wie eine vergleichende Prüfung der nach gleichem Maafs-
stabe gezeichneten und auf Blatt III nebeneinander gestellten
drei Grundrisse leicht erkennen läfst, übertrifft die bebaute
Grundfläche der Münsterkirche die entsprechende von Ober-
zell um das Dreifache, die von Niederzell fast, um das Vier-
fache. Dieser wesentlich gesteigerte architektonische Maafs-
stab läfst die Kirche als das hervorragendste Bauwerk, als
den Mittelpunkt der ganzen klösterlichen Ansiedlung sofort er-
kennen. In struktiver Beziehung wie in der architektonischen
Ausbildung steht die Münsterkirche aber auf gleicher Stufe
mit ihren Schwesterkirchen. Denn Alles ist schlicht und be-
scheiden; selbst der spätgothische Chor mit seinen reicheren
Kunstformen überschreitet nur ein wenig diese Grenze einer
altväterlichen, treu bewahrten Einfachheit.

Die Kirche bildet eine dreischiffige Pfeilerbasilika von
fünf Arkaden mit zwei Querschiffen und zwei Chören. Der
östliche Chor ist ein gothischer polygon geschlossener Lang-
chor, welcher nördlich von der alten Sacristei, südlich von
der Schatzkammer (jetzigen Sacristei) flankirt wird. Eine
Krypta ist nicht vorhanden. Der über der östlichen Vierung
befindlich gewesene achteckige Glockenthurm ist abgebrochen
worden. Die breiten Seitenschiffe öffnen sich an der West-
seite mittelst rundbogiger Doppelarkaden nach dem westlichen
Querschiffe. An die Vierung des letzteren schliefst sich un-
mittelbar eine grofse, aul'sen plattgeschlossene Westapsis an,
hinter welcher zwei Spindeltreppen zu dem oblongen Glocken-
turme emporführen, welcher die Westapsis überhaut und den
stattlichen Mittelpunkt der Westfacade bildet. Neben diesem
Glockenturme eröffnen zwei run-dbogige Portale, denen tiefe
Vorhallen vorgelegt sind, den Zugang in das westliche Quer-
schiff. Mit Ausnahme des Ostchores und des westlichen
Glockenturmes, ist, das Aeufsere völlig schmucklos, hat aber
durch allzuhäufige Ueberweifsung an ehrwürdiger Erscheinung
bedeutend verloren.

11 s) Als Wandmalerei oder musivisch ist der Gegenstand des jüngsten
Gerichts auch in Frankreich und Italien an verschiedenen Orten nach-
weisbar. Ich nenne das Bild von Alby aus dem XV. und das kolossale
Mosaik des Domes von Torcello aus dem XII. Jahrhundert. Plastisch
behandelt zeigen diesen Vorwurf die Portale von Ve'zelay, Antun,
Amiens, Chartres, Reims und Ronen in Frankreich; von Ram-
berg, Frauenaurach, Nürnberg, Lindau u. A. in Deutschland;
von Basel und Bern in der Schweiz.

Das Innere zeigt, bei grofsen Breitmaafsen und der da-
durch erzeugten Weiträumigkeit auffallend niedrige Höhen-
erhebungen. Wesentliche Veränderungen haben auch hier statt-
gefunden. Der Fufsboden ist nicht unbedeutend (um etwa
2 Fufs) höher gelegt und alle Fenster des Langhauses, sowohl
die oberen wie die unteren, sind in häfsliche 5 Fufs breite
Ellipsenfenster verwandelt worden. Nur zu den beiden Quer-
schiffen, sowie zu der Westfront ist diese Veränderung glück-
licherweise nicht hingedrungen. Andere Versündigungen der
weifsen Tüncherquaste aus der Zopfzeit (in den dreifsiger
Jahren des vorigen Jahrhunderts) sind durch Wiederherstellun-
gen der ursprünglichen Formen bereits gesühnt worden. Das
Bedauernswertheste ist die stattgehabte Zerstörung der Altäre
und die Beseitigung der alten Grabsteine, weil durch die fast
völlige Kahlheit eines so grofsen und niedrigen, schneeweifs
gefärbten Raumes ein Gefühl der Kälte und Leere erzeugt
wird, welches jede feierliche Stimmung behindert.

Die analytische Untersuchung des Bauwerks wird durch
die Uebertünchung des Aeufsern erschwert, so dafs man auch
hier, wie so oft, die entlegensten Winkel und Ecken zur Be-
trachtung und Entscheidung heranziehen mufs. Leicht erkennt
man aber, dafs abgesehen von den Umänderungen der beiden
letzten Jahrhunderte, die Kirche in zwei bestimmt geschie-
dene Theile zerfällt, in den gothischen Ostchor nebst Sacristei,
und in den übrig bleibenden gröfsern Haupttheil mit roma-
nischen Bauformen.

Der in guter Technik aus sorgfältig behauenen Rorscba-
cher Sandsteinquadern erbaute Chor zeigt überall die Kunst-
formen des spätgotischen Styls. Die breiten viertheiligen
Fenster haben kielbogen- und fischblasenreiches Maal'swerk,
die unteren Wandtheile Blenden, welche mit Bogenfriesen
abschliefsen. Die Strebepfeiler sind wohlgegliedert, aber be-
reits mit gekrümmten und geschweiften Abdeckungen verse-
hen. Endlich vervollständigen die Plinthe, das Hauptgesitns
und ein die Strebepfeiler durchschneidendes Gurtgesims die
Aufsenarchitektur, welche solid und tüchtig durchgeführt, aber
mager und nüchtern gezeichnet ist. An der Nordseite be-
findet, sich die deutsche Inschrift, welche besagt, dafs 1447
der erste Stein zu diesem „kor" gelegt sei. Die Sakristei ist
höchst ökonomisch und mangelhaft aus Fündlingen mit Qua-
dern an den Ecken erbaut, wobei offenbar älteres Material

massenhaft verwertet

ist. Das Innere des
Chores, abgebildet bei
Bayer a. a. 0. Tafel III.
in Längen- und Quer-
schnitt, besitzt eine reich
durchgeführte, aber doch
etwas trockene Gliede-
rung. Die allzufeinen,
rundstahartigen Dienste
werden von tiefen Kehlen eingefafst, (vergl. den Holzschnitt),
das Laubwerk in den Dienstkapitellen ist manierirt und selbst
die reich durchschlungenen Sterngewölbe wirken durch die
abgekehlten Rippen nicht günstig. Unter den Chorfenstern
zieht sich zierliches Reliefmaafswerk an den Untermauern
herum und zwischen den Eckdiensten sind Steinbänke ange-
bracht. Die Höhenerhebung ist sehr mäfsig, aber noch ge-
nügend und mit Geschick den Höhenverhältnissen der alten
westlichen Theile angepafst. Ueberall zeigt sich jener tüch-
tige aber etwas handwerksmäfsige Künstlersinn, welcher für
die von Ulm aus geleitete spätgothische Bauschule an den
Bodenseeufern in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts so
charakteristisch ist. Die Gewölbe sind bemalt und mit, dem
inschriftlichen Datum 1551 versehen, welches aber nicht auf
die Architektur, sondern auf die ziemlich mittelmäfsige Malerei
(Heilige und zackiges Rankenwerk darstellend) zu beziehen ist.
Der Chorbau ist vielmehr, wie oben hervorgehoben, 1470 fertig
geworden und im Jahre 1477 eingeweiht worden. Aus dieser
Zeit stammen auch die längs der Chorschranken aufgestellten
vier Reihen spätgotischer Chorstühle in tüchtiger und ehren-
werter Arbeit, sowie das im südlichen Seitenschiffe aufge-
stellte Markusgrab. Es ist dies ein auf sechs Vorderstufen
zu ersteigender Altarbau, dessen Seitenwände und Vorder-
wand in spätgotischen Maafswerksformen ganz durchbrochen
sind und einen Blick in das Grab verstatten. Der Sarg ist
älter, denn er besteht aus einem aus dünnen Steinplatten roh
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