Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 2): Früh-romanische Baukunst im Elsass — Berlin, 1879

Seite: 10
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noch an einer Aufsenplinthe, wie der zweite derselben zeigt;

Uli/""' Uli

beide Details deuten auf die Mitte des XII. Jahrhunderts
und sind bei Gelegenheit der Wiedererbauung der Haupt-
apsis aus grofsen trefflich behauenen Quadern hinzugefügt
worden. Zu dem gothischen Bau, welcher die beiden Kreuz-
gewölbe des Innern schuf, gehört noch die rechteckige au
der Südseite belegene Sacristei.

Die beiden Nebeflapsiden sind sicher älter, wie die
Hauptapsis. Sie zeigen Bruchstein-
bau wie der Langchor und alle
Umfassungsmauern der Kirche, sie
fallen ferner durch ihre schlanken
Verhältnisse auf, stimmen aber
vortrefflich in ihrem alterthümlichen
Habitus zu dem stark geböschten
Ylerungsthürme mit seinen in der-
ben Detailformen sich bewegenden
Klangarkaden.

Wenn man alle hier nur kurz
berührten struetiven wie kunst-
formalen Momente zusammenfallt, so kann man nicht zwei-
felhaft sein, den Hauptbau in die erste Hälfte des XI. Jahr-
hunderts, — sehr nahe der Vollendung des Strafsburger
Münster-Neubaues von 1040 — zu stellen.

12. Die Klosterkirche St. Johannes-Baptista in predio

(bisher St. Jean-des-Choux genannt).

Graf Peter von Lützclburg schenkte im Jahre 1120
dem damals in hohem Ansehen stehenden und zur Hirsauer
Congregation gehörenden Kloster St. Georgen auf dem Schwarz-
walde alle seine Güter in Mayenhamswiler, damit dasselbe
dort ein Benediktiner-Nonnenkloster errichte.38) Schon ein
Jahr später, 1127, wurde die Kirche vom Bischöfe Stephan
von Metz eingeweiht. In späterer Zeit stand das Kloster
unter der Leitung der Aebte von Maursmünster und unter
der Jurisdiction der Bischöfe von Strafsburg. Die Kloster-
gebäude, welche im 30jährigen Kriege verwüstet waren,
wurden 1G51 neu erbaut; doch blieb die Kirche damals
unberührt.

Der Grundrifs zeigt eine dreischiffige gewölbte Pfeiler-
basilika mit einem Langhause von 4 Jochen, an welches sich
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im Osten drei Langchöre mit Apsiden schliefsen. Der West-
thurm ist ein schlechtes modernes Machwerk, laut Inschrift
von 1733.39) Das consoquent' festgehaltene Structursystem
ist das gebundene lombardische. Dennoch sind Verschieden-
heiten erkennbar, welche auf verschiedene Bauzeiten schlie-
fsen lassen. Die beiden östlichen Joche vor dem Hauptchoro
(also das dritte und vierte von Westen gerechnet), welche

38) Gallia Christ. V. col. 479. (Probat.)

39) Abbildungen bei Klein, Saverne et ses environs; im Bull.
II sc'rie V; Lasius u. Lübko in Fo'rster's 15au-Ztg. 18CC. Taf. 44.

einen etwas älteren Charakter zeigen, als die beiden West-
joche , ruhen auf starken Kreuzpfeilern, während ihre
oblongen Zwischenpfeiler rechtwinklig zur Hauptaxe gestellt
und nach hinten mit vortretenden Pilastern für die Quer-
garte der Seitenschiffe versehen sind. Die Seitenschiffe decken
scharfgratige Kreuzgewölbe mit llorizontalscheitel auf sehr
schweren fast elliptischen Gurten, welche an den Aufsen-
mauern von Wandpfeilern mit dem Schmiegenkapitelle ge-
tragen werden. Zur Ueberwölbung des
Mittelschiffs sind ebenfalls schwerfällig
construirte Kreuzgewölbe verwendet wor-
den, aber schon unter Benutzung dicker
halbcylindrischer Rippen, weiche in der
Mitte zusammenstofsen und in der Höhe der Mittelschiil's-
kämpfer von derben Maskcnconsolen getragen werden.

Die sehr hochsitzenden Sei-
tonschiffsfenster sind klein und
rundbogig, aber alle identisch;
die des Mittelschiffs sind ver-
schieden, in den östlichen Jochen
treten sie einzeln auf, in den
westlichen sind sie zu einer
Gruppe von drei pyramidal ge-
stellten vereinigt — ein siche-
res Zeichen des romanischen
Uebergangsstils, den auch die
lüppengewölbe bezeugen. Die
oberen nur aus Platte und
Schmiege bestehenden Kämpfer
der Hauptpfeiler sind horizontal
an der Wand durchgeführt, doch stehen die Oberfenster
nicht darauf auf. Alle Mittelschiffsgewölbe sind zweifellos
ein späterer Zusatz zu der alten Anlage, wie die starken
Holzanker beweisen, welche man durch die Obermauern zog,
um ein Ausweichen zu behindern. Selbst vor der Haupt-
apsis fehlt der bezüg-
liche Holzanker nicht.
Trotz jenes technischen
Sichorungsmittels sind
sämmtlicho Quergurte,
die aus sorgfältig be-
hauenen Quadern beste-
hen, theils durchge-
schlagen , theils verbo-
gen. An Kunstformen
erscheint ein Minimum.
Beispielsweise ist der eine Kämpfer der beiden Zwischen-
arkaden, welche den Haupt-

chor mit den Nebenchören j
verbinden, nur einseitig
hergestellt, während der
entsprechende gegenüber
aus niedriger Platte mit gra-
virtem Palmctten - Wulste
darunter besteht.

Die beiden Pfeiler, welche vor dem Chore den Triumph-
bogen tragen, haben eine etwas reichere Gestaltung, als
die übrigen Hauptpfeiler erhalten. An ihnen springen etwas
über dem Fufsboden zwei gekuppelte Halbsäulen., durch
ein diagonal gestelltes Prisma getrennt, mit merkwürdig
bizarren Rankenkapitellen vor, welche mittels einer mäch-
tigen mit durchschlungenen Stäben ornamentirten Wulst-
platte 40) die sehr breiten Wandpfeiler unter dem Triumph-
bogen stützen. 41) Diese prägnante Aenderung in der
Formcnbehandlung spricht für die doppelte Thatsache, 1) dafs
die drei Chöre ein Zusatz aus späterer Zeit sind und

40) Abbildung von Winklcr bei Kraus I, 119.

41) Nur am Chore zu Ober - Kautfungen ist mir eine ähnliche
Anordnung begegnet.
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