Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 1): Die Kloster- und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau — Berlin, 1870

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dieser Reliquie und ihrer öffentlichen Anerkennung folgte der
Westchorbau durch Abt Berno.

Unter Bezugnahme auf die oben stattgehabte Erörterung
über die Einweihung der St. Markus-Kathedrale wiederhole ich
deshalb, dafs die bei Herrmann dem Lahmen 10-48 angeführte
feierliche Weihe unzweifelhaft auf diesen ganzen Westbau zu
beziehen ist, welcher somit in die Reihe der besterhaltenen
und bestdatirten Denkmäler des XI. Jahrhunderts in Deutsch-
land einrückt.

Die reichliche Verwendung von farbigen Schichten zu
Bogen und Lesinen in der ersten Hälfte des XI. Jahrhunderts
ist sehr bekannt. Sie erscheint zu Trier, Lüttich, Cöln, Speier,
Hildesheim 123), Hersfeld, Essen und an vielen anderen Orten.

123) Thangmar, der Biograph Bernward's v. Hildesheim hat
diese Vorliebe seines Gönners für bunte Steine selbst in die Lebensge-
schichte desselben aufgenommen. Vergl. Vita Bermvardi b. Pertz, IV,
754 — 782, cap. 8.

Von der interessanten Anordnung oberer Westkapellen neben
dem Hauptthurme nenne ich als Analogien St. Pantaleon
zu Cöln und den Dom zu Hildesheim.

Die Münsterkirche zu Mittelzell besitzt 7 Glocken, dar-
unter drei inschriftlich datirte von 1302, 1392 und 1403. Von
den Grabsteinen der Aebte sind noch vier erhalten, von 1342,
1383, 1427 und 1510. Der letztere, in Gestalt einer schön
gravirten Messingplatte, erheischte, eine speciellere Mittheilung,
doch ist leider die bronzene Umschrift, welche den Rand bil-
dete, geraubt worden.

Der figurenreichen Flügelaltäre und sonstigen Schnitz-
werke, sowie der wichtigsten Kleindenkmäler der Schatzkam-
mer hat Waagen a.a.O. Erwähnung gethan; doch verdienen
einige der Gegenstände noch immer eine würdige Publikation
und nähere Erläuterung. Im Südkreuzschiffe steht noch ein
einfacher plattengedeckter Steinaltar, dessen schlichte Kunst-
formen das XI. Jahrhundert erkennen lassen.

Abschlufs.

Wenn wir nun nach vollendeter Prüfung aller Baureste
rückwärts blicken, so stellt sich in erster Linie das Faktum
heraus, dafs ungeachtet so vielfacher Zerstörung von Kirchen,
Kapellen und Klostergebäuden, die Geschichte des Klosters
Reichenau durch die heut vorhandenen Bauwerke noch immer
hinreichend illustrirt wird; in zweiter Linie, dafs der so lehr-
reiche Zusammenhang zwischen Geschichte und Baukunst trotz
aller Veränderung der Denkmäler auch hier wieder sicher
erkannt und nachgewiesen werden kann, wenn an die vor-
ausgegangene Sammlung aller baugeschichtlichen Nachrichten
eine eingehende technische Untersuchung an Ort und Stelle
sich schliefst. Aus der kritischen Verbindung jener Sammlung
mit dieser Prüfung erwächst zuletzt ein Resultat, welches die
Grundlage aller Baugeschichte, die Chronologie, langsam aber
sicher herstellen hilft.

Die Baugeschichte der Insel Reichenau, soweit der heutige
Bestand der Denkmäler sie veranschaulicht, läfst sich kurz
zusammengefafst in folgender Reihenfolge übersichtlich ordnen;

799— 802. Niederzell. Osttheile; kleine Basilika.

888— 90—95. Oberzell. Osttheile; Kreuzkirche mit Krypta.

988— 991. Mittelzell. Seitenschiffsmauern; eine Säule.

995 — 1010. Oberzell. Langhaus und Westapsis.
1030 — 1048. Mittelzell. Ostquerschiff; Westquerschiff mit

Thurm, Westapsis, Vorhallen,
um 1050. Oberzell. Hochaltar und Vorhalle.

Mittelzell. Seitenaltar,
um 1060. Oberzell. Wandgemälde.

um 1140. Niederzell. Westtheil. Basilika, Vorhalle u. Altar.
1172—1180. Mittelzell. Schiffsarkaden des Langhauses und

Chorschranken.
1443—1477. Mittelzell. Ostchor und Sacristei.
um 1470. Niederzell. Obere Stockwerke der Thürme. Ober-
zell. Vierungsgewölbe.
1551. Mittelzell. Malerei der Ostchorgewölbe.

Im Ganzen zeigt die Baukunst der Denkmäler von Rei-
chenau in allen Epochen vom VIII. — XII. Jahrhundert eine
grofse Uebereinstimmung sowohl im Maafsstabe, wie in der
Durchführung und Behandlung. Sicher hat das höchst mit-
telmälsige Baumaterial der Bodenseeufer — Rheingeschiebe
und Keupersandstein von Rorschach, Rheinfeld etc. — auf
die geringe plastische Entwickellang grofsen Einflufs gehabt.
Ueberwiegend scheint aber die altüberlieferte biderbe Sinnes-
weise für bescheidene Maafse, für geringe Höhen, für einfache
Thür- und Fensterformen, schlichte Pfeilerbildungen, für grofse

Wandflächen etc. auf die Gestaltung der Baukunst eingewirkt
zu haben. Dieser Richtung entsprach die Vorliebe für male-
rische Ausstattung am meisten, wie solche im südlichen Neben-
chore zu Niederzell angedeutet erscheint und in der Vorhalle
von Oberzell in gröfserer Ausbreitung sich entfaltet. Der
ersten Blüthezeit des Klosters entsprechend ist die altchrist-
liche Baukunst in ihren Bauformen noch deutlich sichtbar zu
Niederzell wie Oberzell vertreten. Byzantinische Ein-
flüsse lassen die Seitenschiffe, sowie die Säule von Mittelzell
und die Arkaden von Oberzell erkennen. Die einfache, zu selbst-
ständigem Leben eben erwachende romanische Baukunst
entstammt der zweiten Blüthezeit des Klosters. Sie wird
durch den Westbau von Mittelzell repräsentirt. Die spätere
romanische Baukunst findet sich sehr bescheiden in den
Arkaden von Mittelzell und dem Langhause von Niederzell
ausgeprägt. Der spätgothischen Epoche gehört der Chorbau
und die Sacristei von Mittelzell an.

Der Schwerpunkt unserer gewonnenen Erkenntnifs liegt
somit in den verhältnifsmäfsig vollständigen und sehr deutlich
erkennbaren Resten altchristlicher Baukunst vom IX.
und X. Jahrhundert. Die zeitweis byzantinische Beeinflussung,
sowie die Ueberführung oder Ersetzung derselben durch
schlichte romanische Bauformen schliefst sich dieser ersten
und wesentlichsten Erkenntnifs an.

Somit geben die drei Kirchen der Insel Reichenau, trotz
ihrer Einfachheit und aller Umänderungen und Beschädigungen
ungeachtet, höchst werthvolle Gesichtspunkte für die Bau-
geschichte von Deutschland. Sie ergänzen die Kenntnifs der
noch immer sehr unvollständig bekannten karolingischen Bau-
kunst; sie helfen die grofse Lücke in der zweiten Hälfte des
IX. Jahrhunderts etwas mehr ausfüllen, sie gewähren schliefs-
lich einen weiteren Einblick in die dunkle Epoche des ersten
Auftretens der romanischen Baukunst in Süddeutschland.

Die zufällige, aber glückliche Erhaltung der Vorhalle
von Oberzell mit ihrem Bilde des jüngsten Gerichts ergänzt
zuletzt unsere bisherige Kenntnifs der älteren Wandmalerei
in erwünschter Weise.

Eine speciellere Vergleichung der gewonnenen Haupt-
resultate mit den Ermittelungen, welche fortgesetzte Unter-
suchungen anderer nicht minder wichtiger Denkmäler in Hes-
sen, Westphalen und im Elsafs ergeben haben, wird einem
späteren Kapitel dieser baugeschichrliphen Forschungen vor-
behalten.

Berlin, im Sommer 1869.
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