Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 2): Früh-romanische Baukunst im Elsass — Berlin, 1879

Seite: 9
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1)

wie Lüttich kannte und namentlich durch den Hinweis auf
Essen den Bauherrn von der Zweckmäßigkeit der polygonalen
Emporenkirche für den Nonnen-Gottesdienst zu uberzeugen
wul'stc. Ein Provinzialkünstler hätte solches nicht vermocht,
sondern nur ein dem Hofe nahe stellender Mann, der die
jüngsten baulichen Leistungen mit erlebt hatte und selbst*
thätig an der weiteren Entwickelung der Baukunst persönlich
Theil nahm. Dieser Mann kann schwerlich ein Anderer als
Abt Poppo von Stablo gewesen sein, der den beiden Kaisern
Heinrich II. wie Konrad II. mit Rath und That zur Seite
stellend, auch mit den beiden Kirchenfürsten Werner von
Strasburg und Brun von Toul [der spätere Papst Leo IX.J
in einer selten vertrauten Weise verkehrte und grade damals
mit dem Neubau des Münsters tob Strafsburg beschäftigt war.

10. Die Capelle St. Peter und Paul in WeiIsenburg-.

In der engsten Verwandtschaft zu der Neuweiler Doppel-
capelle stellt das kleine obengenannte Gotteshaus zu Weifsen-
burg.:iS) Es ist dies ein an der Ostseite des Kreuzganges
der Stiftskirche belegener überwölbter Kaum von 7n0 m
Breite zu 8,0Ü m Länge, dreischifrig und vierjochig. Die
Ostwand ist jetzt plattgeschlossen, besafs aber wie Abbruchs-
spuren deutlich verrathen, ursprünglich drei Apsiden neben-
einander. Wie in Neuweiler ruhen die Gewölbe auf Frei-
säulen und Wandhalbsäulen, wie dort sind alle diese Stützen
übereinstimmend gestaltet (mit attischen Plintlienbasen und
Würfelkapitellen, welche das einfache Schmiegengesims deckt),
wie dort sind die scharfgratigen Kreuzgewölbe des Mittel-
schiffs oblong gestaltet und in weiterer Consequenz auch
die nöthigen technisch-ästhetischen Compromisse vorhanden.
Abgesehen von den etwas verminderten Hauptmaafsen und
kleinen Detailabweichungen (die Würfelkapitelle hier besitzen
einen Halsring, die von Neuweiler nicht) besteht der einzige
Unterschied darin, dafs hier die letzte östliche Joclireihc in
Stelle der scharfgratigen Kreuzgewölbe von Hängekuppeln
gedeckt wird.

Die auffallend grofsen Mauerstärken, sowie eine an der
südlichen Wand belegene Treppe drängen zu der Annahme,
dafs auch diese Capelle ursprünglich zweigeschossig angelegt,
also eine Doppelcapelle wie Neuweiler war. Wenn dadurch
das Iuteresse für den kleinen bisher wenig beachteten Bau
noch mehr angeregt wird, so ist es um so erfreulicher, auch
eine sichere Datirung geben zu können. Die wenigen aber
sehr Charakteristischen Etmstförmen sprechen sofort für einen
Hau des XI. Jahrhunderts, der zur mittelrheinischen, von
l'oppo begründeten Schule gehört. Die oblongen gestochenen
Kreuzgewölbe geben dann den weiteren Wink, dafs der Bau
in die zweite Hälfte jenes Jahrhunderts zu setzen ist. In die-
ser Epoche herrschte in Weifsenburg eine lebhafte Bautä-
tigkeit. Abt Samuel baute die seit 100-1 in Trümmern
liegende Stiftskirche neu auf und liel's sie 1074 durch Bischof
Heinrich von Speier feierlich einweihen. Von dem damals
geführten, noch streng altromanisch gefaf'sten Bau ist der
viergeschossige Thurm mit Klaiigarkaden erhalten, welcher
westlich sich an die schöne gothische Stiftskirche schliefst.
Eine alte Inschrift (leider neuerdings modernisirt): Samuel
abbas hunc turrim fecit, erweist seine Bauthätigkcit, ohne
dafs man nöthig hat, mit Gerard u. A. anzunehmen, dafs
Samuel selbst Architekt gewesen sei.34) Aus dieser Zeit —
nicht wie Kraus ohne Angabe eines Grundes behauptet 1033
— mufs die St. Peter-Pauls-Capelle stammen und hieraus
wird wieder das oben abgeleitete, angenäherte Datum von
ca. 1080 — ÜO für die Doppelcapellc zu Neuweiler bestens
gestützt.

33) Aufsatz von Morin im Hüll. 1 scric. II, 43 mit Grundril's
und Querschnitt.

34) Auch der Grabstein des Abtes Samuel ist noch vorhanden.
Kraus Gl7.

Beide Capellen gehören zu den ältesten bisher bekannt,
gewordenen Doppelcapellen und verdienen grade in dieser
Beziehung noch weitere Beachtung. 36)

11. Die Collegialkirche zu Surburg-.

Die Nachrichten über diese zwischen Weifsenburg und
Hagenau belegene Kirche sind wegen des Unterganges aller
Urkunden im Bauernkriege sehr dürftig. Die Stiftung ist
sicher alt , aber diplomatisch nicht beglaubigt. Sie soll von
Dagobert II. herrühren und im VII. Jahrhundert an der Stolle
gegründet sein, wo Arbogast, der spätere Bischof von Strafs-
burg als Einsiedler im heiligen Forste gelebt hat. Die erste
sichere Nachricht datirt von 749 ^6) in der Schenkungs-
urkunde eines gewissen Bodolus für das Kloster Hönau wird
als Ausstellungsort das Kloster Surburg genannt. Wann das
Kloster in ein Collegialstift verwandelt wurde, ist unbekannt.
Sehr spät — 1734 — wurde dasselbe nach Hagenau ver-
legt, nachdem diese Uebersiedelung schon lange vorher zwei
Male geplant worden war.

Die wohlerbaltene Kirche37) bildet eine dreischiffige
kreuzförmige Pfeiler-Säulen-Basilika mit zwei Apsiden an
den Kreuzfiügcln, einem Chorquadrate nebst Hauptapsis und
einem quadratischen Vierungsthurme. Vergl. Blatt III. Fig. 7.

Das Innere macht einen so altertümlichen Eindruck
wie Altstadt, besitzt aber viel hochstrebendere Verhältnisse,
die an Poppo's Bauthätigkcit zu Kauffungon, Limburg u. a. 0.
erinnern. Fünf Arkaden sind jederseits im Langhause vor-
handen. Zuerst im Westen eine auf starken Quadratpfeilern
ruhende Arkade, dann zwei Doppelarkaden, welche den
Stützonwechsel — Pfeiler mit Säule — besitzen. Die
Säulen haben sehr steile attische Basen auf Plinthen und
rundschildige Würfelkapitelle mit dem Schmiegengesims; der
Halsring fehlt und ihre Verhältnisse sind wuchtig. Die
kreuzförmigen Vierungspfeiler sind streng behandelt, das
Schmiegengesims dient als Kämpfer, ihre Basen sind unsicht-
bar. Alle alten Fenster sind klein, rundbogig, stark ge-
schmiegt. Ueber den Schitfsarkaden zieht sich das Schmie-
gengesims entlang. Vergl. Fig. 6. Im Langchore erscheint
eine etwas reichere aber doch noch sehr strenge Ausbildung
der Wände durch Anlage zweier gepaarten Blendarkaden
auf Wandpfeilern, durch den Schildbogen des hier vorhande-
nen Kreuzgewölbes gemeinsam umrahmt. Ein kleines Oblong-
fenster dicht unter dem Scheitel des Schildbogens vollendet
die alterthümliche Fassung dieses interessanten Bautheils,
(Vergl. Fig. 8) der wie ein embryonischer Keim zu dem
herrlichen Gewölbesystem von Speier uns entgegentritt. Aller-
dings ist kein altes Gewölbe mehr vorhanden. Die beiden
Gewölbe in der Vierung und im Chore sind spitzbogige Kreuz-
gewölbe auf starken frühgothischen Rippen. Das Gewölbe
der Vierung wird durch einen Schlufsstein verspannt, der
an seiner Untertiächc mit Laubwerk, an seinen axialen Stirn-
seiten mit vier Masken geschmückt ist. Diese Gewölbe
stammen vom Schlüsse des XIII. Jahrhunderts und zwar aus
der Schule Erwins.

Das Aeufsere ist mit gleicher Schlichtheit wie das Innere
behandelt. Die Westfront ist vollkommen ungegliedert, fast
roh zu nennen. Ihren einzigen Schmuck bildet das
Wcstportal, an dessen Deckstein nebenstehendes Kreuz na jiBiii
eingeschnitten und das mit dem Sclnniegengesimse
gekrönt ist.

Besser sind die Hauptapsis und der Langchor ausge-
stattet. Es fehlt hier weder an einem Hauptgesimse mit
Bogenfries, wie der erste der beiden nachstehenden Holzschnitte,

35) Zwei andere Doppeleapcllen tragen schon die echten Züge
des XII. Jahrhunderts: 1) die St. Andreas - Capelle am Münster zu
Strafsburg und 2) die St. Js'icolaus- Capelle am Odilienbcrgc.

3G) Sehiipflin, Als. dipl. I, 21. Grandidier, Hist. d'Als. I.
Piec. justif. XX1U. Tit. .'ss. hat das Jahr 748.

37) Abbildungen bei Kraus I, 577 tf.
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