Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 2): Früh-romanische Baukunst im Elsass — Berlin, 1879

Seite: 2
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Wie sali der Bau vor 1774 aus? Besafs er 3 oder 4 kreuz-
förmig gestellte Apsiden und waren dieselben cylindrisch ent-
wickelt oder rechteckig ummantelt? Diese Frage läfst sich
mit Hülfe einiger — wenn auch mangelhafter — Zeichnun-
gen des fleifsigen Silbermann beantworten, von denen die
Strafsburger Stadtbibliothek Copieen besafs.3) Silbennann
fand den mittelalterlichen Bau unberührt und zwar in der
Form einer streng symmetrischen gewölbten Kreuzkirche mit
vier angelehnten identischen Konchen und dem noch vorhan-
denen Centralthurme. Nur eine Thür in der Westapsis war
vorhanden, 3 Fenster gaben das Licht in die Konchen und
4 diagonal gestellte (noch jetzt erhaltene) sehr kleine Fen-
ster im Tambour beleuchteten die Vierung. An den Aufsen-
mauern will Silberinann backsteinernes opus spicatum bemerkt
haben. Davon ist nichts mehr zu sehen und die Apsiden
sind, wie der Grundrifs Fig. 3 lehrt, gestutzt und dann
rechteckig ummantelt worden.

Gleichwohl ist genug erhalten, um in Verbindung mit
jenen Zeichnungen in St. Ulrich eine Bauanlage zu erken-
nen, die nach Plan- wie Raumgestaltung an altchristliche
Memorien oder Begräbnifskirchen erinnert.

Schwieriger ist es, ein sicheres Urtheil über die Epoche,
welcher der merkwürdige Bau entstammt, abzugeben. Die
Structur drängt zur Annahme einer sehr frühen Bauzeit, ja
zu einer Epoche , in welcher die Traditionen des römischen
Gewölbebaues noch nicht ganz erloschen waren. Andrerseits
sprechen die einzigen vorhandenen Kunstformen, die aus Platte
und Schmiege bestehenden Kämpfer des Mittelraumes, für
eine Zeit zwischen 8f>0 —1050, und liefern kein Material
zu einer sicheren Entscheidung.

Wenn somit weder aus den Structur - noch Kunstformen
eine Zeitbestimmung sich gewinnen läfst, so ist es um so
erfreulicher, aus historischen Quellen ein sehr wahrschein-
liches — um nicht zu sagen, ein sicheres — Datum für
den alten Bau abzuleiten. Als Ausgangspunkt dient dabei
die Patronsbezeichnung.

Bischof Ulrich von Augsburg gehört zu den hervor-
ragendsten deutschen Kirchenfürsten des X. Jahrhunderts.
Warm zugethan dem sächsischen Königshausc hatte seine
Treue nicht einen Augenblick geschwankt in der schweren
Zeit von Liudolf's Empörung gegen seinen Vater Otto I.
Am bewundernswürdigsten waren aber seine Standhaftigkcit
und persönlicher Math bei dem furchtbaren Einbrüche der
Ungarn 955 zu Tage getreten.

Er starb 973 — wenige Wochen nach dem Kaiser
Otto I. — und wurde 20 Jahre später auf Antrag des
Bischofs Luithold von Augsburg, dem die mächtige Unter-
stützung der Kaiserin Adelheid zur Seite stand, vom Papste
Johann XV. heilig gesprochen: die erste Canonisation,
welche Rom mit dem Ansprüche auf Geltung für
die gesammte Kirche unternahm.

Dankbarer konnte aber Bischof Luithold sich gegen
seine Gönnerin nicht erweisen, als wenn er ihr nach dem
feierlichen Akte, der seinem Sprengel seltenen Glanz verlieh,
Reliquien des neuen Heiligen schenkte. Sein rascher Tod
— im Juli 996 — hinderte ihn daran, aber sein Nachfolger
Oebhard, dem .wir auch die erste Biographie des Bischofs
na 1 der Heiligsprechung verdanken, führte diese Absicht
aus. El geschah dies am 19. November 990 bei Gelegen-
heit der fei "-liehen Einweihung der Klosterkirche von Selz,
welche Adelheid seit 987 auf eigene Kosten prachtvoll erbaut
und zu ihrer einstigen Ruhestätte bestimmt hatte. Anwesend
waren der eben von u. 1 rsten Römerzuge heimgekehrte
junge Kaiser Otto III., Em, Willigis von Mainz, die

Bischöfe von Speier, Worms, Kon z, Augsburg u. A. ')

3) Ravenez hat einige dieser Silbermail tonen izzen nach
Schweighänser'schen Manuscripten herausgegeben in der I -izös. Ausg.
v. Schöpflin. Alsaee illustree. T. III. PI. XII, 4. — 1). ie ohtige
Publikation ist bei Kraus ganz unerwähnt geblieben.

4) In dem bekannten Epitaphium der Kaiserin Adelheid
Odilo von Cluny [Portz. SS. IV, 651] ist o. 10 ausdrücklich ges;,,

Die Weihe vollzog Bischof Widerold von Strafsburg,
der gleichfalls den Römerzug mitgemacht und dabei die beson-
dere Gunst des Kaisers sich erworben hatte. Ob er nun schon
bei dieser Gelegenheit oder später Reliquien des heiligen
Ulrich erhalten hat, ist nicht zu ermitteln, aber die That-
sache, dal's die St. Ulrichs-Capelle zu Avolsheim nicht vor
996 erbaut sein kann, ist ebenso zweifellos als wie die —
durch zahlreiche Analogieen leicht zu unterstützende —
Wahrscheinlichkeit nicht gering, dafs sie sehr bald nach
der Heiligsprechung Ulrich's erbaut worden ist. Ihr ein sehr
viel jüngeres Datum beizulegen, behindert der streng alt-
christliche Habitus, die trotz des kleinen Maal'sstabes schwer-
fällige Structur und die schlichten für den Ausgang des
X. Jahrhunderts vortrefflich passenden Kunstformen.

Von besonderer Wichtigkeit für die hier entwickelte Auf-
fassung wäre es, wenn sich feststellen liefse, in welchem Jahre
zwei andere St. Ulrichs-Capellen im Elsafs gestiftet worden
sind. Erstlich die Capelle des bischöflichen Palastes in Strafs-
burg und zweitens die bei Andlau belegene, aus welcher im
XIII. Jahrhundert ein Franziskaner-Kloster erwuchs. Stammen
beide Capellen aus Bischof Widerold's Zeit? Urkundliche
Beweise fehlen, aber die seltene Gunst, welche Otto III.
und Adelheid dem Bischöfe erwiesen, sowie der Aufschwung,
den das Bisthum Strasburg unter seiner Leitung nahm,
sprechen dafür. Ihm übertrug der Kaiser 996 das Regiment
im Elsafs und ein Jahr später das alte kaiserliche Kloster
Andlau zur Wiederherstellung der daselbst verloren gegan-
genen Zucht. 5) Wie nahe lag es für den Bischof, in solcher
Yertrauenstellung die Ehre und das Ansehen des neuen Hei-
ligen Ulrich, des ersten echt deutscher Abkunft, in seinem
Sprengel zu verbreiten. Leider sind beide Bauwerke unter-
gegangen und ein Vergleich mit St. Ulrich zu Avolsheim
unmöglich. Ganz sicher gehört das Letztere in diese Epoche,
doch kann es als Gruftkirche für den Bischof nicht gelten.
Wir wissen, dal's Widerold 999 in Benevent starb und in
Ebersheimmünster begraben wurde.6) Dagegen ist es nicht
unwichtig, auf eine ganze Anzahl von altchristlichen Kreuz-
kirchen hinzuweisen, welche die Bevorzugung dieser seltenen
Plandispositiou in jener Zeit bekunden. Im Elsafs liefert
die St. Margarethen - Capelle zu Epfig bei Barr7)
ein solches Beispiel, dessen Werth um so höher zu schätzen
ist, weil es die weitere Fortentwicklung des Raumgcstaltungs-
Programms von St. Ulrich documentirt. Hier erscheinen über
den vier Armen des lateinischen Kreuzes durchweg Tonnen,
die Vierung besitzt ein Kreuzgewölbe und über demselben
einen quadratischen mit Klangarkaden ausgestatteten Glocken-
turm. Nach ihren Kunst- und Structurformen beurtheilt,
entstammt diese ausschliefslich zum Todtendienste bestimmte
Friodhofscapelle der ersten Hälfte des XI. Jahrhunderts.

Etwas älter, aus dem Jahre 1000, war auf der Insel
Reichenau die jetzt verschwundene Kirche des heiligen Adal-
bert; sie galt dem zweiten Heiligen Deutschlands, den
Rom feierlich canonisirt hatte. Weil sie eine lateinische
Kreuzkirche mit Vierungsthurm war, so wird von ihr gesagt:
„sie sei nach römischer Sitte gebaut." Gleichzeitig oder nur
wenige Jahre vorangehend, aber in der Anlage überein-
stimmend, waren die abgebrochene St. Maternus-Kirche zu
Trier (971) und die von Bischof Bern ward "993 — 96 erbaute
heilige Kreuzkirche zu Hildesheim. Weitere Analogieen bieten:
Niederkirchen bei Speier, Grofsen-Linden bei Giefsen, die
Stiftskirche St. Georg auf Reichenau (dem Kerne nach schon
aus dem IX. Jahrhundert); in der Schweiz: Münster in
Graubündten und St. Martino bei Mendrisio; in Italien:

dafs die Kaiserin damals eine stattliche Versammlung von Bischöfen
nach Selz zusammengerufen habe, damit ihre Stiftung auch später
noch größeren Ansehens genieße.

5) Grand idier, Hist. de l'ogl. de Str. I, 371. liegcstcn über
Bestätigung dieser Verleihung durch 2 Päpste.

6) Grandidier, Hist. d'Als. II, XXV.

7) Kraus I, 53 ff. mit einigen Holzschnitten, Straub im
Bull. I serie, I, 5ü iL
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