Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 2): Früh-romanische Baukunst im Elsass — Berlin, 1879

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II.

Früh-Romanische Baukunst im Elsafs.

Eine gröfsere Arbeit, welche den Zweck hatte, den
Ursprung und die erste Entwicklung der beiden Hauptbau-
weisen des Mittelalters, — der romanischen und gothi-
schen, — in Deutschland besser aufzuklären, als es bisher
geschehen war, führte mich, nachdem andere Provinzen des
alten Reiches absolvirt waren, im Herbste 1862 auf mehrere
Wochen in das Elsafs. Obschon durch literarische Studien
und mehrjährigen Verkehr mit dem ersten Kenner der Bau-
kunst des Mittelalters, Franz Mertens, einigermaßen vor-
bereitet und von Seiten der elsassischen Kunstforschcr durch
Empfehlungen wie Nachweise wesentlich gefördert, überzeugte
ich mich doch bald, dafs eine mit alten und wichtigen Denk-
mälern so dicht bevölkerte Provinz, wie diese, nicht auf
einem, wenn auch mehrmonatlichen Streifzuge gründlich
erforscht werden könne, sondern dafs dazu ein häufigerer
Besuch gehöre.

Seitdem habe ich diese Reisen, je nach günstiger Ge-
legenheit, theils mit befreundeten Fachgenossen, theils
allein sechs Male wiederholt und habe jedesmal neue An-
regung, neue Belehrung gefunden. Durch Ausdehnung
der Forschung auf die. Nachbarprovinzen, Lothringen und
Burgund auf der einen, Schwaben und Schweiz auf der
andern Seite, gelang es allmälig, nicht nur eine Totalüber-
sicht der vorhandenen Baukunst zu gewinnen, sondern auch
die Hauptdenkmäler mittels eingehender bautechnischer Ana-
lysen, die bei besonders grofsen und complicirten Bauwerken
mehrfach wiederholt werden mufsten, so weit als möglich
chronologisch sicher zu fixiren.

Es haben sich auf Grund dieser — leider durch prac-
tische Thätigkeit mehrfach unterbrochenen — Untersuchungen
einige Resultate ergeben, welche die bisherigen Auffassungen
theils ergänzen, theils — wie ich hoffe — berichtigen werden.
Einiges ist davon bereits an die Ocffcntlichkeit getreten.
Das grofsc Siegesjahr 1870, speciell die Freude über die
Wiedergewinnung Strafsburg's veranlafste mich zur Veröffent-
lichung einer schon vor längerer Zeit entworfenen bau-
geschichtlichen Studie über das Strafsburger Münster in der
Deutschen Bauzeitung. Die Fragen, welche sich an Erwin's
Thätigkeit und Stellung schlössen, führten dann zu weiteren
Untersuchungen über das Münster zu Freiburg, den Dom
zu Regensburg, über die Stiftskirchen von Wimpfen und
Haslach. Nur ein kleiner Theil dieser Arbeiten ist veröf-
fentlicht. Einiges habe ich in den letzten Jahren in meinen
Vorlesungen vorgetragen, anderes harrt einer bevorstehenden
Publication.

Erst seit etwa zwei Jahren bin ich zu dem älteren und
ungleich schwierigeren Probleme über das Auftreten und die
erste Entwicklung der romanischen Baukunst in Deutsch-
land zurückgekehrt, zu einem Probleme, welches nur durch
stetige Verbindung historischer Specialstudien mit wieder-
holten Localrecherchen innerhalb der einzelnen Länder und
Provinzen sehr langsam seiner Lösung entgegengeführt wer-
den kann. Ein Versuch in solchem Sinne — aber nach der-
selben Methode unternommen — war mein in dieser Zeitschrift
im Jahre 1869 erschienener Aufsatz über die Kloster- und
Stiftskirchen auf der Insel Reichenau. Dafs die kleine Arbeit
eine bisher bestandene Lücke in der baugeschichtlichen Er-
kcnntniPs der ältest-deutschen Baukunst hat schliefsen helfen,
haben mir competente Beurtheiler wie Mertens und von Quast
versichert.

Die folgende Abhandlung soll einen weiteren Beitrag
bezüglich der romanischen Baukunst des Elsasses liefern. —
Absichtlich habe ich Abstand genommen, ein Facit der ge-
wonnenen Resultate an die Spitze zu stellen. Die Denk-
mäler, knapp umrissen durch Wort wie Skizze, sollen richtig
ausgelegt, jedes für sich einen Baustein zum Ganzen bilden.
Die Rücksichtnahme auf die Grenzen einer wesentlich prac-
tischen Interessen dienenden Zeitschrift hat mich bezüglich
der Abbildungen wie des Textes stark beschränkt; ohne
Midie hätte sich beides verdoppeln und verdreifachen lassen.
Aus gleichem Grunde mufste mit Citaten gekargt werden.
Der Sachkundige weifs die Quellen aufzusuchen und den
Anfänger belehrt jetzt das durch die Muniticenz der Reichs-
regierung splendid ausgestattete Werk von Kraus: Kunst
und Alterthum im ElsaPs durch eine Fülle von literarischen
Quellenangaben.

Die Auswahl der hier kurz charakterisirten und recen-
sirten Baudenkmäler ist nicht willkürlich erfolgt, sondern
nach reiflicher Erwägung des für meine Absichten besonders
Zweckmäfsigen festgestellt worden. Vor allem kam es darauf
an, nicht Stücke von Bauwerken, auch wenn sie einen grö-
fseren baugeschichtlichen Werth besaPsen, vorzuführen, son-
dern möglichst vollständig erhaltene Denkmäler, aus denen
das baukünstlerische Gestaltungsvermögen im Sinne der
räumlichen Conception wie in struetiver und formaler Be-
ziehung , summarisch zusammcngefaPst als ein .Ganzes sich
beurtheilen lasse.

1. Capelle St. Ulrich zu Avolsheim.

Dieses kleine aber höchst interessante Gotteshaus,x) wel-
ches Blatt I in den Fig. 1 — 4 veranschaulicht, hat schwer
gelitten durch einen rücksichtslos geführten Umbau. Es
erscheint jetzt in der Form einer lateinischen Kreuzkircho
mit cylindrischem Mittelraum, gestutzten und ummantelten.
Kreuzapsiden, verlängertem Chore und einem neu erbauten
breiten Langhause. Ueber dem kuppeiförmig überwölbten
Mittclraume erhebt sich ein achtseitiger Thurm mit gepaarten
Fenstern und einer Holzspitze. (Vgl. Fig. 2.) Wenn man
über diese barbarische Umwandlung, welche die Familie
Rondoin 1774 verübt hat, hinwegsieht, erkennt man in dem
alten Kerne sofort zwei Bauzeiten. Der obere Thurm stammt,
wie einzelne gut erhaltene Umrahmungen der gepaarten
Fenster und Mittelsäulen beweisen, aus dem Schlüsse des
XII. Jahrhunderts. Alles übrige ist älter. Die Kleinheit der
MaaPse, die seltene Planbildung und die mit einem Minimum
von Kunstformen ausgestattete schwerfällige Structur haben
ältere Forscher (Silbermann, Schöpflin, Schweighäuser)
anlafst, in der Capelle einen Römerbau oder einen Hfliden-
tcmpcl zu erblicken. Neuere Schriftsteller wie aub und
nach ihm Kraus, setzen den Bau „ins XL ' ändert (viel-
leicht noch höher)" und taufen ihn ru eg Baptisterium.2)

Um ein sicheres Urtheil 0! .-weck und Alter des
Gebäudes zu gewinnen, n Frage entschieden werden:

1) Stran!,, Bul!. I Serie. I, 1G3. Kraus, Kunst u. Alterth.
in Elsa"«-T thringen I, 17.

f ür das XI. oder gar für das X. Jahrhundert in Deutsch-
land ufha'user auf dem Lande nachzuweisen, dürfte ebenso
seh . halten wie der Nachweis, dafs ein Baptisterium den heil.
iiLch zum Patron hat.

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