Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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Erster Abschnitt.

Die Banwerke der lark Brandenbnrg.

III. Die Priegnitz.

Baugeschichte.

Der von dem wendischen Stamme der Brizaner bewohnte
Landestheil nördlich und östlich der Elbe ist zuerst von dem
thatkräftigen König Heinrich I. wahrsoheinlich nach den glück-
lichen Kämpfen gegen die Heveller 1) um 930 unterworfen, und
als ein durch die Burgen Havelberg, Puttlitz und Wittstock be-
festigtes Grenzland der Markgrafschaft des Herzogs Gero ein-
verleibt worden. Denn schon im J. 946 konnte der für die Ver-
breitung des Christenthums und Sicherung der Reichsgrenzen
so umsichtig thätige Nachfolger Heinrichs, König Otto I.'auf den
Rath Geros in diesem eroberten Gebiete ein neues Bisthum zu
Havelberg begründen 2). Leider war diese erste christliche
Schöpfung, an welche sicli auch ein nothdürftiger Dombau
anschlofs, nur von kurzem Bestande. Schon im J. 983 fiel Ha-
velberg den durch religiöse Begeisterung entflammten Slaven
wieder in die Hände, der Dom wurde zerstört, jede Spur des
Christenthums vernichtet 3 4). Nur mit Mühe gelang es den mit
der Obhut der Grenzen betrauten sächsischen Fürsten dem sieg-
reichen Vordringen der Slaven am Tangerflusse Halt zu gebie-
ten und die Altmark sowie die Gebiete des 968 begründeten
erzbischöflichen Stuhles von Magdeburg') zu retten. Von einer
Wiedereroberung Havelbergs und Erneuerung des Domes war
keine Rede. Ungeachtet die Oberhoheit des deutschen Kaisers
Otto III., der im J. 995 zu Havelberg persönlich anwesend war 5),
von Seiten der Brizaner und Heveller anerkannt wurde, hat
eine dauernde Besitzergreifung nicht stattgefunden. Denn an-
derthalb Jahrhunderte finden wir die erwählten Havelberger Bi-
schöfe am kaiserlichen Flofe oder an andern geistlichen Residenzen
anwesend, aber nie in Havelberg residirend, niemals eine kirch-
liche Wirksamkeit für die ihrer Pflege anvertraute Diöcese ent-
faltend 6). Selbst zur Zeit des mächtigen, zum Christenthum be-
kehrten Obotritenfürsten Gottsehalk, der die Priegnitz erobert und
vielleicht auch die sämmtlichen Havelgebiete sich unterthänig
gemacht hatte, ist von einer Verbreitung des christlichen Glau-
bens, von einer Uebertragung deutschen Kulturlebens in diese
slavischen Grenzgebiete kaum eine Spur wahrzunehmen. Ja,
die angestrebte Missionsthätigkeit Gottschalks fand bei seinen
heidnischen Völkern bald den lebhaftesten Widerspruch, zuletzt
ein trauriges Ende. Er wurde im J. 1066 von seinem eigenen

‘) Vergl. Baugesch. der Stadt Brandenburg. Band I, S. 3.

2) Rauiner Iteg. 230 u ßiedel Cod. dipl. A. I, 383. II, 435.

3) Giesebrecht. Wendische Geschicliten I, 204 ff.

4) Bauraer. Reg. 230 u. Riedel a. a. O. II, 436.

5) Raumer. Reg. 335 u. Giesebrecht a. a. O. I, 282.

6) Giesebrecht a. a. O. II, 96.

II.

Volke auf dem Altare zu Lenzen den heidnischen Göttern ge-
opfert, alle christlichen Bekenner vertrieben oder getödtet l).
Ueberall erhoben sich die alten heidnischen Kultusplätze zu ge-
steigerter Verehrung; so der Tempel des kriegerischen Landes-
gottes Gerovit auf dem Domberge zu Havelberg, so der des
Triglaff auf dem Harlunger Berge bei Brandenburg. Selbst Hein-
rich, der Sohn Gottschalks, ebenfalls Christ und Begründer eines
umfangreichen Obotritenreiches vermochte nicht, eine Aenderung
in diesen Verhältnissen der Wendenländer herbeizuführen. Nach
seinem gewaltsamen Tode, im J. 1126, wurden alle kleineren
ihm tributpflichtigen wendischen Häuptlinge wieder unabhän-
gig 2). Havelberg ging in den Besitz eines solchen Fürsten Wi-
rikind über, — der Kultus des Gerovit blieb unangefochten.

Am füglichsten hätte w rohl eine erfolgreiche missionare Wirk-
samkeit von Magdeburg aus entfaltet werden können, aber der
damalige Erzbischof Norbert, der Stifter des Prämonstratenser-
Ordens, ein glaubenseifriger, aber bis zum Fanatismus streng
ascetischer Mann, war nicht die geeignete Persönlichkeit, die
Slaven von der innern Leere ihres Gottesbewufstseins zu über-
zeugen. Norbert verstand mehr durch Strafe zu bessern als
durch Belehrung zu erziehen. So erklärt es sich, dafs Bischof
Otto von Bamberg kraft seiner milden und überzeugenden Per-
sönlichkeit auf seinen zweimaligen Missionsreisen nach Pommern
einen ungleich gröfseren und nachhaltigeren Einflufs in christ-
lich-missionarem Sinne ausgeübt hat, als der gegen jede welt-
liche Freude völlig unduldsame Norbert 3).

So fand Bischof Otto auf seiner zweiten Missionsreise nach
Pommern im J. 1128, als er zu Schiff von Halle über Magde-
burg nach Havelberg gelangt war, daselbst jede Spur des Chri-
stenthums verwischt, das Land selbst, welches er auf seinem
Wege nach Demmin fünf Tage lang zu durchwandern hatte,
völlig menschenleer und unangebaut').

Erst nach dem glücklichen Feldzuge des Königs Lothar
gegen die Söhne jenes Wirikind, im J. 1131, wobei Havelberg
zerstört und der Erde gleich gemacht worden sein soll 5), war
der damalige so höchst ausgezeichnete Bischof Anselm im Stande,
eine neue, wenn auch anfangs nur sehr beschränkte Wirksam-
keit auf kirchlichem Gebiete zu entfalten. Der erste Schritt,
worin sich die erneute Befestigung des Bisthums kund gab, war
der Neubau einer den damaligen Verhältnissen entsprechenden,
bescheidenen Kathedrale.

') Giesebrecht a. a. O. II, 106. Ilaumer. Reg. 585.

2) Nacli Giesebrecht a. a. O. II, 212 im «T. 1119, nach Raumer Reg. 800 im
J. I 120.

3) Giesebreeht a. a. O. II, 300.

4) Giesebrecht a. a. O. II, 308.

5) Raumer Reg. 845.

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