Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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Von sonstigen Bauunternehmungen wird nichts berichtet.
Aber selbst dieser, seit fast anderthalb Jahrhunderten erneute
erste Versuch, auf dem Stiftungsplatze des Bisthums festen Fufs
zu fassen, scheiterte nochmals an der Widerstandskraft der Sla-
ven. Anselm fand nach der Rückkehr von einer in kaiserlichem
und päpstlichem Auftrage nach Gonstantinopel unternommenen
Reise im J. 1136, seine bischöfliche Stadt von den Wenden wie-
der erobert, seine eben errichtete Kirche zerstört'). Erst nach
zwei siegreichen Feldzügen Albrechts des Bären wurde Havel-
berg den Wenden wieder entrissen, die ganze Priegnitz aufs
Neue den deutschen Waffen unterworfen-). Seit dem J. 1137
ist dann auch beides, Burg und Land Havelberg christlich ge-
blieben, mit jenem Jahre beginnt die Baugeschichte der Priegnitz.

Obgleich Anselm mit ungebeugtem Vertrauen die Pflanzung
seines Bisthums sofort von Neuem begann, und zu dem grofs-
artigen Neubau einer monumental aufgefafsten Kathedrale schritt,
so waren doch bei den noch immer höchst unsicheren politi-
schen Verhältnissen, vor Allem bei der furchtbaren Entvölke-
rung des Landes die ersten Fortschritte zur Kultur-Entwicke-
lung und zur Christianisirung höchst bescheiden. Einen gröfse-
ren Aufschwung nahm die Entwickelung des Landes erst nach
dem J. 1142, in welchem die Mark Brandenburg (d. h. Altmark,
Priegnitz, Havelland und Zauche) aus dem staatsrechthchen Ver-
bande mit dem Herzogthume Sachsen gelöst und als selbststän-
diges Glied dem deutschen Reiche einverleibt wurde 1’). Die Grün-
dung des Klosters Jerichow seit 1144, ferner die erfolgreiche
Heranziehung niederländischer Kolonisten seit 1146, endlich der
mit umfassenden Kräften unternommene slavische Kreuzzug unter
Heinrich dem Löwen und Albrecht dem Bären 1147, gaben den
energischen Bestrebungen zur Germanisirung des Landes gröfse-
ren Nachdruck, und so begann denn auch bald eine Bauthätig-
keit, welche ausgehend von der bischöflichen Hauptstadt sich,
wenn auch nur langsam und sehr allmählig über das ganze Grenz-
land verbreitete 1 3 4).

Auch in der Priegnitz sind wie in der Altmark kirchliche
wie profane Baureste aus dem XII. Jahrh. nur sehr sparsam vor-
handen. Mit Ausnahme des in einfacher Gestaltung aber in gro-
fsem Maafsstabe grofsentheils in Bruchsteinen ausgeführten Do-
mes zu Havelberg, welcher 1149 vorläufig vollendet und 1170
feierhch geweiht wurde, sind nur die Reste der Pfarrkirche St.
Nikolaus zu Pritzwalk (um 1170) in Granitbau, und die drei-
schiffige, aus Backsteinen konstruirte Basilika des von Nieder-
ländern begründeten Sandow (um 1170) zu nennen 5). Alle ande-
ren kirchlichen Bauwerke, welche ohne Zweifel unter dem Schutze
vorhandener Burgwarten wie zu Puttlitz, Wittstock und Lenzen
sehr bald nach der begonnenen Germanisirung errichtet wurden,
sind durch spätere Neubauten ersetzt worden und damit jeder
Beurtheilung entzogen.

Eine etwas gröfsere Bauthätigkeit läfst sich erst nach der
Mitte des XIII. Jahrh. erkennen, nachdem die tapferen und staats-
klugen markgräflichen Brüder Johann I. und Otto III. ilire sieg-
reichen Waffen bis zur Oder getragen und damit neue Gebiete
für deutsche Kultur erschlossen hatten. Ihrer energischen Thä-
tigkeit gelang es, einen neuen Strom von Einwanderern, beste-
hend aus Sachsen, Westphalen und Friesen in ihre Gebiete zu
leiten, und so sehen wir, wie zwischen 1239—44 mit Blitzes-
schnelle wüste Feldmarken in Kultur genommen werden, Bur-
cren und Schlösser sich vervielfältigen, deutsche Städte bis über
die Oder hinaus auf slavischem Boden erwachsen.

Noch vor der Mitte des XIII. Jahrh. wurden Lenzen, Ky-
ritz und Perleberg, dann Wittenberge und Freienstein, endlich

') Havelberga capta est a filiis Wirikindi et ecclesia flestrucla. ßaumer Reg. 900.

!) Eaiimer Reg. 924.

3) Raumer Reg. 1019.

4) Vergl. das Nähere unter Baugeschichte der Altmark und Historisches des Klosters

Jerichow.. Band I, S. 34 xt. 36 ,

5) Die Einwanderung von Niederländern und ihre Ansiedelung in dei Piiegnitz Lings
des nördlichen Elbufers bei Seedorf, Mödlich, Breetz etc. ist historisch unzweifelhaft. Veigl.
Riedel a. a. 0. A. I, 20.

Wittstock und Pritzwalk mit allen Vorrechten deutscher Städte
besonders aus der benachbarten Altmark ausgestattet. Ein erster
oder ein erneuter Aufbau der Pfarrkirchen schlofs sich fast
immer an diese zur Kulturentwicklung des Landes so bedeut-
same Maafsregel. Nur in Wittstock (1244) und Perleberg (1239)
sind noch Reste aus jener Bauepoche vorhanden, in welcher
der altgothische Styl in strengen Formen und mit grofser Spar-
samkeit geübt, in der Priegmtz auftritt. Besser erkennt man
seine Eigenthümlichkeiten in dem 1231 gestifteten Oistercienser-
nonnenkloster Marienfliefs, welches als ungewölbter einschiffiger
Bau mit dem 1228 gestifteten Kloster Neuendorf in der Alt-
mark auf das Engste verwandt ist, und wie jenes bald nach
1240 vollendet wurde.

Wenige Jahre darauf wird der erst-e umfassende Versuch
gemacht, den altgothischen Gewölbebati in die Priegnitz einzu-
bürgern. Ein um das Jahr 1269 stattgefundener Brand des Do-
mes zu Havelberg bot hierzu erwünschte Veranlassung. Der mit
sicherem Verständnifs, in gediegener und grofsartiger Weise durch-
geführte Umbau dieser Kathedrale ist die edelste und vollendetste
Bauausführung der Priegnitz geblieben. Ihr zur Seite steht der
um 1275 hergestellte im Charakter westphälischer Hallenkirchen
durchgeführte Langhausbau der Pfarrkirche St. Martin zu Witt-
stock. Endlich schliefsen sich, aber ohne die reife Schönheit
der beiden genannten Bauwerke zu erreichen, der mit grofser
Einfachheit behandelte Bau der 1287 gestifteten Klosterkirche
zu Heiligen Grabe, sowie die um 1300 vollendete Pfarrkirehe
St. Lorenz zu Havelberg an. Kleinere Bauausführungen, welche
in gleicher Zeit errichtet wurden, wie eine zweite Pfarrkirche
St. Nikolaus zu Perleberg (um 1285), die Kapelle St. Spiritus
daselbst und St. Georg zu Wittstock sind untergegangen, und
verstatten ebensowenig wie die von 1310 datirten Reste an der
Pfarrkirche St. Nikolaus zu Pritzwalk eine sichere Beurtheilung.

Aber bald trat in diese eben begonnene Bauthätigkeit mit dem
Anfange des XIV. Jahrh. ein völliger Stillstand ein, welcher un-
zweifelhaft mit dem jähen Aussterben des Anhaltiner Markgra-
fen Geschlechtes, und den darauf folgenden langjährigen Wirren
und Kämpfen um die Landesherrschaft zusammenhängt. Da
auch die wenigen damals errichteten kleineren Bauanlagen, wie
die Kapelle St. Jakob zu Pritzwalk (1352) und die Klause zu
Kyritz (1351) der Ungunst der Zeiten erlegen sind, so sind die
Chöre der Klosterkirche zu Marienfliefs (1350 — 60) und der
Pfarrkirche St. Jakob zu Perleberg (datirt von 1361) die ein-
zigen Baureste, welche eine aber kaum genügende Vorstellung
von der Baukunst aus der Mitte des XIV. Jahrh. gewähren.
Selbst die Regierung des prachtliebenden und baulustigen Kai,
sers Karl IV., dessen besonderer Gunst und Fürsorge sich die
Altmark zu erfreuen hatte, ist für die Baukunst der Priegnitz
vorübergegangen, ohne einen sichtbaren Einflufs zu hinterlassen.

Ein gröfserer Aufschwung erfolgte mit der bischöflichen
Regierung des hochgebildeten Bischofs Johann III. (Wopelitz)-
der von 1385—1401 regierend, zunächst einen Um- und Erwei-
terungsbau seiner Kathedrale durchführte, gleichzeitig die Er-
richtung einer stattlichen Wallfahrtskirche in dem durch die Auf-
findung wunderthätiger Hostien im J. 1385 zu europäischem
Rufe gelangenden Wilsnack betrieb und endlich den stattlichen
mit einer prachtvollen Kapelle gezierten umfangreichen Bau des
Schlosses zu Wittstock 1399 vollendete.

Leider sind von diesen umfangreichen Bauausführungen so-
wohl jene hochberühmte Schlofskapelle wie der gröfsere Theil
des Schlosses wieder untergegangen, auch von der Wallfahrts-
kirche zu Wilsnack nur der Westthurm erhalten, so dafs nur
die reiche Ausschmückung des Havelberger Domes rnit sand-
steinernen Chorschranken, Altären und Leuchtern, den durchge-
bildeten Kunstsinn jenes Bischofs erkennen läfst. Es ist dies
um so mehr zu bedauern, als sich die Vermuthung, dafs Karl IV.
Bauthätigkeit auf der Burg zu Tangermünde, insbesondere die
Ausführung der dortigen Schlofskapelle 1) auf die Bauunterneh-

1) Ebensowenig ist nach dem Untergange der Burgkapelle zu Tangermünde mehr zu
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