Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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mungen des Bisehof Johann III. in Wittstock vorbildlich einge-
wirkt hat, nicht näher begrtinden läfst. Dafs die so sehr her-
vorragende bischöfliche Bauthätigkeit überhaupt keine direkte
Nachfolge fand, erklärt sich aus der Rechtsunsicherheit und
Friedlosigkeit in der Mark um den Ausgang des XV. Jahrh., wel-
che jede nachhaltigen Kunstbestrebungen verhinderten. Daher
beginnt erst mit der Regierung des ebenso thatkräftigen wie
fromm begeisterten Kurftirsten Friedrich II. eine umfassendere
Bauthätigkeit, welche bis zum Auftreten der Reformation fort-
gedauert und den gröfseren Theil der noch jetzt in der Prieg-
nitz vorhandenen Bauwerke errichtet hat. An der Spitze dieser
sämmtlich den Charakter des spätgothischen Baustyls tragenden
Monumente steht der vermuthlich unter dem persönlichen Ein-
flusse des Kurfürsten entstandene höchst grofsartige Neubau der
Wallfahrtskirche von Wilsnack. Dieser in bedeutendem Maafs-
stabe und mit umfassenden Mitteln durchgeführte Bau, der in
allen wesentlichen Theilen als eine Kopie des Domes zu Sten-
dal bezeichnet werden mufs, ist, im Chore um 1439 begonnen
und mit mancher Unterbrechung sehr langsam fortgesetzt wor-
den, so dafs das Langhaus erst um 1500 hergestellt, die Ce-
wölbe daselbst sogar erst 1525 vollendet werden konnten. Die
beabsichtigte grofsartige Westfapade mit zwei Thürmen, ist in
Folge des Eintritts der Reformation gar nicht zur Aus.führung
gelangt.

Gleichzeitig wurde das geräumige Schiff der Pfarrkirche
zu Pritzwalk 1441, der mit Umgang versehene Chor daselbst
1451, beides im Anschlusse an altmärkische Baukunst hergestellt,
und die Pfarrkirche zu Wittstock 1451 nach Osten hin erwei-
tert, wobei das ältere schöne System des Langhauses dieser
Kirche beibehalten wurde. An diese Bauthätigkeit schlofs sich
unmittelbar die Erneuerung des Chors und der Gewölbe der
Klosterkirche zu Heiligen Grabe (1455—65), das Langhaus der
Pfarrkirche St. Jakob zu Perleberg (1460 — 70) (im Wesentli-
chen eine verdorbene Wiederholung von Pritzwalk), so wie auch
kleinere Bauanlagen St. Spiritus zu Havelberg, die Marienkapelle
zu Wittstock in gleicher Epoche zur Ausführung gelangten.

Noch vor dem Schlusse des XV. Jahrh. wurde mit beson-
derem Aufwande und im Anschlusse an die Ausbildung, welche
der Backsteinbau in der Uckermark erhalten hatte, die kleine
„ heilige Grab Kapelle “ im Kloster Heiligen Grabe ausgeführt,
deren FaQadengestaltung in einzelnen Dorfkirchen wie Alt-Krüs-
sow (geweiht 1520), Wulfersdorf, Falkenhagen bald darauf wie-
derholt wurde. Auch die Pfarrkirche St. Katharina zu Lenzen,
die Frohnleichnamskapelle zu Wittstock (1498), die achteckige
Kapelle St. Anna zu Havelberg gehören in diese Spätepoche,
welche noch eine bedeutende Menge leider untergegangener Pro-
fananlagen, besonders grofsartiger Thore und Zwinger zu Witt-
stock, Perleberg und Pritzwalk entstehen sah. Die schon in
der ersten Hälfte des XVI. Jahrh. eintretende Renaissance hat
ein einziges nennenswerthes Beispiel in dem mit sehr reichen,
edlen und gefälligen Detailformen durchgeführten Burghause des
Geschlechts von Rohr in Freienstein hinterlassen.

Ueberblickt man summarisch die im Laufe von fast vier
Jahrhunderten in der Priegnitz entstandenen mittelalterlichen
Bauwerke, so kann man sich vor der Thatsache nicht verschlie-
fsen, dafs dieselben an Zahl und Umfang, mehr aber noch an
künstlerischem Werthe weit hinter den gleichzeitigen der Stadt
Brandenburg und der Altmark zurückstehen. Diese bemerkens-
werthe Thatsache erklärt sich nicht allein aus dem Umstande,
dafs die Priegnitz als Grenzprovinz mehr als die westlichen und
südlichen Gebiete der Mark Brandenburg den verheerenden Grenz-
kriegen ausgesetzt blieb, weshalb auch grade hier eine seltene
Fülle von Schlössern und Burgwarten (Lenzen, Perleberg, Putt-
litz, Meienburg, Wittenberge, Freienstein, Plattenburg, Goldbeck
und Zechlin) unterhalten werden mufste, sondern scheint auch

beurtheilen, ob und in wieweit Karl IV. Bauausführung des Schlosses Karlsstein in Böhmen,
in Tangermiinde wiederholt worden ist.

in der Sinnesweise und Begabung der Bewohner, die ein buntes
Konglomerat von slavischen wie deutschen Stämmen darstellten,
zu beruhen.

I. Die Klöster der Priegnitz.

I. Dom zu Havelberg.

Historisches.

Wie der Harlunger Berg bei Brandenburg tritt uns der Ha-
velberg bei der späteren Stadt gleichen Namens seit den ältesten
Ueberlieferungen als hochheilige, durch eine Burg beschützte
Kultusstätte entgegen. Wegen dieser religiösen Bestimmung und
festen Lage wählte König Otto I. im J. 946 diesen Platz zum
Sitze des neuen Bisthums, indem er die Hälfte der Burg dem
Bischofe übergab, die andere Hälfte sich als Landesherren vor-
behielt 1). In dieser zwiefachen Weise ist der Platz als „Burg
und Dom“ bis zum XV. Jahrh. benutzt worden.

Wie oben in. der Baugeschichte der Priegnitz hervorgeho-
ben worden ist, ging Otto’s erste christliche Pflanzung mit dem
Dome im J. 983 bei dem allgemeinen Slavenaufstande unter und
es vergingen anderthalb Jahrhunderte, ehe es den Bischöfen ge-
lang, unter dem Schutze der erstarkten markgräflichen Gewalt
die Ottonische Stiftung zu erneuen, und von dieser Pflanzstätte
aus christlichen Glauben und deutsche Kultur in ihrem Sprengel
zu verbreiten. Insbesondere war es der berühmte, dux-ch seine
segensx-eiche Wiihsamkeit auf geistlichem Gebiete dem helden-
haften Albrecht den Bären würdig zur Seite steheixde Bischof
Anselm, welcher uninittelbar nach einem siegreichen Feldzuge
König Lothar’s im J. 1131 den ersten Versuch machte auf der
Stelle des damals zei-stöi-ten Gerovit Tempels einen neuen Dom-
bau von 1132—35 aufzufühi-en. Und als aüch dieser, vielleicht
noch nicht einmal ganz vollendete Bau einer abermaligen Zer-
störung der den letzten Verzweiflungskampf kämpfenden Sla-
ven erlegen war, begann dei’selbe Bischof unter dem Schutze
des tapferen Albrecht im J. 1137 oder 1138 einen wiederholten
Neubau nach einheitlichem Plane und in bedeutendem Maafs-
stabe. Wegen der noch immer heri’schenden Unsicherheit, so
wie der furchtbaren Entvölkerung des Landes halber, gelangte
dieser Dombau wahrscheinlich erst im Jahi’e 1149 zum vorläu-
figen Abschlufs. Ein Jahr später wurde durch die Fürsoi’ge
Anselms ein dem Liebfi’auenstifte zu Magdeburg entnommenes
Domkapitel von Pi’ämonstratensern an demselben eingei’ichtet 2).
Die gänzliche Vollendung der umfangreichen Bauausführung er-
lebte der treffliche Anselm nicht mehr, denn die feierliche Ein-
weihung des Domes fand erst am 16. August 1170, — zwölf
Jahre nach Anselm’s Tode, ■— in Gegenwart des in so vielen
siegreichen Feldzügen ergrauten Mai’kgrafen Albrecht, seiner
Söhne und vieler geistlichen wie weltlichen Fürsten statt 3 4 *).

Hundert Jahr hat dieser Dom unverletzt gestanden, dann
ist er, wie eine alte, veraiuthlich einer Bauinschrift entstammende
Ueberlieferung besagt, im J. 1269 oder 1279 ') in Folge eines
feindlichen Ueberfalles beraubt und durch Brand vei’wüstet wor-
den. ;>) Nach stattgefundener Wiederherstellung, an welche sich
auch ein Kestaurationsbau der Stiftsgebäude, insbesondere des
schadhaft gewoi’denen Refectoi’iuxns 1275 anschlofs 6), ist längere
Zeit nur von Altargründungen, Begabungen und Weihungen die
Rede 7). Insbesondere wurden 1371 alle Glocken, 1372 alle Kreuze
des Domes durch den Bischof Dietrich II. (Man) geweiht. Eine
gröfsere Bauausführung erfolgte erst während der Regierung des
kunstsinnigen Bischofs Johann III. (Wopelitz), indem dieser Kir-
chenfürst den hohen Chor erneuern und mit prachtvollen sand-

') Riedel a. a. O. II, 435. 436.

2) Riedel a. a. O. III, 2.

3) Raumer Reg. 1379. 1380 und Giesebrecht a. a. 0. III, 210.

4) Das erstere Datum scheint das richtigere zu sein, weil es sich zugleich auf eine
Notiz des alten Havelberger Hausbuchs gründet.

ä) Riedel a. a. O. III, S. 4.

6) Riedel a. a. O. II, 451.

7) Riedel a. a. O. III, 5 u. Lentz Stiftshistorie von Havelberg. S. 39.
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