Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 6
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liannes zu bezeichnen, welches in seiner Auffassung an die be-
rühmten Statuen der goldnen Pforte, der Liebfrauenkirche zu
Halberstadt, Naumburg etc. erinnert, dennoch aber nach den
Gewandmotiven und der Behandlung der vier Evangelistenzei-
chen an den Kreuzenden beurtheilt, einer späteren Zeit (Mitte
des XV. Jahrh.) angehört. Jedenfalls gehört es zu den aller-
besten Kunstwerken dieser Technik in der Mark Brandenburg.

Resultat.

Die Bauzeiten lassen sich unter Berücksichtigung der mit-
getheilten historischen Nachrichten folgendermaafsen ordnen:

1) 1138—49—-70f. Westfront, Langhaus ohne Obermauern,
Theile der Stiftsgebäude, alles in einfach romanischem
Styl und gröfstentheils in Bruchsteinen von Plötzker
Sandsteinen errichtet;

2) 1269—-80. Obermauern und Gewölbe des Mittelschif-
fes einschliefslich der Pfeilerverstärkungen, Gallerie etc.
Theile des Kreuzganges und Stiftsgebäude, darunter das
Refectorium. Backsteinbau.

3) 1386 —1411 f. Chorpolygon, Gewölbe der Seitenschiffe,
Kreuzgangsflügel; Backsteinbau. Chorschranken, Stein-
leuchter, Hochgrab des Bischofs Johann III. (Wopelitz).
Sandsteinbau.

II. Klosterkirche zu Marienfliess an der Stepenitz.

H i s t o r i s c h e s 1 )•

Dieses nördlich von Pritzwalk belegene Jungfrauenkloster
des Cistercienser-Ordens ist im Jahre 1230 von Johann Gans
dem Aelteren, Edlen von Puttlitz, gestiftet worden, um eine
kostbare Reliquie vom Blute des Erlösers zur würdigeren Ver-
ehx-ung darin niederzulegen. Die erste Bewidmung des Stifts
wurde schon 1231 vom Bischof Wilhelm von Havelberg bestä-
tigt 2), weitere Schenkungen und Begabungen erfolgten 1246,
1259, 1271, 1274 etc. 3 *). Eine im J. 1256 stattgefundene Be-
stätigung der Existenz und segensvollen Wirkung der Reliquie
scheint darauf hinzudeuten, dafs der bei der Begründung des
Klosters erwartete Zuspruch von Wallfahrern und andern Gläu-
bigen ausgeblieben ist J). Die ununterbrochenen Grenzkriege
zwischen Mecklenburg und Brandenburg, sowie die häufigen
Fehden ritterbüi'tiger Geschlechter haben die Eigenthumsverhält-
nisse des Klosters oft und schwer beschädigt. Indessen erholte
sich das Stift, von dem Mecklenburger wie Priegnitzer Adel
mannigfach beschenkt und ausgestattet, in ruhigeren Zeiten wie-
der so weit, dafs es, wenn auch nicht so bevorzugt wie die
altmäi'kischen Nonnenklöster Arendsee, Krewese und Neuendoi’f,
doch eine solide und gesicherte Existenz gewinnen konnte.
Mehrfache Altargründungen werden im Laufe des XIII. und
XIV. Jahrh. genannt 5), auch empfing das Kloster am Schlusse
des XIV. Jahrh. ein wunderthätiges Marienbild, zu dessen be-
sonderer Verehrung ein Ablafs nachgesucht und im J. 1400 er-
theilt wurde 6). Für das XV. Jahrh. sind die Nachrichten späi'-
lich und lückenhaft, nur von der Verwaltung der IOostergüter
ist vielfach die Rede. Die Reformation trat sehr spät, erst nach
dem Tode des der alten Lehre treu und ei'geben gebliebenen
Bischofs Busso von Havelbei'g ein. Doch gelang es dem Kon-
vente, seine Existenz als adliges Jungfrauenstift zn behaupten
und einen Theil seiner Besitzungen zu retten. Der 30jähi’ige
Krieg veranlafste die völlige Zerstörung der Klostei'gebäude und
vermindei’te die Stiftseinnahmen so sehr, dafs erst gegen den

■) Vergl. Iiiedel. Mark. Br. I, 294 und M'ark. Forscljungen. I, 471.

2) Riedel. a. a. 0. A. I, 241.

3) Riedcl a. a. O. 242 ff.

J) Riedel a. a. 0. 243.

5 ) Riedel a. a. 0., 252, 260 ff.

6) Iliedel a. a. 0. 257.

Schlufs des XVII. Jahi’h. an die Wiedei’herstellung der Stifts-
gebäude in bescheidenem Maafsstabe gedacht werden konnte.
Dabei wurde die alte Anlage völlig verlassen, der Kreuzgang
beseitigt, so dafs jetzt nur noch die Klostei’kirche im Wesent-
lichen erhalten ist.

Baubeschreibung.

Die auf BI. LIII. Fig. 1—4. im Facadensystem und einigen
Details dargestellte Klostei’kirche gehört zu den zahlreichen alt-
gothischen Oisterciensernonnenkii’chen, welche in Deutschland
während des XIII. Jahrh. nach sehr übereinstimmendem Plane

errichtet worden sind. Die Kirche besteht, wie der Holzschnitt
lehrt, aus dem breiten mit einer Balkendecke bedeckten Lang-
schiffe und dem schmalei’en, polygon geschlossenen hohen Ohore,
der mit Kreuzgewölben auf Rippen überwölbt ist. Iti der west-
lichen Hälfte des Langhauses war ursprünglich eine hölzerne
10 Fufs hohe Empore für den Nonnenkonvent eingebaut, aus
welchem Grunde die Südmauer des Langhauses zwei Reihen
Fenster übereinander, die Nordmauer wegen des anstofsenden
Kreuzganges nur eine Reihe Oberfenster erhalten hat *). Die bau-
liche Untersuchung läfst ohne Schwierigkeit die Thatsache er-
kennen, dafs, abgesehen von einigen Veränderungen, das ganze
Langhaus und das westliche Jocli des Ohors zum alten Bau
gehören, und dafs die gröfsere östliche Hälfte des hohen Chores
ein späterer Zusatz ist, welcher an die ursprünglich plattge-
schlossene Ostwand nachträglich angebaut wurde.

Der ganze Bau ist sowohl in seinen älteren wie jüngeren
Theilen höchst einfach und streng gegliedert. Ueberall erkennt
man das Bestreben, mit geringen Mitteln die Bauausführung in
kirchlichem Sinne durchzuführen. Die Westfront ist sehr ähn-
lich gestaltet wie die Ostfront zu Neuendorf. Drei hoch bele-
gene zwei- und dreifach abgestufte Fenster, deren mittleres in
den Giebel hineinragt, sowie ein aus schwarz und rothen Stei-
nen hergestelltes Eingangsportal bilden den einzigen Schmuck
dieser Facade. Der Giebel ist mit steigenden Spitzbogenfriesen
ausgestattet, welche ähnlich wie zu Neuendorf paarweise durch
Lissenen vereinigt werden, die aus der Grundlinie des Giebel-
dreiecks emporsteigen. Die Facade wird von zwei mäfsig vor-
tretenden, einmal absetzenden Strebepfeilern flankirt, welche in
der Flucht derselben liegen und an die gleiche Anordnung der
Westfront von St. Nikolaus zu Brandenburg erinnern. Die Süd-
facade, deren System Bl. LIII., Fig. 1. darstellt, zeigt das Motiv
des Westgiebels mit der ldeinen Veränderung, dafs die schlanken
Spitzbogenblenden reihenförmig geordnet sind und die einfach
geschmiegten Unterfenster umschliefsen. In dem westlichsten
Theile der Südmauer des hohen Ohors befindet sich ein reicher
gegliedertes Spitzbogenportal aus schwarz und rothen Steinen
erbaut, dessen mit der Profilirung des Westportals übereinstim-
mendes Profil in Fig. 4. mitgetheilt ist. Dieses Chorportal wird
von einer hohen, schwerfällig (abgerundet) profilirten Wimperge
überstiegen, dann dacht sich die Wand ab und es folgen die
abgetreppten Wandblenden, welche in Fig. 3. dargestellt worden
sind. Das Hauptgesims, Fig. 2., welches auch den ganzen Chor
umzieht, ist nur theilweis alt, der obere Theil gehört als eine
Ergänzung in die Bauzeit des Chores. Das Innere des alten
Baues ist ebenso einfach und schmucklos wie das Aeufsere.
Ein einfacher Spitzbogen trennt Langhaus und Chor, und spitz-

1 ) Eine Anlage, welche in gleicher Weise in der Kloster IC. zu Dambeck vermuthet
werden mufs. Vergl. Band I, S. 52. — In der Klosterkiiche zu Neuendorf war diese Non-
nen-Empore unterwölbt, und ist noch jetzt, wenn auch in einer Erneuerung erhalten. Vergl.
BI. XXXI, Fig. 7 u. 8.
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