Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 2): Früh-romanische Baukunst im Elsass — Berlin, 1879

Seite: 8
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ler und niedriger aber tonnenüberdeckter Raum, offenbar
die Gruftkammer des liier früher verehrten Heiligen. Der
gröfsere Quadratraum östlich davor war Vorplatz und diente
als Schauplatz der kirchlichen Ceremonieen. Da nun eine
trotz aller sagenhaften Ausschmückung unverdächtige alte
Nachricht besagt, dafs Bischof Drogo von Metz — ein
unechter Sohn Karls des Grofscn - - im Jahre 836 (auch
84G wird angegeben) den Leichnam des heiligen Adelphus
an die schwer beschädigte Abtei S. Peter und Paul geschenkt
hat, so liegt es nahe, in dieser Gruft nebst dem Vorplatze
die Adelphus-Krypta, also einen Baurest dos IX. Jahrhun-
derts zu sehen,28) wie solches zuerst Straub ausgesprochen
hat. Nach Erbauung einer selbstständigen Adelphus-Kirche
am gleichen Orte am Schlüsse des XI. Jahrhunderts wurde
die Gruft entbehrlich,29) aber die Abtei sorgte sehr bald
durch Erwerbung neuer Reliquien (St. Sebastian und St. Ka-
tharina) und würdige Unterbringung derselben in neuen kirch-
lichen Lokalen dafür, dafs der Zulauf der Gläubigen, die
den heiligen Adelphus besuchten, auch bei ihr nicht ganz
vorüberging.

9. Klosterkirche zu Otmarsheim.

Auch diese Kirche hat wie St. Ulrich zu Avolsheim
wegen ihrer seltenen Planbildung und Raumgestaltung bald
als Ileidentempel, bald als Römerwerk gegolten, doch trägt
sie die sichersten Kennzeichen eines strengen frühromanischen
Laues. Der Stifter ist bekannt: Graf Rudolf von Aldenburg,
Bruder des Bischof Werner von Strafsburg und des Grafen
Radeboto, der 1027 Kloster Muri in der Schweiz gegründet
hat. Leider ist weder das Stiftungsdatum überliefert , noch
das Jahr der Einweihung gesichert. Aus einer Bestätigungs-
urkunde Kaiser Heinrich IV. vom Jahre 1063, welche die
Weihung der Kirche dem aus dem Elsasse stammenden Papste
Leo IX. zuschreibt, hat J. Burckhardt in seiner. Monographie
über Otmarsheim30) gefolgert, dafs diese Weihung zwischen
1049 — 54, als der Regierungszeit des Papstes, geschehen
sein müsse. Noch genauer hätte er den Zeitraum auf 1049
bis Ende 1052 begrenzen können, d.h. bis zu dem Jahre,
wo Leo zum letzten Male Deutschland besucht hat. Aber
zu jener Folgerung liegt kein zwingender Grund vor, da die
Möglichkeit nicht in Abrede zu stellen ist, dal's die Weihe
von Leo vollzogen sein kann, bevor er auf den päpstlichen
Stuhl stieg, und dafs dann später der Verherrlichung der
Kirche wie des stiftenden Geschlechts halber dieses Factum
ihm nicht mehr als Bischof sondern als Pontifex zugeschrie-
ben wurde. Der aus einem vornehmen elsassischen Grafen-
hause, das in Egisheim residirte, stammende Leo wurde in
sehr jungen Jahren — er stand im fünfundzwanzigsten —
L026 zum Bischof von Toul erhoben und ein Jahr später in
Worms geweiht. Von diesem Jahre ab kann er als unmit-
telbarer Nachbarbischof des Bistimms Basel, in dessen Gren-
zen Otmarsheim lag, die Weihe vollzogen haben. Da aber
Bischof Werner von Strafsburg als Bruder des Stifters jeden-
falls ein näheres Anrecht auf die Vollziehung jenes Aktes
gehabt hätte, so kann die Weihe erst nach dem Tode Wer-
ners, der 1029 in Constantinopel erfolgte, geschehen sein.
Daher verbleibt als Zeitraum für die Weihe immer noch die
Zeit von 1030 — 52. Es ist nicht unmöglich, dal's die
beiden Bruder Ludolf und Radeboto gleichzeitig zur Errich-,
tung von Klöstern sich entschlossen haben, dann wäre 1027
das Stiftungstil im auch für Otmarsheim wie für Muri, aber
eine sichere Eni. iduug läfst sich aus den geringen histo-

28) Eine ähnliche Anlage findet ! v jn der Krypta zu Werden
an der Kühr.

29) Dafs die St. Adelphus - Kirche, welctu in formen des spät'-
romanischen und gothischen Uebergangsstils erbaut Worden ist echte

Ileste eines älteren Baues vom XI. Jahrh. bewahrt (Vit m.....spfeiler,

und Theile der Querschitl'smauern etc.), hat eine genaue banUx-hnische
Analyse ergeben.

30) Mittheil. d. Gesellsch. f. vaterl. Alterth. in Hasel. Heft II, c.
— Die Urk. bei Sehöpflin. Als. dipl. I, 170.

rischen Ueberlieferungen nicht geben. Indessen spricht der
Bau selbst in einer völlig unverdächtigen Sprache für ein
frühes Datum des Entwurfs und des Baubeginnes in den
ersten Jahrzehndcn des XL Jahrhunderts.

Bekanntlich ist die Nonhenklosterkirche von Otmarsheim
eine reducirte Variation [nicht fast sklavische Copie, wie
Otte, der sie nie gesehen zu haben scheint, kurzweg be-
hauptet31)] des Aachener Münsters und deshalb von ganz
exceptionellem Werthe unter den älteren Baudenkmälern
Deutschlands. Leider fehlt es noch immer an einer zuver-
lässigen Aufnahme neben den mehrfachen Originalabbildungen
in verschiedenen Werken. ''-)

Die Kirche bildet eine dreischiffige Achtecks-Basilika,
die durchweg gewölbt und mit Emporen ringsum ausgestattet
ist; im Osten liegen zwei quadratische Chöre übereinander,
im Westen stellt ein oblonger Glockenthurm, dessen Nord -
und Südmauer die Emporentreppen einschliel'sen. Eine selten
straffe und einheitliche Structur zeichnet den Bau'aus. (Jeher
dem Hauptraume erhebt sich eine achtseitige Kuppe}, scharf-
gratige Kreuzgewölbe, die im Scheitel in Hängekuppeln über-
gehen [einige sind zerstört und in Holz erneuert] ruhen über
den unteren Seitenschiffen, während steigende Tonnen die
oberen Abseiten decken. In den Fenstern und in den Längs -
wie Quergurten sieht man nur Rundbögen. Die unteren Haupt-
arkäden sind gedrückt, die oberen mit dreitheiligen Schniuck-
arkaturen ausgesetzt, wie in Aachen, Constantinopel und Rom.

Bei einem relativ grofsen Maafsstabe, — der axiale
Gesammtdurchmesscr im Lichten beträgt 19,g4 m, [Aachen
hat rot. 30 in] — und der seltenen Hauptproportion 1 : 1
in Totalbreite zur Totalhöhe, [19,90 m lichte Höhe bis zum
Kuppelscheitel], ist ein Minimum von Kunstformen angewen-
det Die unteren Arkaden sind jetzt durchweg kämpferlos,
scheinen aber ihn; Kämpfer bei einem der vielen Restau-
rationsbauten bezw. Ueberputzungcn, die das Denkmal erlitten
hat, verloren zu haben. Als Gurt- bezw. Krönungs-Gesims
über den Unterarkaden fungirt das schlichte Schmiegen-
gosims. Dasselbe bildet auch die Kämpfer der Oberarkaden
und die Krönung der eingesetzten unteren Arkaturen daselbst.

In den Letzteren sind je 2 x 2 schlanke geschwellte
Säulen auf steilen attischen Basen ohne Eckzehen oder
Eckblätter aufgestellt. Von gleicher Herbheit sind die
Kapitelle, nämlich rundschildige Würfelkapitelle ohne Hals-
ring mit dem Schmiegengesims als Abakus. So wenige
Kunstformen auch vorhanden sind, . so charakteristisch sind
dieselben. Sic stimmen mit entsprechenden chronologisch
gesicherten Details von Limburg, Speier, Hersfeld u. A. auf das
Genaueste überein und drängen zur Fixirung einer Bauzeit
bald nach 1025.

Der Bau scheint durchgängig aus Bruchsteinen mit
Quadern an den Ecken und Einfassungen hergestellt zu sein,
doch behindert die dicke Uebertünchung innen wie aufsen
eine sichere Entscheidung. Das Gleiche gilt von dem am
Lichtgaden des oberen Achtecks auftretenden Kleinbogen-
friese, der ohne Lesinen au den Ecken unvermittelt aus der
Wand herauswächst, — er kann Zusatz sein, er kann aber
auch dem Stiftungsbaue angehören, da Kleinbogenfriese schon
im X. Jahrhundert in süddeutschen Bauwerken bekannt sind.

Das Wichtigste an Otmarsheim ist die Thatsache, dafs es
ein vollständiger Gewölbebau seltener Planbildung und
nicht kleinen Maafsstabes ist, der noch dem ersten
Viertel des XI. Jahrhunderts angehört. Solchen Schritt mitten
in der Einsamkeit des Hardt-Waldes und bei den damaligen
so unentwickelten Verkehrsverhältnissen konnte nur ein geist-
licher Architekt wagen, der Aachen wie Essen, Nymwegen

31) Otte, Gesch. d. deutseh. Bank. 87.

32) Abbild, bei Sehöp flin, Als. LH. I, Ö04 Grundr. u. Durehsclm.;
Schweighäuser u. Golbery I, 40, - innere Perspektive; bei
Burckhardt a.a.O. — wenig genügend; besser bei Isabelle,
Edif. oiroul. und hieraus in den Dcnkm. d. likst., herausgegeben
von den Studircnden der Bauakademie in Berlin, II, Tal'. XX.
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