Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 4
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steinernen Chorschranken umgrenzen liefs 1). Der umfassende
Umbau wurde im J. 1411 mit einer feierlichen Einweihung be-
schlossen, nach welcher Zeit der schon 1401 gestorbene und
von seiner Geistlichkeit tief betrauerte Bischof ein schönes Grab-
denkmal in der Form eines Hochgrabes mitten im Chore em-
pfing. Seit jener Zeit ist das altehrwürdige Gotteshaus trotz
der Verwüstungen des 30jährigen Krieges, welche desselben nicht
verschonten, im Wesentlichen unversehrt geblieben, und durch
eine vor etwa 20 Jahren von Seiten der Staatsregierung erfolgte,
höchst nüchterne und wenig befriedigende Restauration wieder
hergestellt worden.

Baubeschreibung.

Der Grundrifs Blatt LI, Fig. 8 zeigt eine grofse dreischiffige
Basilika mit sehr breiten SchifFen, von denen das Mittelschiff in
fünf Seiten des Achtecks schliefst, jedes der beiden Seitenschiffe
aber mittelst zweigeschossiger Zwillingskapellen platt beendigt
wird. Im Westen erhebt sich in Stelle einer Thurmanlage ein
mächtiges breites Glockenhaus, dessen Mitteltheil etwas höher
hinauf steigt, als die Seitentheile. Längs der Südseite erstreckt
sich der alte Stiftskirchhof, welchen ein dreiflügliger gewölbter
Kreuzgang umzieht und die Verbindung der daran stofsenden
Stiftsgebäude mit dem Dome vermittelt.

Das aufserordentlich schmucklos gestaltete Aeufsere läfst
die fast durchgängige Verwendung von kleinen Sandstein-Bruch-
steinen erkennen; kaum ein Viertel der ganzen Anlage ist in Back-
steinen hergestellt worden.

Das Innere ist trotz aller in Form wie Farbe stattgefunde-
nen Entstellung von höchst einheitlicher grofsartiger Wirkung.
Die Verhältnisse des Mittelschiffs (Blatt LII, Fig. 4) sind muster-
haft, und die Pfeilerbildung (Blatt LI, Fig. 1 u. BlattLII, Fig. 1),
wenn auch nicht ausgezeichnet, doch streng und würdig.

Die Unterscheidung der Bauzeiten ist nicht ganz leicht, den-
noch ergiebt eine genauere Prüfung die unzweifelhafte Thatsache,
dafs zunächst sehr erhebliche Reste einer Bauausführung des
XII. Jahrh. noch voi’handen sind. Es sind dies alle Umfassungs-
mauern (excl. die des Ohores und des östlichen Abschlusses
der Seitenschiffe), die ganze Westfront, alle Pfeiler und Arka-
denbogen, endlich Stixcke der Obei’mauern bis ca. 4‘ Fufs ober-
halb der Bogenscheitel der Arkaden. Alle diese Bautheile sind
ganz im Geiste der älteren Pi’ämonstratenser-Kii’chen völlig ein-
fach und schmucklos gestaltet.

Die alten, sowohl nach dem Mittelschiffe wie nach den Sei-
tenschiffen durch angelegte Voidagen veränderten Schiffspf'eiler
waren, wie Blatt LI, Fig. 1 zeigt, ursprünglich kreuzförmig ge-
staltet. Ihre Basen sind entweder zerstört oder stecken in der
Erde. Die auf BlattLII, Fig. 1 im Detail dargestellten ursprüng-
lichen Kämpfer sind jetzt nicht mehr vorhanden; bei der Re-
stauration sind dieselben leider theilweis abgeschlagen und durch
modern profilirte Pfeilei’kapitelle ersetzt worden 2). Die Arka-
den besitzen edle schlanke Verhältnisse, der Maafsstab der gan-
zen Anlage ist ein gi’öfserer wie zu Brandenbui’g. Olxne Schwie-
rigkeit läfst sich die ursprüngliche Anlage des Langhauses mit
schmalen einfach geschmiegten Rundbogenfenstern und Balken-
decken restauriren. Dagegen bleibt die ursprüngliche Gestal-
tung des Chores, insbesondere Form und Gröfse der sicher vor-
handen gewesenen Ki’ypta, zweifelhaft. Nicht unwahrscheinlich
ist die Annahme, dafs die ganze Ostseite einschliefslich des Mit-
telschiffs plattgeschlossen war, eine Form, für welche das Haupt-
und Muttei’kloster Premontre bei Laon als Vorbild dienen konnte 3).
Die nördlich und südlich voxn Chore gelegenen zweigeschossigen
Zwillingskapellen, zu deren oberen noch mit Altären ausge-
statteten Räumen, man mittelst zweier in der Dicke der Mauern

angebrachter Treppen gelangt, haben an der westlichen Stii’n-
seite ihrer Zwischenmauer einige alte Pfeilerkämpfer bewahrt,
deren Gestaltung der Holzschnitt veranschaulicht. Die Ueber-
einstimmung derselben mit den Arkadenkämpfern rechtfertigt

die Annahme, dafs auch diese Reste dem
Anselm’schen Baue von 1138—70 ent-
stammen.

Die Blatt LII, Fig. 2 dai’gestellte
Westfront ist höchst einfach gestaltet,
breit und massig in allen Verhältnissen ').
Drei kleine Rundbogenfenster über dem moderngothischen West-
portal und schmale zur Vertheidigung bestimmte Schlitze durch-
brechen die starken Mauern, und verleihen dem Ganzen einen
strengen burgartigen Charakter. Nur die oberen Theile sind in
Backsteinen hergestellt, deren Detailformen mit gepaarten Rund-
bogenfenstern, Lissenen und durchschlungenen Bogenfriesen mit
den entsprechenden Bautheilen von Jerichow, Werben, Sandow etc.
genau übereinstimmen und den beginnenden Einflufs des von
den Niedei’ländern eingeführten Backsteinbaues in sehr präg-
nanter Weise bezeichnen. Auch der Kern der Stiftsgebäude
scheint theilweis noch jener ersten Bauepoche zu entstammen,
wiewohl die äufsere Erscheinung derselben durch spätere Um-
bauten sehr verändert ist. Indessen zeigt der Südflügel noch

Ecklissenen, Sägefriese und Konsolge-
simse (vergl. den Holzschnitt), welclie
mit den altromanischen Backsteindetails
an der Westfront die gröfste Verwandt-
schaft zeigen und offenbar gleichzeitig
sind.

In der zweiten Hälfte des XIII. Jahrh. hat, alsdann ein um-
fassender Umbau stattgefunden, welcher die alte flachgedeckte
Basilika in eine xiltgothische Gewölbekirche verwandelte. Zu
diesem Behufe wurde die Obermauer abgetragen, an die vor-
handenen Kreuzpfeiler nach den Seitenschiffen einfach abge-
stufte, nach dem Mittelschiffe i’eich gegliederte Voi’lagen hinzu-
gefixgt und die mit schlanken Strebepfeilern besetzte Obermauer
unter Benutzung des alten Bruchstein Materials grofsentheils in
Backsteinen erneuert. Die interessante Pfeilerformation mit
einem starken Hauptdienste, i-und- und spitzstabbesetzten Ecken
und feinen Kehlen lassen Blatt LI, Fig. 1 und Blatt LII, Fig. 1
genauer ei’kennen, wobei die traditionelle Festhaltung romani-
scher Eckblätter an den Basen dieser schon fast zierlich geglie-
dei’ten gothischen Pfeiler besonders hervoi’zuheben ist 2).

Wie das auf BlattLII, Fig. 3 initgetheilte Systern des Lang-
hauses lehrt, sind die Pfeilervorlagen im Mittelschiffe zwei Mal,
einmal oberhalb der Arkadenbogen, um eine Laufgallerie zu ge-
winnen, das zweite Mal oberhalb der Oberfenster in grofsen
Spitzbogenblenden zusammengezogen, eine struktiv wie ästhe-
tisch sehr vorzügliche Anordnung, die in älterer Gestaltung mit
6 kappigen Kreuzgewölben im Doine zu Bremen und in der Lieb-
frauenkii’che zu Magdeburg erscheint, und auf l’heinische, resp.
französische Vorbilder zurückweist. Die alterthümlichen, steif
gezeichneten und schwachbusigen Ki’euzgewölbe sind 11 Zoll
stark, besitzen durchbohrte Schlufsringe und werden von kräf-
tigen Birnstabrippen getragen. Die Oberfenster sind aufsen ge-
schmiegt, innen kräftig profilirt (Blatt LI, Fig. 5) haben aber ihr
ursprüngliches Maafswerk verloren. Denn das jetzige 3 theilige
Pfostenwerk ist wie die hölzerne Brüstung an der Laufgallerie
modern. Die Seitenschiffsgewölbe sind ebenfalls nochmals er-
neuert, weil die abgerundeten Quergurte sehr roh und unver-
mittelt auf der Pfeilervorlage aufsetzen. Dagegen leidet es kei-
nen Zweifel, dafs alle übrigen Bautheile einschliefslich des zwei-
schiffigen gewölbten auf Rundsäulen ruhenden Refektoriums und

') Riedel a. a. 0. II, 412, u. Lentz a. a. O. S. 47.

2) Die Mittheilung der alten Kämpfer wird der wohlwollenden Theilnahme des Herrn
Geh.-Rath v. Quast verdankt, welcher die meisten Details /.u Havelberg vor der Restaura-
tion gezeichnet und dadurch wenigstens abbildlich gerettet hat.

3) Vergl. die Reisenotiz des Herrn v. Quast iiber Premontre in v. Quast und Otte’s
Zeitsehrift I. S. 13o.

') Ihre Hauptform stimmt mit der des Domes von Minden, die im Wesentlichen eine
Wiederholung der leider in jüngster Zeit abgebroehenen Westfa^ade des Domes zu Hildes-
heim war.

2) Die trefflichen Pfeiler der edelgothischen Hallenkirche zu Wittstock, in gleicher
Zcit entstanden, zeigen eine sehr 'ahnliche, aber noch zierlichere Detailbildung. Vergl.
Baubeschr. der Pfarrkirche zu Wittstock.
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