Adler, Friedrich
Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland (Band 2): Früh-romanische Baukunst im Elsass — Berlin, 1879

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AGN(US D)EI

2) der Bauzeit, welche die Mittelschiffsgewölbe auf Rippen
schuf, nahe stehen müssen. Besonders entscheidend für diese
Auffassung ist die Beobachtung, dafs alle älteren Mittel-
schiflfspfeiler und Obermauern bis an den Fensterfufs aus
Quadern hergestellt sind, welche die Liniburger Technik,
einen 0,04 — 0,ü5 m breiten sanften Randbeschlag zei-
während sie den jüngeren fehlt. Zu den jüngeren
Bautheilen gehören auch ferner die
beiden westlichen Hauptpfeiler um des-
willen, weil die Gewölberippen als
schwere Dienste neben der Pfeilerfläche
hinabgeführt sind — ein um so siche-
res Kriterion für die spätest romani-
sche Baukunst, als diese Dienste, welche
den Pfeiler mit eingekerbten Ecksäulen
scheinbar ausstatten, noch romanische Eckblätter besitzen.4 *)
Die Facaden sind sehr einfach gestaltet. Die an der
Nord- wie Südmauer nicht durchgängig sondern sporadisch
auftretenden Strebepfeiler geben sich sofort als Zusätze zu
erkennen, die nach durchgeführter Ueherwölbung an ver-
schiedenen Punkten nothwendig wurden. In der Südmauer
steht — jetzt vermauert — ein reich gegliedertes aber in
frühromanischer Fassung behandeltes Portal mit skulptirten
Seitenpfosten und dem festen Tympanon mit dem nimbirten,
sich umschauenden Lamm, das die Kreuzfahne trägt. Am
Thürsturze steht die Inschrift:

BVRO...43)

Der aufwändigste Bau-
theil ist die Ostfacade,
welche der Holzschnitt
darstellt. I Her erscheint
ein solider, ja gedie-
gener Quaderbau im
Gegensatze zum Bruch-
steinbau des Langhau-
ses (wie solches beson-
ders die intacte Nord-
facade lehrt) und mit
ihm verbunden eine reichere Gliederung, die aus sehr
schlanken Halbsäulen an der Hauptapsis bezw. Lesinen an
den Nebenabsiden mit Kleinbogenfriesen besteht. Dabei sind
hier noch weitere Unterschiede darin gemacht, dafs die
Hauptapsis einen reich gegliederten Sockel sowie einen dop-
polt abgestuften Bogenfries auf Blattconsolen, Thier- und
Menschenmasken und darüber den gebrochenen Rundstabfries
empfangen hat im Gegensatze zu der viel ökonomischeren
Fassung an den Nebenapsiden. Selbst die drei Fenster in
der Hauptapsis sind wieder verschieden gestaltet. Das Mit-
telfester hat schon eingeblendete Säulchen mit Zickzack-
und einem ebenso deeorirten Wulste darüber,
wmim während die beiden Seitenfenster mit zwei
Rundstäben, welche eine tiefe Hohlkehle
! I II trennt, eingefafst sind. Bemerkenswerth
sind die am hohen Ostgiebel vorhandenen
skulptirten Äkroterien an den Ecken,
weil sie auf allemannische Vorbilder
(Ilirsauer Schule) zurückweisen.

Bei vergleichender Zusammenfassung dieser Einzelbeob-
achtungen stellt sich die Thatsache heraus, dafs die Kirche aus
zwei romanischen Bauzeiten stammt. Einer ersten (schon etwas
vorgeschrittenen) Epoche, welche eine dreisohiffige Basilika
mit gewölbten Seitenschiffen hergestellt hat, und einer
zweiten, welche nach Anschuhung der drei Ostchöre eine voll-
ständige Ueherwölbung versucht und trotz übler Erfahrungen
durchgeführt hat. Die erste hängt offenbar mit der Stiftung

Schäften

42) Die Ausstattung der Dienstbasen mit rom
ist ein sehr beliebtes Motiv der Frühgothik,

rüt romanischen Eekblät-
tern ist ein sehr belieDtes Motiv Oer i'rungothik, kommt aber auch
noch in Denkmälern der Ilochgothik z. I!. im Dome zu Freiburg vor.

43) Klein setzt a. a. 0. 152 seltsamer Weise diese Inschrift in
das VII. Jahrhundert. Abbildung der Thür daselbst.

des Grafen Peter zusammen und wird unter Heranziehung
der sehr geübten Bautechniker und Handwerker, über welche
der Ilirsauer Orden gebot, innerhalb einiger Jahre soweit
gefördert sein, dafs eine vorläufige Weihe schon 1127 statt-
finden konnte. Wann dieser erste Bau, der sicherlich nur die
theilweise Ueherwölbung, nämlich der Seitenschiffe verfolgte,
beendigt worden ist, wissen wir nicht. Aber ein ungefähres
Datum von 1127 — :S:> wird bei der Kleinheit der Kirche
passen. Vom Schlüsse desselben Jahrhunderts, ca. 1180,
mufs der Anschuhungsbau der drei Chöre herrühren — er
trägt echte Züge der Hohenstaufen-Baukunst — und wird
kurz vor dem Ablaufe dos Jahrhunderts beendigt gewesen sein.
Wäre schon der alte Bau mit drei Apsiden geschlossen ge-
wesen, so hätten wir ein treffliches Seitenstück zur Plan-
bildung von Seckau, das unzweifelhaft der Ilirsauer Schule
augehört.

Dafs im Laufe des XI. Jahrhunderts und zwar seit der
Mitte desselben an einzelnen Orten in Deutschland in der
kirchlichen Baukunst die aus Frankreich stammende Tendenz
hervortritt, die Seitonschiffe zu wölben, — um neben einer
gröfseren Stabilität auch mehr Feuersicherheit zu erzielen,
— während die Mittelschiffe noch ungewölbt bleiben, ist
eine zwar bekannte, aber nicht übersichtlich vorgetragene
Thatsache. Derartige durch bautechnische Analysen gesicherte
Beispiele sind: das Langhaus von Echternach + 1031, das
von St. Maria im Capitol zu Cöln + 1049 und unter den
Schwarzwaldklöstern der merkwürdige St. Aurclien-Bau zu
Hirsau, welchen in der neuesten Zeit Egle in Stuttgart
nach erfolgter Aufgrabung der Fundamente des Querschitfs
und der drei Chöre in einer mustergültigen Monographie
veröffentlicht hat. Bei letzterem — 1071 geweihtem — Bau
ruhen die scharfgratigen Kreuzgewölbe noch auf dicken
Säulen mit Würfelknäufen, eine Anordnung, die mit beson-
deren Bautendenzen der Ilirsauer Bauschule zusammenhängt.
Im Elsal's giebt es jetzt noch zwei Beispiele für diese inter-
essante Structur-Uobcrgangsstufc: das später mitzutheilende,
sehr zerstörte Alspach und das besser erhaltene und lehr-
reiche St. Johannes in predio.

13. Die Klosterkirche St. Maria zu Niedermünster.

Diese auf halber Höhe des St. Odilionberges belegene
Klosterkirche stammt der Sago nach von der Herzogstochter
Odilia, welche auch als Stiftcrin dos oberen Klosters Hohenburg
um 700 gilt. Alto Docum'cnte zur Bestätigung dieser Angaben
fehlen.4 *) Die ersten Confirmationsurkunden fallen in den
Anfang des XI. Jahrhunderts. Die wichtigste Nachricht fin-
det sich in den Strafsburger Annalen: Anno Dommi 1180
dedieata est major ecclena Inferioris - monasteru apud IMien-
hurg in honore snnete Bei genitrieü Mariae a Mantuano
fepiscopoj, itpostol'ce sedis legato.i&) Bis zum Jahre 1542
waren trotz mannigfacher Schicksale und des tief gesunkenen
Wohlstandes des Stiftes, Kloster und Kirche wohlerhalten.
Damals brannten die Stiftsgebäude ab und die Stiftsdamen
zogen sich auf Hohenburg zurück. Dreifsig Jahre später schlug
der Blitz in die Kirche und vorbrannte alles Holzwerk. Zur
Ruine geworden, begann im Jahre 1585 der theilweise Ab-
bruch , indem man die herrlich behauenen Quadern zu den
Fortifikationen von Benfeld und zum Bau des Kirch thurmes
von Erstein verwendete.46) Bis in die neueste Zeit hat die-
ser vandalische Zerstörungsprocel's fortgedauert, die Krypta
isi erst 1847 vollständig beseitigt worden.47)

44) Rettberg a. a. O. II, 78 ff.

45) Pcrtz, SS. XVII, 89. ed. Jaffe".

46) Grandidier, Oeuvr. ine"d. VI, 131 ff.

47) Eine gute Abbildung der Ruine vom J. 1780 bei Silber-
mann, Heschr. von Hohenburg, S. 57. Zwei weniger gute, aber
wegen der Ergänzungen lehrreiche Abb. in Pfoffingcr, Hohenburg
u. Odilienbcrg. Der daselbst und auch bei Albrecht mitgetbeilte
Grundrifa ist unrichtig.
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