Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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Das Chorpolygon besitzt ein dreitheiliges, höchst zierlich
aber kraftlos profilirtes Fenster, alle andern Fenster sind wie
die Schiffsfenster einfach abgeschmiegt, besitzen auch gleiche
Struktur, nur sind die Spitzbogen viel gedrückter, so dafs ein
Unterschied zwischen Chorpolygon und Langhaus dennoch un-
verkennbar ist. Die Gewölbe des Innern sowie der Aufbau der
Westfront gehören mit dem Chorpolygone in gleiche Bauzeit,
nämlich in die Mitte des XV. Jahrh., alles Uebrige ist Stiftungs-
bau, welcher, wie die starken Strebepfeiler lehren, bereits ge-
wölbt oder auf Gewölbe angelegt war.

An die Nordseite der Kirche legt sich der vierflügelige ge-
wölbte Kreuzgang, der in niedrigen Verhältnissen und ohne
Strebepfeiler erbaut und mit spitzbogigen Arkaden nach dem
alten Stiftskirchhofe geöff'net ist. Der Süd- und Westflügel sind
als Bautheile vom Anfange des XIV. Jahrh. zu erkennen, was
die kräftige Arkadengliederung, sowie das häufige Auftreten von
Sägefriesen bezeugen. Die Gewölbe dieser Kreuzgangstheile sind,
wie der Nord- nnd Ostflügel, erst am Schlusse des XV., wenn
nicht am Anfange des XVI. Jahrh. errichtet worden, aus wel-
cher Zeit auch eine in den Stiftskirchhof hinaustretende zwei-
geschossige Kapelle (jetzt Archiv) stammt. Am Giebel dieser
sehr einfach gestalteten Kapelle erscheinen dicke Rundstäbe in
der Form gewundener Taue als Einfassung der Flachbogenblen-
den, und dieselbe Dekorativform ist für die Rippensteine des
mit hochbusigen Gewölben bedeckten Westflügels yerwendet
worden. Aueh die dicken halbrund profilirten Quergurte, wel-
che in Form von Halbkreisbogen im Nord- und Ostflügel mehr-
fach vorkommen, bestätigen die Annahme einer Bauzeit der
letzten spätgothischen Epoche.

Von den zahlreichen, aber gröfstentheils ganz unleserlichen
Grabsteinen, welche im Kreuzgange liegen, sind ein Doppelgrab-
stein von zwei Rittern mit dem Datum 1431, sowie ein Non-
nengrabstein mit der Inschrift .. . Apostol. obiit Konegardis (sic!)
de Quitzowe cujus. 1437 anzuführen.

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II. Die Kapelle des heiligen Grabes.

Diese kleine aber wohlerhaltene und interessante Bauanlage
liegt wenige Schritte westwärts von der Klosterkirche. Wie
aus der speziellen auf Bl. LV. mitgetheilten Darstellung hervor-
geht, besteht dieselbe aus einem einschiffigen 4jochigen platt-
geschlossenen Gewölbebau, dessen Strebepfeiler nach innen ge-
legt, sind, und der an der Ost- wie Westseite mit reich geglie-
derten Giebeln geschmückt ist. Die ganze Bauanlage entstammt
einer Bauzeit, welche unzweifelhaft dem Ausgange des XV.
Jahrh. angehört.

Ein grofser Formenreichthum inacht sich im Innern wie im
Aeufsern bemerkbar. Reich aber übereinstimmend sind die viel-
fach getheilten Sterngewölbe des Innern gegliedert. Diese Gewölbe
ruhen, wie der Querschnitt Fig. 4. und der Gewölbeanfang
Fig. 6. zeigen, auf starken Rippen, welche theils tauartig, theils
abgekehlt profilirt und init gröfseren und kleineren Schlufsstei-
nen geschmückt sind. Insbesondere haben die vier gröfseren
Schlufssteine den seltenen Schmnck von bemalten Reliefdarstel-
lungen, Maria in der Strahlenkrone empfangen. Auch die ein-
fache aber sehr zweckmäfsige Struktur, die nach innen gelegten
Strebepfeiler durch grofse Spitzbogen zu verbinden, verleiht dem
Innern einen ernsten und würdigen Charakter, den nur die sehr
ungleichen und so sehr verschieden gestalteten Fenster beein-
trächtigen. Das Ost- wie das Westfenster sind viertheilig, vier
andere Fenster sincl dreitheilig, drei andere zweitheilig. Auch
die Bogenbildung und Profilirung der Fenster sind stets abwech-
selnd gestaltet. Einzelne Bogen sind gedrückt spitzbogig, an-
dere rundbogig, einige geschleift, noch andere gestaucht. In
gleichem Wechsel sind einzelne Fenster streng abgestumpft oder
gekehlt profilirt, andere sehr zierlich mit gehäuften Rundstäben
durchgebildet. Eins der Profile, das des Ostfensters, ist in

Fig. VIII. mitgetheilt. Das Aeufsere ist ebenfalls sehr reich ge-
gliedert, aber wegen mangelnden Reliefs und der Energielosig-
keit der Profile nicht günstig gestaltet. Die schwachen, nur
^ Stein vorspringenden Strebepfeiler, deren Detailformation aus
Fig. V. -hervorgeht, endigen unter dem Hauptgesimse und sind
zweimal, unter der Schlufsabdeckung und oberhalb des Fenster-
gurtgesimses, mit einem von zwei Rundstäben begrenzten Stab-
friese geschmückt, welcher auch unter dem Hauptgesimse rings
um die ganze Kapelle läuft. In äbnlicher Auffassung ist der
Westgiebel, Fig. 1., mit Wandpfeilern, horizontalen Stabfriesen
und gedoppelten Spitzbogenblenden in einer sehr reichen aber
doch nüchternen Gliederung hergestellt worden, von deren tech-
nisch nicht uninteressanten Detailbildung Fig. III. eine genauere
Vorstellung giebt. Der Ostgiebel, Fig. II., ist im Wesentlichen
eine mit grofser Sparsamkeit in der Verwendung von Form-
steinen durchgefübrte Wiederholung des Westgiebels. Ueber-
haupt macht sich, trotz alles Aufwandes an Formen, ein sehr
nüchtern empfindender, auf ökonomische Durchführung gerichte-
ter Sinn bemerkbar, der beispielsweise die Plinthe an den Seiten
der Strebepfeiler nicht herumkröpft, um nur die Eck- und Ach-
selsteine zu sparen.

Nichts destoweniger ist die „Heilige Grabes Kapelle“, welche
oflenbar das Gotteshaus gewesen ist, worin das heilige Blut den
Pilgern uncl Wallfahrern gezeigt- wurde, ein lehrreiches, auch in
stylistischer Beziehung sehr charakteristisches Gebäude aus der
spätgothischen Epoche. Dasselbe mufs bald nach seiner Er-
bauung vielen Beifall gefunden haben, denn mehrere Dorfkir-
chen in der Priegnitz, wie Alt Krüssow, Wulfersdorf, Falken-
hagen besitzen gleiche oder sehr ähnliche Giebel wie der Ost-
giebel dieser Grabkapelle.

Resultat.

Die ursprünglich schoti gewölbt gewesene Klosterkirche
kann als Stiftungsbau von 1287 —1295 betrachtet werden. Der
Süd- und Westflügel des Kreuzganges sind um 1320 erbaut
worden, aus welcher Zeit die unter „Historisches“ mitgetheilte
Baugelderschenkung zum Klosterbau überliefert ist. Der Chor
und die jetzigen Gewölbe, Portale etc. der Klosterkirche ent-
stammen der zweiten Hälfte des XV. Jahrh., wähx-end die heiliffe
Grabes Kapelle dem Schlusse desselben Jahrh., um 1480 —1490
angehört.

Die Städte der Priegnitz.

A. Die Stadt Havelberg.

Die hervorragende Bedeutung von Havelbei’g im frühen
Mittelalter bezeugt schon die Thatsache, dafs Kaiser Otto I. hier
946 das Bisthum gründete. In der spät.eren Zeit erscheint Ha-
velberg fortdaueimd als Residenz wendischer Fürsten. Im Jahre
1151 wird es bereits als eine mit deutschem Stadtrechte bewid-
mete Stadt genannt und den ältesten märkischen nach deutscher
Satzung geordneten Städten beigezählt. Während des XII. und
XIII. Jahrh. übertrug sich sogar sein Name auf das ganze Grenz-
land Havelberg, dessen altslavischer Name „Priegnitz“ Jahr-
hunderte lang im Volksmunde fortgedauert hat und erst später
in die Schriftsprache aufgenommen wurde.

Hxivelberg’s Stellung wurde erst während des XIV. Jahrh.
durch das mächtige Emporblühen anderer Städte, insbesondere
des durch seestädtische Verbindungen uud Handelsunternehmun-
gen reich gewordenen Perlebergs, in den Schatten gestellt, wie-
wohl es als Bischofssitz noch immer einen gewissen Vorrang
behauptete. Sehr schweren Schaden erlitt die Stadt während
des 30jährigen Krieges, zumal in Folge einer Belagerung durcli
die Dänen im J. 1627, wobei alle kirchlichen und öffentlichen
Profan-Gebäude theils ganz, theils grofsentheils durch Brand
zerstört wurden.

Jetzt sind noch drei kirchliche Bauwerke vorhanden.
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